Kurort Bad Tölz Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von Aquakid
Das Abenteuer Bad Tölz
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Der Norden und der Süden Deutschlands, zwei Regionen, die sich traditionell nicht besonders mögen. Natürlich bin ich mal wieder eine Ausnahme, denn ich entschloss mich am 01. Juli 1999 meinen Zivildienst nicht in meiner Heimatstadt Hamburg zu absolvieren, sondern in der Hauptstadt unterhalb des Weißwurstäquators: München.
Jeder, der einmal Zivildienst gemacht hat weiß, dass so gut wie jeder Zivi eine sogenannte „Zivildienstschule“ besuchen muss. Dort wird jedem Zivi die Grundkenntnisse über Pflege und über den „sozialen“ Umgang gegenüber anderen Menschen.
Nachdem ich mich zirka einen Monat in München eingelebt hatte und auch in dem Krankenhaus, wo ich gearbeitet hatte, kam der Zeitpunkt nach Geretsried zu fahren. Geretsried ist eine kleine Stadt, eher aber ein kleines Kaff, irgendwo in der bayerischen Provinz 40 Kilometer südlich von München. Diese „Stadt“ hat aber trotzdem viel Sympathie ausgestrahlt.
Nach langer Reise kam ich dann in der Zivildienstschule an. Muss aber noch mal anmerken, dass das ein umgebautes Hotel ist und richtig nobel war. Nach den Formalitäten wurden wir auf unsere Zimmer verteilt und wurden gleich mit dem ersten Seminar „erfreut“. Naja, die Tage verliefen so, dass bis 16 Uhr immer Schule war und danach Freizeit, die man mit den anderen Zivis verbracht hatte. Von der Schule wurde viel an Freizeitmöglichkeiten wie alle möglichen Sporttuniere, eine eigene Kneipe im Keller, Videos anschauen, Fahrräder ausleihen etc.
Eines Mittwochs, es war gerade Schulschluss, entschloss ich mich zur Schulleiterin zu gehen und ein Fahrrad auszuleihen. Hatte auf einer großen Regionalkarte gesehen, dass die Stadt Bad Tölz „nur“ 20 Kilometer von Geretsried entfernt war. „Lächerlich“, sagte ich, „für so einen Spitzenschwimmer wie mich ist diese Entfernung mit dem Fahrrad ein Klacks“. Nachdem ich mir noch schnell einen Keks aus meiner Prinzenrolle zur Stärkung genascht hatte und noch einen eiskalten Orangensaft aus dem Getränkeautomat getrunken hatte, hab ich mir den Schlüssel für das Fahrrad besorgt und bin losgeradelt ALLEINE. Keiner von meinen Mitzivis wollte diese Mörderstrecke auf sich nehmen. Toll, ich dachte dort wird das Wort „sozial“ groß geschrieben.
Ein Schild führte mich durch die schönsten Strecken, durch Wälder, weite Felder und sogar durch urig kleine, aber traumhaft schöne Dörfchen. Ich kam mir vor, als wäre ich im Bilderbuch. Allerdings merkte ich als „Flachlandtiroler“ nun den Unterschied zwischen Nord und Süd. Berg rauf und Berg wieder runter. Ich spreche da nicht von kleinen Hügeln, die ich mit meinem ausgeliehenen Klapprad bezwungen hatte. Es waren steile und hohe Hügel wo ich sogar noch das Fahrrad schieben musste. Aber umkehren wollte ich nicht. Ich bin zäh und halte durch.
Aber nach nur 3 Stunden Fahrt bin ich dann endlich in Bad Tölz angekommen. Noch schnell am schönen Isarufer vorbeigefahren und dann war ich da. Es wurde schon langsam dunkel. Bad Tölz war eine schöne Stadt. Bin mit dem Fahrrad noch ein wenig rumgetuckert und hab mir einige Sachen angesehen. Selbst die Isar, war noch nie so schön wie dort. Jetzt war es schon ganz dunkel geworden. Mein Fahrrad hab ich an eine Stange gebunden und bin dann in eine gemütliche Kneipe gegangen und hab mir ein schönes, kühles Dunkelweißbier bestellt. Das hat gezischt und tat richtig gut. Mit einem Touristen hab ich mich dann noch gemütlich unterhalten bis dann „Ciao“ sagen musste. Ein Telefonat nach Hamburg konnte ich mir natürlich nicht verkneifen und hab draußen noch zirka 10 Minuten telefoniert. Hab mein Fahrrad nun „entschlössert“ und bin dann wieder Richtung Geretsried gefahren.
