Der faule Henker (gebundene Ausgabe) / Jeffrey Deaver Testbericht

ab 10,06
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Erfahrungsbericht von winterspiegel

...mit reichlich Tricks und doppeltem Boden

Pro:

Spannender Krimi im Zaubereiumfeld, Puzzle voller Drehungen und Wendungen, gute Personenbeschreibungen

Kontra:

Das Ende etwas zu vorhersehbar, leichte Logikfehler

Empfehlung:

Ja

>>SEHR VEREHRTES PUBLIKUM. Es freut mich ihnen im Nachfolgenden das aktuelle Buch von JEFFERY DEAVER vorzustellen; wobei es sich um eine weitere Episode seines fiktiven Romanhelden - dem gelähmten, aber dessen ungeachtet genialen Ermittlers - LINCOLN RHYME handelt. Das was für eine AGATHA CHRISTIE ihr bekannter HERCULE POIROT, oder für einen SIR ARTHUR CONAN DOYLE sein Vorzeigekriminalist SHERLOCK HOLMES schon immer war, das ist für den Thrillerautoren DEAVER seine auf mordernste Hilfsmittel zurückgreifende Spürnase im Rollstuhl LINCOLN RYHME.

Doch dieses Mal MEINE DAMEN UND HERREN bekommt es der begnadete Kriminalist mit einem Gegner zu tun, der ihm und seinem Ermittlungsteam eine harte Nuss nach der anderen zu knacken gibt. Denn dieser Gegenspieler versteht sich aufs vorzüglichste auf die perfekte Anwendung des Tarnen und Täuschens und noch so um einiges mehr. Kurzum MEINE GENEIGTEN ZUHÖRER es handelt sich um eine Person, die sich dem Gewerbe und der Kunst der Illusion und des Zaubers verschrieben hat, und deshalb – SIE AHNEN ES VIELLEICHT BEREITS – im wahrsten Sinne des Wortes nicht, oder nur sehr schwer, zu fassen sein wird.

GESCHÄTZTE ZUHÖRERSCHAFT ich bitte nun um ihre Aufmerksamkeit, denn von nun an begeben wir uns in ein Geschehen in der das Unfassbare zur Wahrheit wird, und in der die Tatsachen nicht immer das sind, was sie vordergründig zu sein scheinen.

DESHALB WERTES PUBLIKUM... genießen sie die Show, aber bleiben sie jederzeit skeptisch und misstrauen sie dem Offensichtlichen, vielleicht ist ja manches nur vorgetäuscht –, verflüchtigt sich bei näherer Betrachtung zu Schall und Rauch in den Augen des ahnungslosen Betrachters...<<



In der Art einer ganz ähnlich - direkt an sein imaginäres Publikum gewanden Ansprache – wie ich es in meiner zugegeben eventuell etwas zu dramaturgischen Einleitung, versucht habe zu vermitteln, wendet sich Deavers phantomartiger Täter in Gestalt eines raffinierten Illusionisten immer wieder direkt an den Leser, um seinen nächsten Auftritt mit einiger Spannung zu untermauern. Dieses eingeworfene Stilmittel verwendet der Autor von Zeit zu Zeit immer mal wieder, und es verfehlt seine bühnenmäßige Wirkung sicherlich nicht.
Doch zunächst einmal der grobe Handlungsfaden, dieses mit allerlei Zauberei und Tricks voll gestopften Rhyme-Abenteuers, das mit der faszinierenden Welt der Magie angereichert wurde.



Handlung


Zwei Polizistinnen werden in eine Musikschule gerufen. Dort angekommen werden sie Zeuge eines sehr seltsamen Schauspiels: Als sie gerade den Täter dingfest machen wollen, der sich über sein stranguliertes Opfer beugt, entkommt dieser in einen Raum, aus dem es eigentlich keine Fluchtmöglichkeit zu geben scheint. Das Zimmer ist dennoch verlassen. Auch die kurz darauf eintreffende Beamtin Amelia Sachs, die die gewonnenen Ergebnisse vom Tatort an ihren Partner, den gelähmten Ermittlungsspezialisten Lincoln Rhyme per Datenleitung weiterleitet, findet vorerst auch keine Erklärung für das Verschwinden des Mörders.

