Die Päpstin (Taschenbuch) / Donna Woolfolk Cross Testbericht

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  • Niveau:  anspruchsvoll
  • Unterhaltungswert:  gering
  • Spannung:  durchschnittlich
  • Humor:  wenig humorvoll
  • Stil:  sehr ausschmückend

Erfahrungsbericht von der_Baer

Eine starke Frau

Pro:

spannendes Zeitbild

Kontra:

keines

Empfehlung:

Ja

Drehen wir das Rad der Geschichte um ein Jahrtausend zurück und erinnern wir uns an den Geschichtsunterricht. Mittelalter. Zeit der Kaiser und Könige, Ritter und Recken. Männerwelt. Die wenigen Frauen, die in dieser Epoche Geschichte schrieben, waren entweder Heilige oder Hexen, oder beides. Aus dem 11. Jahrhundert sind die Schriften und musikalischen Hinterlassenschaften Hildegards von Bingen präsent. Ein Jahrhundert davor hinterließ Roswitha von Gandersheim ihr literarisches Vermächtnis. Und noch tiefer hinein ins finsterste Mittelalter des 9. Jahrhunderts tragen uns die Überlieferungen zu einer faszinierenden Frau, Johanna von Ingelsheim. Eine Frau, die trotz radikaler Geschichtsfälschungen der (christlichen) Kirche nicht unvergessen ist, war sie doch die erste und einzige Päpstin, die jemals auf dem Heiligen Stuhl Platz genommen hat. Ein geschichtlicher Irrtum?

Mitnichten! In einer Zeit als die Frau weniger wert war als das Vieh im Stall und Frauen ihrer Bestimmung nach nur Besitz des Mannes, Gebärmaschine und Befriedigungsobjekt war, in der Bildung ein Privileg des gehobenen Männerstandes war, wuchs in Ingelsheim ein kleines Mädchen heran. Der anglikanische Vater war ein kleiner Dorfpfarrer, die Mutter eine unter Zwang christianisierte Sächsin. Die Verhältnisse waren mehr als trist. Hunger, Kälte, Schläge und Verachtung für den Wechselbalg konnten das kleine Ding aber nicht davon abhalten, in ihrer Wissbegier Lesen und Schreiben zu lernen. Trotz Lernverbot eignete es sich das Wissen an, das eigentlich ihre Brüder erwerben sollten, die vom Vater gedrillt wurden, um das Priesteramt zu erlernen.

Als der weise Aeskulapius ins Haus kommt und den scharfen Verstand des Mädchens erkennt, will er ihm Unterricht erteilen, darf dies aber nur, wenn auch der Bruder, dessen Fähigkeiten eher mangelhaft waren, unterrichtet wird. Ein Gesandter der Domschule zu Dorstadt soll den Bruder abholen, und aus Enttäuschung reißt Johanna aus. Doch der Abgesandte wird unterwegs ermordet und Johanna reist mit ihrem Bruder alleine nach Dorstadt und stellt sich der Prüfung. Nur ihrer überragenden Bildung wegen wird sie an der Schule zugelassen, darf dort aber nicht wohnen, sondern wird der Obhut des Markgrafen Gerold übergeben.

Die Jahre ziehen ins Land. Johanna wird immer klüger, sie wird zur jungen Frau und die keimenden Triebe bringen eine Zuneigung zum Markgrafen, der diese zwar erwidert, sich aber des Unrechts bewusst ist, das er als verheirateter Mann eingeht. Auch seiner Frau bleibt das sanfte Techtelmechtel nicht unbekannt und während sich Gerold auswärts befindet, beschließt sie, Johanna zu verheiraten, obwohl diese gar nicht Willens ist.

Am Tag der Hochzeit fallen Normannen ins Dorf ein und metzeln die gesamte Bevölkerung nieder. Nur Johanna entkommt. Sie zieht die Kleidung ihres gefallenen Bruders an und begibt sich ins Kloster Fulda, wo sie es vom Novizen bis zum angesehenen heilkundigen Priester bringt. Natürlich bleiben auch im klerikalen Umfeld des Klosters die Intrigen nicht aus. Und eines Tages sieht Johanna sich gezwungen, Fulda zu verlassen. In Männerkleider reist sie nach Rom, wo ihr die erworbenen Heilkünste schnell dazu verhelfen, als angesehener Priester und Arzt ins Gefolge des Papstes zu kommen.

