Eine Billion Dollar (Taschenbuch) / Andreas Eschbach Testbericht
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Erfahrungsbericht von magnifico
Geld regiert die Welt – oder nicht?
Pro:
spannend, tiefgehend, interessante Denkansätze, keine Langatmigkeit
Kontra:
simplifiziert teilweise etwas stark
Empfehlung:
Ja
Reich zu sein wünschen wir uns wohl alle irgendwie. Wie oft tritt der Wunsch in unser Bewußtsein, genügend Geld zu haben, um sich etwas Tolles kaufen oder leisten zu können, mit der eben gerade zu verrichtenden Tätigkeit einfach Schluss machen zu können, weil man arbeiten nicht mehr nötig hat oder auch einfach nur Geld ausgeben zu können, eben weil man es hat, das große Geld. Doch was ist das eigentlich: „reich sein“? Vor allem, ab wann ist man reich. Menschen in der Dritten Welt würden wahrscheinlich in jedem Bettler in der Ersten Welt – in unseren industriellen Landen – einen Reichen – wahrscheinlich sogar einen „Stinkreichen“ – sehen, der immerhin eigene Kleider, nicht selten auch ein bis zwei Tüten voll was auch immer sein eigen nennt. Für diese wiederum ist wahrscheinlich schon der „Ottonormalverbraucher“ mit seiner Eigentumswohnung oder dem Reihenhäuschen und dem Mittelklassewagen ein „Reicher“, welcher seinerseits neidvoll auf die „Bonzen“ stiert, die da hinter eingegrünten Einzelhäusern ihr scheinbar sorgenloses Leben führen und mehr denn je auf der Autobahn dem Gedanken verfallen sind, dass ihnen allein die Welt gehört. Doch auch hier endet die Suche nach den Grenzen des Begriffs „reich“ nicht, denn so mancher Blick in die ein oder andere Illustrierte zeigt, dass „reich“ in Schattierungen von mehreren Millionen Euro über einige Dutzend Millionen Euro rauf zu einigen hundert Millionen Euro bis schließlich in die Höhen – der hjaushaltslöcherumfassenden – Milliarden reicht. Absolut reich ist nach derzeitigen Schätzungen, wer einen zweistelligen Milliardenbetrag sein eigen nennen kann, wenngleich die Leute, die einige hundert Millionen „flüssig“, also wirklich frei verfübar haben, kaum eine Handvoll ausmachen dürften. Und selbst wenn man nicht zu diesem Olymp, dieser „Creme der Creme“ gehört: Was macht man mit dem Geld – und was macht man gerade nicht damit? Was kann man überhaupt damit machen und was ist einfach auch mit noch so viel Geld nicht machbar? Und schließlich: Ist viel Geld seinerseits jemals genug oder gibt es auch für „den Reichsten“ Dinge, die er sich einfach nicht leisten kann, weil das Geld nicht reicht?
Fragen wie diesen geht der Roman „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach in besonderer Weise nach, wobei der Buchtitel für sich genommen – sieht man einmal von Eschbachs Science-Fiction-Kompendium „Eine Trillion Euro“ ab – deutlich macht, dass der Autor des Bestsellers „Das Jesus-Video“ keine kleinen Brötchen backen wollte – und auch nicht gebacken hat. Für, im Vergleich zum Titel bescheidene, 9,90 € ist das 887 Seiten starke Taschenbuch, im Jahre 2003 unter der ISBN 3-404-15040-6 beim Verlag Bastei Lübbe erschienen. Passenderweise im „grün“ der US-Dollar-Scheine und auch bei der Durchnummerierung der Seiten nicht mit bescheidenen ein- bis dreistelligen Zahlen auskommend, sondern immer brav neun Nullen dranhängend, sodass der Lesende – ein Geschenk für alle Prahlhälse – nicht etwa einhundert Seiten, sondern gleich einhundert Milliarden (!) Seiten, gelesen hat. Neben dem „Gag“ finden sich dabei allerdings auch ab und an Bezugsgrößen, bei denen etwa mit der jeweiligen Seitenzahl eine reale Größe verbunden wird, etwa mit der Seitenzahl „211.000.000.000 $“ die Information, dass diese Zahl für die Gesamtausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland im Jahre 1995 steht. Bedenkt man anhand solcher Vergleiche, dass der Titel, nummerisch dargestellt „1.000.000.000.000 $“ lautet, bekommt das Buch einmal mehr eine neue Tiefe: beinahe fünf Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung Gesamtdeutschlands in einer Hand, das ist doch was.
