Lissabon Testbericht

Lissabon
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Erfahrungsbericht von Raileigh

Eine Nacht in Lissabon

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Wer das Glück hat, an einem wolkenlosen Tag nach Lissabon zu fliegen, wird dort, kaum, dass das Flugzeug an Höhe verliert mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt belohnt. Mir ist dieses Glück vergönnt. Um den Flughafen im Nordosten der Stadt anzufliegen, muss das Flugzeug einen großen Bogen beschreiben, eine Ehrenrunde über die Stadt. Beim Ausblick auf den Teppich, der sich unter mir ausbreitet, bin ich versucht kleine Pfeile auf die Scheiben zu malen, versehen mit den Worten: "Unbedingt angucken!"

Im großen Bogen fliegt die Maschine über die Mündung des Tejo aufs Meer hinaus, das Torre de Belem unter sich lassend, dreht und überfliegt die Alfama, mit dem Castel São Jorge, das wie eine Mütze auf dem alten Viertel hockt. Etwas weiter entfernt schlägt das Aquädukt, einem langen, sich windenden Wurm gleich, seine Füße in das Tal von Alcantara. Das Flugzeug indes gleitet über die Geometrie der Baixa, die lange, schnurgerade Avenida Liberdade und dem Parque Eduardo VII., mit seinen exakt gestutzten Hecken. Dann kommt der Erdboden zügig auf mich zu.

Nachdem ich das gut ausgeschilderte Gewirr des Flughafens hinter und alles Gepäck, dessen ich habhaft werden kann, bei mir habe, liegt die Stadt bereit, um erkundet zu werden. Einen Plan zu machen, was alles anschauen werden will, vermeide ich, sieht man doch hinterher nur all zu häufig, was man alles nicht geschafft hat. Lissabon erschließt sich dem Besucher ohnehin auf ganz eigene Art. Zunächst bin ich enttäuscht von der Schäbigkeit der Häuser und dem Verfall der Stadt, doch nach sehr kurzer Zeit merke ich, das die Stadt zwar nicht gepflegt, aber dafür geliebt wird. Der Glanz längst verfallener Pracht schwebt wie ein guter Geist über der Stadt und lässt mich Baustellen und gesperrte Aufzüge als nicht sonderlich störend empfinden. Es gibt ja noch die berühmten Straßenbahnen und, wohl dem, der sie bei bester Gesundheit mit sich führt, die Füße.

Viele Stufen muss der Besucher Lissabons steigen, um von einem der vielen Miradouros auf die Stadt zu schauen, doch immer lohnt sich diese Mühe. Ob vom Miradouro St. Gloria kurz über dem Bahnhof Rossio, ob von der Graca, vom Castello oder vom schönsten, dem Miradouro de St. Luzia, von dem man auf die alte, verwinkelte Alfama blickt, immer wieder wickelt der Charme der Stadt den Besucher erneut um den Finger.

Wenn die Wohnhäuser verfallen wirken und sich häufig in einem Zustand befinden, in dem in Deutschland die Bauaufsicht längst die Sperrung vollzogen hätte, so sind die Lissabonner Sehenswürdigkeiten, die auf den Touristen lauern in weitaus besseren Zustand. Das Torre de Belem und das Heronimus-Kloster blenden den Besucher und die Parkanlagen, mit den vielen Heldendenkmäler sind von erstaunlicher Sauberkeit. Selbst an den Feiertagen, an denen die Familien sich komplett und in bester Kleidung präsentieren und um die Wette an den Fingern heruntertropfendes Eis essen.
Das Castello strahlt hell und ist von bemerkenswerter Schönheit.

Die Cathedrale de Lisboa, die Sé leuchtet weiß, bis um Mitternacht die Lichter ausgehen. Ich betrete die Sé kurz nachdem 17 Paare in dieser Kirche getraut wurden. Es ist der Dia de Casamentos, der 12. Juni und der Heilige Antonius wacht über die frisch Vermählten dieses Tages besonders. Ein Ort der Stille ist es nun, nur die kleine Gemeinde feiert an einem vergitterten Seitenaltar einen Gottesdienst und als dieser zu Ende ist, fällt die Stille über die Kirche wie ein herunterschwebendes Tuch. Fast glaube ich Gott flüstern zu hören, wäre da nicht plötzlich ein Staubsauger, der den Teppich vor dem Altar saugt.
Ich verlasse die Kathedrale und wandere durch die Alfama. Überall in den engen Gassen werden bunte Girlanden aufgehängt und jeder der in der Lage ist ein Ölfass zu halbieren, hat das bereits getan. Jetzt füllt er seine Hälfte mit Grillkohle und beginnt Sardinen zu verkohlen. An einem der kleinen Plätze sammelt sich die Gruppe der jungen Leute, die am heutigen Abend mit bunten Kostümen und geschmückten, selbst gebastelten, riesigen Kronen beim alljährlichen Marcha Populare teilnehmen. Auf dieser Parade auf der Hauptmagistrale, der Avenida da Liberdade, präsentieren sich die jeweiligen Stadtviertel vor den Stadtvätern und den siebzehn Hochzeitspaaren, welche dann die Qual haben, zu entscheiden, welches der Stadtviertel die beste Präsentation zeigte. Ich schaue mir die Märsche an, die jeweils von einem Paar angeführt werden, die den Stadtteil repräsentieren und da ist plötzlich diese junge Frau vor dem Zug, die genau so aussieht, wie Michelle Pfeiffer aussah, als Barney Blair sie nach Lissabon holte. Strahlend und verlockend wie die Gedanken an eine schöne Frau. Rechnerisch wäre sie heute zehn Jahre älter, als zur Zeit des Russland-Hauses. Doch bleibt sie für mich immer so schön, wie eben die Tänzerin auf den Marches Populares. Schließlich altern Legenden nicht. Ich würde dieser Marschformation natürlich den ersten Preis zusprechen, auch wenn ich die Tänzer hinter Michelle Pfeiffer gar nicht wahrnehme.

