London Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
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Erfahrungsbericht von LoMei
Seefahrt 27: In London.
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Vorbemerkung: Ich bin von 1954 -1963 zur See gefahren und habe nun begonnen, meine Tagebücher auszuwerten und hier einiges daraus vorzustellen. Die Erlebnisse liegen fast ein halbes Jahrhundert zurück. Es lassen sich aus ihnen sicher keine brandaktuellen Ratschläge ableiten. Aber sie vermitteln etwas von dem zeitlosen Zauber einer bemerkenswerten Stadt mit ihren vielen verschiedenen Gesichtern.
INHALT
1. In Rainham an der Pier
2. Tanz in der Royal Festival Hall
3. Bei den Bobbies von der Tower Bridge
4. Im New Hampstead Club
5. Remembrance Sunday
6. Zu Fuß auf Sightseeing Tour durch das Zentrum von London
7. Fazit
1. IN RAINHAM AN DER PIER
Wir kamen mit einer Ladung Schnittholz aus Sundsvall in Schweden. Am 12. November 1956 passierten wir den Nord-Ostse-Kanal und am 14.11. fuhren wir die Themse hinauf und gingen auf dem Fluß vor Anker. Als ich an Deck kam, sah alles ziemlich trostlos aus. Das Wasser schien eine stinkende Brühe zu sein. Das Ufer sah öde und einsam aus. Auf allem lag ein schwerer Nebel und ein eigenartiger Geruch. Das Atmen fiel schwer. Wie würde das hier wohl werden. Wir lagen bei Rainham, einem Vorort von London, über 30 km vom eigentlichen Stadtzentrum flußabwärts. Am nächsten Tag verholten wir gegen Mittag an die Pier. Offensichtlich gehörte die zu einer Fabrik, in der unsere Schnittholzladung weiterverarbeitet wurde. Abends machte ich eine Erkundungswanderung nach Dagenham.
2. TANZ IN DER ROYAL FESTVAL HALL
Am Freitagabend wollte ich unbedingt nach London. Glücklicherweise nahm mich ein LKW direkt vom Werksgelände mit in die City. Ich hatte von einem Treffpunkt von Deutschen gehört. Meine naive Suche danach hatte keinen Erfolg. Dafür landete ich in der Royal Festival Hall an der Waterloo Bridge. Dort war eine öffentliche Tanzveranstaltung. Es war sehr groß aufgezogen. Der Saal war voll. Es herrschte ein buntes und fröhliches Treiben. An einer Seite des Raumes war eine Drehbühne. Wenn eine Kapelle müde war, drehte sich die Bühne, und eine andere Kapelle spielte das gleiche Musikstück nonstop weiter. Ich hab mit einer kleinen Engländerin, die unter den wachsamen Augen ihrer Tante hergedurft hatte, viel getanzt. Es war ein sehr schöner Abend. An der U-Bahnstation Aldgate East holte mich der LKW wieder zur verabredeten Zeit ab und brachte mich direkt ans Schiff.
3. BEI DEN BOBBIES VON DER TOWER BRIDGE
Einen Abend später zogen der I. Offizier, der Elektriker, der Matrose Specki und ich los, um einen Deutschen Club aufzusuchen, in dem der Erste schon einmal gewesen war. Er wusste aber nicht mehr genau, wo sich der befand. Wir wanderten zuerst aufs Geratewohl herum und befanden uns irgendwann vor der Tower Bridge. Hier gingen wir in die an der Brücke befindliche police station und fragten, wo es einen deutschen Club gäbe und wo der sei. Die Bobbies waren sehr freundlich und baten uns zu warten. Es sei gerade Schichtwechsel und die ablösende Mannschaft würde uns weiterhelfen. Wir setzten uns. Ich sah mich um. Es war alles etwas eng. Wir beobachteten die Wachübergabe. Es ging ausgesprochen genau aber sehr locker zu. Ich fühlte mich in einen Krimi von Hitchcock versetzt. Das Ambiente war unverwechselbar. Als die abgelöste Mannschaft sich verabschiedet hatte, nahm ein Beamter schließlich ein riesiges Nachschlagebuch zur Hand und blätterte konzentriert darin herum. Dann nannte er uns eine Adresse. Wir bedankten uns und machten uns auf die Reise. Die Bobbies wünschten uns viel Erfolg.
