Die Zwerge (Taschenbuch) / Markus Heitz Testbericht

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ab 6,15
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Erfahrungsbericht von schranzkänguruh

Zwergisches Temperament als Lebensesse

Pro:

Allgemeinbild der Zwerge, Individuelle Charaktere

Kontra:

einfache Sprache

Empfehlung:

Ja

Liebe Leser,

es ist schon eine merkwürdige Begebenheit, wenn eine erklärte Antifantastin, zumindest was die Literatur anbelangt, gemächlich einen Fantasy Schmöker nach dem Nächsten verschlingt. Begonnen hat das Unheil mit dem verlockenden Bücherregal meines Freundes – vollgestopft mit trivialster Fantasyliteratur. Mit größter Genugtuung genoss ich wieder den zunächst der einfachen Schreibstil meines neusten „Opfers und labte mich an seiner Trivialität. Noch ehe ich ihm triumphierend mitteilen konnte, dass Fantasy eben doch etwas für Kinder ist, hatte das Buch mich in seinem Griff: Einfach geschrieben, durchschaubare Story, die in ihren Grundlangen nur eine Modifikation des Ringkrieges ist und ein faszinierender Nachgeschmack, den nur der Wunsch nach Realitätsflucht ausgelöst haben kann. Mist! Mich hat das Fantasyfieber wohl doch erwischt.




:: Markus Heitz ::
:: D I E Z W E R G E ::


(1) Die Welt
(2) Handlung
(3) Charaktere
(4) Stilistisch
(5) Kommentar
(6) Cover
(7) Fazit



:: (1) :: Die Welt ::

Der Roman spielt im “geborgenen Land”. Das geborgene Land beherbergt Menschen und Elben, sowie Zwerge. Die Zwerge sind in den Gebirgen rings um das Geborgene Land angesiedelt und in fünf Stämme unterteilt. Im inneren des Landes gibt es Elbenreiche, Königreiche und sechs Zauberreiche, mächtigre Magi (Bezeichnung für Zauberer).
Rings um das geborgene Land hat sich das tote Land angesiedelt, welches wiederum die Kreaturen Tions, Orks, Oger, Alabe usw. beherbergt.
Aufgabe der Zwergenreiche ist es, das geborgene Land an den Portalen vorm Eindringen des toten Landes zu schützen.

:: (2) :: Die Handlung ::

Während eine Seuche sich durch den Stamm der Fünften frisst, stehen Oger, Orks und Albae vor den Pforten der Festung. Mithilfe eines zwergischen Verräters schaffen es die Bestien die magischen Formeln auf das Steinportal zu sprechen und den nördlichen Zugang zum Portal zu öffnen. Rotten von Orks und Albae dringen in das Geborgene Land ein und nur mit Hilfe der sechs großen Magi kann eine Zauberbarriere neue Eindringlinge aufhalten.

Viele Zyklen später.
Die Barriere droht zu brechen, da immer mehr Albae sie durchdringen können. Die sechs Magi kommen zusammen, um den Zauber zu erneuern. Inzwischen ist der Magus Nudin jedoch einen unheiligen Pakt mit der Seele des toten Landes eingegangen, die fortan von ihm Besitz ergreift. Mit einer heimtückischen List raubt er den verbliebenden Magi ihre Kräfte und vernichtet sie. Der Magus selbst wird zum Verräter am geborgenen Land und befehligt Rotten von Bestien, welche nun aus dem Norden einziehen, als seine Verbündete.

Indes begibt Tungdil, ein Findelzwerg der beim Magus Lot Ionan und den Menschen aufwuchs, sich auf einen Botengang. Er soll Artefakte zu einem ehemaligen Zauberschüler des Magus bringen und nebenbei soll sich ihm die Möglichkeiten bieten, Andere seines Volkes zu treffen. Und tatsächlich sendet der Stamm der Zweiten die kriegerischen Zwillinge Boendal und Boindil aus, um den fremden Zwerg zu ihrem König zu eskortieren. Auf Tungdil wartet nämlich eine große Aufgabe. Der neue Großkönig der Zwerge soll gewählt werden und der unangefochtene Favorit plant einen verheerenden Anschlag auf die Elben. Mit dem Findelkind Tungdil, der durch eine List einen Anspruch auf den Thron zu haben scheint, will der amtierende König Zeit gewinnen um die Zwerge zur Vernunft zu bringen.
Auf ihrer Reise stellen die Zwillinge und Tungdil jedoch fest, dass dieser das falsche Säckchen mit Artefakten mit sich trägt. Albae heften sich dicht auf ihre Fersen und lassen keinen Zweifel daran, dass sie etwas besitzen, wofür Nudin alles tun würde und wovor er sich sogar fürchtet.

