Der Medicus (Taschenbuch) / Noah Gordon Testbericht

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Erfahrungsbericht von benevampir

Wirklich lesenswert!!

Pro:

leicht zu lesen spannend

Kontra:

Suchtgefahr

Empfehlung:

Ja

1. Ein „kleiner“ Einblick

Wir schreiben das Jahr 1021. Wir befinden uns in London. Rob Jeremy Cole, Sohn eines Zimmermannes ist gerade neun Jahre alt. Er ist der älteste von fünf Geschwistern. Als seine Mutter das sechste zur Welt bringt, stirbt sie.
Doch kurz bevor das eintritt, spürt Rob zum ersten Mal die schwere Gabe, die ihm verliehen ist.

„Als er ihre Hand nahm, ging etwas von ihrem Körper aus und drang in sein Bewusstsein. Es war eine Art Gewissheit: Er wusste mit unbeirrbarer Sicherheit, was mit ihr geschehen würde. Er konnte nicht weinen. Er konnte nicht schreien. Die Nackenhaare sträubten sich ihm. Er spürte blankes Entsetzen. Selbst als Erwachsener hätte er nicht damit fertig werden können, und er war doch noch ein Kind.“

Kurz darauf stirbt auch sein Vater. Wieder spürt er, wie ihm das Leben entrinnt.
Die Zimmermannszunft, der er angehört, verteilt Geschwister und Hab und Gut der Coles auf ihre Mitglieder. Nur Rob ist schwer zu vermitteln: zu jung, um wie ein Mann zu arbeiten, aber er ißt wie ein Mann. Voller Angst und als letztes übrig im leeren Haus, nimmt sich ein Bader seiner an.

„Fünf bleierne Tage nach der Beerdigung seines Vaters stand ein Fremder vor der Tür.
„Bist du der junge Cole?“
Er nickte argwöhnisch, mit klopfendem Herzen.
„Ich heiße Croft. Mich schickt ein Mann namens Richard Bukerel, den ich in der Bardwell- Taverne beim Bier kennengelernt habe.“
Rob sah einen Mann vor sich, der weder jung noch alt war, mit einem großen, massigen Körper und einem wettergegerbten Gesicht, das von den langen Haaren eines freien Mannes und einem rund geschnittenen, gekräuselten Bart von der gleichen rötlichbraunen Farbe umrahmt war.
„Wie lautet dein voller Name?“
„Robert Jeremy Cole, Sir.“
„Alter?“
„Neun Jahre.“
„Ich bin Bader und suche einen Lehrling. Weißt du, was ein Bader ist, kleiner Cole?“
„Seid ihr so etwas wie ein Arzt?“
Der dicke Mann lächelte. „Das reicht fürs erste. Bukerel hat mich über deine Lage unterichtet. Sagt dir mein Gewerbe zu?“
Das war nicht der Fall; auf keinen Fall wollte er so etwas werden die der Quacksalber, der seinen Vater zu Tode geschröpft hatte. Aber noch weniger wollte er als Unfreier verkauft werden, und so bejahte er die Frage ohne jedes Zögern.“

So beginnt Rob seine Lehre als Baderlehrling. Er muss hart arbeiten und so manches Abenteuer durchstehen. Hunger muss er nicht leiden, denn der Bader ist ein sehr guter Koch.
Seine Gabe, die er als Bürde ansieht, kommt ihnen zu gute: spürt er, dass jemand sterben wird, flüchten sie aus der Stadt. Denn: es ist die Zeit der Hexen- und Hexerverfolgung. Schnell gelangt man in den Ruf, dem Teufel zu dienen und die Tests, die aufdecken, ob Hexer oder nicht sind immer tödlich….

Ständig sucht Rob Cole nach seinen Geschwistern. Doch mit keinem Erfolg. Schließlich flüchtet er sich in den Alkohol und streitet sich ständig mit dem Bader. Als sie sich wieder versöhnt haben und geeinigt, dass Rob fortan alleine weiterziehen wird, stirbt der Bader.

Robert Cole ist somit selbstständig und auch glücklich, denn er hat ein gutes Auskommen und kann Menschen helfen.

Doch eines Tages begegnet er einem jüdischen Medicus, der ihm zeigt, wie viel mehr er weiß. Als Robert bei ihm in die Lehre gehen will, lehnt dieser ab. Da er Jude ist, und ständiger Beobachtung ausgesetzt (Juden gelten noch als die Mörder Christi), kann er ihn als Nicht-Jude nicht annehmen. Vergeblich versucht Robert Cole andere Medici zu überzeugen, dass sie ihn als Lehrling annehmen sollen. Doch entweder sind diese Juden … oder Quacksalber.
Zufällig erfährt er, dass es eine Ärzteschule in Persien gibt, die Ärzte ausbildet – aber nur Juden aufnimmt. Dort allerdings sei der größte Medicus aller Zeiten – Abu Ali al- Husain ibn Abdullah ibn Sina.