4. IM NEW HAMPSTEAD CLUB
Wir fuhren endlos lange mit der Underground. Dann gingen wir noch ein Stück zu Fuß und waren schließlich da. Nun wurde uns erklärt, der Deutsche Club wäre da schon seit Monaten nicht mehr, aber wir sollten ruhig dableiben, es kämen in diesen anderen Club auch viele Deutsche. Er nannte sich „New Hampstead Club“ mit der deutschen Unterüberschrift: „Treffpunkt aller Deutschen, Österreicher und Schweizer.“ Also bezahlten wir einen Jahresbeitrag und wurden Mitglieder des New Hampstead Club. Man konnte dort etwas trinken und auch tanzen. Aber es war doch für uns nicht das richtige. Es war dort schon so etwas wie eine halb geschlossene Gesellschaft. Die Leute kannten sich untereinander, und saßen in vertrauten Gesprächsgruppen zusammen. Es waren auch viele darunter, die kein Deutsch sprachen. Die ganze Atmosphäre war ausgesprochen ruhig. Wir brachen zeitig wieder auf, damit wir den letzten Bus nach Rainham nicht verpassten.
5. REMEMBRANCE SUNDAY
Am Sonntagnachmittag (18.11.) fuhren wir mit der Underground bis Piccadelly Circus und tauchten dort in das sonntägliche Leben der Stadt ein. Auf dem Weg vom Trafalgar Square zur Whitehall und zur Parliament Street fiel uns auf, daß wir an einem besonderen Tag unterwegs sein mußten. Viele Menschen säumten die Bürgersteige an beiden Seiten der breiten Straße. Es war Remembrance Sunday (Volkstrauertag). Wir wohnten dem Vorbeimarsch der Kriegs-Veteranen bei. Sie waren alle in Zivil, marschierten aber so exakt in militärischer Ordnung, als hätten sie das gerade auf einem Exerzierplatz geübt. Sie waren nach ehemaligen Waffengattungen oder Regimentern in einzelne Züge aufgeteilt. Einige Veteranen wurden in Rollstühlen geschoben. Jedem Zug ging ein Veteran voran, der die alte Regimentsfahne trug. Hier konnte man ungebrochene britische Tradition erleben. In Gedränge direkt neben uns sah ich alte Herren mit spitzem Bart, die ihre Orden aus manchen Kolonialkriegen angelegt hatten. Auf den Gesichtern meinte ich so etwas wie Nationalstolz und eine Demonstration dessen, was mit dem Begriff „British Empire“ auf die kürzeste Formel gebracht werden kann, zu entdecken. Ich erinnerte mich, daß dieser Tag früher einmal in Deutschland „Heldengedenktag“ geheißen hatte. Vielleicht traf diese Bedeutung hier eher zu als „Volkstrauertag“. Trauer habe ich eigentlich nicht bemerkt. In Höhe des Commonwealth-, Außen- und Innenministeriums befindet sich in der Straßenmitte von Whitehall ein Kenotaph, ein symbolisches Grabmal. Dort stand ein Soldat, der jeder vorbeigetragenen Fahne mit zackigem Gruß seine Reverenz erwies.
Wenn wir gewußt hätten, daß die Armee hier am Vormittag vor der Queen, dem Ministerpräsidenten und den Vertretern des Commonwealth zu Ehren der ehemaligen Soldaten paradiert hatte, wären wir sicherlich schon morgens in die Stadt gefahren.
6. ZU FUSS AUF SIGHTSEEING TOUR DURCH DAS ZENTRUM VON LONDON
Dieser Sonntag war eine einmalige Gelegenheit für uns Seeleute, einmal Tourist zu sein und in Ruhe auf Sightseeing Tour zu gehen. Ich möchte einiges von dem Gesehenen beschreiben.
