Ansichten eines Clowns (Taschenbuch) / Heinrich Böll Testbericht



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Erfahrungsbericht von steffestef
"Katholiken machen mich nervös (...)!"
Pro:
kurz, knapp, gut
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Handlungsträger ist Hans Schnier, ein mittelmäßig erfolgreicher Clown, der sich mit seiner beruflichen Tätigkeit mehr schlecht als recht (im kapitalistischen Sinne) durchs Leben schlägt. An seiner Seite die Katholikin Marie, die Hans eines Tages verlässt und einen Katholiken heiratet. Die Echtzeit-Handlung umfasst eine Zeitspanne von lediglich vier Stunden, in denen geschildert wird, wie Hans nach abgebrochener Tournee in seine Heimatstadt Bonn zurückkehrt und von seiner Wohnung aus - meist telefonisch - versucht, etwas über Marie herauszufinden. Dabei wird in Rückblicken die Beziehung von Hans und Marie rekonstruiert, das Ereignis, das zu ihrer Trennung geführt hat, sowie Hans' Leben "vor" Marie . Als Erzähler lässt Heinrich Böll Hans selber auftreten.
Heinrich Bölls Romane sind bekannt für ihre Gesellschaftskritik. Zentrale Punkte sind die Kritik an der mangelnden Humanität in Deutschland (bedingt durch die kapitalistischen Ideale von Leistung und Nützlichkeit im wirtschafltichen Sinne) und der unreflektierte Umgang mit der Vergangenheit. Die meisten von Bölls Romanen weisen einen direkten Bezug zur jeweiligen Entstehungs-Gegenwart auf und sind oft auf nur eben diesen Bezug reduziert worden ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum"). Übersehen wird dabei, dass Böll sich selber als Künstler verstanden hat (nachzulesen in seinen "Frankfurter Vorträgen"), der Kunst - im Gegensatz zu Thomas Mann - nicht um der Kunst willen betreibt, sondern das Ideal einer "engagierten Literatur" verfolgt, die im günstigsten Falle politisches Handeln auslöst. In der Umsetzung dieses Ideals orientiert sich Böll an seinen ästhetischen Grundsätzen, die unter anderem den Anspruch haben, eine Literatur zu produzieren, die für Jedermann zugänglich ist.
Neben der Ästhetik der Kunst spielt aber auch Bölls alternativer Gesellschaftsentwurf eine zentrale - und spannende - Rolle. Beschäftigt man sich in chronologischer Reihenfolge mit Bölls Romanen ist die Entwicklung klar zu erkennen. Von der anfänglichen Kritik ("Und sagte kein einziges Wort") und Zustandsbeschreibung ("Billart um halb zehn") gelangt Böll zuerst in Teilen, dann auch als Gesamtentwurf zu einer konkreten Vorstellung einer alternativen Gesellschaft (besonders in "Gruppenbild mit Dame") auf den Grundlagen der Humanität.
Böll gehört zu einer Gruppe von Autoren, die man als die "Junge Generation" bezeichnet (in diesem Zusammenhang auch aufschlussreich die "Gruppe 47") und die erst in den Nachkriegsjahren mit literarischen Veröffentlichungen begann. Not und gemeinsames Schicksal schweißte die Deutschen in den ersten Jahren nach '45 zu einer Gemeinschaft zusammen, das einsetzende Wirtschaftswunder, die zunehmende Orientierung an kapitalistischen Werten, die Rückkehr bekannter Nazi-Größen in die Politik (besonders im Umfeld der Adenauer-Regierung) sowie die allgemeine Verdrängungspolitik ließen diese Gemeinschaft zerbrechen. Eine Gesellschaft gespalten in viele kleine Kreise entstand - von Böll auch offensichtlich in "Ansichten eines Clowns" dargestellt: Marie gehört zum "katholischen Kreis", im Hause Schnier treffen sich die Kreise der Gesellschaft (schön opportunistisch immer gerade nach der machthabenden Meinung ausgerichtet), Hans gehört nirgendwo richtig dazu.