Doch zunächst noch ein paar Worte zum Inhalt des Buches, wobei auch hier das Bemühen, den gewaltigen Inhalt nicht vorwegzunehmen, vor der Anstrengung, nicht gänzlich oberflächlich und nichtssagend zu schreiben, steht. John Fontanelli, pizzaausfahrender Student in New York, erhält von einer Florentiner Kanzlei die Mitteilung, dass er Erbe eines Vermögens geworden ist. Eines Vermögens, das nicht alltäglich ist. Und weil die Anwälte – vier an der Zahl – um die Folgen eines unverhofften Geldregens wissen, beginnen sie, den jungen, unwissenden, Erben vorsichtig auf sein Glück vorzubereiten. Zunächst die Ankündigung, dass es mehr als achtzigtausend Dollar sind – viel mehr als das. Sodann, dass es nicht nur achtzigtausend, sondern vier Millionen sind. Vier Millionen Dollar – und der Erbe nimmt unverändert das Erbe an. Sodann die Mitteilung, dass auch die vier Milionen nicht ganz ausreichen. „Denken Sie groß!“„Das Zehn- oder Zwanzigfache?“ „,Nein, größer!“ „Größer?“ „Zwei Milliarden.“ „Zwei Milliarden!?“ Ein Vermögen, über das nicht allzu viele Lebende derzeit gebieten. Und da haben bisher nur drei der vier Anwälte gesprochen und John Fontanelli auf das wahre Erbe vorbereitet. Dann, irgendwann ist es heraus: mehr als eine Billion Dollar, wobei mit jedem Atemzug über viertausend Dollar (!) hinzukommen, aus Zins und Zinseszins. Und das Ganze ohne Auflagen, wie man sie im Zeitalter von „Ich bin ein Star, holt mich hieraus“, „Big Brother“ und Ähnlichem ja erwarten könnte, beinahe schon müsste. Lediglich eine Prophezeiung ist mit der Erbschaft verknüpft, wonach der im fünfhundertsten Jahre nach seinem Ableben jüngste Nachkomme das Geld für die Rettung der Menschheit verwenden werde, wie es eine Vision dem Erblasser, der die vergleichsweise bescheidene Summe von umgerechnet 10.000 Dollar im 15. Jahrhundert einer Anwaltskanzlei zur ständigen Mehrung übergeben hat. Und der Zins mit seinem Gehilfen, dem Zinseszins, begannen Hand anzulegen. Am Ende, kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts, nunmehr das große Ergebnis, eine dreizehnstellige Zahl, die zudem als liquides Vermögen auf mehr als einer Million Bankkonten bereit steht und nicht etwa in unauflösbaren Beteiligungen und Buchwerten auf dem Papier existiert. Doch was fängt man mit einem Vermögen an, das größer ist als die Summe der fünfzig größten anderen Vermögen zusammen? Ausgeben, bis der Arzt kommt? Versuchen, eine diffuse und wirre Prophezeiung zu erfüllen? Einfach das Leben genießen oder doch den gesellschaftlichen Erwartungen nach einem Goldenen Palast, einem ganzen Hofstaat und Ähnlichem nachgeben? John Fontanelli muss plötzlich erkennen, dass sein Vermögen auf der einen Seite unbegreiflich ist, auf der anderen Seite aber längst nicht ausreicht, die weltweite Armut auch nur ansatzweise zu bekämpfen. Bei mehr als drei Milliarden Armen und über zwei Milliarden Ärmsten, die weniger als wenig haben, verteilt sich die scheinbar so große Zahl auf eine höchst anschauliche Zahl im Bereich zwischen dreißig und fünfzig Dollar – ohne dass auch nur ein Cent für die Verteilung ausgegeben worden ist. So wird es also schon mal nichts. Doch vielleicht weiß der Unbekannte ja Rat, der zumindest um die Prophezeiung, ihren Inhalt und die geheime Privatnummer des Billionärs Kenntnis hat. Und der auch mehr über die Vergangenheit der Anwälte zu wissen scheint, die immerhin das größte und unbekannteste Vermögen der Welt(geschichte) betreut haben.
Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfaherttechnik und arbeitete zunächst als Software-Entwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung „für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs“ schrieb er seinen ersten Roman, der 1996 erschien. Bekannt wurde er vor allem durch den Bestseller „Das Jesus Video“. Andreas Eschenbach lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Betragne. Weitere bekannte Werke sind „Exponentialdrift“, „Eine Billion Dollar“ sowie „Kelwitts Stern“ und „Solarstation“.
Der Roman ist beinahe schon einzigartig. Er fesselt den Lesenden unerbittlich an die dahinfliegende Handlung, stellt stets aufs Neue die Geduld und Phantasie auf die Probe und streift dabei zugleich die großen Ereignisse des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Nebenbei streut Eschbach fundiert Grundlagenwissen der VWL in die Zeilen ein, ohne dabei allerdings gleich zum Rundumschlag a la Lehrbuch auszuholen. Das Buch ist eine Lektüre, die, allein schon aufgrund des Umfangs, sicherlich nicht mal ebenso zwischen durch gelesen werden kann und auch nicht gelesen werden sollte. Denn Denkanstöße, tiefgehende Gedanken und kritische Anmerkungen zu dem, was auch heute noch „heile Welt“ genannt wird, gibt es hier zuhauf, ohne dass dabei allerdings gleich eine düstere Endzeitstimmung projeziert wird. Das Buch verfällt auch nicht in Unglaubwürdigkeit, wie es vielleicht bei manch anderem Verlauf der Fall wäre, wenn den goldenen Tellern nur noch diamantene Gläser und aus Platin getriebene Gabeln folgen würden, während rund herum die Welt vor die Hunde geht. Selbst düstere Machenschaften in Gestalt einer Entführung und einer schmutzigen Testamentsanfechtung hat Eschbach vorgesehen, wobei hier am Ende kritisch vermerkt werden könnte, ob derjenige, der mehr als die meisten anderen auf der Welt zusammen genommen besitzen, wirklich nicht interessanter für die Mitglieder der Halb- und Unterwelt ist.
Kritisch zu vermerken habe ich persönlich, dass die zwischendurch aufgezeigte Lösung des „Konstruktionsproblems unserer Zivilisation“, die im Lexikon am ehesten unter „Nationalbank“ oder „Geldschöpfung“ vermerkt ist, ein wenig einseitig ausfällt. Es ist wohl kaum der Zins an sich, der die Welt zu dem werden lässt, was sie heute ist, schließlich ist der Zins, unabhängig, von wem er erhoben wird, nur ein Werkzeug in den Händen dessen, der etwas hat, was er nicht braucht. Das echte „Leihen“ von Geld oder anderen Gegenständen vollzieht sich heutzutage allenfalls im Mikrokosmos und selbst hier entweder nur bei entsprechender Sympathie, äußerst kurzen Zeitabständen oder schlichtweg dann, wenn der Aufwand und Umstand der Zinsnahme den Zinseffekt deutlich übersteigt. Habgier und das mildere Streben nach mehr sind dagegen Umstände, dies es auch schon vor der Erfindung des Geldes gegeben haben dürfte und wohl auch noch nach der fernen Möglichkeit einer Abschaffung desselben geben wird. Auch ist der Umstand, dass einerseits alle denkbaren Vorgehensweisen die Welt nicht wirklich vom Abgrund, an den sie getreten ist, zurück treiben können, andererseits aber die Wahl eines World Speakers das „Goldene Elixier“ für unseren Planeten sein soll, irgendwie eine subtile Art von „Schönfärberei“, wenngleich ich durchaus bereit bin, Sympathie für eine solche Lösung einzugestehen und auch dem am Ende vorgestellten Modell einer ökologischen Steuerreform – keine Ökosteuer, sondern wirklich eine ökologische Besteuerung – eine gewisse Begeisterung entgegen bringe.
