Wüstenblume (Taschenbuch) / Waris Dirie Testbericht

ab 3,24
Auf yopi.de gelistet seit 06/2004

5 Sterne
(5)
4 Sterne
(2)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(1)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von nintscha

Viel besser als der zweite Teil!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Wüstenblume
von
Waris Dirie

Mir hat dieses Buch so sehr gefallen,dass ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Es ist so fantastisch geschrieben,dass man glaubt es selber miterlebt zu haben.Waris Dirie erreicht mit ihren Worten unsere Herzen.
Jetzt aber mehr über die Autorin und ihre Geschichte!!

Waris Dirie ist ein Wesen aus zwei Welten:das Nomadenmädchen aus der endlosen Wüste Somalias und als Topmodel ein Geschöpf der schnellen,kurzlebigen Modewelt.
Mit ungefähr 14 Jahren flieht sie vor ihrem Vater,als er sie schließlich als Hausmädchen des somalischen Botschafters nach London. Sie jobbt bei McDonald's,wird dann als Model entdeckt,und 1991 kommt der große Durchbruch.Waris wird eines der gefragtesten Topmodels der Welt und arbeitet mit den berühmtesten Modefotografen.
Doch ein Teil ihrer Seele ist in Afrika geblieben,obwohl sie dort die grausamste Folter erdulden musste,die man einem Mädchen nur antun kann:Im Alter von fünf Jahren wurde sie beschnitten.Neben den unsäglichen Qualen dieser Prozedur un den lebenslangen Schmerzen hat man sie damit für den Rest ihres Lebens der Möglichkeit jeder sexuellen Empfingung beraubt.
In Wüstenblume erzählt sie von ihrem Leben,erzählt mit der Stimme der selbstbewussten Frau,die als UNO-Sonderbotschafterin den Kampf für die 6000 Mädchen aufgenommen hat,die täglich immer noch welweit beschnitten werden.
Wer jetzt noch mehr über die Beschneidung erfahren möchte,sollt sich das bitte durchlesen.

Durchschnittlich sind die Frauen beziehungsweise die Mädchen zwischen 4 und 8 Jahre alt, wenn sie die Beschneidung über sich ergehen lassen müssen, doch es ist auch üblich Säuglinge und erwachsene Frauen zu beschneiden. Der Umstand in welchem Alter Mädchen und Frauen beschnitten werden ist oftmals von den verschiedenen Stammeskulturen abhängig.

Die Beschneidung kann in drei verschiedenen Arten durchgeführt werden, die Beschneiderinnen sind zum größten Teil die Stammesältesten Frauen:

Die "sanfteste" Variante wird Sunna genannt. Hier wird die Klitorisvorhaut eingestochen, eingeritzt oder entfernt, oder die Klitoris wird teilweise beziehungsweise komplett amputiert. Hierzu kann man den Vergleich zum männlichen Geschlecht ziehen, denn die Amputation der Klitoris entspricht der Amputation der Eichel beim Penis.
Bei der Excesion wird die Klitoris teilweise oder komplett amputiert und mehr oder weniger große Teile der inneren Schamlippen.
Die dritte Art der Beschneidung ist die grausamste und zugleich die am häufigsten verwendete - die Infibulation.

Wird eine Frau infibuliert bedeutet das die komplette Entfernung der inneren und äußeren Schamlippen und der Klitoris. Die so verbliebene Wunde wird in den meisten Fällen mit Akaziendornen zusammengesteckt, in den übrigen Fällen wird sie zugenäht. Es wird lediglich eine kleine vaginale Öffnung gelassen, so daß Urin und Menstruationsblut austreten können. Diese Öffnung ist häufig nicht größer als ein Streichholzkopf.

Eine gesonderte Rolle spielt die Defibulation. Denn im Laufe des Lebens einer beschnittenen Frau muß die Öffnung aus verschiedenen Gründen wieder "geöffnet" werden. So zum Beispiel bei der Geburt eines Kindes, vor dem Geschlechtsverkehr oder wenn Komplikationen aufgetreten sind. Nach diesem Eingriff werden die Frauen aber immer wieder reinfibuliert, also wieder "geschlossen".

Die Gründe einer Defibulation läßt die Vorstellung zu, daß sie zum regelmäßigen Geschehen wird, da ja dieser Eingriff nicht nur einmal im Leben einer Frau vorgenommen werden muß.

