Pro:
Interessantes Thema, leicht zu lesen
Kontra:
Etwas unstrukturierter Schreibstil, Naivität der Autorin, wenig Bilder
Empfehlung:
Ja
Der Bericht ist in folgende Abschnitte gegliedert:
1) Produktdetails
2) Infos zur Autorin
3) Inhalt
4) Kurze Leseprobe
5) Bewertung
6) Fazit
1) Produktdetails:
Das Buch erschien 1998 im A1 Verlag. Die gebundene Ausgabe umfasst 315 Seiten.
Auf dem Cover befindet sich ein Foto der kenianischen Landschaft in der Abenddämmerung, sowie zwei kleinere Bilder von Corinnes Mann Lketinga und von ihr selbst im Hochzeitskleid.
Die ISBN-Nr lautet: 3-927743-36-4
2) Die Autorin:
Corinne Hofmann wurde 1960 im Schweizer Kanton Thurgau geboren. Ihre Mutter ist französischer Abstammung, ihr Vater war Deutscher. 1987 wanderte sie nach Kenia aus. Sie heiratete einen Massai-Krieger und lebte jahrelang im Busch. Bald nach der Hochzeit kommt Tochter Naipari zur Welt.
Doch die Versuche, die kulturellen Unterschiede zu überbrücken scheitern. Vier Jahre später kehrt Corinne schließlich mit ihrer Tochter in die Schweiz zurück.
1998 erschien ihr Tatsachenroman "Die weiße Massai", in der sie ihre Erfahrungen festhielt. 2003 erschien die Fortsetzung "Zurück nach Afrika". Für 2005 ist der dritte Band "Wiedersehen in Barsaloi" geplant.
"Die weiße Massai" wird derzeit verfilmt.
Weitere Infos zu Corinne Hofmann und ihren Büchern sind auf ihrer Homepage www.massai.ch zu finden.
3) Inhalt:
1986: Corinne Hofmann ist 27 Jahre alt, führt eine Schneiderei in der Schweiz und lebt mit ihrem Freund Marco zusammen. Die beiden machen eine Urlaubsreise nach Kenia, die Corinnes Leben für immer verändern wird. Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich von der fremden Kultur angezogen, ganz im Gegensatz zu ihrem Freund.
Bei ihren Erkundungen lernen sie per Zufall den Massai-Krieger Lketinga kennen. Corinne ist auf der Stelle fasziniert von dem hochgewachsenen schönen Mann mit der tiefschwarzen Haut, den rotgefärbten Haren und dem eigenwilligen Kopfschmuck. Obwohl beide nur gebrochen Englisch sprechen und sich kaum verständigen können, verliebt sie sich in den Fremden. Bei einem Besuch in seinem Dorf sieht Corinne seine Lebensumstände und lernt eine Bekannte, Priscilla, kennen, eine Massai mit guten Englischkenntnissen. Als das Ende des Urlaubes naht, steht für Corinne fest - sie will in Kenia leben.
Zunächst muss sie in die Schweiz zurück, doch sie verspricht Lketinga, bald zurückzukehren. Ein halbes Jahr braucht sie, um ihr neues Leben vorzubereiten. Sie beendet die Beziehung zu Marco, sie löst ihre Wohnung auf und verkauft ihr Geschäft. Fast alle Freunde stehen ihrem Vorhaben skeptisch gegenüber, aber Corinne ist fest entschlossen.
Im Juli 1987 ist es soweit, Corinne landet gemeinsam mit ihrem Bruder Eric und seiner Freundin Jelly in Mombasa. Während Eric und Jelly im Hotel wohnen, zieht Corinne in Lketingas Dorf in Priscillas Hütte. Lange hat Corinne von der ersten gemeinsamen Nacht mit Lketinga geträumt. Doch die Erfüllung entpuppt sich als Enttäuschung. Von Priscilla erfährt Corinne schließlich, dass die Massai keine Küsse und keine Berührungen dulden. Ebenso tabu ist das Essen in Gegenwart von Frauen. Zum ersten Mal ahnt Corinne, dass das Zusammeleben mit Lketinga schwierig wird - doch ihre Gefühle sind stärker.
Die Weiße wird überall als Exotin angesehen. Lketinga ist sichtlich stolz auf seine Frau. Auch seine Familie schließt Corinne ins Herz. Mit Lketingas Mutter, einfach "Mama" genannt, kann sie sich zwar nur über Dritte verständigen, dafür versteht der jüngere Bruder James gut Englisch. Da er eine Schule in der Stadt besucht, versteht er mehr von der Zivilisation als die anderen Massai.