Die U-Bahn:
Die Londoner U-Bahn (Underground) ist eine weitverzweigtes Verkehrsunternehmen. Sie wird allgemein „the tube“ genannt. Vor meiner ersten Fahrt hatte ich etwas Lampenfieber. Das war völlig unbegründet. Wenn man sich das überall sichtbare Planschema ein wenig anschaut und weiß, wo man hin will, kann gar nichts schief gehen. In der Tube kann man in der Hauptverkehrszeit die Londoner wunderbar studieren und ihr Verhalten beobachten. Hier ist wirklich eine multikulturelle Gesellschaft unterwegs. Europäische, afrikanische, indische, chinesische und sonstige Typen reisen in alle Richtungen. Manager im Nadelstreifenanzug sitzen neben Punks und Touristen neben schrägen Typen aller Art. Ich war von den Fahrten begeistert.
Picadelly Circus:
Dies ist einer der berühmtesten und wohl auch verkehrsreichsten Plätze des Landes. Hier fließen fünf Hauptstraßen zusammen. In der Mitte des Platzes steht ein Bronzebrunnen mit einer Engelsfigur, das Shaftesbury Memorial. Der Engel trägt Pfeil und Bogen und soll ein Symbol für christliche Nächstenliebe sein. Der Volksmund hat jedoch daraus den Liebesgott „Eros“ gemacht.
Houses of Parliament:
Der offizielle Name des Parlaments lautet “The Palace of Westminster“. Das rührt daher, weil er an der Stelle errichtet wurde, an der einst der ehemalige Königspalast von Westminster stand. Der Palast wurde wiederholt durch Feuer zerstört und immer wieder aufgebaut. 1547 wurde er Sitz des Parlamentes. Im nördlichen Bereich befindet sich das Unterhaus (House of Commons) und im südlichen das Oberhaus (House of Lords).
Der Uhrturm Big Ben:
Der Big Ben ist eigentlich kein Turm, sondern eine 13 t schwere Glocke, die im 97 m hohen am Nordende der Parlamentsgebäude befindlichen Uhrturm (Clock Tower) hängt. Sie wurde 1858 gegossen und ist als Westminster Uhrenschlag weltbekannt geworden. Die Ziffernblätter haben einen Durchmesser von 8 m.
Westminster Bridge:
Dies ist die Brücke, auf der ich ein Jahr zuvor meine ersten Eindrücke von London sammeln konnte. Ein anderer Assistent und ich waren in Hull abgemustert, mit der Bahn nach London gefahren und am Bahnhof Kings Cross ausgestiegen. Mit einem Taxi fuhren wir von dort zum Bahnhof Waterloo Station, von wo wir nach Harich weiterfahren sollten. Es war früh morgens kurz vor 04:00 Uhr. Wir hatten bis zur Abfahrt unseres Zuges noch Zeit und gingen an die Themse. Der Fluß macht hier einen großen Bogen. Nach einiger Zeit standen wir am östlichen Ende der Westminster Bridge und wollten zum Big Ben hinüber schauen. Die Stadt erwachte gerade. Der Verkehr begann immer lebhafter zu werden. Dicker Nebel hüllte alles ein. Wir gingen langsam über die Brücke. Der Uhrturm und die Houses of Parliament waren zuerst gar nicht, dann nur schemenhaft und schließlich etwas deutlicher zu sehen. Dies Bild hatte ich bei jedem meiner späteren London-Besuche immer ganz deutlich vor Augen.
Westminster Abbey:
Die Kirche ist aus einer Benediktiner Abtei entstanden, die hier 750 errichtet wurde. Sie ist 170 m lang und besitzt mit 34 m das höchste gotische Kirchenschiff Englands. Im Jahre 1066 wurde sie durch Wilhelm den Eroberer zur Krönungskirche der englischen Herrscher erhoben. In ihr sind die meisten englischen Monarchen und viele berühmte Persönlichkeiten beigesetzt. Sehenswert sind die von 1503-1519 angefügte Chapel Henry VII, die anderen Abteikapellen, der gotische Kreuzgang, der Kapitelsaal und die normannische Krypta.
Trafalgar Square:
Der Platz wurde 1829-1841 angelegt. Die im Zentrum stehende über 60 m hohe Nelsonsäule erinnert an den Seesieg des Admirals Nelson bei Trafalgar im Jahre 1805 über die französisch- spanische Flotte. Unten sind Brunnen angeordnet, die von großen Löwen bewacht werden. Am 5. November und in der Silvesternacht darf jeder unbehelligt darin herum plantschen. Angeblich soll es hier so viele Tauben geben , wie auf dem Markusplatz in Venedig. In der Sylvesternacht drängen sich an dem Platz Hunderttausende von Londonern, um das neue Jahr feucht-fröhlich zu beginnen.