Als eine überlebende Maga, Andokai, mit ihrem seltsamen Begleiter zu ihnen stößt, schöpft Tungdil neue Hoffnung. Wenngleich die Maga eigentlich im Begriff ist aus dem Land zu fliehen, da sie gegen die Übermacht des toten Landes nichts auszurichten vermag, schlittern sie alle schon bald in ein Abenteuer, das zunächst viel zu groß für ihre Schultern zu sein scheint...


:: (3) :: Charaktere ::

Im Vordergrund steht natürlich der kollektive Charakter der Zwerge. Durch die Vertreter der Stämme bilden sich durchaus verschiedene Gesinnungen und Charakterzüge heraus, jedoch werden aber auch die Gemeinsamkeiten aller Stämme herausgearbeitet. Der typisch zwergische Charakter kommt im Roman voll zur Geltung und bekommt in vielen Facetten Ausdruck verliehen. Die Abneigung gegen Pferde und Wasser, der Genuss von Käse und Bier und das flaumige Gesicht der Zwerginnen – im Roman findet als Erklärung und Erwähnung. Das Volk der Zwerge wird wie ein einziger Charakter ganz besonders detailliert und liebevoll unter die Lupe genommen und bringt den Leser der untersetzen Rasse sehr nahe.

Tungdil Goldhand
Als Findelkind beim Zauberer Lot-Ionan aufgewachsen, sind seine zwergischen Abneigungen gegen Elben, Magie oder Wasser nicht sehr ausgeprägt. Im Laufe der Handlung verliert er seine Vermenschlichung aber und kann doch noch zeigen, dass ein echter Zwerg in ihm steckt, wenngleich Tungdil einer der wenigen „gelehrten“ Zwerge bleibt und dies größtenteils auch genießt. Für Tungdil beginnt nicht nur ein Abenteuer um das geborgene Land, sondern auch ein Abenteuer um Selbstfindung und seine Herkunft.

Die Zwillinge
Wo Einer ist, ist auch der Andere. Die kriegerischen Zwillinge schlachten „Schweinchen“ (die Orks) mit Vorliebe und bezeichnen eine Übermacht von eins zu hundert schon mal gelassen als „große Herausforderung“. Ingrimmsch, wie Boindils Kosename lautet, leidet unter der Berserkerwut. Der brummige und unkontrollierte Zwerg kann in eine regelrechte Tobsucht geraten, wenn er zu lange nicht kämpft oder gereizt wird. Sein gutes Herz macht ihn jedoch sympathisch und zu einer absoluten Lieblingsfigur. Im Laufe der Handlung muss sich der tobsüchtige der beiden Zwillinge nicht nur seiner Berserkerwut, sondern auch einem dunklen Schicksalsschlag aus der Vergangenheit stellen...

Bavragor Hammerfaust
Für die Expedition von Tungidl, welche im Reich der Zweiten startet, benötigt er einen Steinmetz. Bavragor war der beste seines Faches, bevor er dem Suff verfiel. Um seine Ehre wieder herzustellen begibt sich der Trunkenbold durch eine List mit zur Expedition und Erhält im Verlauf der Geschichte nicht nur einmal die Möglichkeit, seine Ehre wieder herzustellen.

Andokai die Stürmische
Die Überlebende Maga, die schließlich zu den Zwergen stößt... Tungdil weiht sie in das offenbare Geheimnis um die Artefakte ein, von denen er nur weiß, dass Nudin sich davor fürchten muss. Obwohl die Maga das Rätsel zum Großteil entschlüsseln kann, schließt sie sich der Truppe zunächst nicht an, es sei unmöglich...


