Boheme - Annett Louisan Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Cover-Design:  sehr gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Erfahrungsbericht von Gemeinwesen

Vorsicht – die will nur spielen!

Pro:

gefällige Musik mit deutschen Texten, die nicht peinlich sind

Kontra:

Annett Louisans Stimme wird nicht jeder mögen . Muss ja aber auch nicht jeder mögen .

Empfehlung:

Ja

„Hamwer nich’“, hatte die Dame von der Infotheke gesagt, „kriegen wir auch nicht mehr rein. Und jetzt hauen Sie gefälligst ab und nerven jemand anders, ja?“

Zugegeben – alles, was da nach den ersten zwei Wörtern kam, war ihr nicht über die Lippen gekommen. Das hatte dafür aber ihr ganzes Restgesicht gesagt.

Ja, so ist das eben: Der Mensch nimmt sich einen Tag frei, und dann nimmt er sich noch vor, zur Abwechslung mal echtes Geld in einem echten, komplett html-, flash-, php- und javafreien freien Ladenlokal auszugeben. Wie heißt doch es in der Dreigroschenoper so schön? Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht – und mach dann noch 'nen zweiten Plan: geh’n tun sie beide nicht.

Nachdem die Infothekla ostentativ sämtliche von mir bereits abgeklapperten Regalreihen erneut abgeklappert hatte, um also wenigstens ein gewisses Maß an Geschäftigkeit an den Tag zu legen und mich in meiner bösen Ahnung bestätigt hatte, dass der Elektroschrott- und Tonträgerhandel meiner Wahl Annett Louisans Debütalbum nicht auf Lager hatte, bin ich also unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschlurft. Zur Ehrenrettung der Infothekendame sei gesagt, dass sie immerhin noch etwas gemurmelt hatte, was möglicherweise „Kann ich aber bestellen“ heißen sollte. Ja, schön. Kann ich aber auch. Bei amazon. Und die 3 Euro Zustellgebühr, die die mir berechnen, wenn ich wirklich nur die eine CD bestelle – die hätte ich auch gern im „ProMarkt“ („Wir sind die Guten“ – ja, soll sein. Nur gutsortiert wart ihr noch nie) bezahlt. So aber wurde nichts aus dem Kauferlebnis vor Ort.

Warum denn auch?

Aufmerksam geworden auf Annett Louisan war ich bei ciao.com, einen ersten Eindruck ihrer CD „Bohème“ hatte ich mir vermittels iTunes verschafft, die überaus vielversprechend klingenden Lobhudeleien, die dann endgültig mein Interesse geweckt hatten, hatte ich bei Spiegel-Online gelesen (von „grandiosen Texten“ war da die Rede gewesen, von Texten, „die professionelle Zuhörer schnell aufgeben lassen bei der ewigen Suche nach der immanenten Peinlichkeit im deutschen Liedgut.“) – da ist es wahrscheinlich nur konsequent, auch den Tonträgerkauf ins Internet zu verlagern.

Die 25-jährige Sängerin verlasse sich, hatte es in der anlässlich der Vorstellung von Louisans Album verfassten CD-Kritik des Hamburger Nachrichtenmagazins außerdem geheißen, weniger „auf eine unvergleichliche Stimme“ oder „nie dagewesene Sounds“, sondern darauf, „dass in Deutschland nie jemand vor ihr so frivol-ironische Lieder gesungen hat“.

Holla. Da sage noch wer, die Hanseaten seien spröde. Oder hat die Redaktion da etwa den Praktikanten oder die Praktikantin geschickt? Und hat der oder die sich dann in die kleine, blonde Annett verguckt? Denkbar wär’s, und verdenken könnte ich das niemandem: nett schaut sie auf den Fotos im Booklet aus, die Annett.

Und was ist mit Annettchens Musik bzw. den vom Nachrichtenmagazin mit ordentlich Vorschusslorbeer bekränzten Texten?

