Pro:
Motor, Kosten, ABS, Alltagstauglichkeit, Fahrwerk
Kontra:
Cockpit, Teillastruckeln, kein Hauptständer (möglich), Spiegel
Empfehlung:
Ja
Berichte über meine alte Maschine, der Honda CBR 600 RR und auch über meine kleine Honda Innova, mit der ich gerne zur Arbeit fahre, habe ich bereits geschrieben. Nun wird es Zeit, Euch meine aktuelle Maschine, die Kawasaki ER6f nahezubringen.
Die schwere Entscheidung für den Kauf:
Ende 2008 habe ich meine Honda CBR 600 RR verkauft. Aus familiären Gründen habe ich dann über ein Jahr eine Motorradpause eingelegt. Eins war von Anfang an klar, ich werde nicht viel Zeit zum Fahren haben und rein rational lohnt sich der Kauf eines neuen Motorrades nicht. Die Emotion war allerdings stärker, zumindest bei der Entscheidung Pro/Kontra Motorrad. Jetzt ging es aber darum, welches Motorrad demnächst in der Garage stehen soll. Da sollten doch eher Fakten als Emotionen zählen, soweit das bei einem Motorrad überhaupt möglich ist. Bei den Überlegungen vor dem Kauf kristallisierten sich folgende Punkte heraus:
- die Maschine muss mich emotional ansprechen (ist zwar selbstverständlich, sollte aber erwähnt werden)
- die Fixkosten müssen niedrig sein (ich fahre wenig, deshalb sind die Fixkosten wichtig. Hohe Fixkosten bei wenigen Kilometern machen kaum Sinn)
- die variablen Kosten sollten ebenfalls niedrig sein (Stichworte: Verbrauch und Inspektionen)
- die Leistung sollte nicht unter 70 PS liegen (ich hatte vorher 114 PS, ein bisschen Spaß muss ja sein…)
- die Sitzposition muss einigermaßen aufrecht sein, damit ich nicht wieder Schmerzen in den Handgelenken (wie bei der 600 RR) habe
- die neue Maschine muss tourentauglich sein
- der Anschaffungspreis sollte nicht über 6500 Euro liegen (selbst definierte Grenze)
- ABS
Mit diesen Vorgaben ging es auf die Suche. In Frage kamen z.B. die Honda CBF 600S, die Suzuki Gladius 650 und die Yamaha XJ6 Diversion. Ich habe mir dann einen Motorradkatalog gekauft, in der ich die Kawasaki ER6f in blau gefunden habe. Die Optik hat mich gleich überzeugt und sie kam in den Pulk meiner Auswahl. Um diesen Abschnitt des Berichtes nicht zu lang zu gestalten, kürze ich etwas ab: die Honda fiel schnell raus, die Optik ist mir zu bieder und ich wollte nach drei Hondas mal etwas anderes fahren. Für die XJ6 hatte ich ein gutes Angebot für ein Vorjahresmodell. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber auch hier gefiel mir die Optik (nur ein Scheinwerfer vorne) nicht so gut. Außerdem war der Endtopf fest verschweißt und es gab keine Option den Topf gegen einen Sportendtopf zu tauschen. ABS hatte die Yamaha auch nicht. Die XJ6 fiel raus. Es blieb die Suzi. Mit der bin ich Probegefahren. Die Suzi hat einen geilen V 2 Motor mit super Sound und die kurze Fahrt hat mich wirklich überzeugt. Gegen die Suzi sprach die Tatsache, dass es dafür keine Verkleidung gibt und ich doch eher ein Fan des Windschutzes bin. Irgendwie ist mir die sportliche Optik dann doch wichtig. Über die Kawa habe ich vor dem Kauf viel gelesen. Gutes Drehmoment, guter Motor, mittlere Verarbeitungsqualität und geringer Wetterschutz hieß es in den Berichten. Eins ist klar, für ca. 6500 Euro (real –im Winter-, nicht Liste!) bekomme ich kein Motorrad, dass nicht hier und da kleine Nachteile hat. Mit der Kawa bin ich dann Probegefahren. Die Sitzposition war für mich gewöhnungsbedürftig. Klar, wer vorher eine supersportliche 600 RR gefahren ist, sitzt auf der ER6f wie auf seiner Wohnzimmercouch. Ich habe meine Eindrücke dann noch einige Monate reifen lassen, gerechnet und verglichen und mich Anfang 2010 für den Kauf der ER6f entschlossen. Mein Händler kam mir im Preis ziemlich entgegen, so dass ich sogar noch unterhalb meiner veranschlagten 6500 Euro lag.
