Hallo Mister Gott, hier spricht Anna (Taschenbuch) / Fynn Testbericht

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Erfahrungsbericht von *sannah*

Mehr als nur Kindermund!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Kinder sind gnadenlos ehrlich und scheuen sich nicht, die Wahrheit auszusprechen: „Mamaaa, die Tante da ist aber ganz schön dick!“ (Besagte „Tante“ sitzt einen Meter weit weg und wirft der „ihr- Kind- nicht- erziehen- könnenden“ Mutter einen bitterbösen Blick aus ihren Schweinsäugelchen zu.)
Kinder wollen die Welt entdecken. Erste tapsige Schritte an Mamas oder Papas Hand, mit großen Augen Flora und Fauna bestaunen, die ersten Doktorspiele („Was hast du denn da unten???“) und schließlich das große Geheimnis der Zahlen und Buchstaben lösen.
Kinder haben eine ganz eigene Logik, vor der selbst Erwachsene oftmals kapitulieren und oft zu dem Schluss kommen, dass da ja doch was dran sein könnte.
Kinder sind spontan, davor werden Autofahrer gewarnt, sie handeln impulsiv, ohne lange zu überlegen. Interessiert sie etwas in einem Augenblick, kann es einen Moment später schon wieder völlig ohne Belang sein.

Genau so ist Anna. Anna ist vier Jahre alt, als Fynn sie zerlumpt und hungrig bei den Londoner Docks aufliest. Die beiden freunden sich an, obwohl sie äußerlich ein vollkommen verschiedenes Paar sind. Fynn ist zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt, einszweiundneunzig groß, mit 70 kg ein Schlacks. Seine Leidenschaft gilt der Mathematik und der Physik. In seine Welt stößt nun plötzlich Anna, rotblond, quietschvergnügt, fast wie ein Engel, wenn ihr Lachen nicht wäre, denn das klingt „nicht wie Silberglöckchen; es war eine Mischung aus Hundegebell, Motorrad und Fahrradluftpumpe.“. Sie ist von zu Hause ausgerückt, ihr Vater trinkt, ihre Mutter „ist eine Kuh“. Daher nimmt Fynn sie mit nach Hause, seine Mutter ist inzwischen daran gewöhnt, dass er „Pflegekinder“ mit nach Hause bringt. Und Anna nimmt alle Herzen für sich ein, sie hat „das gewisse Etwas“, das wilde Katzen zutraulich werden lässt und auch den grimmigsten Zeitgenossen ein Lächeln entlockt. Zusammen mit Fynn entdeckt sie die Welt für sich, wenn auch seine Erziehung nicht ganz herkömmlich ist. So laufen die beiden nachts durch den Londoner Hafen, lernen dort auch einige „Nachtgestalten“ kennen, mit denen sich Anna ganz selbstverständlich auch anfreundet. Und eins bekommt Anna von Fynn nie zu hören: „Lass das, dafür bist Du noch zu klein!“ Teilweise ist es auch Anna selbst, die in ihrem Eifer, die Welt für sich zu entdecken, alles ganz genau wissen möchte. So lernt sie bereits mit Hilfe eines Rechenschiebers Quadratwurzeln zu ziehen, bevor sie überhaupt zählen kann; Fynn zeigt ihr die Spektralfarben mit Hilfe eines Prismas. Alles das verarbeitet Anna in ihrer Welt und zu ihrer eigenen Philosophie. Und zu der gehört für sie „Mister Gott“.

Für alle überzeugte Atheisten unter Euch geneigten Lesern ;-), die das Buch schon deshalb nicht näher anschauen, weil im Titel „Gott“ vorkommt und die dann auch vielleicht noch wissen, dass ich etwas (aber nicht zuviel und auch nicht so sehr überzeugt) kirchlich angehaucht bin... – das ist nicht der Grund für mich gewesen, dieses Buch sofort zu lieben, als ich es vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt bekam.

Die Sache mit Mister Gott und der Kirche hat Anna mit ihren fünf Jahren schon begriffen: Kirche ist für Anna eine sehr suspekte Institution, die „Beterei im Kollektiv“ ist nichts für sie und da dort ja erzählt wird, dass „Mister Gott“ überall ist, muss man ja nicht in die Kirche gehen, um „Mister Gott“ nahe zu sein. Als kleines Kind von vier Jahren geht man da vielleicht noch hin, aber dann hat man die Botschaft auch verstanden und muss da nicht mehr hin. Dementsprechend gerät Anna auch in Konflikt mit ihrer Lehrerin – Annas eigene Philosophie ist oftmals zu hoch für sie. Zum Beispiel kann „Gott kein Gesicht haben, denn so muss er, um alle Menschen sehen zu können, weder schielen noch den Kopf verdrehen und sieht uns trotzdem alle. Er schaut überall hin, gleichzeitig!“

Noch Fragen?

Anna erklärt noch vieles mehr und mir ist es beim Lesen oft ergangen, dass ich stutzte und noch einmal nachlas - hmmm, irgendetwas Wahres steckt meist hinter ihren Ideen, selbst wenn sie den großen Einstein in Frage stellt. Insofern ist dieses Buch fast mit einer „Philosophie für Anfänger“ zu vergleichen. Das Beste an diesem Buch ist allerdings, dass es Anna wirklich gegeben hat, der Roman ist von einem irischen Mathematiker unter dem Pseudonym Fynn veröffentlicht worden. Vielleicht ist es das, was der Erzählung den Zauber gibt, den sie für mich hat: diese Authentizität, die Zeitlosigkeit der Erzählung (denn es ist wirklich schwer festzustellen, wann die Geschichte, die 1974 erstmals veröffentlicht worden ist, tatsächlich stattgefunden hat). Sie ist in 27 wirklich kurze Kapitel eingeteilt, dass man theoretisch immer kurz vorm Einschlafen eins lesen und dann noch etwas darüber grübeln kann. Vom Schreibstil her klingt vieles nach einfacher Kindersprache (Anna eben), ich würde das Buch dennoch nicht als Gute-Nacht-Geschichte empfehlen, dafür ist es vielleicht etwas zu kopflastig *g*, empfohlen wird es ab 12.

Wer sich einmal in die Gedankenwelt einer pfiffigen Vier- bis Siebenjährigen hineindenken möchte und wissen will, wie die Geschichte von Anna (und Fynn) endet und nebenbei kein Problem mit „Mister Gott“ hat, dem kann ich dieses Buch nur weiterempfehlen, es ist einfach traumhaft menschlich! Und wer noch nicht genug hat, für den gibt es auch noch die Nachfolger "Anna schreibt an Mister Gott" (in meiner Ausgabe schon gleich mit drin - ebenfalls sehr empfehlenswert!) und "Anna und der ungläubige Thomas" (das kenn ich selbst nicht, es soll allerdings nicht so gut sein, wenn man Dritten Glauben schenken darf).