Eine Beschneidung wird nie unter sterilen Voraussetzungen getätigt, geschweige denn mit "normalen" Hilfsmitteln.
Messer, Scheren, Rasierklingen und Glasscherben sind die "Werkzeuge" die ausschließlich gebraucht werden.


Die Folgen der Beschneidung sind sowohl aus physischer als auch psychischer Sicht imens. Infektionen, Vernarbungen, Inkontinenz (Blasenschwäche), chronische Schmerzen, Blutungen, Blutsturz, Probleme beim Urinieren und bei der Regel sind körperliche Zustände, mit denen die Frauen leben müssen, wenn sie an solchen Folgewirkungen nicht schon gestorben sind, denn viele der Mädchen überleben diesen Eingriff nicht- sie verbluten, oder sterben an den Schmerzen oder den Infektionen, und das teilweise auch Jahre später.
Bei der Infibulation (der häufigsten Art der Beschneidung) sind die schwersten Nachwirkungen erkennbar. Die Frauen haben große Schwierigkeiten beim Urinieren und während der Menstruation. Die Geburt der Kinder ist erheblich erschwert, oftmals sterben Kind und/oder Mutter an den Infektionen, und vielfach kommt es zu Totgeburten, da die vaginale Öffnung zu klein ist.

Doch nicht nur die körperlichen Konsequenzen erschweren das Leben dieser Frauen, sondern vor allem die psychische Belastung. Die Mädchen werden oftmals nicht vorgewarnt. Im Gegenteil, ihnen wird vermittelt, an etwas teil haben zu dürfen, was sie endgültig zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft macht. Welchen Preis sie dafür zahlen müssen wissen sie nicht. Sie vertrauen sich den Stammesältesten Frauen an, teilweise die eigene Oma oder Tante, und müssen mit Schrecken feststellen, das der Weg zur sozialen Integrität mit qualvollen Schmerzen verrechnet wird. Der Schock nach der Beschneidung ist enorm und hat oft Angstzustände, Traumata und Depressionen zur Folge. Verstärkt wird dieser Zustand dadurch, daß den Mädchen streng untersagt ist darüber zu reden. Sie sind völlig auf sich selbst gestellt und müssen das Geschehene alleine verarbeiten.

Die Regel des Schweigens herrscht überall, auch in den Stämmen in denen es üblich ist, die Mädchen täglich zum Ort der Beschneidung zurückzubringen, um sie dort zu waschen. Während des Heilungsprozesses, der zwischen 3 und 6 Wochen andauert, werden die nun "jungen Frauen" morgens und abends dort hin gebracht. Dadurch leben die Mädchen unmittelbar nach der Beschneidung in ständiger Angst, da sie fürchten es könnte ihnen noch einmal so etwas schmerzhaftes widerfahren.
Andere Stämme lassen die Mädchen einfach an Ort und Stelle liegen. Ohne sie zu säubern, ohne sie zu versorgen, ohne sie zu betreuen. Sie werden einfach ihrem "Schicksal" überlassen, während das Dorf die Beschneidung feiert. Denn noch bevor die Beschneidung statt gefunden hat, liefen die Vorbereitungen. Ist die Beschneidung dann vollzogen, wird getanzt, gesungen, gekocht und gegessen. Von dem nahrhaften Essen bekommt das Mädchen selber nichts - sie kämpft um ihr Leben, allein gelassen in einem Zelt.

Wenn man nun all diese Sachverhalte kennt, kann man sich nicht vorstellen, daß ein solch grausames Ritual in der heutigen Zivilisation praktiziert wird. Folglich fällt es um so schwerer, die nachfolgenden Zahlen zu begreifen.

Weltweit sind ca. 130 Millionen Frauen beschnitten. Jährlich kommen schätzungsweise 2 Millionen Frauen hinzu.

Das heißt, tagtäglich werden ungefähr 6000 Mädchen und Frauen beschnitten.

Wie es zu solchen Zahlen kommt, und wie die Existenz einer solchen Tradition begründet wird, wird im Kapitel Herkunft des Rituals behandelt.