Im Dorf allerdings existieren weder Wasserleitung noch elektrisches Licht. Die Speisen sind gewöhnungsbedürftig und Corinnes Magen rebelliert regelmäßig. Die hygienischen Zustände sind dürftig, wilde Tiere lauern überall und die Wege in die Stadt sind beschwerlich. Jeder Tag ist ein Abenteuer und bringt neue Gefahren mit sich. Mal stößt Corinne unverhofft auf einen Elefantenbullen, mal auf eine Büffelherde und mal auf eine giftige Schlange.
Corinne gibt nicht auf. So gut es geht, arrangiert sie sich mit den unkonfortablen Zuständen. Sie kauft einen alten Geländewagen, mit dem sie auf eigene Faust in die Stadt für Besorgungen fahren kann. Um Geld zu verdienen, eröffnet sie im Dorf einen Laden mit den wichtigsten Nahrungsmitteln. Das Geschäft floriert, doch immer wieder tauchen neue Probleme auf. Der neuerworbene Wagen streikt bei fast jeder Fahrt und es mangelt in der Stadt an Vorräten. Auch die Aushilfskräfte im Laden erweisen sich oft als unzuverlässig. Ganze Nächte muss Corinne in der Stadt verbringen, wenn der Wagen wieder einmal eine neue Reperatur benötigt. Ihr Massai-Freund wird angesichts der vielen Zwischenfälle von Mal zu Mal misstrauischer. Unter Alkoholeinfluss beschuldigt er Corinne mehrmals, ihn zu betrügen und sich in der Stadt Liebhaber zu halten.
In Pater Giuliani von der nahgelegenen Mission hat Corinne zwar ein ums andere Mal einen rettenden Engel. Auch Priscilla ist Corinne eine große Hilfe und in Jutta und Sophia findet sie zwei Europäerinnen, die ebenfalls nach Kenia ausgewandert sind und ihr wertvolle Tipps geben.
Doch die Schwierigkeiten nehmen überhand. Den Heiratspläne von Corinne und Lketinga werden von den Behördern immer aufs Neue vereitelt. Mehrmals muss Corinne zurück in die Schweiz fliegen, weil ihr Visum abläuft. Lketinga versteht nichts von dem Papierkram. Seine Unruhe und sein Misstrauem wachsen. Dazu kommen die Sprachprobleme, denn Corinne spricht nach wie vor nur Englisch und versteht nur wenige Brocken Massai.
Die langersehnte Hochzeit ist ein Lichtblick und bald kündigt sich ein Baby an. Doch gleichzeitig geht es mit Corinnes Gesundheit bergab. Die körperliche Arbeit im Laden überfordert die Schwangere. Corinne beißt die Zähne zusammen, bis sie ein schwerer Malaria-Anfall für Wochen ins Krankenhaus zwingt. Auch von Hepatitis bleibt sie nicht verschont. Corinne überlebt knapp.
Nach ihrer Genesung bringt Corinne ein gesundes Mädchen zur Welt, das sie Napirai nennt. Napirai ist Lketingas ganzer Stolz. Doch gleichzeitig treten auch Lketingas Schwächen immer stärker hervor. Voller Eifersucht überwacht er jeden Schritt seiner Ehefrau. Als er offen bezweifelt, Napirais Vater zu sein, spürt Corinne, wie ihre Liebe schwindet. Ihre Kraft geht zuende und letztlich leidet auch ihre Tochter unter diesen Zuständen. Unter dem Vorwand sich in der Schweiz erholen zu wollen, fliegt sie in ihre Heimat zurück und kehrt nicht zurück. Per Brief versucht sie ihrer Familie und Freunden in Kenia ihre Entscheidung zu erklären.
4) Leseprobe:
Endlich sind auch wir an Bord und das Unfassbare geschieht. Marco sagt: "Corinne, schau, da drüben, das ist ein Massai!" "Wo?" frage ich und schaue in die gezeigte Richtung. Es trifft mich wie ein Blitzschlag. Da sitzt ein langer, tiefbrauner, sehr schöner, exotischer Mann lässig auf dem Fährengeländer und schaut uns, die einzigen Weissen in diesem Gewühl, mit dunklen Augen an. Mein Gott, denke ich, ist der schön, so etwas habe ich noch nie gesehen.
Er ist nur mit einem kurzen, roten Hüfttuch bekleidet, dafür aber reich geschmückt. Seine Stirn ziert ein grosser, an bunten Perlen befestigter Perlmuttknopf, der hell leuchtet. Die langen roten Haare sind zu feinen Zöpfchen geflochten, und sein Gesicht ist mit Zeichen bemalt, die bis auf die Brust hinabreichen. Über dieser hängen gekreuzt zwei lange Ketten aus farbigen Perlen und an den Handgelenken trägt er mehrere Armbänder. Sein Gesicht ist so ebenmässig schön, dass man fast meinen könnte, es sei das einer Frau. Aber die Haltung, der stolze Blick und der sehnige Muskelbau verraten, dass er ein Mann ist. Ich kann den Blick nicht mehr abwenden. So, wie er dasitzt in der untergehenden Sonne, sieht er wie ein junger Gott aus.