:: (4) :: Stilistisch ::

Wie bereits erwähnt, die Sprache ist sehr einfach gehalten. Stellenweise erinnert sie an die Schreibweise von Kinder- und Jugendbüchern. Sie ist leicht verständlich und dementsprechend schnell, fließen die Seiten dahin.
Dennoch wohnt dem Roman eine ganz besondere Spannung inne, welche sich (für mich) allerdings erst nach den ersten ein- bis zweihundert Seiten ergeben hat. Zwar ist der Anfang nicht schleppend oder langweilig, aber auch nicht fesselnd oder besonders.
Der Spannungsbogen wächst unaufhaltsam bis zum Ende der Geschichte. Besonders schön ist auch, dass sich die Geschichte stets durch unvorhergesehene Wendungen auszeichnet und den Leser in die irre führt, obwohl die Grundzüge der Handlung bzw. der Endkomposition des Romans, von Anfang an leicht zu durchschauen sind. Immerhin wird der Leser so von seinem Wissen abgebracht und vor Allem auch abgelenkt. Stellenweise war ich nicht auf das Ende gespannt, da es offensichtlich auf der Hand zu liegen schien, sondern auf den Weg, wie die Zwerge eben jenes Ende erreichen würden.

Sprachlich konnte ich dem Roman dennoch nicht sehr viel abgewinnen. Positiv zu bemerken ist jedoch ein ganz besonderer Charme, der den Leser nicht selten amüsiert. Speziell das Verhalten von Ingrimmsch, hat mich regelmäßig zum Lachen gebracht. Dies und die Feinheit der Charaktere bringen mich dazu, die Sprache als bewusst einfach gewählt zu empfinden. Dem Autor hat keineswegs das Handwerkszeug gefehlt, sonst hätte er nicht so feine Spuren Witz und Charme in die Geschichte einflechten oder die Charaktere so lebendig machen können.

Besonders brillant allerdings fand ich die zwergischen Ausdrücke. Die „Lebensesse“ eines jeden Zwerges usw. Hier werden die handwerklichen Vorlieben der Zwergen und ihre Charaktereigenschaften, sowie ihr Glaube zum Schmiedegott zu intelligenten und glaubwürdigen sprachlichen Geflogenheiten verwoben. Ganz toll!


:: (5) :: Kommentar ::

Hier gilt es einmal mehr, sich über den Klappentext des Buches zu beschweren. Der verweist auf Gimli aus Herr der Ringe. Sicherlich verbindet die Romanzwerge einiges mit der Leitfigur ihres Volkes, dem Szenestar unter den Zwergen. Hiermit wird der Roman auf die Weiterführung bereits ausgelegter Legenden und Geflogenheiten beschränkt und auch zwingend im ständigen Vergleich zum Tolkien Werk gestellt.
Dies ist meiner Meinung nach ungerechtfertigt, da „die Zwerge“ als Weiterführung der Mittelerde Legende sicherlich nicht bestehen kann. Dazu ist das geborgene Land zu fremdartig und die Zwerge sind vom Autor zu eigenständig kreiert.

Im Übrigen haben „die Zwerge“ von Markus Heitz es überhaupt nicht nötig auf den Herr der Ringe Zug aufzuspringen. Klar, das Genre oder seine Popularität fand hierin seine Geburt. Dennoch halte ich die Welt der Zwerge von Heitz für eine eigenständige Dichtung. Er hat sie nach seinen Vorstellungen geschaffen und dabei bestehende Klischees und Legende zu einer ganz neuen, liebevollen Sichtweise verbunden.
Die Ausarbeitung des Zwergischen im Ganzen und die Übertragung dieser allgemeinen Geflogenheiten auf die individuellen Charaktere ist mit Sicherheit eine hervorragende geistige Leistung und sollte meiner Meinung nach nicht im Schatten eines überragenden Werkes stehen. Wo dieser Schatten nämlich ragt, erstickt er frische Ideen und neue Ansätze im Keim.
Aus diesem Grunde war ich mit dem Klappentext etwas unzufrieden, der wie schon bei „die Orks“ doch Anderes vermuten lässt, als das Buch dann tatsächlich enthält.
Dies dem Buch an sich anzukreiden, tue ich mir schwer. Ich sehe einen Roman immer als die primäre Leistung des Autors und finde es persönlich schade, wenn Klappentext oder Cover zuungunsten des Romans gewertet werden, da sie ja zumeist eher von Seiten der Verlage entstehen.