Horse Guard:
Diese Kavallerie ist eine der größten Touristenattraktionen. Durch drei Torbogen, die durch Horse Guards flankiert werden, kann man den großen Exerzierplatz erreichen, auf dem die Queen zu ihrem offiziellen Geburtstag eine Truppenparade abnimmt. Die diensttuenden Reitersoldaten sind ständig von fotografierenden Besuchern umlagert und müssen manche Neckereien über sich ergehen lassen. Das tun sie mit stoischer Ruhe. Wir schossen ein Bild und wanderten weiter.
Hyde Park:
Dieser Park ist zusammen mit den sich westlich anschließenden Kensington Gardens die größte Londoner Parkanlage. Auf dem 1730 angelegten Serpentinenteich (The Serpentine) kann man mit gemieteten Booten rudern. An der Nordostecke des Parks besuchten wir selbstverständlich Speakers Corner. Hier kann jeder frei zu jedem beliebigen Thema reden. Als wir dort waren, stand an der einen Seite auf einer Holzkiste eine blasse unscheinbare Frau und sprach über die Moral im allgemeinen und appellierte an die wenigen Zuhörer, doch bessere Menschen zu werden. An der anderen Seite stand ein junger Mann und versuchte, seine Zuhörer durch allerlei zum Teil recht derbe Späße zu fesseln. Bei ihm hörten deutlich mehr Leute zu.
Buckingham Palast:
Der Palast ist seit 1837 Hauptresidenz der des englischen Königshauses. Vor dem Palast steht das eindrucksvolle Queen Victoria Monument. Es ist eine Darstellung der sitzenden Königin und allegorischer Figuren.
Der große Schloßhof ist durch einen mehrere Meter hohen schmiedeeisernen Zaun abgegrenzt. An beiden Seiten des Tores stehen die Wachen mit ihren Bärenfellmützen vor den einfachen Schilderhäuschen. Ab und zu gehen sie urplötzlich aufeinander zu, machen kehrt und stehen dann wieder regungslos da wie die Zinnsoldaten. Wir beobachteten, wie sich eine Dame aus einer amerikanischen Touristengruppe löste und sich bei einem der königlichen Leibgardisten einhakte. Nachdem ihre Freunde einige Fotos gemacht hatten, ging sie lachend in ihre Gruppe zurück. Der Mann mit der Bärenfellmütze hatte keine Miene verzogen. Bei späteren Londonbesuchen sah ich, daß ein Bobby unauffällig dafür sorgte, daß den stolzen Kriegern so etwas oder ähnliches nicht passierte.
6. FAZIT
In späteren Jahren bin öfter dienstlich und privat in London gewesen. Die Aufenthalte (1982 und 1998) dauerten eine gute Woche. Kurzaufenthalte auf der Durchreise sind nicht mitgerechnet. Ich lernte immer wieder neue Gesichter der Stadt kennen. Jedes Mal war es anders, und jedes Mal war es ein Erlebnis. Aber die ersten Begegnungen mit London hatten einen besonderen Zauber, weil es das erste Mal war und etwas wie Entdeckerfreude und Abenteuerlust mitklang. Das läßt sich nicht wiederholen.
