Der Puppengräber (Taschenbuch) / Petra Hammesfahr Testbericht

Rowohlt-taschenbuch-verla-der-puppengraeber-taschenbuch
ab 7,03
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 06/2005

5 Sterne
(3)
4 Sterne
(2)
3 Sterne
(1)
2 Sterne
(0)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von dottigross_juliaa

"Rabenaas"

Pro:

Spannend | Unterhaltsamer, anspruchsvoller Schreibstil | Neue Story

Kontra:

Viele Romanfiguren verwirren sehr

Empfehlung:

Ja

| Fakten
Titel: Der Puppengräber
Autor: Petra Hammesfahr
Verlag: Wunderlich Taschenbuch
ISBN: 3499266148
Preis: 4,95
Seiten: 399


| Kaufgrund
Ich habe schon einige Bücher von Petra Hammesfahr gelesen. Das faszinierende an dieser Autorin ist - so ist meine Meinung -, dass sie „super-tolle“ oder „grottenschlechte“ Bücher schreibt. Ein Mittelmaß finde ich bei ihr nicht. Gerade deshalb - so denke ich - werde ich immer wieder auf ihre Bücher aufmerksam. „Der Puppengräber“ fiel mir immer wieder auf, weil er in Bücherlisten und Rezensionen ganz oben stand. Irgendwann gab es im Kaufhof Galeria eine vergünstigte Sonderausgabe und da ich wusste, dass mit „Lukkas Erben“ eine Fortsetzung des ersten Teils auf den Markt gekommen war, kaufte ich gleich beide Bücher.

| Aufmachung
„Der Puppengräber“ ist auch im Rowohlt-Verlag als Taschenbuch erschienen. Vom Inhalt werden sich die beiden Ausgaben wohl nicht unterscheiden. Die Aufmachung kann man allerdings nicht miteinander vergleichen. Das Buch des Wunderlich-Verlages, von dem ich heute berichten möchte, hat ein wesentlich ansprechenderes Cover. Oder sollte ich es lieber „abschreckender“ nennen? Es zeigt in düsteren Farben, wie ein kleines Mädchen im Nachthemd in einer Badewanne steht. Von links fällt ein difuser Lichtstrahl durchs Fenster. Das Gesicht des Kindes liegt im Schatten. Das Foto hat zwar mit dem Inhalt des Buches nichts zu tun, erzeugt aber trotzdem eine unangenehme Gruselstimmung. Ich finde aber, eine Puppe, die auf dem Boden liegt und deren Bein ausgerissen wurde, hätte den gleichen Grusel-Effekt gehabt und käme dem Thema näher.

Der Umschlag ist biegsam und dadurch robuster als andere Karton-Arten. Der Blocksatz ist in ca. 11 pt großer Schrift (ich vermute in „Caslon“) mit ausreichendem Zeilenabstand gesetzt worden, so dass er sehr angenehm zu lesen ist.

| Inhalt
Ben wird als geistig zurück gebliebener Junge in eine kleine, dörfliche Welt hineingeboren. Seine Eltern - Trude und Jacob Schlösser -, die sich lang auf einen „Stammhalter“ gefreut haben, wollen lange Zeit nicht wahrhaben, dass Ben anders ist als andere Jungs in seinem Alter. Nur schwer finden sie sich mit seiner geistigen Behinderung ab. Doch bis ins Erwachsenenalter hinein verdrängen seine Eltern die Tatsache, dass ihr Sohn sich unter professioneller Anleitung vielleicht anders entwickelt hätte. Doch „Verdrängung“ scheint nicht nur in Bens Familie eine einfache „Bewältigung von Problemen“ zu sein, sondern auch im ganzen Dorf.

Als nach und nach junge Frauen spurlos verschwinden, will keiner wahrhaben, dass ihnen evtl. etwas zugestoßen ist. So wird behauptet, dass ein junges Mädchen sicherlich von zu Hause ausgebüxt ist, um das langweilige Landleben hinter sich zu lassen. Eine andere Frau hat sich - so wird spekuliert - von ihrem Freund getrennt, weil sie einen neuen Liebhaber hat. Auch als die erste Frauenleiche, dann einige weiteren gefunden werden, ändert sich nichts im Verhalten der Bürger. Man verdrängt teils wissentlich, teils unbewusst Hinweise, die zur Überführung des Mörders führen könnten. Einige Frauen würden vielleicht noch leben, wenn der ein oder andere Hinweis nicht vertuscht worden wäre...