Die Dunkelheit hat mir schon Angst gemacht, denn auf der Straße, die durch den Wald führte war kein Licht, nur mein kleines Fahrradlicht hat die nächsten 7 Meter beleuchtet. Ab und zu mal ein Autofahrer, der an mir vorbeifuhr und die gesamte Umgebung erhellte, das war auch unheimlich, hatte voll Angst. Aus dem Waldstück raus bin ich dann wieder auf durch weites Feld gekommen. Eigentlich war das ein schöner Anblick. Der Vollmond erhellte das Feld und es war klarer Sternenhimmel. Dieses schöne Gefühl hat mir in diesem Moment die Angst genommen, weil ich das genossen habe. So schnell werde ich so etwas nicht mehr sehen können. Dann kam ein Ortsschild. Dieser Ort bestehend aus 2 Bauernhöfen hat tatsächlich einen eigenen Ortsnamen. Einfach nur schön. Ich bin daran vorbeigefahren und sah durch die Fenster eine glückliche Familie beim Spielen sitzend in einem rustikalen aber typisch bayerischen Esszimmer. Es war herrlich das anzusehen, denn es passte alles zueinander, die schöne Nacht, die Umgebung und der Ort mit den Bauernhöfen und der Familie.
Auf jeden Fall musste ich wieder zurück auf die Hauptstraße. Ich hatte mich entschlossen den Rückweg auf der Hauptstraße zu verbringen. Denn durch Wälder und Felder war mir das zu gefährlich um diese Zeit. „Links oder Rechts“, frage ich mich. Schlauerweise hab ich eine Bushaltestelle gesehen, wo ein Bus direkt nach Geretsried fährt, so konnte ich mich orientieren welche Richtung ich nehmen musste. Leider war auch auf dieser Straße kein Licht und musste mit meinem Handylicht den Fahrplan beleuchten. Nachdem ich mich nun für die Richtung entschieden hatte, fuhr ich dann auch so schnell ich konnte mitten auf der Hauptstraße. Es war kein schönes Gefühl. Zwar wurde mir die Angst vor irgendwelchen Gangstern genommen, die ich im Wald hatte, aber hier entstand eine neue Angst wegen den Autos, die ganz knapp an mir vorbeifuhren. Zum Glück ging es hier nicht so auf und ab wie auf den Feldwegen. Und hab mich ins Zeug gelegt schnell wieder in meinem Zimmer zu sein. Ich radelte und radelte und ich konnte es gar nicht mehr abwarten das Ortsschild von Geretsried zu sehen. Meine Kraft lies auch schon nach. Es lag nicht an der Kondition, es lag daran, dass meine Muskeln nicht mehr wollten. Ich freute mich schon auf meine Prinzenrolle und auf die kühlen Orangensäfte, die ich mir aus dem Getränkeautomat ziehen werde und besonders auf meine Dusche. Diese Vorstellungen gaben mir immer wieder einen Energieschub und hab weitergekämpft. Ich sah das Ortsschild von Geretsried immer wieder in meinen Gedanken vorkommen.