Alles in allem ist das Buch ein Werk, das nicht jedermann empfohlen werden kann. Zwar habe ich die beinahe schon 900 Seiten in vier Tagen durchgeschmöckert, ohne dabei auch nur ein einziges Mal auf Langatmigkeit oder Müdigkeit zu stoßen, sondern vielmehr stets als unsichtbarer Begleiter des überlasteten Erben mit diesem auf der Suche nach der Lösung für alle Probleme durch die Welt der eigenen Phantasie zu streifen. Doch habe ich in dieser Zeit nicht viel mehr gemacht, weshalb wahrscheinlich so ziemlich jeder, der schon bei einem nur halb so dicken Buch die Stirne runzelt und die Frage stellt, womit oder wofür er ein solches – als Geschenk – verdient habe, sicherlich nicht gerade Freudentänze aufführen wird. Gleichwohl empfiehlt sich das Buch jedem, der sich auch nur ab und an Zeit und Muße nimmt, ein gutes Buch zu lesen und nicht einfach danach nur aufzustehen und wieder dem Alltag anzugehören, sondern auch bereit ist, die Welt um sich herum etwas kritischer zu hinterfragen und über scheinbar nur nebenbei aufgeworfene Fragen genauer nachzudenken. Das Lesevergnügen ist bei diesem „Schmöker“ das eine, die eigenen Erfahrungen, Überlegungen und Gedanken das andere. Beides zusammen machen für alle, die in Büchern mehr als nur Regalfüller, Staubfänger oder Verlegenheitspräsente sehen, sicherlich eine wertvolle und geschätzte Erfahrung aus. Mir jedenfalls hat das Lesen des Buches, abgesehen von der Ablenkung und der Unterhaltung, einige Denkanstöße dahingehend gebracht, einerseits nicht alles als „ist eh alles verloren“, andererseits als „wird auch so schon wieder werden“, zu sehen. Es kommt, wie Eschbachs Intention wohl auch lauten und verstanden werden will, ein wenig auf jeden selbst an, damit aus der „heilen Welt“ eine wirklich heile Welt wird: im ganz Großen wie auch im ganz Kleinen.
Schlussendlich die Empfehlung: Adressatenkreis des Buches ist grundsätzlich jedermann, wobei Kinder und Jugendliche wahrscheinlich nicht nur mit dem Umfang, sondern auch mit den subtilen Aspekten mangels entsprechender Lebenserfahrung, Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge und Ähnliches überfordert sind. Lesemuffel brauche ich wahrscheinlich erst gar nicht zu warnen, die werden das Buch ob der Dicke eh nicht in die Hand nehmen. Bücherwürmern hingegen kann ich die Lektüre nur dringend empfehlen, denn hier wird weit mehr als nur nette Handlung mit plastischer Darstellung und flüssiger Sprache geboten. Dem Gelegenheitsleser sei geraten, das Buch nicht unbedingt als leichte Urlaubslektüre anzusehen, sondern eher als Lektüre zur Entspannung und Zerstreuung. Das Werk liest sich schnell und flüssig, aber nicht leicht und schnell verdaulich und kann schon mal einen Stimmungsumschwung hervorrufen, der bei einem „Strandurlaub“ nicht jedermanns Sache ist.