Ob die nun „grandios“ sind, wage ich nicht zu beurteilen. Was ich allerdings zu behaupten wage: Grandiose Songtexte sind hierzulande Mangelware. Umso erfreulicher erscheint da natürlich alles, was sich abhebt vom deutschen Allerlei zwischen Holzmichel-Gaudium, der Sinnhuberei alternder Schweinerock-Apologeten und Reim-dich-oder-ich-fress’-dich-Lyrik der Marke „Sie braucht mit Reizen nicht zu geizen, denn ihr Haar ist Meer und Weizen“.

Nein, Popmusik muss nicht zwingend auch ansprechende, gescheite Texte bieten, beileibe nicht. Umso erfreulicher aber ist es, wenn sie es doch tut – zumal, wenn das Ganze in einer Sprache geschieht, der man sich, so man denn von Kindesbeinen mit ihr und in ihr aufgewachsen ist, vergleichsweise schwerer entziehen kann und die viel unmittelbarer ins Ohr geht als eine später erlernte Zweit- oder Drittsprache.

Ja, der „Spiegel“ hat Recht: die Texte der insgesamt 12 Stücke auf „Bohème“ (eines davon, die Single „Das Spiel“, gibt’s gleich in doppelter Ausführung – einmal gleich zu Beginn und, als „Radiomix“, zum Ausklang der CD) kann man sich anhören, ohne sich peinlich berührt fühlen zu müssen. Ja, es ist auch wahr, dass da, horribile est dictu, gleich an zwei Stellen von „Scheiße“ die Rede ist: „Denn ich hab’ diese ganze Scheiße schon einmal mit ihm durchlebt“ singt sie in „Der Blender“, und dann singt sie noch „Scheiße, bin ich verliebt“ („Das Liebeslied“).

Aber muss einem das beim Zuhören wirklich peinlich sein?

Nein, finde ich nicht. Ich habe nämlich nicht den Eindruck, dass das als Affront gemeint ist. Das ist ganz einfach ein (überaus wohldosierter) Tribut an die Umgangssprache. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Manchmal muss man das Kind doch auch einfach beim Namen nennen, oder?

Und wem das nicht genügt, der sei versichert: In den Texten der CD gibt’s dafür genug anderes, das für rüde Umgangssprache entschädigt. Wie wär’s zum Beispiel hiermit:

„Ich überzeichne mein Gesicht
Es bringt in dieses Mädchen etwas Licht“
(„Daddy“)

Ich finde, das ist ein starkes Bild – beileibe nicht das einzige in den 12 Texten aus der Feder von Annett Louisans Textpartner Frank Ramond. Das alles wirkt so unbemüht, dass man ahnt: es dürfte harte Arbeit dahinter stecken. Oder vielleicht doch einfach nur Begabung?

Manches, was da zunächst harmlos und verspielt klingt, lohnt genaues Hinhören – inklusive des Textes der Single „Das Spiel“, der, wenn man’s recht bedenkt, ganz schön abgefeimt ist: „Ich will doch nur spielen – ich tu’ doch nichts“ – na, aber genau das ist doch das Gemeine. Ganz schön doppelbödig, das; aufmerksames Hinhören lohnt sich also.

Die Musik ist dabei so gefällig, wie viele der Texte beim ersten Hören arglos wirken. Da klingen und swingen echte Klaviere, Violinen, Mandolinen und der akustischen Instrumente mehr; und es ist leichter, der Versuchung zu erliegen, die Musik auf Annett Louisans CD mit der von Norah Jones zu vergleichen, als ihr zu widerstehen: Wer Norah Jones’ Debüt „Come away with me“ bzw. den Nachfolger „Feels like home“ mochte, dem wird auch das musikalische Milieu gefallen, in dem sich Annett Louisan bewegt. Was schrieb doch gleich der „Spiegel“? Annett Louisan verlasse sich nicht auf nie dagewesene Sounds? Wohl wahr. Allerdings kann man das in manchen Fällen ja auch durchaus als Kompliment verstehen.