Nach 2 ½ stündiger Fahrt kam ich in eine Gegend, die mir sehr bekannt vorkam. Freute mich noch, dass ich sogar eine halbe Stunde schneller war als auf der Hinfahrt. Aber ich war mir nicht sicher woher ich diese Gegend kannte. Das es Geretsried war ich mir nicht so sicher und ich sah von weitem auch das erhoffte Ortschild auf mich zukommen und dachte über diese Gegend nicht mehr weiter drüber nach. Konnte die Schrift von weitem nicht richtig erkennen, und wunderte mich, dass Geretsried so ein langer Name ist. Aber egal, ich radelte immer näher auf das Schild zu, wollte schon gar nicht mehr gucken, weil ich meine Prinzenrolle im Kopf hatte. Schaute aber trotzdem beim vorbeifahren kurz darauf: BAD TÖLZ
Mir wurde ganz schlecht als ich das sah, ich dachte nur meine Phantasie spielt mir jetzt einen Streich. Ich bremste und fuhr noch einmal zu diesem Schild zurück, denn es kann doch nicht sein. Es war aber wirklich so. BAD TÖLZ... Ich kann nicht beschreiben was ich in diesem Moment fühlte. Mir wurde ganz heiß innerlich und dachte an einen schlechten Traum. Ich war genau dort gelandet wo ich angefangen war. Das war so deprimierend. Habe mich durch sämtliche Hindernisse und Hürden durchgekämpft, hatte Ängste, hatte meine ganze restliche Energie in das Fahrrad gesteckt um endlich sicher wieder in der Schule zu sein. Es war 23:30 Uhr. Um 23:00 Uhr sollte ich eigentlich das Fahrrad wieder abgegeben haben. Und ich musste doch irgendwie wieder nach Hause kommen, schließlich hatte ich doch am nächsten Tag wieder Schule. Kein Bus fuhr mehr, kein Geld für Taxi und selber fahren hätte ich nicht mehr geschafft, erst recht nicht diese Sachen wieder auf mich zu nehmen. Ich fuhr noch ein wenig weiter an der Isar vorbei ein Stückchen in den Ort. Ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen jetzt die Polizei anzurufen. Ich holte mein Handy raus und wählte 110. Dann kam eine freundliche weibliche Stimme, die dann plötzlich abgebrochen war: AKKU ALLE. „Na toll, warum hab ich immer so ein Glück?!“ schrie ich ganz laut. Als ich fast dabei war vor Wut das Klapprad in die Isar zu werfen blinkte eine gelbe Telefonzelle zirka 100 Meter weiter zu mir herüber. Ich sprang aufs Fahrrad und sprintete den Berg runter zu diesem „Lebensretter“. Wählte wieder 110 und wartete bis sich einer da meldet. „Polizeidienststelle Bad Tölz Sie sprechen mit...“. „Guten Abend, ich heiße André Franke, ich bin ein Zivildienstleistender in der Zivildienstschule in Geretsried, ich hatte mich verfahren...“
Nachdem ich dem Polizist am Telefon alles erklärt hatte sagte er, ich solle mit dem Bus fahren, erklärte ihm, dass keiner mehr fuhr. Dann solle ich ein Taxi nehmen, hatte aber kein Geld und eine EC-Karte hatte ich in dieser Zeit noch nicht, er fragte ob ich Freunde hier in der Umgebung hätte, die mich dorthin fahren könnten, ich verneinte auch dieses. „Joa, ich schick da ma a Streife zu Ihnen“. Nach zirka 10 Minuten kam dann der ersehnte Streifenwagen an. Den Polizisten erklärte ich diese Story noch einmal und riefen dann per Funk in der Zentrale an, damit Kollegen einen Polizeibus vorbeibringen sollen, schließlich habe ich ja noch das Fahrrad dabei. Diese kamen recht fix und wir haben das Fahrrad in den Bus getan und ich kam ganz nach hinten und wir fuhren los. In dem Bus waren vor und hinter mir Gitter, hab mich schon wie ein Knastbruder gefühlt, aber mir fiel ein sehr großer Stein vom Herzen, dass die Polizei so nett waren mich in meine Schule zu fahren. Normalerweise müssten die das nicht und ich hätte zusehen können wie ich wieder nach Hause komme. Auf der Fahrt fragten die mich dann aus, was ich so als Zivi mache und woher ich komme. Hatte mich nicht getraut zu sagen, dass ich aus Hamburg komme, hatte Angst, dass sie mich mitten auf der Strecke rausschmeißen würden. Sie sagten nur ganz frech: „ A Preiß, ich hoffe Dir gefällt unser Bayern.“ Ich fing an zu schleimen aus Angst rausgeschmissen zu werden.