Fragen wie diesen geht der Roman „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach in besonderer Weise nach, wobei der Buchtitel für sich genommen – sieht man einmal von Eschbachs Science-Fiction-Kompendium „Eine Trillion Euro“ ab – deutlich macht, dass der Autor des Bestsellers „Das Jesus-Video“ keine kleinen Brötchen backen wollte – und auch nicht gebacken hat. Für, im Vergleich zum Titel bescheidene, 9,90 € ist das 887 Seiten starke Taschenbuch, im Jahre 2003 unter der ISBN 3-404-15040-6 beim Verlag Bastei Lübbe erschienen. Passenderweise im „grün“ der US-Dollar-Scheine und auch bei der Durchnummerierung der Seiten nicht mit bescheidenen ein- bis dreistelligen Zahlen auskommend, sondern immer brav neun Nullen dranhängend, sodass der Lesende – ein Geschenk für alle Prahlhälse – nicht etwa einhundert Seiten, sondern gleich einhundert Milliarden (!) Seiten, gelesen hat. Neben dem „Gag“ finden sich dabei allerdings auch ab und an Bezugsgrößen, bei denen etwa mit der jeweiligen Seitenzahl eine reale Größe verbunden wird, etwa mit der Seitenzahl „211.000.000.000 $“ die Information, dass diese Zahl für die Gesamtausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland im Jahre 1995 steht. Bedenkt man anhand solcher Vergleiche, dass der Titel, nummerisch dargestellt „1.000.000.000.000 $“ lautet, bekommt das Buch einmal mehr eine neue Tiefe: beinahe fünf Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung Gesamtdeutschlands in einer Hand, das ist doch was.
Doch zunächst noch ein paar Worte zum Inhalt des Buches, wobei auch hier das Bemühen, den gewaltigen Inhalt nicht vorwegzunehmen, vor der Anstrengung, nicht gänzlich oberflächlich und nichtssagend zu schreiben, steht. John Fontanelli, pizzaausfahrender Student in New York, erhält von einer Florentiner Kanzlei die Mitteilung, dass er Erbe eines Vermögens geworden ist. Eines Vermögens, das nicht alltäglich ist. Und weil die Anwälte – vier an der Zahl – um die Folgen eines unverhofften Geldregens wissen, beginnen sie, den jungen, unwissenden, Erben vorsichtig auf sein Glück vorzubereiten. Zunächst die Ankündigung, dass es mehr als achtzigtausend Dollar sind – viel mehr als das. Sodann, dass es nicht nur achtzigtausend, sondern vier Millionen sind. Vier Millionen Dollar – und der Erbe nimmt unverändert das Erbe an. Sodann die Mitteilung, dass auch die vier Milionen nicht ganz ausreichen. „Denken Sie groß!“„Das Zehn- oder Zwanzigfache?“ „,Nein, größer!“ „Größer?“ „Zwei Milliarden.“ „Zwei Milliarden!?“ Ein Vermögen, über das nicht allzu viele Lebende derzeit gebieten. Und da haben bisher nur drei der vier Anwälte gesprochen und John Fontanelli auf das wahre Erbe vorbereitet. Dann, irgendwann ist es heraus: mehr als eine Billion Dollar, wobei mit jedem Atemzug über viertausend Dollar (!) hinzukommen, aus Zins und Zinseszins. Und das Ganze ohne Auflagen, wie man sie im Zeitalter von „Ich bin ein Star, holt mich hieraus“, „Big Brother“ und Ähnlichem ja erwarten könnte, beinahe schon müsste. Lediglich eine Prophezeiung ist mit der Erbschaft verknüpft, wonach der im fünfhundertsten Jahre nach seinem Ableben jüngste Nachkomme das Geld für die Rettung der Menschheit verwenden werde, wie es eine Vision dem Erblasser, der die vergleichsweise bescheidene Summe von umgerechnet 10.000 Dollar im 15. Jahrhundert einer Anwaltskanzlei zur ständigen Mehrung übergeben hat. Und der Zins mit seinem Gehilfen, dem Zinseszins, begannen Hand anzulegen. Am Ende, kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts, nunmehr das große Ergebnis, eine dreizehnstellige Zahl, die zudem als liquides Vermögen auf mehr als einer Million Bankkonten bereit steht und nicht etwa in unauflösbaren Beteiligungen und Buchwerten auf dem Papier existiert. Doch was fängt man mit einem Vermögen an, das größer ist als die Summe der fünfzig größten anderen Vermögen zusammen? Ausgeben, bis der Arzt kommt? Versuchen, eine diffuse und wirre Prophezeiung zu erfüllen? Einfach das Leben genießen oder doch den gesellschaftlichen Erwartungen nach einem Goldenen Palast, einem ganzen Hofstaat und Ähnlichem nachgeben? John Fontanelli muss plötzlich erkennen, dass sein Vermögen auf der einen Seite unbegreiflich ist, auf der anderen Seite aber längst nicht ausreicht, die weltweite Armut auch nur ansatzweise zu bekämpfen. Bei mehr als drei Milliarden Armen und über zwei Milliarden Ärmsten, die weniger als wenig haben, verteilt sich die scheinbar so große Zahl auf eine höchst anschauliche Zahl im Bereich zwischen dreißig und fünfzig Dollar – ohne dass auch nur ein Cent für die Verteilung ausgegeben worden ist. So wird es also schon mal nichts. Doch vielleicht weiß der Unbekannte ja Rat, der zumindest um die Prophezeiung, ihren Inhalt und die geheime Privatnummer des Billionärs Kenntnis hat. Und der auch mehr über die Vergangenheit der Anwälte zu wissen scheint, die immerhin das größte und unbekannteste Vermögen der Welt(geschichte) betreut haben.
Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfaherttechnik und arbeitete zunächst als Software-Entwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung „für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs“ schrieb er seinen ersten Roman, der 1996 erschien. Bekannt wurde er vor allem durch den Bestseller „Das Jesus Video“. Andreas Eschenbach lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Betragne. Weitere bekannte Werke sind „Exponentialdrift“, „Eine Billion Dollar“ sowie „Kelwitts Stern“ und „Solarstation“.
Der Roman ist beinahe schon einzigartig. Er fesselt den Lesenden unerbittlich an die dahinfliegende Handlung, stellt stets aufs Neue die Geduld und Phantasie auf die Probe und streift dabei zugleich die großen Ereignisse des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Nebenbei streut Eschbach fundiert Grundlagenwissen der VWL in die Zeilen ein, ohne dabei allerdings gleich zum Rundumschlag a la Lehrbuch auszuholen. Das Buch ist eine Lektüre, die, allein schon aufgrund des Umfangs, sicherlich nicht mal ebenso zwischen durch gelesen werden kann und auch nicht gelesen werden sollte. Denn Denkanstöße, tiefgehende Gedanken und kritische Anmerkungen zu dem, was auch heute noch „heile Welt“ genannt wird, gibt es hier zuhauf, ohne dass dabei allerdings gleich eine düstere Endzeitstimmung projeziert wird. Das Buch verfällt auch nicht in Unglaubwürdigkeit, wie es vielleicht bei manch anderem Verlauf der Fall wäre, wenn den goldenen Tellern nur noch diamantene Gläser und aus Platin getriebene Gabeln folgen würden, während rund herum die Welt vor die Hunde geht. Selbst düstere Machenschaften in Gestalt einer Entführung und einer schmutzigen Testamentsanfechtung hat Eschbach vorgesehen, wobei hier am Ende kritisch vermerkt werden könnte, ob derjenige, der mehr als die meisten anderen auf der Welt zusammen genommen besitzen, wirklich nicht interessanter für die Mitglieder der Halb- und Unterwelt ist.
Kritisch zu vermerken habe ich persönlich, dass die zwischendurch aufgezeigte Lösung des „Konstruktionsproblems unserer Zivilisation“, die im Lexikon am ehesten unter „Nationalbank“ oder „Geldschöpfung“ vermerkt ist, ein wenig einseitig ausfällt. Es ist wohl kaum der Zins an sich, der die Welt zu dem werden lässt, was sie heute ist, schließlich ist der Zins, unabhängig, von wem er erhoben wird, nur ein Werkzeug in den Händen dessen, der etwas hat, was er nicht braucht. Das echte „Leihen“ von Geld oder anderen Gegenständen vollzieht sich heutzutage allenfalls im Mikrokosmos und selbst hier entweder nur bei entsprechender Sympathie, äußerst kurzen Zeitabständen oder schlichtweg dann, wenn der Aufwand und Umstand der Zinsnahme den Zinseffekt deutlich übersteigt. Habgier und das mildere Streben nach mehr sind dagegen Umstände, dies es auch schon vor der Erfindung des Geldes gegeben haben dürfte und wohl auch noch nach der fernen Möglichkeit einer Abschaffung desselben geben wird. Auch ist der Umstand, dass einerseits alle denkbaren Vorgehensweisen die Welt nicht wirklich vom Abgrund, an den sie getreten ist, zurück treiben können, andererseits aber die Wahl eines World Speakers das „Goldene Elixier“ für unseren Planeten sein soll, irgendwie eine subtile Art von „Schönfärberei“, wenngleich ich durchaus bereit bin, Sympathie für eine solche Lösung einzugestehen und auch dem am Ende vorgestellten Modell einer ökologischen Steuerreform – keine Ökosteuer, sondern wirklich eine ökologische Besteuerung – eine gewisse Begeisterung entgegen bringe.
