Der Euro - unsere neue Währung Testbericht

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Erfahrungsbericht von Swinja

Tausche Grönländer Euro gegen bayrische Centmünzen

Pro:

Zumindest bei den Münzen bleibt Europa monetarisch vielfältig und kann sich sogar noch steigern dabei.

Kontra:

Bleibt diese Währung stabil? Dreimal Fragezeichen.

Empfehlung:

Nein

„Mein Gott naa, ist das preiswert.“

Das ist der erste Gedanke, der einem bei dem Preisschild „-.99“ durch den Kopf schießt. Und dementsprechend schnell fasst man bei derartigen Schnäppchen am Ramschtisch dann auch zu.
Erst bei genauem Hinschauen geht einem auf, daß man so preiswert gar nicht zugeschlagen hat. Die psychologische Macht der Ziffern hat gesiegt: Der Unterschied zwischen -.99 und 1.- wird als größere Barrierre empfunden als zwischen -.49 und -.51. Egal in welcher Währung.
Selbst wenn man sich dieser Tatsache vordergründig bewußt ist – ich habe trotzdem das Gefühl, in den letzten beiden Monaten doppelt so viel für „Schnäppchen“ ausgegeben zu haben als sonst.

Es geht einem wie jemand, für den plötzlich das metrische System abgeschafft und eines, das auf Zoll, Inch und Meilen basiert, eingeführt wird – er wird notorisch in Radarfallen tappen, da er nicht mehr brav 100 kmh, sondern 100 mph fährt – und damit viel zu schnell. Auch wenn ich mich an das Aussehen des neuen Gelds längst gewöhnt habe – unwillkürlich nehme ich immer noch jede Zahl mal Zwei und denke mir: „Das wären jetzt soundsoviel Mark gewesen.“ Ich fürchte, daß es noch einige Zeit dauert – bis zu einem ganzen Jahr, bis man die alten Beträge vergessen hat (wobei sie sich in manchen Fällen sogar konserviert haben, nur mit einer anderen Währungsbezeichnung) und auch im Unterbewußtsein wahrnimmt, daß man nun mit sehr viel „wertvolleren“ (Zahlenwert gegen Kaufkraft gerechnet) Sesterzen bezahlt.

Dagegen hat sich das Problem „mit Mark bezahlen, Euro als Wechselgeld“ praktisch nie gestellt. Im Gegenteil, erstmal war man auf die neuen Münzen neugierig, und außerdem waren scheinbar viele Zeitgenossen (ich auch) von dem plötzlichen Drang befallen, die alten Münzen von 1950 loszuwerden.

Das Design des neuen Gelds? Bei den Scheinen fühle ich mich am ehesten an die ehemaligen Gulden erinnert, die von ihrem Design her auch eher relativ futuristisch gehalten waren und auch mit auffälligeren Farben nicht geizten. Nichtexistente Bauwerke, die lediglich einen Baustil einer Epoche repräsentieren, sind ebenfalls nicht die schlechteste Idee – und außerdem die, die am wenigsten Streit zwischen den einzelnen Ländern aufwerfen dürfte (allenfalls Landschaften mit Tier- und Pflanzenwelt wären noch ähnlich „neutral“ gewesen). Ich wage gar nicht daran zu denken, welche Reaktionen etwa ein europäischer Geldschein mit dem Abbild einer berühmten Persönlichkeit auslösen hätte können. Albrecht Dürer, Galilei, Kopernikus oder Sokrates? Zwar dürften Wissenschaftler und Künstler ebenfalls noch relativ „harmlos“ sein, aber es gibt sicher kaum genügend Banknotenwerte, um alle verdienten Geistesgrößen Europas darauf unterzubringen. Und gar politische Zeitgrößen? Um Gottes Willen. Karl den Großen? Es dürfte genügend Kleingeister zu beiden Seiten des Rheins geben, die besser zu wissen glauben, ob er nun als „Karl“ oder als „Charlemagne“ auf der Banknote zu stehen hat (was etwa so ist, als ob man streiten würde, ob der US-Präsident nun „Dschordsch Dabbju Bush“ oder „Georg Gebüsch“ heißt). Kaiser Napoleon? Kein Brite würde so einen Geldschein auch nur mit der Beißzange anfassen. Bismarck? Dito, für die Franzosen. Martin Luther? Eigentlich soll der Euro auch im katholischen Italien gelten, auch im Vatikan. Nein, Gebäude sind keine schlechte Lösung.