HERKUNFT:

Die Bekämpfung dieses Rituals wird in erster Linie durch die Aufklärungsarbeit der einheimischen Frauen geleistet. Sie haben sich zu Gruppen zusammen geschlossen und sich zum Ziel gesetzt, die Qualen die sie selber jahrelang durchstehen den jungen Mädchen der nächsten Generationen zu ersparen.
Diese Frauen fahren zu den verschiedenen Dörfern und Stämmen und versuchen dort die Dorfsprecher zu kontaktieren und sie davon zu überzeugen, daß die Arbeit die sie leisten wichtig ist, und es von großer Bedeutung ist, sämtliche betroffene Frauen aufzuklären. Sind diese Sprecher erst einmal überzeugt, bedeutet das für die weitere Arbeit eine große Erleichterung. Denn mit der Zustimmung dieser Menschen können die Beratungstermine effektiv etwas nützen, und nur wenn die Sprecher den Dorfmitbewohnerinnen sagen es sei wichtig, sind diese gewillt zuzuhören.
Grundsätzlich versuchen die "Aufklärerinnen" einflußreiche Personen für sich zu gewinnen, um mit deren Hilfe die Frauen schneller zu überzeugen.

Das bedeutet für die Frauen, daß sie zweimal in Folge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bevor sie zur eigentlichen Aufklärung kommen.
Die Aufklärung an sich beinhaltet den beschnittenen Frauen aufzuzeigen, wie eine "normale Frau" "unten herum" aussieht. Viele der beschnittenen Frauen kennen diesen Anblick nicht und realisieren oftmals erst in jenem Moment was genau mit ihnen passiert ist. Außerdem wird ihnen häufig zum ersten mal erklärt, das die Beschneidung der wirkliche Grund für die Schmerzen und schwierigen Lebensumstände ist.

Doch die Aufklärung allein reicht nicht aus, um die Frauen davon zu überzeugen die Beschneidung der Frau zu kritisieren. Es ist ihr Glaube, ihre Tradition und sie können sich oftmals nicht vorstellen, nicht nach ihrem "besten Wissen und Gewissen" zu handeln. Die Aufklärung funktioniert nur über einen längeren Zeitraum hinweg, aber sie funktioniert, den in Gambia hat die APGWA (Association for Promoting Gilrs´and Womens´ Advancement in the Gambia) eine der einheimischen Gruppen, durch ihre Arbeit die Beschneidungsrate um 20% reduzieren können.

Natürlich gibt es ausländische Hilfsorganisationen, die in diesem Bereich helfen. Die Hilfe die hier geleistet wird, beschränkt sich allerdings hauptsächlich auf die Finanzierung der nötigen Hilfsmittel, wie Autos, Videorekorder, Diaprojektoren und ähnliches, auf die Öffentlichkeitsarbeit und der Veranstaltung von Workshops für die einheimischen Frauen, um noch bessere Aufklärungsarbeit leisten zu können.

Die Hilfsorganisationen in Deutschland und weltweit sind Terre des Femmes, Unicef, Amnesty International, Intact und noch einige mehr.
All diese Hilfsorganisationen arbeiten in engem Kontakt mit lokalen Gruppen und helfen über diesem Wege.
Aber "weiße Auklärerinnen" gibt es nicht, denn eine weiße Frau würde von den betroffenen Frauen nicht akzeptiert werden.

Die Frauen, um die es hier geht, wollen unter sich bleiben, um einen schweren Kampf auszutragen - einen Kampf an der Nahtstelle zwischen Tradition und Vernunft. Denn immer noch wollen sie ihre eigenen Töchter beschneiden lassen.

Hier liegt auch die Ironie dieses Themas, denn es ist ein Ritual, das zur Kontrolle der Frau dient, aber sie sind es selber, die es durchführen und die Existenz aufrechterhalten.

Dieser Bericht wurde von mir auch bei ciao.com unter dem Namen blackangel0 veröffentlicht!

(c) nintscha

38 Bewertungen, 2 Kommentare

  • redwomen

    25.07.2004, 02:23 Uhr von redwomen
    Bewertung: sehr hilfreich

    ja echt toll an. Ich fahre eh die erste Augustwoche in den Urlaub. Mal sehen ob ich mir irgendwo dieses Buch ausleihen kann. LG Maria

  • Pfiesteria

    14.07.2004, 17:28 Uhr von Pfiesteria
    Bewertung: sehr hilfreich

    Habe das Buch auch gelesen und war sehr berührt davon, klasse Bericht