Herbstgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von antjeeule

Wenn der Herbstwind weht...

Pro:

Der Wind lässt Drachen steigen und wirft Naturmaterial zum Basteln ab

Kontra:

Es wird langsam aber merklich kühler und auch schon wieder viel früher dunkel

Empfehlung:

Ja

...lassen wir die Drachen am Himmel tanzen


Jonas und Leon freuen sich schon seit Tagen auf das bevorstehende erste richtige Herbstwochenende. Der Vater hat nämlich vor längerer Zeit versprochen, einen Drachen mit ihnen zu bauen. Zwar könnten sie auch einen Drachen kaufen, aber die Aussicht, ihn mit dem Vater zusammen bauen zu können, ist doch schon etwas ganz Besonderes. Ein lang gegebenes Versprechen würde endlich in Erfüllung gehen. Zuvor gehen die beiden Jungen ins Bastelgeschäft und besorgen alles, was sie dazu noch benötigen.

Es soll ein Drachen werden, der nur einmal am Himmel zu sehen ist. Ein ganz lustiges Gesicht mit strahlenden Augen und eine Nase wie die eines Clowns soll er bekommen. Dazu brauchen sie Pergamentpapier in verschiedenen Farben, einen guten Kleber, ebenso eine Kordel für den Drachenschwanz und eine besonders lange Drachenschnur. Für den Schwanz benötigen sie kein extra Papier, dafür haben sie beim Stöbern noch ganz viele Reste in Mamas Bastelkiste gefunden. Den Ring, um die Drachenschnur aufzuwickeln, haben sie noch von dem Drachen übrig, der im Sommerurlaub am Nordseestrand so oft in die Luft geschickt worden war. Leider war dieser Drachen dann bei einem unglücklichen Sturzflug so stark beschädigt worden, dass er nicht mehr repariert werden konnte. Das Versprechen des Vaters, im Herbst selbst einen Drachen zu bauen, hatte sie über den Verlust hinweggetröstet.

Nun haben sie also alles beisammen und würden am liebsten gleich anfangen. Zum Glück überlegen aber doch noch einmal. Sie haben doch tatsächlich völlig vergessen, Holzleisten zu besorgen. Dabei ist das Drachenkreuz das Wichtigste am Drachen. Dazu müssen sie noch zum Schreiner laufen. Zu ihm gehen sie aber sehr gern. Dieser Schreiner ist nämlich ein ganz besonders liebenswerter Mensch. Schon oft waren die beiden Jungen bei ihm in seiner Werkstatt gewesen, um mit Holz zu werkeln. Dabei sind mittlerweile schon viele schöne Figuren entstanden. Unter der fachkundigen Anleitung des Schreiners haben die Jungen sogar schon ein Holzauto und eine Holzlokomotive gebaut. Herr Brettschneider, so heißt der Schreiner, freut sich sehr, als er seine beiden jungen Freunde die Tür hereinkommen sieht.

„Was verschafft mir die Ehre?", fragt er mit einem freundlichen Augenzwinkern, als er die beiden zur Tür hereinkommen sieht. Die Jungen erzählen dem Schreiner von ihrem Vorhaben, einen Drachen bauen zu wollen. „Nur noch die Hölzer für das Drachenkreuz brauchen wir", erklären sie fast gleichzeitig. Der Schreiner bekommt ganz glänzende Augen und bittet die Jungen, doch ein wenig zu bleiben. Er möchte ihnen eine Geschichte von früher erzählen. Da die Jungen den Geschichten des Schreiners gerne zuhören, weil sie immer lustig und auch spannend sind, nehmen sie seine Einladung gerne an und setzen sich zu ihm an die Werkbank.

Herr Brettschneider beginnt zu erzählen:

„Es war im Herbst des Jahres 1950. Mein Freund Heinrich und ich hatten uns einen Drachen gebaut und waren damit an einem richtig windigen Tag zum nahegelegenen Feld am Ausgang des Dorfes gelaufen. Im Dorf konnte und durfte man ja keinen Drachen steigen lassen. Auf dem Weg zum Feld trafen wir noch mehr Kinder, die auch alle mit einem selbstgebauten Drachen unterwegs waren. Heinrich und ich hatten aber mit Abstand den größten Drachen. Wir konnten uns beide hinter ihm verstecken, ohne uns klein machen zu müssen. Sogar einige Erwachsene schauten nach unserem Drachen, der auch ganz lustige Augen und eine besonders knubbelige Nase hatte. Wir hatten uns aber auch mächtig viel Arbeit gemacht. Fast zwei Tage hatten wir in hier in dieser Werkstatt, die damals noch meinem Vater gehörte, zugebracht. Ihr kennt ihn ja auch. Er schaut immer mal wieder vorbei und hilft beim Reparieren und Restaurieren alter Möbel. Besonders dann, wenn ich viele Aufträge habe und fast nicht fertig werde. Aber darüber wollte ich euch ja jetzt nichts erzählen.