Die Leute aus der Alfama sind schnell wieder zurück in ihrem Viertel, denn der Heilige Antonius, den die Stadt an diesem Abend und am ganzen nächsten Tag feiert, ist, auch wenn die Italiener ihn an seinem Sterbeort als Antonius von Padua verehren, der ganz spezielle Heilige der Alfama . Wurde er doch direkt gegenüber der Sé geboren.
Und so feiern sie ihn denn von Sonnenuntergang bis lange in den nächsten Tag hinein. Ich halte kurz den Fuß in die Alfama, wie man es tut, um die Temperatur eines Gewässers zu prüfen, von dem man sich nicht sicher ist, ob man darin Baden will. Zögernd verlasse ich die Baixa, die verhältnismäßig ruhig wirkt und steige ein paar Stufen hinauf, die durch einen engen Torbogen in eine noch engere steile Gasse führt. Unter Girlanden sitzen die ersten Sardinengriller, die mir freundlich eine Ginginha, (ein Gemisch aus Portwein und Gin?) anbieten. Ich trinke, bedanke mich und biege nichts ahnend um eine Häuserecke. Sofort wird mein zögerliche vorangesetzter Fuß und auch der Rest von mir von einer Menschenmenge erfasst, die mich von nun an bis in den letzten Winkel der Alfama durch alle Gassen mit Tanz, Gesang und Fröhlichkeit durchspült. Nichts von der Saudade, der Tristessa ist zu spüren, für den die Lisboenser berühmt sind. Das Viertel liegt unter einer Nebeldecke aus dem Duft gegrillter Sardinen. Am Miradouro da Luzia tanzt jeder mit jedem dicht gedrängt zu brasilianischer Musik und trotzdem wagt es ein Auto im Tempo eines fußlahmen Greises durch die Straße zu rollen, mehr bremsend als fahrend, denn die Menge macht nur widerwillig Platz. Ich fließe fort mit der Menge, tauche an immer anderen Ecken wieder auf, um kurz nach einem Bier zu verlangen, das mir aus mit Eis gefüllten Mülltonnen gereicht wird, verputze so viele Sardinen bis ich nicht mehr kann und rufe mit den jungen Fußballschals tragenden Portugiesen "Viva Portugal", denn der Antonius, der Universalheilige, hat in seiner Großmütigkeit an diesem Abend Portugal im Fussball über England triumphieren lassen.

Vor der Kathedrale schenke ich der Dame meines Herzens ein Majorantöpfchen mit einer Nelke. Es ist ein Glücksbringer und Hüter über die Liebe. Warum ausgerechnet Majoran, weiß ich nicht. Vielleicht, weil der Duft nicht so schnell verfliegt. Gerade will ich die strahlende Besitzerin des Gewürzes fotografieren, die hell erleuchtete Sé im Hintergrund, als für die Lissaboner Elektrizitätswerke, die Zeit für das Hebelumlegen gekommen ist. Mitternacht und die Lichter, welche die Sehenswürdigkeiten anstrahlen werden ausgeschaltet. Ein bedauerndes Raunen geht durch die Menge, aber schon wenige Sekunden später verebbt es in Gesängen und "Viva Portugal"-Rufen.

Und so beende ich die Nacht mit frohem Gemüt und verzeihe den Lissabonner die Schäbigkeit ihrer geliebten alten Häuser. Ich verzeihe ihnen den Schmutz in den Auslagen, sobald sie mir mit charmantem und ehrlichem Lächeln den Kaffee bringen oder die zweite Flasche Vino Verde, zwischen ihren Schenkeln geklemmt, mit offensichtlicher Mühe öffnen. Ich verzeihe ihnen sogar die Unpünktlichkeit und die Schwatzhaftigkeit, die zu den Charaktereigenschaften eines jeden aufrichtigen Portugiesen zu gehören scheint.

Aber das sie dem Fado von Amalia Rodrigues Synthesizer und Rhythmusgruppe untermischen, um danach tanzen zu können, das verzeihe ich ihnen nicht.

14 Bewertungen, 1 Kommentar

  • P.Nibel

    01.03.2002, 14:49 Uhr von P.Nibel
    Bewertung: sehr hilfreich

    Herrlich. Wie immer... Love, Peace & B Wild P.Nibel