„Und wenn er sein Leben lang suchen musste, er würde einen angesehenen Medicus finden, bei dem er in die Lehre gehen könnte.
Bisher hatte er erst mit zwei jüdischen Ärzten gesprochen. Es gab sicherlich noch andere. „Vielleicht würde mich einer nehmen, wenn ich mich als Jude ausgäbe“, sagte er zu seiner Katze.
Und so fing es an: zunächst noch nicht einmal ein Traum, nur ein leicht dahingesagtes Hirngespinnst. Er wusste, dass er den Juden nicht überzeugend genug spielen könnte, um tagtäglich den prüfenden Blicken eines jüdischen Meisters standzuhalten. Doch je länger er am Feuer saß und in die Flammen starrte, desto mehr nahm der Gedanke Gestalt an.
Die Katze bot ihm ihren seidenweichen Bauch. „Könnte ich einen Juden so gut spielen, dass ihn mir wenigstens die Mohammedaner abnehmen?“ frage Rob sie und sich selbst und Gott.
So gut, um bei dem größten Medicus der Welt zu studieren?
Überwältigt von der Ungeheuerlichkeit seines Gedankens, ließ er die Katze fallen, und sie sprang in den Wagen. …
„Ich werde ein falscher Jude sein!“ rief er aus. …
Er würde es bis nach Persien schaffen!
Er würde den Saum von Ibn Sinas Gewand berühren! …
Es hieß, es gebe sie allerorten, verflucht seien ihre Seelen. Auf der Reise würde er freundschaftlichen Umgang mit ihnen pflegen und ihre Sitten und Gebräuche studieren. Wenn er dann schließlich Isfahan erreichte, wäre er so bewandert, dass er den Juden spielen könnte, und Ibn Sina würde ihn aufnehmen und in die wertvollen Geheimnisse der arabischen Schule einweihen müssen.“

So beginnt die Reise seines Lebens, voller Gefahren und Wunder am Rande seines Weges. Er lernt viel. Doch in Isfahan angelangt, beginnt erst sein wirkliches Abenteuer – wird er es schaffen, dass man ihn aufnimmt und er es zum Medicus bringt? Und was erwartet ihn noch alles?

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2. Allgemeines zum Buch

Das Buch umfasst ca. 690 Seiten. Noah Gordon versteht es aber, nie langweilig oder ereignislos darzustellen, was Rob Cole erlebt. Manchmal gibt es auch einen Perspektivenwechsel (z. B. aus Sicht des Baders), was überrascht und das ganze etwas auflockert. Größtenteils allerdings erzählt der Roman die Sicht Robert Coles, was aber nie eintönig wird.
Dieses Buch ist in 7 Teile gegliedert, die das Lesen etwas erleichtern:

1. Der Gehilfe des Baders
2. Die lange Reise
3. Isfahan
4. Der Maristan
5. Der Feldscher
6. Hakim
7. Die Heimkehrer

Es gibt sehr viele Darstellungen, die von Gordon erfunden wurden, jedoch fühlt man sich in die Zeit versetzt und glaubt fast, sich selbst dort zu befinden.

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3. Fazit

Hier konnte ich nur ein paar kleine Textpassagen wiedergeben – aber ich hoffe, man hat bemerkt, wie flüssig und leicht zu lesen Gordon ist. Man wird ganz in die Welt des Mittelalters versetzt und kann alles mitvollziehen. Dabei fehlen aber menschliche Regungen und Gefühle keinesfalls – im Gegenteil: gerade durch diese wird dieser Roman sehr lebendig und lebensnah. Auch Negatives wird nicht ausgespart und auch auf die Hexenverfolgungen und Judenverachtung werden eingegangen. Jedoch immer im Rahmen des Romans – keine Hintergrundbeschreibungen. Alles ist sehr stimmig.

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4. Persönliche Meinung

Erst einmal danke, dass du soweit durchgehalten hast. Ich wollte diesen Roman schon lange lesen, scheiterte aber immer wieder an dem Gedanken, dass dieser vielleicht zu lang oder langweilig sein könnte oder mich die Geschichte nicht interessieren oder fesseln würde.

Das ist nicht der Fall. Mittlerweile (habe den Roman ca. ein halbes Jahr) habe ich ihn bestimmt schon fünfmal gelesen – und finde ihn immer noch gut und spannend. Immer wieder stolpert man über kleine Details, die einem nicht auffallen oder freut sich schon wieder auf bestimmte Stellen im Roman.
Der Roman ist auch gut als Abendlektüre geeignet. Die Namen und Personen sind leicht zu merken und es sind auch nicht sehr viele.

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick geben und ein klein bisschen neugierig machen auf den Roman. Er ist wirklich gut. Also keine Scheu vor der Seitenzahl…

benevampir, 13. Mai 2003

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