Ich kann jedem zu einer Reise nach London raten. Wer sich darauf vorbereiten möchte, dem kann ich die folgenden Reiseführer sehr empfehlen:
1. London und Umgebung, Streifzüge durch eine Weltstadt von Werner Halmert. Reise Know-How Verlag Peter Rump. ISBN: 3-89416-199-X
2. London preiswert von Kornelia Duncan, Interconnections, Georg Beckmann.. ISBN 3-86040-21-5
INHALT
1. In Rainham an der Pier
2. Tanz in der Royal Festival Hall
3. Bei den Bobbies von der Tower Bridge
4. Im New Hampstead Club
5. Remembrance Sunday
6. Zu Fuß auf Sightseeing Tour durch das Zentrum von London
7. Fazit
1. IN RAINHAM AN DER PIER
Wir kamen mit einer Ladung Schnittholz aus Sundsvall in Schweden. Am 12. November 1956 passierten wir den Nord-Ostse-Kanal und am 14.11. fuhren wir die Themse hinauf und gingen auf dem Fluß vor Anker. Als ich an Deck kam, sah alles ziemlich trostlos aus. Das Wasser schien eine stinkende Brühe zu sein. Das Ufer sah öde und einsam aus. Auf allem lag ein schwerer Nebel und ein eigenartiger Geruch. Das Atmen fiel schwer. Wie würde das hier wohl werden. Wir lagen bei Rainham, einem Vorort von London, über 30 km vom eigentlichen Stadtzentrum flußabwärts. Am nächsten Tag verholten wir gegen Mittag an die Pier. Offensichtlich gehörte die zu einer Fabrik, in der unsere Schnittholzladung weiterverarbeitet wurde. Abends machte ich eine Erkundungswanderung nach Dagenham.
2. TANZ IN DER ROYAL FESTVAL HALL
Am Freitagabend wollte ich unbedingt nach London. Glücklicherweise nahm mich ein LKW direkt vom Werksgelände mit in die City. Ich hatte von einem Treffpunkt von Deutschen gehört. Meine naive Suche danach hatte keinen Erfolg. Dafür landete ich in der Royal Festival Hall an der Waterloo Bridge. Dort war eine öffentliche Tanzveranstaltung. Es war sehr groß aufgezogen. Der Saal war voll. Es herrschte ein buntes und fröhliches Treiben. An einer Seite des Raumes war eine Drehbühne. Wenn eine Kapelle müde war, drehte sich die Bühne, und eine andere Kapelle spielte das gleiche Musikstück nonstop weiter. Ich hab mit einer kleinen Engländerin, die unter den wachsamen Augen ihrer Tante hergedurft hatte, viel getanzt. Es war ein sehr schöner Abend. An der U-Bahnstation Aldgate East holte mich der LKW wieder zur verabredeten Zeit ab und brachte mich direkt ans Schiff.
3. BEI DEN BOBBIES VON DER TOWER BRIDGE
Einen Abend später zogen der I. Offizier, der Elektriker, der Matrose Specki und ich los, um einen Deutschen Club aufzusuchen, in dem der Erste schon einmal gewesen war. Er wusste aber nicht mehr genau, wo sich der befand. Wir wanderten zuerst aufs Geratewohl herum und befanden uns irgendwann vor der Tower Bridge. Hier gingen wir in die an der Brücke befindliche police station und fragten, wo es einen deutschen Club gäbe und wo der sei. Die Bobbies waren sehr freundlich und baten uns zu warten. Es sei gerade Schichtwechsel und die ablösende Mannschaft würde uns weiterhelfen. Wir setzten uns. Ich sah mich um. Es war alles etwas eng. Wir beobachteten die Wachübergabe. Es ging ausgesprochen genau aber sehr locker zu. Ich fühlte mich in einen Krimi von Hitchcock versetzt. Das Ambiente war unverwechselbar. Als die abgelöste Mannschaft sich verabschiedet hatte, nahm ein Beamter schließlich ein riesiges Nachschlagebuch zur Hand und blätterte konzentriert darin herum. Dann nannte er uns eine Adresse. Wir bedankten uns und machten uns auf die Reise. Die Bobbies wünschten uns viel Erfolg.
4. IM NEW HAMPSTEAD CLUB
Wir fuhren endlos lange mit der Underground. Dann gingen wir noch ein Stück zu Fuß und waren schließlich da. Nun wurde uns erklärt, der Deutsche Club wäre da schon seit Monaten nicht mehr, aber wir sollten ruhig dableiben, es kämen in diesen anderen Club auch viele Deutsche. Er nannte sich „New Hampstead Club“ mit der deutschen Unterüberschrift: „Treffpunkt aller Deutschen, Österreicher und Schweizer.“ Also bezahlten wir einen Jahresbeitrag und wurden Mitglieder des New Hampstead Club. Man konnte dort etwas trinken und auch tanzen. Aber es war doch für uns nicht das richtige. Es war dort schon so etwas wie eine halb geschlossene Gesellschaft. Die Leute kannten sich untereinander, und saßen in vertrauten Gesprächsgruppen zusammen. Es waren auch viele darunter, die kein Deutsch sprachen. Die ganze Atmosphäre war ausgesprochen ruhig. Wir brachen zeitig wieder auf, damit wir den letzten Bus nach Rainham nicht verpassten.