(S. 8)
5) Bewertung:
Lange Zeit kannte ich das Buch "Die weiße Massai" nur vom Titel nach, jetzt wurde es Zeit, es mal selber zu lesen. Mein Kurz-Fazit fällt zunächst eindeutig aus: Ein lesenswertes Buch, das ich innerhalb von drei Tagen verschlungen habe.
Das Thema um eine weiße Frau, die ohne jede Vorkenntnisse nach Kenia zieht und dort vier Jahre ihres Lebens verbringt, ist hochinteressant. Als Corinne sich in Lketinga verliebt, hat sie nicht mehr Ahnung von Land und Leuten als der Durchschnittsbürger, vielleicht sogar noch weniger. Trotzdem zögert sie keinen Moment, ihrer großen Liebe zu folgen. Ihre Durchsetzungskraft, ihr Wille und ihr Einsatz sind außergewöhnlich. Vor ihren Leistungen in den vier Jahren Afrika ziehe ich den Hut, denn Corinne bleibt bei ihrem Leben im Busch nichts erspart: Fremde Sitten, fremde Sprachen, ein extremes Klima, schwere Krankheiten, Probleme mit den Behörden und Gefahren durch Wildtiere auf sie ein. Bewundernswert, wie sie sich immer wieder aus misslichen Lagen befreit.
Dazu kommt, dass Corinne in der Schweiz ein geregeltes Leben mit fester Beziehung, Familie und eigenem Geschäft aufgibt. Ohne mit der Wimper zu zucken tauscht sie ihre komfortable Wohnung gegen eine Steinhütte mit Strohdach ein, ihr Cabriolet gegen einen alterssschwachen Landrover.
Diese Einstellung macht die Autorin sehr sympathisch. Sie ist kein verwöhntes Luxusweibchen, sondern trotz ihres damals jungen Alters und ihrer Herkunft eine tapfere Frau, die sich nicht scheut die Hände dreckig zu machen und bis zum Umfallen zu Arbeiten.
Bei ihrer Person manifestieren sich allerdings auch die ersten Negativpunkte des Buches. So bewunderswert ihr Einsatz und ihr Durchhaltevermögen auch sind, so beispiellos ist leider auch ihre Naivität. Ein halbes Jahr lang hat sie Zeit, um sich auf ihr Leben in Kenia vorzubereiten - doch als sie dort eintrifft, meint man, sie habe noch nie etwas von den Massai gehört. Völlig überrascht nimmt sie deren Sitten und Bräuche zur Kenntnis.
Und ich frage mich ehrlich entsetzt: Wie kann eine Frau einen Massai-Krieger heiraten wollen, ohne eine Ahnung von seinen Einstellungen zu haben? - Corinne weiß weder, dass die Massai Berührungen und Küsse scheuen noch weiß sie, dass die Massai gewöhnlich mehrere Frauen besitzen. Tatsächlich erfährt sie erst kurz vor der Hochzeit, dass Lketinga gerne neben ihr noch weitere Frauen haben möchte, vor allem, um seine Nachkommenschaft zu sichern. Warum hat sie sich niemals im Vorfeld erkundigt, wie es bei den Massai mit Polygamie aussieht? Es ist mir ein Rätsel, wie man so naiv sein kann. Es gibt unzählige Bücher über solche Völker, in denen man diese Dinge erfährt, die notwendige Recherche wäre wirklich nicht kompliziert gewesen.
Auch in alltäglichen Dingen tritt Corinne aufgrund ihrer Unwissenheit regelmäßig ins Fettnäpfchen. So weiß sie zum Beispiel nicht, dass bei den Massai nur die rechte, die "gute" Hand, zum Essen benutzt werden darf. Ein Blick in ein paar Sachbücher über die Massai - und so manche Schwierigkeit wäre ihr erspart geblieben.
Auch mit der Sprache scheint sie über all die Jahre hinweg auf Kriegsfuß zu stehen. Sie und Lketinga verständigen sich ausschließelich auf Englisch, das sie beide eher gebrochen sprechen. In seiner Sprache verseht sie offenbar nur wenige Worte.
Ein wenig zu kurz kommt mir außerdem ihr Exfreund Marco, der die Trennung scheinbar recht gelassen aufnimmt.