Als die wenigen Beweisstücke zusammengetragen und analysiert werden, kommt schnell der Verdacht auf, dass der Täter sich der Mittel professioneller Illusionskünstler zu nutze macht. Aus diesem Grunde bittet Amelia die junge Zauberkünstlerin Kara um ihre Unterstützung in diesem verzwickten Fall. Die talentierte Kara ist im weiteren Verlauf tatsächlich eine große Hilfe, da sie die Tricks und Kniffe ein ums andere Mal durchschaut, mit denen der als Hexer bezeichnete Mörder agiert. Dennoch geschieht ein zweiter grausamer Mord, bei dem der Verbrecher selbst verschlossene Türen in Nullkomanichts überwindet.
Bei einem dritten Mordversuch können die Polizeibeamten mit Hilfe von Karas Tipps den Hexer um ein Haar sogar dingfest machen. Doch ein weiteres Mal gelingt ihm unter Anwendung von einigem Hokuspokus die Flucht.

Auch was das wahre Motiv anbelangt, scheinen die Ermittler um Rhyme im Dunkeln zu tappen. Wenn eine Richtung oder Vermutung viel versprechend erscheint, wird sie aber auch schon wenig später ad absurdum geführt.
Es beginnt ein erbitterter Zweikampf zwischen dem Star-Ermittler und seinen Leuten auf der einen Seite, und dem mörderischen Zauberer auf der anderen, der schließlich Rhyme körperlich näher kommt, als es diesem lieb sein kann.
Irgendwann schnappt die Falle der Polizei aber zu und der Hexer wird gewissermaßen mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Alles scheint vorbei zu sein – der Täter gefangen, der Fall gelöst. Doch ein gewisser Argwohn ist jederzeit angebracht: Vielleicht handelt es sich ja ein weiteres Mal um die Vorspiegelung völlig falscher Tatsachen...



Kritik


Die Bücher von Jeffery Deaver (zumindest diejenigen, die ich bisher gelesen habe) enden nicht selten mit einem oder mehreren Überraschungsmomenten zum Finale hin, die dann erkennen ließen, dass der Leser schon vorher ein wenig an der Nase herumgerührt wurde. In seinem 5. Auftritt des Lincoln-Sachs-Gespanns ist nun aber von Beginn an ein dermaßen gehäuftes Einbringen von Tricks und Schlichen vor allen Dingen aus der Zauberwerkstatt vorhanden, sodass der Leser schon aufmerksam weiter lesen sollte, um nichts Wichtiges zu verpassen. Doch das dürfte eigentlich kein größeres Problem darstellen, da der mit sehr schön ausstaffierten Rätseln eingebrachte Auftritt des Hexenmeisters, der vom Autor eine wie ich finde ungemein ansprechende mysteriöse Note bekommen hat, sehr fesselnd (und das wortwörtlich) von Anfang an niedergeschrieben wurde.

Bei den ersten beiden Morden wird schnell klar, dass Deaver es bei den Beschreibungen von Grausamkeiten auch etwas härter kann, wenn er aufzeigt wie einzelne Zauberkunststücke bei misslingen ausgehen können. Doch gegen Später konzentriert er sich mehr und mehr auf seinen alles andere als einfach konstruierten Plot. Die Handlung bleibt aber jederzeit enorm spannend, auch wenn es der Autor bei der Logik nicht immer ganz genau nimmt. Das ist aber wirklich nur an Kleinigkeiten festzumachen, und nur die ganz peniblen werden sich wohl daran etwas stärker reiben. Etliche Drehungen und Wendungen bringen die Story in eine immer wieder ganz andere Richtung wie eventuell zuerst vermutet, und lässt die Kombinationsmaschinerie beim Leser geradezu heißlaufen. Insgesamt betrachtet bietet Deaver deshalb eine aufregende Kriminalgeschichte, bei der man seine eigenen Vermutungen andauernd ein wenig im Hinterkopf behält, um sie aber dann doch immer wieder über den Haufen werfen zu müssen.

Ab einem gewissen Zeitpunkt gibt es gewissermaßen einen zweiten Handlungsrahmen, bei dem man sich eingangs fragen könnte, was das Ganze hier in dieser Geschichte eigentlich verloren hat. Doch gegen später erkennt man dann doch, dass beides sehr wohl tiefer miteinander verwickelt ist, als zuerst angenommen. In diesen Bereichen geht es dann nicht mehr so sehr um Magie und Zauberei, sondern um politische Machtspiele und deren weitreichenden Verwicklungen. Doch das sind genau genommen nur Nebenerscheinungen, um der Geschichte noch eine weitere Komponente hinzuzufügen, oder aber um vielleicht noch weitere Möglichkeiten zu haben, den Betrachter, den Leser – gewissermaßen das verehrte Publikum – ein weiteres Mal in die Irre zu führen.

