Alexandria Testbericht

Alexandria
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Erfahrungsbericht von LoMei

Seefahrt 20: Landgang in Alexandria

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Der hier beschriebene Tag in Alexandria liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück. Die Erlebnisse von einst sind aber, so denke ich, sehr typisch und vermitteln ein Bild des Landes und der damaligen Zeit. Es gab an Bord den Schnack: „Seemann müsste man sein, dann kann man von ferne Länder sehen.“
Ich fuhr damals als Ingenieur-Assistent auf einem Dampfschiff einer Hamburger Reederei und habe jede Möglichkeit genutzt, um unbekanntes kennen zu lernen. In alten Briefen fand ich diesen Bericht:
Am Nachmittag des 6.Mai 1956 näherte sich unser Schiff der ägyptischen Küste. Gegen 17:00 Uhr nahmen wir den Lotsen über, und eine gute halbe Stunde später lagen wir im Hafen von Alexandrien vor Anker.


INHALT

1. Händler an Bord
2. Landgang mit Droschkenfahrt
3. Nachtclubbesuch mit Bauchtanzdarbietungen
4. Fazit


1. HÄNDLER AN BORD

Die ersten Menschen, die an Bord kamen, waren Händler. Das waren die aufdringlichsten Menschen, die mir je begegnet sind. Sie verlangten zuerst einmal unverschämte Preise. Man muss handeln und feilschen, wie ein Wilder. Ich war darin völlig ungebildet. Wenn schließlich die Hälfte des Preises nachgelassen worden ist, hat der Anbieter (unsere Matrosen nennen diese Art Leute Kanaker) noch ein Bombengeschäft gemacht. Will man überhaupt nichts kaufen, so kann man das den Gaunern zehnmal sagen, sie verfolgen einen trotzdem stundenlang und belästigen einen derart, dass es gar nicht zu beschreiben ist. Vor allem bieten sie Lederwaren an: Koffer, Aktentaschen, Brieftaschen, Geldbeutel, und allerlei anderen Kram. Einige sind spezialisiert auf den Handel mit Schuhen, Sandalen und Lederpantoffeln. Es waren ganz gute Sachen darunter. Die Situation war spannend und interessant. Wenn man allein das Mienenspiel und das Gestikulieren beim Handeln beschreiben wollte, könnte man einige Seiten Papier voll schreiben.


2. LANDGANG MIT DROSCHKENFAHRT

Montagabend gingen der Messesteward und ich an Land. Ein Araberjunge mit Namen Ali Hassan bot sich uns als Führer an. Er sprach sogar etwas deutsch. Zigmal versicherte er uns, es gäbe hier sehr viele Gauner, aber er sei „keine Gauner“. Das stimmte auch offensichtlich. Zuerst gingen wir zu Fuß durch die Altstadt. Es ist dort furchtbar dreckig, und außerdem duftet es merkwürdig. Die meisten Menschen laufen in Lumpen herum, und Bettler sieht man allerorten. Die Straßen sind eng und holprig, die Häuser dunkel, hoch und wie mir schien, fensterlos. Die Männer saßen zu Dutzenden in oder vor ihren kleinen Kneipen (der Ausdruck ist nicht ganz zutreffend) und tranken ihren Mokka und schmauchten ihre langen Wasserpfeifen. Aus Radios dröhnte orientalische Musik durch die Straßen. Die Frauen, die uns begegneten, trugen zum allergrößten Teil keinen Schleier.
Wir mieteten eine an der Ecke stehende Droschke und fuhren damit weiter. Der Basar ist eine Straßenflucht, in der sich ein Geschäft oder Verkaufsstand neben dem anderen befindet. Hier kann man feilschende und handelnde Leute sehen, dass es eine wahre Pracht ist. Als das hinter uns lag, begann eine ganz neue Welt. Breite saubere Straßen und weiße freundliche Hochhäuser.
Seit König Faruk abgedankt hat, ist in Ägypten vieles anders geworden. Es herrscht Ordnung. Die Neustadt von Alexandrien ist ein Gedicht. Direkt am Meer gelegen mit einem schönen Badestrand läuft der Fremdenverkehr hier auf vollen Touren.


3. NACHTCLUBBESUCH MIT BAUCHTANZDARBIETUNGEN

Ali Hassan hatte uns etwas von einem Lokal erzählt, in dem am Abend orientalische Tänze aufgeführt werden. Dort fuhren wir hin. Bevor wir eintraten, gab er uns Verhaltensmaßregeln und sagte, vor allem sollten wir immer gleich sagen, wir seien Deutsche. Dann meinte er: „Wenn ihr gehen zu oriental dancing, ihr trinken Sprudel. Das kostet 22 Piaster (etwa 2.35 DM). Wenn Kellner denken, du bist Tourist, du bezahlen 50 Piaster (6.00 DM). Wenn kommen Frollein und sitzen an deine Tisch und trinken deine Sprudel, du bezahlen 75 Piaster (9.00 DM). Ihr lassen Ali alles machen. Geben Ali Geld zu bezahlen. Ali nix klauen, keine Gauner gegen Deutsche, aber große Gauner gegen andere.“
Und Ali machte es. Von 22:00 bis 23:30 Uhr tanzten einige gekonnt dürftig bekleidete Damen mit flatternden seidenen Schleiern einen ganz raffinierten Bauchtanz zu einer eigenartig fremdklingenden Musik. Es war sehr interessant Das muss man gesehen haben, wenn man schon in „Alex“ ist. Von Zeit zu Zeit wurde ein arabisches Lied vorgetragen. Die Melodien und der Aufbau der Töne sind ganz anders als bei unserer abendländischen Musik, und unser Gehör muss sich erst an die fremdklingenden Tonfolgen gewöhnen.
Einige Male versuchten einige „Lokaldamen“, an unserem Tisch Platz zu nehmen, um uns dann abzukochen, aber Ali scheuchte sie. Einigen arabischen Worten fügte er mit drolliger Betonung auf Deutsch hinzu: „Schieß in Wind, schieß in Tabak!“ Wir hatten übrigens in dem II. Offizier und dem III. Ingenieur noch Zuwachs bekommen. Am meisten amüsierten wir uns über die ägyptische Männerwelt, die bei den Bauchtanzdarbietungen direkt in Ekstase geriet und schwer zu bändigen war. So saßen wir den ganzen Abend beobachtend bei unserem Sprudel für 2.35 DM. Als das Hauptprogramm vorbei war, fuhren wir mit unserer Droschke wieder an Bord zurück. Wir haben Ali fürstlich belohnt und waren um einige orientalische Eindrücke reicher.
Am Dienstag, den 8. Mai verließen wir Alexandrien mit Kurs auf Beirut.


4. FAZIT

Dieser Besuch in Alexandria liegt fast 50 Jahre zurück, aber ich denke, auch der Reisende unserer Tage findet manche Orientierung. Alex ist nicht nur einen Landgang wert. Die Stadt hat viel zu bieten. Seht sie Euch an.

21 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Duffy_2000

    11.04.2002, 13:15 Uhr von Duffy_2000
    Bewertung: sehr hilfreich

    Und ob das noch aktuell ist. In Ägypten (auch Alexandria oder Kairo) findet man das auch heute noch. Und, ich gebe Dir recht, "Alex" ist immer mal einen Besuch wert.

  • blokk

    11.04.2002, 02:12 Uhr von blokk
    Bewertung: weniger hilfreich

    Besonders aktuell scheint das wohl nicht zu sein