Wer glaubt, dass sich im Dunstkreis seiner Heiligkeit nur Frömmigkeit und seelsorgerisches Gehabe nach den Gesetzen des christlichen Glaubens finden, der irrt gewaltig. Und auch Johanna muss erkennen, dass nirgendwo mehr Korruption und Intrigen abspielen, als beim Postenschacher um Bischofssitze und andere bezahlten Gefälligkeiten. Der Streit um die Nachfolge auf die einflussreichsten Ämter bis hin zum Papstthron braucht Gift, Messer und sogar Kriege. Und ständig steht Johanna zwischen zwei Stühlen, dem der Rechtschaffenheit und dem der Lüge. Noch schlimmer wird die Lage allerdings, als plötzlich Gerold wieder in ihr Leben tritt.

Obwohl Rom unter Seuchenplagen, Saraszenenüberfällen und anderen Geiseln leidet, steigt Johanna auf und landet schlussendlich selbst auf Thron des Papstes. Und jetzt, im Augenblick des Triumphes, gibt sie ihrer bis dahin unterdrückten Liebe zu Gerold hin. Johanna ist bereits 41 Jahre alt und zu damaligen Zeiten war sie bereits eine Greisin. Dennoch trägt die Liebe Früchte und Johanna wird schwanger. Wie soll die Diskrepanz zwischen Liebe und Mutterschaft und dem höchsten Amt, das die christliche Welt vergibt, enden?

Diese Geschichte erzählt Donna Woolfolk Cross in ihrem Roman „Die Päpstin“. (Broschiert - 566 Seiten - Aufbau Tb, Berlin, Erscheinungsdatum: 1999, ISBN: 3746616441, € 12,50). Die Autorin weist im Anhang darauf hin, dass sie bemüht war, sich bei den geschichtlichen Gegebenheiten so nah als möglich an authentische Fakten zu halten. Letztendlich ist aus diesem Buch jedoch ein Roman geworden, in dem nicht so sehr das Leben der Johanna von Ingelsheim fasziniert, sondern viel mehr noch die Schilderung der Gegebenheiten, wie die Menschen damals lebten und dachten. Viel intensiver wirken die Aufzählungen der kleinen alltäglichen Mühen und Plagen, wie sie der Mensch von damals erleiden musste. Dagegen schrecken die intriganten Gepflogenheiten von Klerus und Adel nicht mehr, als würde man heutzutage den politischen Parteien genauer auf die Finger sehen.

Während der erste Teil des Buches sich folgerichtig mit den Lebensumständen des kleinen Mannes in Mitteleuropa beschäftigt und die Spannung beim Heranwachsen der kleinen Johanna inmitten einer frauenfeindlichen Männerwelt beständig durch ein leises Schaudern, ob der unsäglichen Zustände aufrecht erhalten wird, kann der zweite Teil, der von den Intrigen im Umfeld des Papstes lebt, eine gewisse Unzufriedenheit im Handlungsablauf nicht vermeiden. Zu straff und kurz angebunden wird die Abfolge der einzelnen Papstwahlen und Kriege geschildert und wäre nicht die Romanze zwischen Gerold und Johanna in die einzelnen (Schlamm-)Schlachtepisoden eingebaut, käme fast Monotonie auf.

Dennoch ist dieses Buch jede seiner 566 Seiten wert, denn selten noch war die Schilderung einer Epoche so wenig glorifiziert und so realitätsnah und dabei so spannend. Schon um zu wissen, wie gut es uns heutzutage geht, sollte jeder sich einmal mit diesem tristen Kapitel der Geschichte beschäftigen, das zwar der Kirche nicht in den Kram passt, aber doch deutlich widerspiegelt, dass Kirche und Glauben nicht immer eins waren und sind.

21 Bewertungen, 1 Kommentar

  • leuchttuermin

    06.08.2006, 13:06 Uhr von leuchttuermin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich habe die Päpstin verschlungen! (hihi... nicht wörtlich nehmen!)