Zwischen all den Geschehnissen steht Ben. Ein unbeholfener und geistig zurück gebliebener Junge, der Puppen Arme und Beine abreißt und diese fein säuberlich in der Erde vergräbt. Ein Mensch - halb Junge/halb Mann -, der mit seinen Kräften nicht umgehen kann und dem man solche Gräueltaten durchaus zutrauen könnte...


| Meine Meinung: Schreibstil
Der größte Albtraum stellen für mich Bücher dar, in denen es von Personen und Personennamen nur so wimmelt. Wenn die Personenanzahl ein Ausmaß annimmt, bei dem sich der Autor verpflichtet fühlt, Hilfe zu leisten, indem er auf den ersten Seiten eine Liste dieser Personen veröffentlicht, lege ich das Buch meist gleich wieder aus der Hand.
Auf Seite 5 bis 7 führt Petra Hammesfahr alle wichtigen Personen namentlich auf und erklärt in kurzen Sätzen, wie sie zueinander stehen. So wird Trude Schlösser, geb. 1936, als Bens Mutter und Ben als Benjamin Schlösser, geb. 1973, genannt Ben, vorgestellt. Näher geht die Autorin auf Heinz Lukka, geb. 1928, Rechtsanwalt mit Kanzlei in Lohberg, ein. In seiner Vorstellung erfährt man, dass Heinz Lukka Mitglieder der CDU ist und dem Stadtrat von Lohberg angehört. Sein Bungalow liegt außerhalb des Dorfes. Maria Lässler war seine große Liebe. Er ist ein guter Freund von Ben und vermittelte Jakob den Job im Baumarkt Wilmrod. - Ziemlich genervt las ich diese unangenehme „Einleitung“ durch, wohl wissend, dass ich spätestens nach der sechsten/siebten Namensnennung den Überblick verlieren würde.

Doch trotzdem das Buch eine erhöhte Aufmerksamkeit fordert, und ich bei der ein oder anderen Person überlegen musste, wer sie ist, war das Auseinanderhalten der Personen kaum ein Problem. Petra Hammesfahr versteht es geschickt, Ihre Romanfiguren in kurzen, prägnanten Sätzen zu beschreiben. Außerdem stellt sie immer wieder eine Verbindung zwischen den einzelnen Personen her, so dass der Leser die Zusammenhänge herstellen und verstehen kann. Dazu gehört allerdings eine gehörige Portion Konzentration, wie das folgende Textbeispiel zeigen soll:
[Quelle „Der Puppengräber“, Wunderlich Taschenbuch, S. 37] - ...Nach diesem Ereignis im Juli hatte Trude jeden Tag die Zeitung kontrolliert, keine Zeile über Svenja Krahl gefunden und sich allmählich wieder beruhigt. An dem Mittwochmorgen im August fand sie einen Artikel über Marlene Jensen, die seit Sonntag von ihren Eltern vermißt wurde. Gehört davon hatte Trude schon am Dienstag beim Einkaufen. Renate Kleu hatte ihr erzählt, daß Marlene sich am Samstag abend in der Diskothek in Lohberg mit zwei jungen Männern amüsiert, kräftig auf ihren Vater geflucht und es strikt abgelehnt habe, sich von Dieter mit zurück ins Dorf nehmen zu lassen. Von den Schlägen, die ihr ältester Sohn hatte einstecken müssen, hatte Renate Kleu nicht gesprochen. Von Thea Kreßmann hatte Trude zusätzlich erfahren, daß auch Albert die Heimfahrt angeboten und sich nachts um eins noch einmal vergebens nach Lohberg bemüht hatte. Außerdem wußte Thea Kreßmann, daß Erich Jensen für das gesamte Wochenende einen Hausarrest verhängt hatte. Thea war überzeugt, Marlene sei ausgerissen, um Erich zu zeigen, daß sie sich nicht alls bieten ließ.“

Obwohl ich mir aufgrund dieses Schreibstils teilweise schwer tat, dem Verlauf der Geschichte zu folgen, war ich von diesem Aufbau begeistert. Ich hatte nichts dagegen, „gefordert“ zu werden. Eigentlich gefallen mir Bücher mit - sagen wir mal - „einfacherem“ Schreibstil besser, weil ich mich lieber auf den Inhalt als auf Grammatik und Wortwahl konzentrieren möchte. Aber in diesem Fall erhöht der Schreibstil die Qualität des Buches ungemein.
Schwerer tat ich mir jedoch mit den Zeitsprüngen. Zwar wird jedes Kapitel mit entweder mit einer Zeitangabe (16. August 1995..., 20. August 1995...) oder mit einer Kapitelüberschrift („Althea Belashi“, „Trudes Begreifen“ etc.) eingeleitet, aber den Fortgang der Geschichte dem jeweiligen Zeitpunkt zuzuordnen fand ich schwer. So springt die Autorin zum Beispiel in die Vergangenheit und erklärt, dass zwei Menschen noch nicht verheiratet sind, dies aber in Zukunft - also den Zeitpunkt, den der Leser bereits kennt - aber noch sein werden.