Fehlt noch etwas?

Ach, ja – natürlich Annett Louisan selbst. Wie hieß es doch gleich im „Spiegel“? Annett Louisan verlasse sich nicht auf eine „unvergleichliche Stimme“? Stimmt auch, finde ich. Spontan hat mich ihre Stimme an die von Blossom Dearie erinnert. Kennt niemand? Wahrscheinlich kein Wunder: Die sie kennen, werden sie entweder sehr mögen – oder auch gar nicht. Das Gleiche gilt wohl auch für Annett Louisans betont kindlich-naiv klingenden Gesang: wer sich nicht beim ersten CD-Durchlauf damit anfreunden kann, wird’s wahrscheinlich auch nicht im zweiten Anlauf schaffen. Wer sich aber, um eine etwas aktuellere Vergleichsgröße und ein weiteres Debüt zu nennen, für Jewel Kilchers Erstling „Pieces of you“ erwärmen konnte, sollte sich, zum Beispiel auf www.annettlouisan.de, ein paar Hörproben bzw. den Videoclip zur Single „Das Spiel“ zu Gemüte führen.


R e s ü m e e

Ich glaube nicht, dass Annett Louisan zu den Sängerinnen gehört, die in den Bocksgesang gewisser ältlicher Herren einstimmen müssen, welche sich vor einiger Zeit für eine Quote von Musik mit deutschen Texten im Radio ausgesprochen haben (ist das nicht ein schöner Schulterschluss mit Dieter Thomas Heck? Wer weiß – vielleicht erleben wir demnächst ein neues Benefiz-Projekt „Rettet das Deutsche im Liedgut“. Die abendfüllende Werbesendung zur CD darf Thomas Gottschalk moderieren; und zum Ende der Veranstaltung dürfen dann Gunter Gabriel, Jürgen Drews, Udo Lindenberg und Heinz Rudolf Kunze gemeinsam gegen den Niedergang des deutschen Textes ansingen. Klammer zu.)

Annett Louisans musikalisches Debüt wird sich auch so verkaufen – und die Single-Auskopplung „Das Spiel“ ist erfreulicherweise nicht das einzige Highlight eines wirklich tollen Debütalbums. Sängerin Annett Louisan und ihr Texter Frank Ramond scheinen ein gutes Team zu sein – von den beiden würde ich jedenfalls gern mehr hören.

Für den kommenden Winter reicht „Bohème“ aber allemal aus: CD in den Player legen, Kerzen anzünden und sich irgendeine Beschäftigung suchen, zu der die CD einen angenehmen musikalischen Hintergrund bildet. Aber bitte erst, nachdem man sich die Texte im Booklet wenigstens einmal durchgelesen hat – keine Angst, sie sind nämlich wirklich nicht peinlich.




D i e _ C D /
m e i n e _ A n s p i e l t i p p s :

[>] 1. Das Spiel
… 2. Die Lüge
… 3. Die Dinge
[>] 4. Das Gefühl
[>] 5. Daddy
… 6. Die Katze
… 7. Der Schöne
… 8. Die Gelegenheit
… 9. Der Blender
[>] 10. Die Trägheit
[>] 11. Die Formel
… 12. Das Liebeslied
… 13. Das Spiel (Radiomix)

27 Bewertungen, 6 Kommentare

  • doeter

    10.12.2006, 20:26 Uhr von doeter
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich glaube dir das ja alles. Aber kindlich-naiven Gesang brauche ich zur Zeit ÜBERHAUPT nicht.

  • bigmama

    09.12.2006, 01:49 Uhr von bigmama
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg Anett

  • anonym

    08.12.2006, 17:19 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, LG Biggi :-)

  • Baby1

    08.12.2006, 16:36 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    ~~ * LG Anita * ~~

  • LittleSparko

    08.12.2006, 15:43 Uhr von LittleSparko
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg, daniela

  • anonym

    08.12.2006, 11:32 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :o)