Pro:
stellenweise kann Walser nicht verleugnen, dass er eigentlich ein guter Schriftsteller ist
Kontra:
geschmacklose Rache eines schlecht Bewerteten
Empfehlung:
Nein
Eigentlich wollte ich den neuen Walser nicht lesen. Den ganzen Streit um den Roman, das Hick-Hack, die Antisemitismusvorwürfe, die Zerwürfnisse des Verlags mit der FAZ - und das alles, bevor das Buch überhaupt den Lesern zugänglich war, fand ich eher abschreckend.
Der Gedanke, dass das ganze Getöse nur ein geschickt inszenierter Werberummel ist, drängt sich auf.
Selten wurde schon so viel "gewusst" über ein Buch, das noch gar nicht erschienen ist. In dem Moment, in dem man es kauft, fällt man ja quasi auf die Werbestrategie herein. Andererseits: es nur deshalb nicht zu lesen, obwohl es einen interessiert, ist auch nicht gerade schlau.
Irgendwie war mir schon klar, dass ich "weich" werden würde, denn die in "Tod eines Kritikers" angesprochene Literaturszene rund um Marcel Reich-Ranitzki, um Siegfried Unseld, ums literarische Quartett, das ist natürlich auch ein bisschen meine Welt. Und - ich gestehe: auch ich wollte wissen, ob die harschen Vorwürfe an den Autor, er betreibe Antisemitismus in irgendeiner Weise gerechtfertigt sind.
Bevor ich mit meiner Buchbesprechung selbst beginne, möchte ich eines vorausschicken:
Ich habe mir Mühe gegeben, dieses Buch möglichst vorurteilsfrei und objektiv zu lesen, ich hoffe sehr, dass mir das gelungen ist.
Seit Walsers öffentlich ausgetragenem Streit mit Ignaz Bubis habe ich einige Vorbehalte gegen diesen Autor. Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, dass ich sie auch schon vorher hatte wegen einiger mir zu deutsch-national anmutender Äußerungen.
Andererseits mag ich Walser als Schriftsteller - ich weiß, dass er richtig gut schreiben kann (es aber nicht immer tut). Sein "Die Verteidigung der Kindheit" gehört mit zu meinen Lieblingsbüchern. Also - eine direkte Vorverurteilung meinerseits gab es nicht, einige Bedenken aber schon. Man kann auch sagen: ich war gespannt!
Zum Autor:
Martin Walser gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Schriftstellern. Er prägte die deutsche Nachkriegsliteratur entscheidend mit. Er wurde 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, viele seiner Bücher spielen auch am Bodensee.
Sein politischer Werdegang ist nicht uninteressant. Beginnend als DKP-Anhänger, von ganz links außen bis zu jemandem, der heute zur Rechten gezählt werden kann ist ein weiter Weg. In Zeiten, in denen kein Linker von der Wiedervereinigung (außer um sich drüber lustig zu machen) gesprochen hat, redete Walser, der damals noch eindeutig zur Linken gehörte, von der deutschen Einheit. Naja, warum auch nicht. Vor einigen Jahren bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, was ich auch richtig fand bis zu seiner berühmt-berüchtigten Rede in der Paulskirche. In dieser Rede prangerte er an, dass Deutschland es nicht schaffe, sich über seine Vergangenheit (gemeint ist die Nazizeit) zu erheben. Er beklagte die Kultur der Scham und der Schande und forderte quasi dazu auf, einen Schlussstrich zu ziehen. Nicht nur Ignaz Bubis, damals Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Deutschlands, war entsetzt, sondern viele mit ihm. Ich selbst glaubte anfangs noch, er hätte sich nur missverständlich ausgedrückt, bis ich ihn dann bei einer Fernsehdiskussion mit Bubis sah, dann war auch ich enttäuscht und verstört. Seit dieser Zeit halte ich von Walser als politischem Menschen nicht mehr viel: wer es gut findet, dass die Deutschen einen Schlussstrich hinter ihre jüngere Vergangenheit ziehen, hat meiner Meinung nach nicht begriffen, dass eine gute Gegenwart und Zukunft nur entstehen kann, wenn man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Dass das hierzulande nicht zur Genüge getan wurde, sieht man an vielen Beispielen, ich nenn nur mal die beschämende Auseinandersetzung um die Zwangsarbeiterentschädigung.
Doch genug jetzt! Walser ist ja in erster Linie kein Politiker, sondern ein Schriftsteller - und als solchen nehme ich ihn durchaus noch ernst!
Zum vorliegenden Buch:
Ein berühmter Literaturkritiker namens Andre Ehrl-König verreißt in seiner Fernsehsendung "Sprechstunde" das neueste Buch des Schriftstellers Hans Lach. Er macht es dermaßen nieder, dass von Hans Lach nicht mehr viel übrig bleibt. Bei der Party, die üblicherweise nach dem seit 17 Jahren erfolgreich laufenden Sprechstundensendungen im Haus des Verlegers Pilgrim stattfindet, taucht diesmal Lach - uneingeladen - auf und bedroht Ehrl-König lauthals mit Worten, die an die Kriegserklärung Deutschlands erinnern sollen: "…wird zurückgeschlagen". Lach wird nach diesem Eklat von der Party herausgeschmissen, doch am nächsten Morgen ist Ehrl-König spurlos verschwunden. Seinen blutgetränkten Pullover findet man jedoch im Schnee.