Wie bereits gesagt, wehte an diesem Herbsttag mittlerweile kein normaler Wind mehr. Nein, es war regelrecht stürmisch. Man musste schon die Mütze festhalten, damit sie einem nicht vom Kopf flog. So schnell konnte keiner rennen, wenn die Mütze erst einmal in der Luft war. Das Dumme war, dass auch in der Nähe der große Fluss war. Dort durften wir übrigens nicht hingehen, weil es gefährliche Bombenlöcher aus dem letzten Weltkrieg ganz nahe am Ufer gab. Wenn also eine Mütze dort auf Tauchstation ging, konnte man sie getrost vergessen.

Es war wirklich ganz arg windig, sodass wir Mühe hatten, den Drachen festzuhalten. Weil er so groß war, war er natürlich auch etwas schwerer als normal. Heinrich und ich einigten uns, wer zuerst den Drachen steigen lassen darf und wer sich darum kümmert, dass der Drachen steigen kann. Heinrich musste den Drachen also gut festhalten und im richtigen Moment loslassen. Nach einigen missglückten Versuchen flog der Drachen endlich in die Luft. Der Wind spielte mit ihm und den anderen Drachen ein lustiges Spiel. Natürlich mussten wir sehr gut aufpassen, dass sich die verschiedenen Drachen nicht in die Quere kamen. Die Drachen tanzten und drehten zwischendurch auch einige Saltos. Das war immer ein Schreck und ein Geschrei, weil wir dachten, dass die Drachen nach solchen Kapriolen nicht wieder hochkämen. Und doch fingen sie sich meistens und stiegen wieder ganz ruhig auf. Weil wir natürlich eine besonders lange Drachenschnur besorgt hatten, entfernte sich unser Drachen immer weiter und fing auch immer wilder an zu tanzen. Mein Vater hatte uns noch gewarnt, dass der Drachen zu hoch fliegen kann und einen Absturz bestimmt nicht heil überstehen würde. Natürlich hatten wir nicht auf ihn gehört. Da geschah es auch schon. Der Drachen schlug plötzlich einen doppelten Salto und ging über in einen Sturzflug. Entsetzt schauten wir zum Himmel. Doch wie von Geisterhand gelenkt stieg der Drachen genauso plötzlich wieder empor, blieb lange Zeit in der Luft und tanzte wieder ganz gemütlich vor sich hin.

Ich wechselte mich endlich mit Heinrich ab. Ganz vorsichtig holte er den Drachen ein wenig näher heran. Denn wir waren doch etwas erschrocken, als er da so plötzlich abzustürzen drohte.

Einige Leute waren schon auf unseren tollen Drachen aufmerksam geworden und hatten sich am Feldrand niedergelassen, um diesem wunderschönen Schauspiel am Himmel zuzusehen. In der Zwischenzeit war aus dem anfänglich stürmischen Wind ein ganz heftiger Sturm geworden. Ein Kind lief schon schreiend hinter seiner Mütze her. Der Himmel sah auch immer bedrohlicher aus. Als Heinrich und ich an nichts Böses dachten, kam unvermittelt eine Windbö und riss heftig an Drachen und Schnur. Durch das lange Festhalten des Schnurrings hatte Heinrich auch schon ganz kalte und fast steife Hände bekommen. Als nun diese Windbö so plötzlich an unserem Drachen riss, erschrak er so sehr, dass er den Ring versehentlich losließ und der Drachen davonflog.

Wir waren beide dem Weinen nahe. Der schöne Drachen und die viele Arbeit. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Ob wir ihn je wiederfinden würden? Alle hatten Mitleid mit uns. Ganz betrübt schauten wir dem Drachen hinterher, der immer kleiner wurde. Gerade in dem Moment, als wir uns umdrehen wollten, um nach Hause zu gehen, sahen wir, dass der Drachen wie ein Stein vom Himmel fiel. Unser einziger Gedanke war: Wenn wir jetzt nur wüssten, an welcher Stelle der Drachen auf dem Boden landet, könnten wir doch dort hinlaufen und ihn einsammeln. Vielleicht hatten wir ja wirklich Glück und würden die Stelle finden.

Trotz des Sturmes machten wir uns auf den Weg, um den Drachen zu suchen. Es dauerte auch gar nicht so lange und wir fanden ihn tatsächlich. Jetzt waren wir froh, dass wir rotes Pergamentpapier zum Drachenbau benutzt hatten. So leuchtete uns der Drachen schon von weitem aus der Krone eines Baumes am Waldrand entgegen. Er hatte sich dort so verfangen, dass er hoch oben hängen geblieben war. Ganz angestrengt überlegten wir, wie wir den Drachen bloß wieder dort herunterholen könnten. Der Stamm des Baumes war so hoch und es gab nicht eine Stelle, an der man sich hätte festhalten können, um in die Höhe klettern zu können.