Alles in allem ist das Buch ein Werk, das nicht jedermann empfohlen werden kann. Zwar habe ich die beinahe schon 900 Seiten in vier Tagen durchgeschmöckert, ohne dabei auch nur ein einziges Mal auf Langatmigkeit oder Müdigkeit zu stoßen, sondern vielmehr stets als unsichtbarer Begleiter des überlasteten Erben mit diesem auf der Suche nach der Lösung für alle Probleme durch die Welt der eigenen Phantasie zu streifen. Doch habe ich in dieser Zeit nicht viel mehr gemacht, weshalb wahrscheinlich so ziemlich jeder, der schon bei einem nur halb so dicken Buch die Stirne runzelt und die Frage stellt, womit oder wofür er ein solches – als Geschenk – verdient habe, sicherlich nicht gerade Freudentänze aufführen wird. Gleichwohl empfiehlt sich das Buch jedem, der sich auch nur ab und an Zeit und Muße nimmt, ein gutes Buch zu lesen und nicht einfach danach nur aufzustehen und wieder dem Alltag anzugehören, sondern auch bereit ist, die Welt um sich herum etwas kritischer zu hinterfragen und über scheinbar nur nebenbei aufgeworfene Fragen genauer nachzudenken. Das Lesevergnügen ist bei diesem „Schmöker“ das eine, die eigenen Erfahrungen, Überlegungen und Gedanken das andere. Beides zusammen machen für alle, die in Büchern mehr als nur Regalfüller, Staubfänger oder Verlegenheitspräsente sehen, sicherlich eine wertvolle und geschätzte Erfahrung aus. Mir jedenfalls hat das Lesen des Buches, abgesehen von der Ablenkung und der Unterhaltung, einige Denkanstöße dahingehend gebracht, einerseits nicht alles als „ist eh alles verloren“, andererseits als „wird auch so schon wieder werden“, zu sehen. Es kommt, wie Eschbachs Intention wohl auch lauten und verstanden werden will, ein wenig auf jeden selbst an, damit aus der „heilen Welt“ eine wirklich heile Welt wird: im ganz Großen wie auch im ganz Kleinen.
Schlussendlich die Empfehlung: Adressatenkreis des Buches ist grundsätzlich jedermann, wobei Kinder und Jugendliche wahrscheinlich nicht nur mit dem Umfang, sondern auch mit den subtilen Aspekten mangels entsprechender Lebenserfahrung, Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge und Ähnliches überfordert sind. Lesemuffel brauche ich wahrscheinlich erst gar nicht zu warnen, die werden das Buch ob der Dicke eh nicht in die Hand nehmen. Bücherwürmern hingegen kann ich die Lektüre nur dringend empfehlen, denn hier wird weit mehr als nur nette Handlung mit plastischer Darstellung und flüssiger Sprache geboten. Dem Gelegenheitsleser sei geraten, das Buch nicht unbedingt als leichte Urlaubslektüre anzusehen, sondern eher als Lektüre zur Entspannung und Zerstreuung. Das Werk liest sich schnell und flüssig, aber nicht leicht und schnell verdaulich und kann schon mal einen Stimmungsumschwung hervorrufen, der bei einem „Strandurlaub“ nicht jedermanns Sache ist.
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25.02.2005, 12:14 Uhr von ichbingut2
Bewertung: sehr hilfreichhast dich ja wirklich ins zeug gelegt! respekt!
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