Die Geschichte des Romans ist an sich natürlich wenig individuell. Zumindest von ihrem Grundgerüst, scheinen Fantasybücher die gleiche Struktur zu verfolgen. Artefakte gehen verloren, müssen gefunden werden, übermächtiger Herrscher, kleiner, bizarrer Trupp stellt sich gegen das große Unheil.
Und, wie gesagt, dennoch entsteht eine prickelnde Spannung, ein liebevolles Mitfiebern mit den Charakteren und ein ganz bestimmter Charme des Buches. Besonders die Ausarbeitung der Charaktere ist wirklich faszinierend und amüsant zugleich gelungen.
Vielleicht kein überragendes Werk der geistig anspruchsvollen Literatur, sind „die Zwerge“ Unterhaltungsliteratur vom Feinsten und bieten tatsächlich alles auf, was das Herz begehrt. Außerdem bietet der Roman eine erfrischend andere Sichtweise und macht die Zwerge zu einem wahrhaft interessanten Volk des Fantasy Genres.
Ich persönlich habe den Zwergen noch nie so viel abgewinnen können, wie nach dem „Konsum“ dieses Romans.

Alles in Allem muss ich mich, entgegen meiner Hoffnungen weiter als Antifantast bestehen zu können, als wahrlich zufriedener Leser outen. Mit der einfachen Sprache habe ich gelegentlich etwas gehadert und war anfangs sehr deprimiert darüber, der Reiz des Romans an sich, seine Wendigkeit und seine liebevolle Detailliertheit, hat mich schließlich aber doch in seinen Bann gezogen. Im unangefochtenen Vordergrund stehen jedoch, da hat der Klappentext immerhin ein bisschen Recht, die Geflogenheiten der Zwerge und das, was scheinbar alle Zwerge miteinander verbindet.


:: (6) :: Cover :.

Das Cover richtet sich stark nach dem Cover „der Orks“ oder umgekehrt. Wieder wird die Streitaxt Kern der Abbildung. Im Hintergrund lodert eine Dämonenfratze. Kein besonderes Highlight an sich, aber zum Glück bildet sie sich nicht so stark heraus. Gut hingegen gefällt mir die rötlich goldene Farbkombination, die sich gut mit dem „erdigen“ Wesen der Zwerge assoziieren lässt.


:: (7) :: Fazit ::

Kein Buch, das lange oder ewig im Gedächtnis bleiben wird. Aber dennoch fantastische Unterhaltungsliteratur, die hinter ihrer Trivialität große Intelligenz birgt! Das kollektive Zwergenbewußtsein und all das, was die Stämme der Zwerge verbindet, wird im Allgemeinen ausgearbeitet und dennoch im Individuellen auf den Einzelnen geschlossen. Das Volk der Zwerge wird als Ganzes aber dennoch in einem beeindruckenden Facettenreichtum dargestellt und so lebendig, historisch und glaubwürdig. Die vielleicht einfach gewobene Story zeichnet sich durch sehr viele Irrungen und Wirrungen aus, bis sie zum erwarteten Ende schreitet. Dies macht die Absehbarkeit verzeihbar und rückt ohnehin mehr den Weg zum Ziel in den Vordergrund.
Alles in Allem ein amüsantes (wirklich!!!) und faszinierendes Werk, das mir besonders gut gefallen hat. Über die einfache Sprache verkneife ich mir nun noch weiteres Rumgejammer, der Autor hat wahrscheinlich, damit muss ich mich abfinden *g*, die Mehrheit der Zielgruppe befriedigt und ohnedies kann man es nicht allen Recht machen.
Seine 13 Euro war der 600 Seiter jedenfalls mehr als Wert !

10 Bewertungen, 2 Kommentare

  • sascha6525

    26.02.2006, 19:34 Uhr von sascha6525
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh, würde mich über gegenlesungen freuen !sascha6525

  • alariel

    14.12.2004, 14:26 Uhr von alariel
    Bewertung: sehr hilfreich

    ...Fantasy wäre was für Kinder muss eigentlich gesagt werden: "Da... lies das!" - und es wird ihm gehen wie Dir ;)