Auch wenn bislang keine Leiche gefunden wurde, scheint bald festzustehen: Lach hat den bösartigen Kritiker aus Wut und Rache über seine öffentliche "Hinrichtung" getötet. Lach schweigt zu allen Vorwürfen und kommt in U-Haft. Sein Nachbar, Fast-Freund und Ebenfalls-Schriftsteller Michael Landolf ist überzeugt von dessen Unschuld und setzt sich in den Kopf, diese zu beweisen.
Der Roman ist fortan immer aus der Sicht Landolfs geschrieben. Dieser nimmt nun mit allen auf der Literaturparty anwesenden Personen Kontakt auf, besucht Lach in U-Haft, spricht mit dessen Frau, seinem Verleger, mit Freunden Ehrl-Königs und natürlich auch mit der Polizei. Bei diesen Gesprächen lernt er nicht nur vieles über Lach selbst, sondern noch mehr über den Kritiker.
Alle Welt - außer Landolf - scheint es für möglich zu halten, dass Lach Ehrl-König getötet hat, denn dieser ist sehr gefürchtet, dass man ihn hasst, scheint verständlich. Als Landolf endlich Lachs Alibi - natürlich eine Frau, die nicht aussagen möchte, weil es sie kompromittieren könnte - findet, taucht letztendlich Ehrl-König doch wieder auf und zwar quietschlebendig. Lach, der mittlerweile nach einem Geständnis - er blieb allerdings nicht der einzige, der den Mord gestanden hatte - in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, kommt wieder frei.
Der vermeintliche Mord war gar keiner. Wie und warum der Kritiker verschwunden war, das herauszufinden, überlasse ich potentiellen Lesern.
Im letzten Kapitel gibt es dann noch eine schöne Konfusion, denn Landolf, das Alter Ego Walsers, wird irgendwie zu Lach, er verliebt sich in die Witwe Pilgrims (also Ulla Berkewicz, wenn ich es recht verstanden habe??) und außerdem versucht sich Walser noch an einem satirischen Science -fiction: Das literarische Quartett im Jahre 2084 heißt dann die "Gläserner Menagerie", keiner liest mehr selbst, die Kritiker übernehmen alles für uns - und es ist eine spannende, sexgeladene Talk-show! Nun ja, so blöd wie das klingt: ich fand diese Stelle noch mit am besten im ganzen Buch, denn da steckt wenigstens einiges an Witz drin.
Meine Meinung:
Ich mag nicht mehr über die abstruse Story schreiben, das könnte ausufern und ist auch die Mühe nicht wert.
Was unbedingt noch gesagt werden muss: Walser meint mit jedem Namen im Buch offensichtlich reale Personen, Ehrl-König ist Reich-Ranitzki, Pilgrim ist Unseld usw.
Das Buch soll eine Satire sein über die Literaturszene, die Kulturschickeria, über Eitelkeiten, Mechanismen und Bösartigkeiten in der Schriftsteller und Verlegerwelt. Walser prangert darin die Vormachtstellung von Kritikern, besonders von "Überkritikern" von Gottes Gnaden an und es gelingt ihm sicher auch einiges an treffender Kritik an den Verhältnissen.
Insgesamt muss ich aber feststellen, dass es eines der Bücher ist, bei denen arg darauf spekuliert wird, dass die Leser, die sich auskennen, möglichst viele Personen wieder erkennen und sich dann über ihr Insiderwissen freuen können.
Hat Walser diese plumpe Anbiederung an die Literaturszenegänger wirklich nötig? In welche Niederungen begibt er sich eigentlich?
Die Darstellung MRRs alias AEKs ist tatsächlich dermaßen bösartig und so maßlos übertrieben, dass es mir schwer fällt, noch irgendjemanden anderen in dem Buch ernst zu nehmen.
Ich kann allerdings keinen Antisemitismus drin finden, allein die Tatsache, dass MRR bzw. Ehrl-König Jude ist, genügt meiner Meinung nach nicht, um einen solchen Vorwurf zu untermauern. Es wird einfach ein böser, arroganter, egoistischer und übler Mensch geschildert. Menschen sind manchmal so, seien sie Juden oder nicht. Das ist nicht der Vorwurf, den ich Walser mache. Aber: er schreibt bösartig, zynisch und selten witzig über real existierende Menschen. Als Angehöriger eben dieser Literaturszene kann er nicht so tun, als stünde er außerhalb, er gehört doch dazu.
Mich erinnert das an das Gehabe eines beleidigten Menschen, der es dem Beleidiger heimzahlen will. Schade drum!
Fazit:
Stellenweise kann Walser nicht verleugnen, dass er ein guter Schriftsteller ist - aber er scheint sich in diesem Buch sehr darum zu bemühen.
Ein langweiliges, geschraubtes und ziemlich überflüssiges Buch - gut dass es wenigstens nicht dick ist!
P.S. Wer etwas über MRR erfahren möchte, möge lieber zu dessen Autobiografie "Mein Leben" greifen, einem interessanten und gut geschriebenem Buch. Wer wiederum etwas Gutes von Walser lesen möchte, wage sich an eines seiner frühen Bücher z.B. an "Das fliehende Pferd" heran oder an "Die Verteidigung der Kindheit" . weiterlesen schließen
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