| Meine Meinung: Inhalt
Wie ich bereits schrieb, ist das Interessante an diesem Buch der Schreibstil. Es machte mir sehr viel Spaß, dem nicht ganz einfachen Textfluss folgen zu können, und dadurch Hintergründe und Situationen zu durchschauen. Dass außerdem ein Mordfall aufgeklärt werden sollte, machte das Lesen zusätzlich spannend. Aber - so möchte ich anmerken - die Story tritt hinter dem Schreibstil zurück.
Die Geschichte war für mich neu, was mir sehr gefiel. Ein geistig zurück gebliebener junger Mann wird aufgrund seines begrenzten Sprachschatzes und seines seltsamen Verhaltens des Mordes an mehreren Frauen verdächtigt. Er versucht zwar, seinen Mitmenschen zu erklären, was er gesehen und getan hat, aber man versteht ihn falsch. Aufgrund seiner Worte wie „Fein“ und „fein macht“, „Rabenaas kalt“, „Finger weg“ und „Freund“ glaubt man, eindeutige Schlüsse ziehen zu können. Wenn diese Worte aber in Bens Augen etwas anderes bedeuten, als man allgemein hin denken könnte, wird es kompliziert. Das „Rabenaas“ für ihn kein Schimpfwort ist, ahnt der Leser. Doch die Personen im Roman deuten seine Hinweise falsch.
Unverständlich war für mich, warum die beteiligten Personen viele Hinweise - absichtlich oder unabsichtlich - unter den Tisch fallen ließen. Dass eine Mutter - um ihren Sohn zu schützen - der Polizei Beweismittel vorenthält, finde ich nur allzu menschlich. Dass aber Passanten ihren Schritt beschleunigen, um nicht in die Belästigung einer jungen Frau hinein gezogen zu werden, ist für mich nicht nachvollziehbar. Dass diese Passanten ihre Beobachtungen dann nicht der Polizei melden, finde ich geradezu sträflich.

Nach etwa der Hälfte des Buches war mir klar (oder besser: ich glaubte, es sei klar!), dass Ben die Morde nicht begangen hat. Dass der Roman dann aber eine derartig unvorhersehbare Wendung nehmen würde (ohne hier näher darauf einzugehen...), hätte ich nicht gedacht. Die Spannung, die sich gegen Mitte des Buches langsam steigert, erhält auch wirklich ihren verdienten Höhepunkt.


| „Mamas Meinung“
Da ich meiner Mutter den Roman ebenfalls zum Lesen gegeben hatte, möchte ich euch kurz ihren Eindruck darüber mitteilen. Sie hatte mit den vielen Personen und deren Namen sehr große Schwierigkeiten. Das beruhigte mich etwas und ich sah darin den Beweis, dass ich nicht ganz so „begriffsstutzig“ war, wie ich vermutet hatte. Meine Mutter las immer wieder ein paar Seiten und legte das Buch dann - ziemlich genervt - wieder weg. An mehreren Stellen nahm sie sich vor, das Buch nicht fertig zu lesen. Doch die Neugierde siegte und sie kämpfte sich tapfer bis zur letzten Seite.

| Fazit
Das Buch besticht vor allem durch den komplizierten, aber - wie ich finde - faszinierenden und sehr unterhaltsamen Schreibstil. Die Story war für mich auch neu, was mir gut gefiel. Es handelt sich also dabei nicht um eine Geschichte, die schon hundert Mal erzählt wurde, sondern um ein Story, die nicht voraussehbar ist. Die Spannung und der Aha-Effekt sind also gegeben. Ich vergebe deshalb vier von fünf Sternen und...

...dieses war der erste Streich und der zweite folgt... bald („Lukkas Erben“ ist schon in Arbeit)...

In diesem Sinne... alles bleibt anders... Eure Dotti

29 Bewertungen, 8 Kommentare

  • Zuckermaus29

    23.08.2006, 10:46 Uhr von Zuckermaus29
    Bewertung: sehr hilfreich

    :o) liebe Grüße Jeanny

  • snoopy202

    22.08.2006, 00:36 Uhr von snoopy202
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh und gut geschrieben. lg Udo

  • lil_do

    21.08.2006, 15:09 Uhr von lil_do
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh...ein sehr spannendes Buch..muss ich auch mal wieder lesen..

  • phobee

    21.08.2006, 11:01 Uhr von phobee
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr hilfreich! LG, Pia

  • hurb

    21.08.2006, 00:03 Uhr von hurb
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schöner Bericht, SH :)

  • LilaLisa

    20.08.2006, 16:18 Uhr von LilaLisa
    Bewertung: sehr hilfreich

    TOLLER Bericht! ;-D Liebe Grüsse Lisa ;-)

  • bianca24

    20.08.2006, 15:08 Uhr von bianca24
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das hört sich viel zu kompliziert an, als das ich das Buch lesen würde. Da gibt es sicher genug bessere. Aber du hast den Bericht perfekt geschrieben und deine Meinung eingebracht!!! LG, Bianca

  • MatthiasHuehr

    20.08.2006, 14:29 Uhr von MatthiasHuehr
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ciao Matthias