Der Autor navigiert den Leser an sehr interessante Orte innerhalb New Yorks, in der die Handlung durchgängig spielt. Hier fühlt man sich geradezu in das Geschehen eingebunden. Nicht nur die Figuren der schon bekannten Charaktere um den Ermittler Lincoln Rhyme oder der taffen Polizistin Amelia Sachs, sondern auch die neu eingebrachten Darsteller wurden mit einer gehörigen Portion Lebensechtheit und Tiefe ausgestattet, soweit dies in einem derartigen Kriminalstück überhaupt möglich scheint. Der als Hexer bezeichnete Schurke gefiel mir von Anfang an besonders gut, da sein Auftritt in regelmäßigen Abständen so wunderbar undurchschaubar und rätselhaft inszeniert wurde. Leider (und das ist mein insgesamt einziger größerer Kritikpunkt) wurde dieser Bösewicht gegen Ende für meine Begriffe ein wenig zu einfach und simpel entzaubert, nur um am Ende (ich denke ich verrate kein großes Geheimnis) das Gute triumphieren zu lassen.

Magiere, wie der legendäre Entfesselungskünstler Harry Houdini werden anhand ihrer berühmtesten Auftritte immer wieder eindrucksvoll zitiert. Diese erstaunlichen Nummern spielen - wenn auch in etwas abgewandelter Form - eine überaus große Rolle für das interessante Geschehen im Buch. Hier ist vieles aus dem Illusionshandwerk be- und durchleuchtet worden, sodass ein faszinierender Eindruck der Materie entsteht, der auf eine zweifellos gute und umfassende Recherche des Autors hindeutet.
Deaver schafft es aus diesem Grunde sehr gut einen Großteil des Zaubers und auch die Begeisterung einzufangen, die sicher nicht wenige mit der Thematik und dem - fast schon - Mythos der dahinter steckt verbinden.



Fazit


Mein Eindruck dieses erneuten Rhyme-Sachs-Auftrittes betreffend war ein fast durchweg positiver. Von Beginn an nahm mich die verzaubert-aufregende Handlung regelrecht in Beschlag. Der Autor hat auch wie ich finde seinen Schreibstil im Vergleich zu seinen früheren Werken noch einmal stark verbessert. Neben seinem gewohnten Storyaufbau um die Ermittlungsarbeit seines Starkriminologen Rhyme, der mit den neusten technischen Mitteln arbeitet, hat er es fertig gebracht, Handlung und Personen sowie deren Emotionen recht bemerkenswert zu vermitteln. Ansatzweise war sogar ein Dan Brown- ähnlicher Spannungsübergang mit Cliffhanger-Effekt festzustellen, der dem schon gewohnten Kriminalhandlungsablauf wirklich mehr als nur gut tat.

Die unterhaltende Angelegenheit rund um Zauberkunst und Scheinwahrheiten ist jedenfalls ein erfrischend anderes Thema, als etwa das Serienkillereinerlei in so vielen anderen Veröffentlichungen im Thriller- und Krimibereich. Da störte es mich auch höchstens nur am Rande, dass es mit den Gesetzmäßigkeiten der Folgerichtigkeit an mancher Stelle nicht ganz so genau genommen wurde. Deavers Roman ist wie ich finde ein empfehlenswertes Stück Kriminalgeschichte im bewährten Gewand mit mächtig viel– Abrakadabra und Simsalabim, die einen direkt und ohne Umschweife, in die Welt der Bluffs und Täuschungen eindringen lässt. Und man wartet schließlich bis zum Ende aufs äußerste gespannt, was der Autor noch so alles aus dem Hut zu zaubern im Stande ist.

© winterspiegel für Ciao & Yopi




Jeffery Deaver

Der Faule Henker

Roman

Blanvalet Verlag

479 Seiten

Gebundene Ausgabe ca. 22 €

40 Bewertungen, 1 Kommentar

  • mima007

    02.12.2004, 17:58 Uhr von mima007
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr reizvoll. Bin schon gespannt. Drewniok war nicht so angetan (wann ist er das jemals?*fg*). vg, mima