Meine ersten Erfahrung mit der Neuen:
Mein Problem im Februar 2010 war das Wetter. Eis und Schnee, Temperaturen unter 0 Grad und so sollte ich meine ER6f in den Heimatort überführen. Immerhin 60km waren bei den Umständen zu überbrücken. Wir nutzen einen schneefreien Tag im Februar und holten die Kleine ab. Danach stand sie noch ein paar Wochen in der Garage. Heute habe ich über 700km weg und kann meine gesammelten Erfahrungen präsentieren. Gewöhnungsbedürftig war für mich der Umstieg von vier auf zwei Zylinder. Der Motor ist zwar drehmomentstark, aber auch rauer als der Motor der Honda. Natürlich ist mir klar, dass man diese beiden Maschinen nicht wirklich vergleichen kann. Mein Eindruck von der Probefahrt bestätigte sich auch in der Praxis. Die Sitzposition ist angenehm, wenn auch der Kniewinkel relativ spitz ist. Störend ist das aber nicht. Der Windschutz ist für mich völlig ausreichend, die Scheibe hat noch zusätzlich einen kleinen Windabweiser, der den Fahrtwind über den Kopf des Fahrers leiten soll. Die Tourentauglichkeit der Kawa ist ebenfalls gegeben. Zwar habe ich noch keine Tour damit unternommen, aber auch nach knapp zwei Stunden Fahrt bin ich mit der Kawa noch ziemlich entspannt. Nachteilig finde ich das unübersichtliche Cockpit, speziell die Drehzahl lässt sich im Mäusekino kaum ablesen. Das hätte Kawa besser lösen können! Zudem stören mich die Rückspiegel, bei denen man hauptsächlich Arme sieht. Was mir schon nach einigen Kilometern aufgefallen ist und mich ziemlich irritierte, ist ein Teillastruckeln im Drehzahlberich von ca. 2500 bis 3000 Umdrehungen. Ich habe das Gefühl, der Motor hat dort ein richtiges Leistungsloch. Ich habe das im Internet recherchiert und musste feststellen, dass ich mit dem Problem nicht alleine bin (speziell bei Zweizylindern kommt das wohl häufiger vor). Angeblich soll sich das aber mit zunehmender Kilometerleistung bessern. Mal schauen, ich werde es bei der Inspektion definitiv ansprechen. Verwunderlich ist aber, dass dieses Phänomen in keinem offiziellen Test erwähnt wurde. Das Fahrwerk ist relativ straff abgestimmt und kommt mir damit sehr entgegen. Die Schaltung ist nicht ganz so weich wie ich es von der CBR gewöhnt bin, aber wirkliche Probleme bereitet das nicht. Bremsen: die Bremsen sind absolut OK. Speziell das spät einsetzende ABS ist gut eingestellt. Die Bissigkeit einer Supersportbremse haben sie zwar nicht, aber das ist ja auch nicht der Job der ER6f. Verzeiht mir bitte die Vergleiche mit meiner alten Maschine, die ich zwischendurch immer mal wieder einfließen lasse. Es ist sicher ganz menschlich, dass man mit der alten Maschine mal vergleicht.
Damit Ihr eine gute Übersicht über die Vor- und Nachteile bekommt, führe ich sie hier nach Stichpunkten auf.