Eine Halbe Stunde sind wir gefahren. Irre, denn diese Strecke bin ich schließlich gefahren, ich kann da gar nicht drüber nachdenken. Auf jeden Fall fuhr der Polizeibus direkt vor der Zivischule vor und hielt da. Natürlich mussten jetzt diese blöden Raucher vor dem Eingang der Schule stehen und eine qualmen. Große Augen machten sie als sie den Bus gesehen haben, erst Recht als sie mich aussteigen sahen und mein Fahrrad rausholte. Ich wäre den Polizisten beinahe vor Freude und Dankbarkeit an den Hals gesprungen, habe mich aber noch abhalten können. Nachdem ich mich nun verabschiedet hatte, schob ich das Fahrrad an den kreisgrinsenden Zivis vorbei und stellte es in der Tiefgarage ab. „André wurde verhaftet“ ging es durch die ganze Schule. Keiner glaubte mir diese Geschichte und dachten ich hätte was ausgefressen. Aber ich lachte gerne mit denen mit, schließlich war es ja auch lustig. Aber ich musste mich als erstes an den Getränkeautomaten ranmachen und an meine Prinzenrolle. Es war ein Genuss und schätzte jeden Bissen und jeden Schluck. Die Dusche war dann noch ein schöner Abschluss und ich konnte in dieser Nacht schlafen wie ein Stein.
Am nächsten Morgen musste ich den Fahrradschlüssel der Schulleiterin wiedergeben. Ich entschuldigte mich, dass ich das Rad nicht bis 23:00 Uhr abgegeben habe. Ich erzählte ihr diese Story. Sie fing an zu lachen. Ihre beiden Grübchen wurden immer größer, sie konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Wenigstens eine, die mir glaubt. Aber sie hatte so ein herzhaftes Lachen gehabt, dass ich sofort mit ihr gelacht habe bis die Tränen kamen. Jetzt war mir erst klar, dass ich was erlebt habe, woran ich mich immer wieder gerne zurückerinnere, wenn ich das Wort „Bad Tölz“ höre. Ich kann über dieses Erlebnis lachen und das ist mir das wichtigste...
Jeder, der einmal Zivildienst gemacht hat weiß, dass so gut wie jeder Zivi eine sogenannte „Zivildienstschule“ besuchen muss. Dort wird jedem Zivi die Grundkenntnisse über Pflege und über den „sozialen“ Umgang gegenüber anderen Menschen.
Nachdem ich mich zirka einen Monat in München eingelebt hatte und auch in dem Krankenhaus, wo ich gearbeitet hatte, kam der Zeitpunkt nach Geretsried zu fahren. Geretsried ist eine kleine Stadt, eher aber ein kleines Kaff, irgendwo in der bayerischen Provinz 40 Kilometer südlich von München. Diese „Stadt“ hat aber trotzdem viel Sympathie ausgestrahlt.
Nach langer Reise kam ich dann in der Zivildienstschule an. Muss aber noch mal anmerken, dass das ein umgebautes Hotel ist und richtig nobel war. Nach den Formalitäten wurden wir auf unsere Zimmer verteilt und wurden gleich mit dem ersten Seminar „erfreut“. Naja, die Tage verliefen so, dass bis 16 Uhr immer Schule war und danach Freizeit, die man mit den anderen Zivis verbracht hatte. Von der Schule wurde viel an Freizeitmöglichkeiten wie alle möglichen Sporttuniere, eine eigene Kneipe im Keller, Videos anschauen, Fahrräder ausleihen etc.
Eines Mittwochs, es war gerade Schulschluss, entschloss ich mich zur Schulleiterin zu gehen und ein Fahrrad auszuleihen. Hatte auf einer großen Regionalkarte gesehen, dass die Stadt Bad Tölz „nur“ 20 Kilometer von Geretsried entfernt war. „Lächerlich“, sagte ich, „für so einen Spitzenschwimmer wie mich ist diese Entfernung mit dem Fahrrad ein Klacks“. Nachdem ich mir noch schnell einen Keks aus meiner Prinzenrolle zur Stärkung genascht hatte und noch einen eiskalten Orangensaft aus dem Getränkeautomat getrunken hatte, hab ich mir den Schlüssel für das Fahrrad besorgt und bin losgeradelt ALLEINE. Keiner von meinen Mitzivis wollte diese Mörderstrecke auf sich nehmen. Toll, ich dachte dort wird das Wort „sozial“ groß geschrieben.
