Barcelona Testbericht

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Erfahrungsbericht von LoMei

Seefahrt 25: Landgang in Barcelona

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Nachdem wir auf Reede von Valencia wegen Verzögerungen bei der Ernte vergeblich auf eine Ladung Orangen gewartet hatten, bekamen wir Order nach Barcelona zu fahren. Am 27. November 1956 kamen wir vormittags dort an. Sofort wurde das Schiff von Händlern gestürmt.


INHALT

1. Weinprobe bei Juan
2. In einer Wechselstube
3. Spanische Tänze
4. Fazit


1. WEINPROBE BEI JUAN

Als „Botilla Russ“ im vorigen Jahr in Barcelona gewesen war, hatten einige von der Besatzung mit Juan, dem Besitzer einer Art Wein-Bar, Freundschaft geschlossen. Dort sollte es am Abend hingehen. Zu fünft zogen wir also nach dem Abendessen los. Als wir bei Juan auftauchten, begrüße er uns wie alte Bekannte. Seine etwa 12jährige Tochter hatte in der Schule Englisch und dolmetschte so recht und schlecht. Wir bestellten zuerst eine Runde Muskateller und deuteten an, dass wir etwas Wein kaufen möchten. Daraufhin zeigte Juan, was eine Weinprobe ist. Er ließ uns alle Weine, die er da hatte, kosten. Das ging vom schweren fast schwarzen Malaga bis zum herben Cherez. Es war meine erste Weinprobe!
Der Nachtwächter des Häuserblocks schaute herein und wurde in die fröhliche Runde aufgenommen. Da er kein Glas Wein trinken wollte, luden wir ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Bei uns Seeleuten ging es nach den Weinen mit Sekt weiter. Irgendwann merkte ich die Wirkung und ging auf die Toilette. Als ich von dort zurückkam, waren meine Freunde weg. Vor der Bar stand der Nachtwächter und zeigte mir die Richtung, in der die „caballeros aleman“ abgezogen seien. Ich folgte dem Weg, aber die andern waren verschwunden.
Die breite Avenida, die zum Hafen führt, hat in der Mitte einen breiten mit Bäumen gesäumten Fußgängerweg. Rechts und links davon sind die Fahrbahnen. Ich ging auf dem Fußgängerweg zum Hafen. Unterwegs versuchte ich immer auf einem bestimmten Plattenstreifen zu gehen. Mein Kopf war völlig klar, aber die Füße weigerten sich, in der gewünschten Spur zu bleiben, und so lief ich einen ganz vorsichtigen Schlingerkurs. So etwas komisches. - Jedenfalls bin ich gut und wohlbehalten an Bord angekommen. Die anderen waren irgendwo versackt und konnten sich am nächsten Tag nicht an alles erinnern, was mit ihnen geschehen war.
Am Abend des nächsten Tages holten wir mit zwei Taxen unseren bestellten Wein ab. Die Fracht konnte sich sehen lassen. Wir hatten eine ganze Galerie Korbflaschen zu transportieren. Ich hatte eine 15-Liter-Flasche Malaga, eine 8-Liter-Flasche Mistella und vier Flaschen Sekt bestellt.
Als der ganze Krempel an Bord verstaut war, machten ein Matrose und ich eine Wanderung kreuz und quer durch die hellen und dunklen Gassen der Stadt. Barcelona hatte damals 1½ Millionen Einwohner oder sogar noch ein paar mehr.


2. IN EINER WECHSRELSTUBE

Ich hatte beim Funker 500 Peseta (100 Peseta = 11,00 DM) aufgenommen. Dieser Bestand neigte sich seinem Ende zu. Ich hatte aber auch noch 1000 Finnmark. Unten am Hafen hatten wir eine Wechselstube gesehen. Specki und ich gingen also Geld wechseln. Wir sprachen mit dem Beamten englisch und miteinander Pinneberger Platt. Das fiel einer Frau auf, die auf unserer Seite des Tresens stand. Sie schimpfte mit uns, dass wir nicht deutsch sprächen. Der Beamte sei lange in Deutschland gewesen und mit einer deutschen Frau verheiratet. In Zukunft sollten wir doch auf Deutsch Geld wechseln. Nach einer längeren Unterhaltung kam die Frage, die die Deutschen im Ausland fast immer stellen: „Habt ihr nicht ein Stück Schwarzbrot?“ Natürlich hatten wir. Sie wartete eine Weile in einer kleinen Wirtschaft, und ich lief an Bord und besorgte ihr beim Koch ein ¾ Schwarzbrot. Sie war selig. Sie stammte aus Böhmen, war vor dem Kriege 10 Jahre in Spanien gewesen und arbeitete seit 3 Jahren wieder hier auf dem Flughafen.


3. SPANISCHE TÄNZE

Am Abend wollte ich mir irgendwo spanische Tänze ansehen. Die Dame hatte gesagt, das sei am besten im Restaurant Bagdad. Also zog ich dorthin. Das Leben begann hier erst so richtig gegen 22:00 Uhr. Unser Messejunge wollte auch an Land. Da die Matrosen ihn nicht mithaben wollten, ging er mit mir. Als wir vor dem „Bagdad“ standen und uns unterhielten, blieb ein Herr stehen und fragte auf deutsch, wo wir hin wollten und ob er uns irgendwie behilflich sein könne. Das war in der Situation der richtige Mann. Er sagte, im Bagdad sei jetzt die Saison vorüber, und was dort geboten werde, sei nichts rechtes. Er hatte in Deutschland studiert, hatte als Mitglied der Legion Kondor auf deutscher Seite in Russland gekämpft und war 10 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen.
Er ging mit uns durch einen Teil der Stadt und zeigte uns unter anderem das St. Pauli von Barcelona. Das war nicht unser Fall. Um 22:45 Uhr fing im Theatre de Barcelona eine Vorstellung südspanischer Folklore an. Für 40 Peseten saßen wir vorne in einer Loge und sahen Tänze aus Andalusien und hörten Lieder der dortigen Zigeuner. Dazu gehörte ein Gitarrenkonzert, das bei manchen Akkorden an Orgelmusik erinnerte. Die billigen Plätze im Theater waren von Zigeunern besetzt. Es war genau so interessant, das Publikum zu beobachten wie das Geschehen auf der Bühne. So ein Temperament gab es bei uns gar nicht.


4. FAZIT

Ich bin seither nicht wieder in Barcelona gewesen und kann auch keine aktuellen Tipps und Empfehlungen geben. Aber soviel steht fest, es ist eine wirklich interessante und schöne Stadt, die man unbedingt besuchen und für die man sich etwas Zeit nehmen sollte.

23 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Gabri

    08.05.2002, 12:17 Uhr von Gabri
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht --- Gabri