Jugend ohne Gott (gebundene Ausgabe) / Ödön von Horvath Testbericht

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Erfahrungsbericht von Sven79

Kriegerdenkmal = Traum ihrer Pubertät

Pro:

spannend, rasant, sarkastisch, menschlich, Tiefgang

Kontra:

zu wenige Menschen des 3. Reichs haben es gelesen

Empfehlung:

Ja

Horvaths „Jugend ohne Gott“ ist voller Spannung, rasantem Tempo und sarkastischem Humor. Das allein wäre noch keine Sensation, wenn das Buch nicht die Situation Deutschlands vier Jahre nach der Machtergreifung Hitler zum Thema hätte. Verschiedene Literaturkritiker mäkelten später ein solches Thema dürfe man nicht unterhaltend verarbeiten. Anders: Horvaths Zeitgenossen (das Buch erschien 1937) Carl Zuckmayer und Thomas Mann, sie liebten das Buch aufgrund seiner Kritik an Hitler-Deutschland.

Horvath beschreibt in seinem Buch, nach eigener Aussage, den Menschen im faschistischen Staat, an dem Zweifel nagen. Er wählt dazu die Figur eines Gymnasiallehrers, dessen Aufgabe es nicht mehr ist den Schülern Vernunft zu lehren. Nein, wider besserem Wissen erzieht er die Halbwüchsigen zu willigen Kriegern (Zitat: „Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“) und trichtert ihnen Hitlers Rassenideologie ein. Widerstand wagt er nicht, weil er sein Auskommen nicht aufs Spiel setzen will.

Erst als während eines Zeltlagers, in dem Exerzieren und Schießen geübt wird, ein Junge aus seiner Klasse ermordet aufgefunden wird, wacht der Lehrer aus seiner Apathie auf. Rasch gesteht ein anderer die Tat: der Junge habe sterben gemusst, weil er sein Tagebuch aufgebrochen habe. Der Lehrer glaubt allerdings, das der Geständige jemand anderes deckt. Gemeinsam mit einer Gruppe Jungs, die auf Hitlers Ideologie pfeifen, macht er sich auf die Suche nach dem wahren Mörder.

Eine typische Krimikonstellation könnte man also meinen. Und tatsächlich wird später der wirkliche Mörder ausfindig gemacht und der Tathergang wird komplett rekonstruiert. Aber freilich ist „Jugend ohne Gott“ kein wirklicher Krimi, sondern viel viel mehr. Horvath beschreibt, als zeitgenössischer Autor den Wahnsinn der in Deutschland nach Hitlers Machtergreifung um sich greift: Fremdenhass, blinder Gehorsam und Kriegseuphorie. Er weiß aber auch, dass noch nicht alle verrückt geworden sind, diese aber schweigen, anstatt die Verrückten samt ihres „Oberplebejers“ in die Psychiatrie einzuweisen.

Wollte Horvath die Menschen mit diesem Buch wachrütteln? Natürlich wollte er das, die Nazis wussten dies allerdings zu verhindern und setzten das Buch wegen pazifistischer Tendenzen auf den Index. Horvaths Ruf nach mehr Menschlichkeit verhallte so ungehört und auch er selbst musste ins Exil nach Budapest und wird dort 1938 von einem herunterfallende Ast getötet.

Sein zutiefst menschliches Meisterwerk „Jugend ohne Gott“ aber überlebt ihn bis heute. Für den modernen Leser mag der gottesfürchtige Tenor des Buches verwunderlich sein: Gott steht hier für das Gute. Gott wohnt bei den Geläuterten. Auch der Lehrer beginnt wieder an Gott zu glauben, als er sich mehr und mehr der öffentlichen Ordnung widersetzt. Und trotzdem ist das Buch für jedermann zu empfehlen, schließlich steht Horvaths Gott nicht zu letzt für Menschlichkeit.

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Ödön von Horváth: „Jugend ohne Gott“. Taschenbuch. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 2001. 182 Seiten. ISBN: 3518398458. € 7,50.

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