Vorteile der ER6f:
- Leistung des Motors/Drehmoment
- Verbrauch ca. 5 Liter (Werksangabe: 4,2 Liter)
- Geringe Fixkosten (Steuer unter 50 Euro/Jahr und Versicherung aufgrund von nur 72 PS unterhalb der Versicherungsgrenze bei 78 PS. Ich zahle unter 50 Euro Versicherung im Jahr)
- Geringer Anschaffungspreis (Liste: 7195 Euro zzgl. NK)
- Angenehme und tourentaugliche Sitzposition
- ABS
- Sportliche Optik (zudem ein seitlich verbautes Federelement und weiße Blinker)
- Netter Zweizylindersound (Sportendtöpfe gibt es in großer Auswahl als Zubehör)
- Tankanzeige, Uhr und zwei Trip Kilometer im Cockpit
Nachteile der ER6f (teils sicher subjektiv):
- Teillastruckeln bei ca. 2500 bis 3000 U/min (hauptsächlich innerorts)
- Verarbeitung ist eher Mittelmaß (Schweißnähte beispielsweise ungenau gearbeitet)
- Cockpit (unübersichtlich, speziell die Drehzahl ist per Balken schlecht zu erkennen)
- Kein Hauptständer (auch nicht zum nachrüsten, da dort der Auspuff sitzt)
- Sicht durch die Rückspiegel (egal wie man sie einstellt, man sieht fast nur die eigenen Unterarme)
- Kette weist schon im dreistelligen Kilometerbereich Rost auf (die Ursache muss bei der nächsten Inspektion geklärt werden, am mangelnden Fetten kann es nicht liegen. Eventuell handelt es sich aber nur um ein optisches Defizit)
- Spitzer Kniewinkel (ich führe es mal mit auf, mich stört es nicht)
Die Liste der Nachteile ist zwar lang, aber die aufgeführten Vorteile wiegen für mich schwerer.
Damit der Bericht komplett ist, füge ich hier die technischen Daten und Werte hinzu:
Motor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, zahnradgetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder
Trockensumpfschmierung
Einspritzung Ø 38 mm
Bohrung x Hub 83,0 x 60,0 mm
Hubraum 649 ccm
Verdichtungsverhältnis 11,2:1
72 PS (53 KW) bei 8500 U/min
66 NM bei 7000 U/min
Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl
Telegabel Ø 41 mm
Zweiarmschwinge aus Stahl
Federbein, direkt angelenkt
Doppelscheibenbremse vorn Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel
Scheibenbremse hinten Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel, inkl. ABS.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen 120/70 ZR 17, 160/60 ZR 17
Reifen meiner Maschine: Bridgestone BT 021 J
geregelter Katalysator, Euro 3
Lichtmaschine 336 W
Batterie 12 V/14 Ah
Mehrscheiben-Ölbadkupplung
Sechsganggetriebe
O-Ring-Kette
Sitzhöhe 800 mm
Gewicht vollgetankt 208 kg
Zuladung 176 kg
Tankinhalt 15,5 Liter.
Beschleunigung und Durchzug:
0 – 100kmh: 3,9 sek.
0 – 140kmh: 7,4 sek.
0 – 200kmh: 23,9 sek.
60 – 100kmh: 4,6 sek.
100 – 140kmh: 5,1 sek.
140 – 180kmh: 6,4 sek.
Topspeed: 205 kmh (lt. Fahrzeugbrief)
Inspektionsintervalle: 1000km, 6000km und alle weiteren 6000km (Kosten der ersten Inspektion lt. Händler ca. 100 Euro)
Was ich noch erwähnen möchte:
Kurz nach dem Kauf der ER6f habe ich eine E-Mail an Kawasaki geschickt mit der Bitte, mir ein paar Kawasaki Aufkleber zu schicken. Nach wenigen Tagen lag ein Brief im Briefkasten mit mehreren Aufklebern. Klasse Service, hoffentlich bleibt das auch so…
Mein Fazit: die ER6f hat Macken, da mache ich mir nichts vor. Wer ein Motorrad zum Einstiegspreis von unter 6500 Euro (real –Winter-, nicht Liste!) kauft, muss hier und da Abstriche machen. Viele harte Fakten, wie die laufenden Kosten, die Sitzposition, die Optik und die Sicherheit (ABS) sprechen für die kleine Kawa. Die Nachteile, wie das Teillastruckeln, das schlecht ablesbare Cockpit, der fehlende Hauptständer und die üblen Spiegel sind hinnehmbar. Ich fahre nicht viele Kilometer und kann mit den Nachteilen leben. Wer viele Kilometer im Jahr abreißt, sollte vielleicht etwas tiefer in die Tasche greifen und nach Alternativen Ausschau halten. Die Gewichtung der Vor- und Nachteile kann natürlich von Motorradfahrer zu Motorradfahrer unterschiedlich ausfallen. Ich jedenfalls vergebe vier Sterne, da die Maschine für mich viele Vorzüge hat und ich sie demnach auch empfehlen möchte. weiterlesen schließen
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