Auch die Münzen sind, zumindest die deutschen Versionen, nicht schlecht geworden – wobei allerdings ihnen immer noch ein „Spielgeld-Flair“ anhaftet. Die Rückseite gefällt mir gerade bei den kleinen Münzen am Besten – speziell die gewollte Ähnlichkeit mit dem Vorgänger Pfennig. Für das 20- oder 50-Cent-Stück: hätte man die bäumchenpflanzende Jungfer vom „Fuchzgerl“ nicht auch übernehmen können? Auch gegen das Brandenburger Tor ist als Symbol nichts einzuwenden, schließlich ist es ja für die jüngere deutsche Geschichte nicht ganz unbedeutend. Lediglich den „Adler“ auf der EURO-Münze hätte man anders gestalten können – er sieht eher aus wie das gußeiserne Skelett eines Terminator-Adlers, dem das Fleisch von den metalllegierten Knochen gefault ist. Ihr Münzdesigner, schaut Euch mal den von den Ösis an... oder von den Russen...

Wo wir gerade bei de Münzen sind: Man stelle sich einen „Rütteltisch“ vor, ein Gerät, wie es in manchen Erdbaulabors u.ä. zum Einsatz kommt: eine Tischplatte, die von einem kleinen Exzentermotor in einstellbar starke Vibration versetzt wird. In der Mitte der Tischplatte liegt ein großer Haufen deutscher Euros. Links davon ein fast ebenso großer mit französischen. Direkt an der Vorderkante zwei Haufen, österreichische und spanische. Sogar ein kleines Häufchen Luxemburger ist dabei. Wie lange wird es dauern, bis – nach dem Entropiegesetz eine zwingende Notwendigkeit – der Zustand erreicht ist, daß alle Münzvariationen auf der Tischplatte statistisch gleich verteilt sind?

Antwort: wahrscheinlich Jahre. Am Frankfurter Hbf sind mir ein „Italo“ und ein „Spanier“ zugelaufen, aber hier, im Raum Hannover-Umland habe ich noch keinen einzigen „Ausländer“ gesehen. Daran ist sicher auch die zentrale Lage schuld, die als nahegelegensten Euronachbar nur die Niederlande zu bieten hat. An meinem früheren Wohnort in Aachen hätte ich wahrscheinlich schon die Taschen voller „Belgier“ und „Holländer“. Auch die Lage außerhalb der Großstadt im ländlichen Raum dürfte eine Rolle spielen. Generell rechne ich damit, daß die „Iren“, „Griechen“ und „Finnen“ die letzten Auslands-Euros sein werden, die man hier in D zu sehen kriegt – einfach aufgrund der fehlenden gemeinsamen (Land-)Grenze, wodurch der Münzentransfer halt nur durch Reisende in Schiff und Flugzeug stattfindet.

Eine andere Idee könnte in Zukunft Realität werden: Bislang gibt es in GB (zu meiner Überraschung) nicht nur ein „britisches“ Pfund, sondern auch ein „schottisches“ sowie einige regionale „Spezial“-Pfundnoten. Das ist in etwa so, als hätten in Deutschland neben der Deutschen Mark auch noch der bayrische Gulden, Rheinischer Taler, Hamburger Kreuzer und DDR-Mark im Verhältnis 1:1:1:1:1 gegolten. Sollten die Königreiche von der Insel mal dem Euroland beitreten – der Weg für englische, schottische, walisische und nordirische Cent-Münzen wäre prinzipiell frei. Allerdings wäre damit noch ein Weg frei: da mit dem Beitritt immer neuer Länder (Skandinavien, Polen, Tschechien) ohnehin keiner mehr die Unzahl der nationalen Rückseiten überschauen könnte, könnten dann auch ruhig die Cents von Katalanien, Bretagne, Baskenland, Sardinien, Faröer, Grönland, Aland, Bayern und Ostfriesland kursieren. Man hätte ein währungstechnisches Multikulti wie damals im Heiligen Römischen Reich, wenn auch mit einem sehr einfach zu kapierendem Umrechnungsverhältnis – und selbst das wäre überflüssig, da jede Münze doch überall gilt. Für Numismatiker ein paradiesischer Zustand...

27 Bewertungen, 3 Kommentare

  • ss09876

    13.04.2002, 22:07 Uhr von ss09876
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich will den Euro immer noch nicht! MfG Szilvia

  • Alice-im-Wunderland

    12.03.2002, 14:04 Uhr von Alice-im-Wunderland
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein wirkliches Verhältnis zu unserem " Spielgeld " habe ich immer noch nicht. Auch meine Zweifel zu der Stabilität bestehen weiter. Wartem wir es ab. Guter Bericht! Gruß AiW

  • petitsolei

    12.03.2002, 02:03 Uhr von petitsolei
    Bewertung: sehr hilfreich

    schweizer wirst du keine finden