Pro:
manche Gedichte wirken
Kontra:
manche Gedichte wirken zu gut
Empfehlung:
Nein
Konrad sprach die Frau Mama, ich geh aus und du bleibst da“
Kommt euch das bekannt vor? Genau, die ersten Zeilen des Daumenlutschers, aus dem Struwwelpeter.
Welches Kind ist nicht mit all den kleinen Gedichtchen und Geschichtchen erschreckt und erzogen worden. Und auch heute ist dieser Erziehungshelfer noch erhältlich. Als Buch oder ganz modern als Hörspiel, denn jedes Kleinkind hat ja heutzutage zumindest einen Kassettenrecorder.
Nennt man Märchen brutal, ist der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann wohl „Nightmare“ für Kindergartenkids.
In Gedichtform, nach dem Motto „reim du dich nicht, so mach ich dich passend“, gibt es hier zu jedem Erziehungsproblem die passende Lösung. Das ganze wird garniert von gruselig dazu passenden Bildern auf den Pappseiten.
Die lieben kleinen sind gemein zu Tieren oder gar zur Mutter? Lasst sie die Geschichte vom Friederich hören, der wurde von einem Hund aus Rache ins Bein gebissen.
Die kleinen Biester wollen nicht essen? Kein Problem, nach der Geschichte vom Suppenkaspar essen sie bestimmt die doppelte Portion. Wer will denn schon unter der Erde enden, neben sich auf dem Grab einen Suppenschüssel?
„Wog nur noch ein halbes Lot und war am siebten Tage tot.“
Hat sich eigentlich mal jemand gefragt, warum es bei der Familie von Kaspar nichts anderes als Suppe gab? Ernährungswissenschaftler würden heute den Kopf schütteln.
Der Nachwuchs spielt mit dem Feuerzeug? Nicht mehr lange, denn die Anekdote von dem neugierigen Paulinchen macht Schluss damit. Schließlich verbrennt Paulinchen zu einem kleinen Häufchen Asche und nur die roten Schuhe bleiben übrig.
Sehr hilfreich erziehungstechnisch, wenn man seinem Kind sagt:“ Wenn du mit dem Feuerzeug spielst, dann endest du als Aschenhaufen. Da wäre die Mama dann wirklich sehr traurig.“
Der Filius lutscht noch am Daumen? Ach je, hat er etwa nicht die Geschichte vom Daumenlutscher zu hören bekommen? Der kann jetzt nicht mehr am Daumen lutschen, da der Schneider mit der Scher (Schere hätte sich nicht gereimt) ihm die Däumchen abgeschnitten hat.
Man kann ohne Daumen viele Dinge nicht machen, wie zum Beispiel schreiben? Tja, er hätte ja nicht am Daumen lutschen müssen, der Konrad. Selber schuld.
In diesem Stil geht es weiter, das ganze schöne Hörspiel.
Ich kenne die Geschichten aus meiner Kindheit und habe sie bis heute nicht vergessen. Jetzt bin ich Mutter und was könnte ich meinem Kind anderes erzählen als die Gruselmärchen meiner Kindertage? Und, oh Wunder, sie sind noch aktuell. Noch immer hören die lieben kleinen nicht besser und noch immer lassen sie sich von den Helden der Struwwelpetergeschichten beeindrucken.
Aber Achtung! Sie müssen jung genug sein. So zwischen drei und fünf Jahren können die Gedichte noch den erwünschten Alptraumeffekt haben. Danach werden euch die Kinder wohl eher auslachen. „Ein Schneider, der mir die Daumen abschneiden will? Den ersteche ich mich meinen original Star War’s Laserschwert. Der soll nur kommen.“
Damit mich hier niemand falsch versteht. Ich habe diese Geschichten meinem Kind sowohl erzählt, als auch als Hörspiel gekauft. Aber hören durfte sie die Anekdoten nicht so oft. Mama musste nämlich feststellen, dass nicht alles, was man aus seiner Kindheitserinnerung kennt, wirklich gut ist. Der Zappelphillip oder das Gedicht von den drei Jungs, die einen Mohren (heute sagt man wahrscheinlich Neger) ärgern und ins Tintenfass getaucht werden, halte ich pädagogisch für hilfreich. Aber Geschichten von Hauptfiguren, die einen grausamen Tod sterben (verhungern oder verbrennen) oder verkrüppelt werden....tztztztz.....also diese Erziehungsmethoden sind mir dann doch etwas zu grausam.
Daneben sind Max und Moritz, die Helden bei Wilhelm Busch ja harmlos. Diese beiden stellen allerhand Unsinn an. Sie angeln Hühner durch einen Kamin, packen ihrem Lehrer Schiesspulver in die Pfeife oder ärgern die Erwachsenen durch Maikäfer in Betten. Alles ebenfalls in netter Reimform.
Allerdings enden auch diese Helden recht tragisch. Sie werden nämlich zu Hühnerfutter zermahlen.
Liebe Kinderbuchautoren der Neuzeit:
Nehmt euch bitte kein Beispiel an Herrn Busch oder Herrn Hoffmann.
Da schimpft man immer über die Brutalität des Fernsehens und setzt Kindern dann solche Gruselgeschichten vor.
Kinder haben genug Fantasie, sie brauchen keine verbrannten, verstümmelten, verhungerten oder aufgefressenen Helden, die sie in ihren Träumen verfolgen.
Es lebe das Sandmännchen oder von mir aus auch die Teletubbies. Lieber soll mein Kind verblöden, als durch Paulinchen und Co um den schlaf gebracht werden. Und die Daumen, die sind bei meiner Kleinen noch dran, alle beide. weiterlesen schließen
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