Man merkt der Autorin außerdem deutlich an, dass sie keine große schriftstellerische Begabung hat. Die Sprache ist sehr einfach und reiseberichtsartig gehalten, der Erzählstrang recht unstrukturiert. So erfährt man erst auf der vierten Seite des Buches, wie alt Corinne überhaupt ist, wo sie herkommt, wie lange sie mit ihrem Freund zusammen ist. Geschickter wäre es meiner Ansicht nach gewesen, das bereits auf der ersten Seite in ein paar Sätzen zu erwähnen, damit man gleich von Anfang an weiß, mit wem man es als Leser zu tun hat.
Diese Schwäche im Erzählerischen kann man allerdings auch umgekehrt als Vorteil sehen: dadurch, dass sich das Buch wie die unreflektierte Aufzeichnung eines Briefes an eine Freundin liest, wirkt es authentisch. Natürlich hat man bei einem exotischen Land wie Kenia das Bedürfnis nach malerischen Beschreibungen. Aber dadurch wäre das Buch vermutlich zu romanhaft geworden. So vergisst man nie, dass es sich hier um eine wahre Begebenheit handelt. Man das Gefühl, man liest die Berichte einer Bekannten, die nicht groß drüber nachdenkt was sie schreibt, sondern die einfach ihre Gedanken spontan zu Papier gibt, unausgeschmückt und ungeschönt.
Zwischen all den aufregenden Ereignissen gibt es auch immer mal wieder lustige und süße Momente. Einmal bringt Corinne Lketingas kleiner Nichte Saguna eine Puppe mit. Zuerst rennt das Kind verstört davon und Lketinga fragt ernstlich besorgt, ob es sich dabei um ein totes Kind handelt - Plastikpuppen sind im afrikanischen Busch schließelich unbekannt. ;-)
Doch schon kurz darauf nimmt Saguna das Püppchen in den Arm und gibt es seitdem nicht mehr her.
Wenn man von der penetranten Naivität absieht, gelingt es der Autorin recht gut, dass man sich in ihre Erlebnisse einfühlt. Ein ums andere Mal spürt man ihre Panik bei unvorhergesehen Ereignissen wie Autopannen mittem im Busch oder ihre Hilflosigkeit bei Streitereien und Missverständnissen mit ihrem Mann. Man erhält ein gutes Bild von den Menschen im ihrem Leben: Die souveräne "Mama", die Corinne wie eine Tochter aufnimmt; der anfangs genervte und später umso hilfreichere Pater Giuliani; der verständige James und natürlich Corinnes Mann Lketinga, der sich in seiner Exotik um Konsens mit seiner weißen Frau bemüht und doch letztlich an der Verschiedenheit scheitert.
Der Schluss des Buches kommt sehr abrupt, alle weiteren Infos zu Corinnes neuem Leben in der Schweiz finden sich in der Fortsetzung "Zurück aus Afrika". Stattdessen beschließt die Autorin ihr Werk mit mehreren Briefen, die an Lketinga, James, Pater Giuliani und Sophia gerichtet sind. In allen versucht sie ihre Flucht zu erklären. Gleichzeitig bedankt sie sich für die Unterstützung in der Vergangenheit und wünscht alles Gute, besonders Lketinga und seiner Familie. Sehr schön finde ich, dass sie ihm sein Verhalten nicht vorwirft, sondern die Verschiedenheit ihrer Kulturen für das Scheitern ihrer Beziehung verantwortlich macht und sich für ihn sogar ein neues Glück mit einer Massai-Frau erhofft.
Trotz der schmerzenden Umstände versöhnt das Ende des Werkes. Zurück bleibt der Eindruck, dass Corinne Hofmann ihren Frieden mit Kenia geschlossen hat.
Im Anhang des Buches befinden sich einige Bilder, leider zu wenige für meinen Geschmack. Wichtige Personen wie James, Sophia oder Pater Giuliani sind gar nicht aufgeführt, andere wie "Mama" nur einmal und von recht weiter Entfernung.
6) Fazit:
Insgesamt handelt es sich bei "Die weiße Massai" um eine hochinteressante Schilderung eines mitreißenden Schicksals. Hier sind alle Leser richtig, die sich gerne in exotische Länder entführen lassen, die sich für fremde Kulturen und für abenteuerliche Ereignisse interessieren.
Afrika-Experten dagegen lege ich das Buch nur unter Vorbehalt ans Herz. Die Naivität der Autorin und ihr unbedachte Umgang mit der neuen Kultur wirken auf einen aufgeklärten Leser störend oder nerven sogar. Auch als Recherchewerk für die Lebensumstände der Massai ist das Buch eher ungeeignet, weil die Informationen eher nebenbei einfließen und an vielen Stellen unvollständig sind.
Im MIttelpunkt steht ein bewegendes Frauenschicksal und als solches ist "Die weiße Massai" zu empfehlen. weiterlesen schließen
Bewerten / Kommentar schreiben