Ein Schild führte mich durch die schönsten Strecken, durch Wälder, weite Felder und sogar durch urig kleine, aber traumhaft schöne Dörfchen. Ich kam mir vor, als wäre ich im Bilderbuch. Allerdings merkte ich als „Flachlandtiroler“ nun den Unterschied zwischen Nord und Süd. Berg rauf und Berg wieder runter. Ich spreche da nicht von kleinen Hügeln, die ich mit meinem ausgeliehenen Klapprad bezwungen hatte. Es waren steile und hohe Hügel wo ich sogar noch das Fahrrad schieben musste. Aber umkehren wollte ich nicht. Ich bin zäh und halte durch.
Aber nach nur 3 Stunden Fahrt bin ich dann endlich in Bad Tölz angekommen. Noch schnell am schönen Isarufer vorbeigefahren und dann war ich da. Es wurde schon langsam dunkel. Bad Tölz war eine schöne Stadt. Bin mit dem Fahrrad noch ein wenig rumgetuckert und hab mir einige Sachen angesehen. Selbst die Isar, war noch nie so schön wie dort. Jetzt war es schon ganz dunkel geworden. Mein Fahrrad hab ich an eine Stange gebunden und bin dann in eine gemütliche Kneipe gegangen und hab mir ein schönes, kühles Dunkelweißbier bestellt. Das hat gezischt und tat richtig gut. Mit einem Touristen hab ich mich dann noch gemütlich unterhalten bis dann „Ciao“ sagen musste. Ein Telefonat nach Hamburg konnte ich mir natürlich nicht verkneifen und hab draußen noch zirka 10 Minuten telefoniert. Hab mein Fahrrad nun „entschlössert“ und bin dann wieder Richtung Geretsried gefahren.
Die Dunkelheit hat mir schon Angst gemacht, denn auf der Straße, die durch den Wald führte war kein Licht, nur mein kleines Fahrradlicht hat die nächsten 7 Meter beleuchtet. Ab und zu mal ein Autofahrer, der an mir vorbeifuhr und die gesamte Umgebung erhellte, das war auch unheimlich, hatte voll Angst. Aus dem Waldstück raus bin ich dann wieder auf durch weites Feld gekommen. Eigentlich war das ein schöner Anblick. Der Vollmond erhellte das Feld und es war klarer Sternenhimmel. Dieses schöne Gefühl hat mir in diesem Moment die Angst genommen, weil ich das genossen habe. So schnell werde ich so etwas nicht mehr sehen können. Dann kam ein Ortsschild. Dieser Ort bestehend aus 2 Bauernhöfen hat tatsächlich einen eigenen Ortsnamen. Einfach nur schön. Ich bin daran vorbeigefahren und sah durch die Fenster eine glückliche Familie beim Spielen sitzend in einem rustikalen aber typisch bayerischen Esszimmer. Es war herrlich das anzusehen, denn es passte alles zueinander, die schöne Nacht, die Umgebung und der Ort mit den Bauernhöfen und der Familie.
Auf jeden Fall musste ich wieder zurück auf die Hauptstraße. Ich hatte mich entschlossen den Rückweg auf der Hauptstraße zu verbringen. Denn durch Wälder und Felder war mir das zu gefährlich um diese Zeit. „Links oder Rechts“, frage ich mich. Schlauerweise hab ich eine Bushaltestelle gesehen, wo ein Bus direkt nach Geretsried fährt, so konnte ich mich orientieren welche Richtung ich nehmen musste. Leider war auch auf dieser Straße kein Licht und musste mit meinem Handylicht den Fahrplan beleuchten. Nachdem ich mich nun für die Richtung entschieden hatte, fuhr ich dann auch so schnell ich konnte mitten auf der Hauptstraße. Es war kein schönes Gefühl. Zwar wurde mir die Angst vor irgendwelchen Gangstern genommen, die ich im Wald hatte, aber hier entstand eine neue Angst wegen den Autos, die ganz knapp an mir vorbeifuhren. Zum Glück ging es hier nicht so auf und ab wie auf den Feldwegen. Und hab mich ins Zeug gelegt schnell wieder in meinem Zimmer zu sein. Ich radelte und radelte und ich konnte es gar nicht mehr abwarten das Ortsschild von Geretsried zu sehen. Meine Kraft lies auch schon nach. Es lag nicht an der Kondition, es lag daran, dass meine Muskeln nicht mehr wollten. Ich freute mich schon auf meine Prinzenrolle und auf die kühlen Orangensäfte, die ich mir aus dem Getränkeautomat ziehen werde und besonders auf meine Dusche. Diese Vorstellungen gaben mir immer wieder einen Energieschub und hab weitergekämpft. Ich sah das Ortsschild von Geretsried immer wieder in meinen Gedanken vorkommen.