Doch plötzlich hatten wir einen Einfall und rannten los, bis wir vor der Schreinerei meines Vaters standen. Die Tür zur Schreinerei stand offen. Aber mein Vater war wohl gerade bei einem Kunden, denn er antwortete nicht auf unser Rufen. Deshalb nahmen wir, ohne zu fragen, die größte Säge und eine Axt. Damit liefen wir zum Waldrand zurück. Auf dem Weg dorthin trafen wir noch einige Freunde, denen wir erzählten, was passiert war. Natürlich wollten sie uns gerne helfen. Auf keinen Fall wollten wir ohne den schönen selbstgebauten Drachen nach Hause kommen. Weil wir nun doch so viele Jungen waren, hatten wir eine ganz verrückte Idee. Wir wollten eine Baumleiter machen. Dazu muss einer sich ganz dicht an den Baum stellen und die Hände falten. An dieser gefalteten Hand steigt der nächste hoch und stellt sich auf die Schultern des Untermanns. Aber wir mussten diesen Plan aufgeben. Schon der dritte Junge bekam Probleme, weil er keine Möglichkeit hatte, auf den zweiten Jungen aufzusteigen. Da fehlte die gefaltete Hand, die dieser selbst zum Festhalten am Baum brauchte.

Zum Glück hatten war ja die Säge und die Axt dabei. Heinrich nahm die Axt und schlug eine Kerbe in den Baum, damit ein Anfang gemacht war.

Ihr merkt bestimmt, was wir vorhatten?

Wir wechselten uns mit den anderen Jungen ab, sägten und hackten was das Zeug hielt. Wenn wir gewusst hätten, wie gefährlich so eine Aktion ist, wären wir bestimmt nicht auf diese Idee gekommen. Nach einer Stunde waren wir endlich so weit, dass wir dem Baum den entscheidenden Schlag versetzen konnten. Ganz schnell rannten wir in die entgegengesetzte Richtung. Das hatten wir auch schon ganz oft bei den Waldarbeitern beobachtet. Tatsächlich fiel der Baum in die gewünschte Richtung. Als er am Boden lag, liefen wir mit allen Jungen hin und begannen ganz vorsichtig, den Drachen aus den Ästen des Baumes zu befreien. Nach einer weiteren Stunde hatten wir den Drachen fast unversehrt aus den Ästen gelöst. Die Drachenschnur haben wir abschneiden müssen und am Schwanz fehlten einige Schleifen. Zum Glück waren aber nur ganz kleine Risse an den Augen des Drachens. Das konnten wir bestimmt mit einigen Resten von Pergamentpapier wieder kleben und in Ordnung bringen. Wie Siegestrophäen schleppten wir den Drachen und die Werkzeuge zur Schreinerei zurück. Mein Vater war inzwischen auch wieder da und schaute uns ziemlich streng entgegen. Kleinlaut erzählten wir ihm, was passiert war und wie wir es geschafft hatten, den Drachen doch noch wiederzubekommen. Er schimpfte schon ein wenig mit uns. Aber dann drückte er uns beide ganz feste und fragte uns, ob wir eigentlich wüssten, was wir für ein Glück gehabt hätten. Was er damit wohl gemeint hat?"

Als der Schreiner mit diesen Worten die Geschichte beendet, schauen Jonas und Leon ihn an und wissen nun nicht so recht, was er mit seinem letzten Satz nun wirklich gemeint hat. Sie sind so beeindruckt, dass sie fast nicht mehr an die Leisten für das Drachenkreuz denken, so viele Fragen haben sie zu der Erzählung des Schreiners. Als sie sich verabschieden, nicht ohne sich wieder mit ihm für einen weiteren Werknachmittag zu verabreden, muss er die Jungen sogar an den Grund ihres heutigen Besuches erinnern. Er gibt ihnen dann auch noch mehr und längere Leisten mit, als sie brauchen. Dabei lächelt er ganz verschmitzt. Was er sich dabei jetzt wohl gedacht hat?


antjeeule 10/2003

141 Bewertungen, 7 Kommentare

  • paula2

    25.02.2008, 18:29 Uhr von paula2
    Bewertung: sehr hilfreich

    liebe Grüße

  • anonym

    09.02.2007, 10:26 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh :o)

  • Zuckermaus29

    07.02.2007, 00:53 Uhr von Zuckermaus29
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Jeanny :o)

  • lan

    03.02.2007, 14:10 Uhr von lan
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein SH für dich, gruß lan

  • Tweety30

    30.01.2007, 11:38 Uhr von Tweety30
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße, Tweety30!

  • anonym

    01.09.2006, 17:34 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße Edith und Claus

  • Estha

    28.07.2006, 13:06 Uhr von Estha
    Bewertung: sehr hilfreich

    ☼☼☼ ... lg susi ... ☼☼☼