In dieser leistungsorientieren Gesellschaft kommt die katholische Kirche - und hier setzt Bölls Vorwurf an - ihrer ursprünglichen Aufgabe, nämlich sich um den "Abfall" der Gesellschaft zu kümmern und jene aufzufangen, die durch das gesellschaftliche System fallen, nicht mehr nach. Vielmehr inszeniert sie sich selber als wirtschafltiches Unternehmen (s.a. "Und sagte kein einziges Wort"), das der kapitalistischen Maxime gehorcht. Böll stammt aus einer christlichen Familie, in der die ursprünglichen christlichen Werte schon allein durch den Familienzusammenhalt vermittelt wurden. Seine präsentierte Vorstellung von Humanität orientiert sich deswegen sehr am christlichen Ideal der Nächstenliebe (unabhängig von der Institiution "katholische Kirche"). Hans Schnier scheint diese Vorstellungen zu teilen, in seinen Augen ist seine Beziehung zu Marie eine rechtskräftigere Ehe als die sakramental besiegelte der katholischen Kirche. Eigenständig haben er und Marie sich das Sakrament der Ehe gespendet, auch ohne den Segen der Kirche ist diese Verbindung in Hans' Augen gültig und stattet ihn mit einem gewissen Anspruch auf Marie aus.
"Ansichten eines Clowns" ist gerade deswegen so spannend, weil Böll mit Hans Schnier eine Figur schafft, die die Gesellschaft der Bonner Republik kritisiert ohne einen entsprechenden Ausweg aufzuzeigen. Hans ist nicht durchgängig positiv dargestellt, sein Verhalten lädt nicht gerade zur bedingungslosen Identifikation ein. Recht rücksichtslos springt er mit Marie und ihren Wünschen und Bedürnfissen um (so sieht er es z.B. als selbstverständlich an, dass Marie ihr Abitur hinschmeißt, um mit ihm zusammen zu sein). Obwohl Hans also zu Kritik und Reflexion fähig ist und die Bruchstellen erkennt, an denen die Gesellschaft falsch läuft, ist er nicht in der Lage, einen Gegenentwurf zu liefern (in späteren Böll Romanen gelingt den weiblichen Verkörperungen des gesellschaftlichen Alternativplans eine ungebrochenere Umsetzung der humanistischen Ideale, z.B. Leni in "Gruppenbild").
In der zeitgenössischen Rezeption hat "Ansichten eines Clowns" eine heftige Diskussion ausgelöst, gerade wegen der augenscheinlichen Katholizismus-Kritik. Böll selber sagt vier Jahre später im Rückblick (s.a. www.heinrich-boell.de), die "Ansichten" seien seines Erachtens nach vollkommen verkannt worden, im Grunde hätte er doch nur eine Liebesgeschichte schreiben wollen. Dazu vielleicht abschließend Marcel Reich-Ranicki: "Heinrich Böll zeigt, was so selten gezeigt wird: den Alltag einer Liebe."
19 Bewertungen, 8 Kommentare
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23.02.2006, 00:56 Uhr von Lotosblüte
Bewertung: sehr hilfreichDas ist ein tolles Buch - und der Film ist auch nicht schlecht <br/>lg
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23.02.2006, 00:33 Uhr von topware2002
Bewertung: sehr hilfreich<SH> .... :>)
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22.02.2006, 22:20 Uhr von bubbelchen05
Bewertung: sehr hilfreichSH <br/>Liebe Grüße <br/>Marina
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22.02.2006, 21:04 Uhr von wm_2006
Bewertung: sehr hilfreichklasse geschriebener Bericht - hat Spaß gemacht ihn zu lesen
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22.02.2006, 20:54 Uhr von Sarah1509
Bewertung: sehr hilfreichfreue mich immer über gegenlesungen lg sarah
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22.02.2006, 20:25 Uhr von HiRD1
Bewertung: sehr hilfreichSH. Gruß, Ralf
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22.02.2006, 20:18 Uhr von Gemeinwesen
Bewertung: sehr hilfreich<b><i>Chapeau!</i></b> Beste Grüße vom Gemeinwesen.
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22.02.2006, 20:17 Uhr von DOMMEL
Bewertung: sehr hilfreichsh würde mich über rückbewertungen freunen
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