Nach 2 ½ stündiger Fahrt kam ich in eine Gegend, die mir sehr bekannt vorkam. Freute mich noch, dass ich sogar eine halbe Stunde schneller war als auf der Hinfahrt. Aber ich war mir nicht sicher woher ich diese Gegend kannte. Das es Geretsried war ich mir nicht so sicher und ich sah von weitem auch das erhoffte Ortschild auf mich zukommen und dachte über diese Gegend nicht mehr weiter drüber nach. Konnte die Schrift von weitem nicht richtig erkennen, und wunderte mich, dass Geretsried so ein langer Name ist. Aber egal, ich radelte immer näher auf das Schild zu, wollte schon gar nicht mehr gucken, weil ich meine Prinzenrolle im Kopf hatte. Schaute aber trotzdem beim vorbeifahren kurz darauf: BAD TÖLZ
Mir wurde ganz schlecht als ich das sah, ich dachte nur meine Phantasie spielt mir jetzt einen Streich. Ich bremste und fuhr noch einmal zu diesem Schild zurück, denn es kann doch nicht sein. Es war aber wirklich so. BAD TÖLZ... Ich kann nicht beschreiben was ich in diesem Moment fühlte. Mir wurde ganz heiß innerlich und dachte an einen schlechten Traum. Ich war genau dort gelandet wo ich angefangen war. Das war so deprimierend. Habe mich durch sämtliche Hindernisse und Hürden durchgekämpft, hatte Ängste, hatte meine ganze restliche Energie in das Fahrrad gesteckt um endlich sicher wieder in der Schule zu sein. Es war 23:30 Uhr. Um 23:00 Uhr sollte ich eigentlich das Fahrrad wieder abgegeben haben. Und ich musste doch irgendwie wieder nach Hause kommen, schließlich hatte ich doch am nächsten Tag wieder Schule. Kein Bus fuhr mehr, kein Geld für Taxi und selber fahren hätte ich nicht mehr geschafft, erst recht nicht diese Sachen wieder auf mich zu nehmen. Ich fuhr noch ein wenig weiter an der Isar vorbei ein Stückchen in den Ort. Ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen jetzt die Polizei anzurufen. Ich holte mein Handy raus und wählte 110. Dann kam eine freundliche weibliche Stimme, die dann plötzlich abgebrochen war: AKKU ALLE. „Na toll, warum hab ich immer so ein Glück?!“ schrie ich ganz laut. Als ich fast dabei war vor Wut das Klapprad in die Isar zu werfen blinkte eine gelbe Telefonzelle zirka 100 Meter weiter zu mir herüber. Ich sprang aufs Fahrrad und sprintete den Berg runter zu diesem „Lebensretter“. Wählte wieder 110 und wartete bis sich einer da meldet. „Polizeidienststelle Bad Tölz Sie sprechen mit...“. „Guten Abend, ich heiße André Franke, ich bin ein Zivildienstleistender in der Zivildienstschule in Geretsried, ich hatte mich verfahren...“
Nachdem ich dem Polizist am Telefon alles erklärt hatte sagte er, ich solle mit dem Bus fahren, erklärte ihm, dass keiner mehr fuhr. Dann solle ich ein Taxi nehmen, hatte aber kein Geld und eine EC-Karte hatte ich in dieser Zeit noch nicht, er fragte ob ich Freunde hier in der Umgebung hätte, die mich dorthin fahren könnten, ich verneinte auch dieses. „Joa, ich schick da ma a Streife zu Ihnen“. Nach zirka 10 Minuten kam dann der ersehnte Streifenwagen an. Den Polizisten erklärte ich diese Story noch einmal und riefen dann per Funk in der Zentrale an, damit Kollegen einen Polizeibus vorbeibringen sollen, schließlich habe ich ja noch das Fahrrad dabei. Diese kamen recht fix und wir haben das Fahrrad in den Bus getan und ich kam ganz nach hinten und wir fuhren los. In dem Bus waren vor und hinter mir Gitter, hab mich schon wie ein Knastbruder gefühlt, aber mir fiel ein sehr großer Stein vom Herzen, dass die Polizei so nett waren mich in meine Schule zu fahren. Normalerweise müssten die das nicht und ich hätte zusehen können wie ich wieder nach Hause komme. Auf der Fahrt fragten die mich dann aus, was ich so als Zivi mache und woher ich komme. Hatte mich nicht getraut zu sagen, dass ich aus Hamburg komme, hatte Angst, dass sie mich mitten auf der Strecke rausschmeißen würden. Sie sagten nur ganz frech: „ A Preiß, ich hoffe Dir gefällt unser Bayern.“ Ich fing an zu schleimen aus Angst rausgeschmissen zu werden.
Eine Halbe Stunde sind wir gefahren. Irre, denn diese Strecke bin ich schließlich gefahren, ich kann da gar nicht drüber nachdenken. Auf jeden Fall fuhr der Polizeibus direkt vor der Zivischule vor und hielt da. Natürlich mussten jetzt diese blöden Raucher vor dem Eingang der Schule stehen und eine qualmen. Große Augen machten sie als sie den Bus gesehen haben, erst Recht als sie mich aussteigen sahen und mein Fahrrad rausholte. Ich wäre den Polizisten beinahe vor Freude und Dankbarkeit an den Hals gesprungen, habe mich aber noch abhalten können. Nachdem ich mich nun verabschiedet hatte, schob ich das Fahrrad an den kreisgrinsenden Zivis vorbei und stellte es in der Tiefgarage ab. „André wurde verhaftet“ ging es durch die ganze Schule. Keiner glaubte mir diese Geschichte und dachten ich hätte was ausgefressen. Aber ich lachte gerne mit denen mit, schließlich war es ja auch lustig. Aber ich musste mich als erstes an den Getränkeautomaten ranmachen und an meine Prinzenrolle. Es war ein Genuss und schätzte jeden Bissen und jeden Schluck. Die Dusche war dann noch ein schöner Abschluss und ich konnte in dieser Nacht schlafen wie ein Stein.
Am nächsten Morgen musste ich den Fahrradschlüssel der Schulleiterin wiedergeben. Ich entschuldigte mich, dass ich das Rad nicht bis 23:00 Uhr abgegeben habe. Ich erzählte ihr diese Story. Sie fing an zu lachen. Ihre beiden Grübchen wurden immer größer, sie konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Wenigstens eine, die mir glaubt. Aber sie hatte so ein herzhaftes Lachen gehabt, dass ich sofort mit ihr gelacht habe bis die Tränen kamen. Jetzt war mir erst klar, dass ich was erlebt habe, woran ich mich immer wieder gerne zurückerinnere, wenn ich das Wort „Bad Tölz“ höre. Ich kann über dieses Erlebnis lachen und das ist mir das wichtigste...
5 Bewertungen, 2 Kommentare
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30.03.2006, 20:30 Uhr von kinddersonee
Bewertung: sehr hilfreichein Nordlicht in Tölz *lach* <br/>ja und wir Nordlichter sind alle gleich bescheuert *lach* <br/>ich komme ebenfalls aus Hamburg und bin seid einigen Monaten in Tölz zu Hause, sag bescheid, falls du nochmal hier runter kommst, ich fahr dich dann nach Hause
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11.02.2002, 21:51 Uhr von 111hammi
Bewertung: sehr hilfreichdas fand ich ganz gut beschrieben :-)
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