5. REMEMBRANCE SUNDAY
Am Sonntagnachmittag (18.11.) fuhren wir mit der Underground bis Piccadelly Circus und tauchten dort in das sonntägliche Leben der Stadt ein. Auf dem Weg vom Trafalgar Square zur Whitehall und zur Parliament Street fiel uns auf, daß wir an einem besonderen Tag unterwegs sein mußten. Viele Menschen säumten die Bürgersteige an beiden Seiten der breiten Straße. Es war Remembrance Sunday (Volkstrauertag). Wir wohnten dem Vorbeimarsch der Kriegs-Veteranen bei. Sie waren alle in Zivil, marschierten aber so exakt in militärischer Ordnung, als hätten sie das gerade auf einem Exerzierplatz geübt. Sie waren nach ehemaligen Waffengattungen oder Regimentern in einzelne Züge aufgeteilt. Einige Veteranen wurden in Rollstühlen geschoben. Jedem Zug ging ein Veteran voran, der die alte Regimentsfahne trug. Hier konnte man ungebrochene britische Tradition erleben. In Gedränge direkt neben uns sah ich alte Herren mit spitzem Bart, die ihre Orden aus manchen Kolonialkriegen angelegt hatten. Auf den Gesichtern meinte ich so etwas wie Nationalstolz und eine Demonstration dessen, was mit dem Begriff „British Empire“ auf die kürzeste Formel gebracht werden kann, zu entdecken. Ich erinnerte mich, daß dieser Tag früher einmal in Deutschland „Heldengedenktag“ geheißen hatte. Vielleicht traf diese Bedeutung hier eher zu als „Volkstrauertag“. Trauer habe ich eigentlich nicht bemerkt. In Höhe des Commonwealth-, Außen- und Innenministeriums befindet sich in der Straßenmitte von Whitehall ein Kenotaph, ein symbolisches Grabmal. Dort stand ein Soldat, der jeder vorbeigetragenen Fahne mit zackigem Gruß seine Reverenz erwies.
Wenn wir gewußt hätten, daß die Armee hier am Vormittag vor der Queen, dem Ministerpräsidenten und den Vertretern des Commonwealth zu Ehren der ehemaligen Soldaten paradiert hatte, wären wir sicherlich schon morgens in die Stadt gefahren.
6. ZU FUSS AUF SIGHTSEEING TOUR DURCH DAS ZENTRUM VON LONDON
Dieser Sonntag war eine einmalige Gelegenheit für uns Seeleute, einmal Tourist zu sein und in Ruhe auf Sightseeing Tour zu gehen. Ich möchte einiges von dem Gesehenen beschreiben.
Die U-Bahn:
Die Londoner U-Bahn (Underground) ist eine weitverzweigtes Verkehrsunternehmen. Sie wird allgemein „the tube“ genannt. Vor meiner ersten Fahrt hatte ich etwas Lampenfieber. Das war völlig unbegründet. Wenn man sich das überall sichtbare Planschema ein wenig anschaut und weiß, wo man hin will, kann gar nichts schief gehen. In der Tube kann man in der Hauptverkehrszeit die Londoner wunderbar studieren und ihr Verhalten beobachten. Hier ist wirklich eine multikulturelle Gesellschaft unterwegs. Europäische, afrikanische, indische, chinesische und sonstige Typen reisen in alle Richtungen. Manager im Nadelstreifenanzug sitzen neben Punks und Touristen neben schrägen Typen aller Art. Ich war von den Fahrten begeistert.
Picadelly Circus:
Dies ist einer der berühmtesten und wohl auch verkehrsreichsten Plätze des Landes. Hier fließen fünf Hauptstraßen zusammen. In der Mitte des Platzes steht ein Bronzebrunnen mit einer Engelsfigur, das Shaftesbury Memorial. Der Engel trägt Pfeil und Bogen und soll ein Symbol für christliche Nächstenliebe sein. Der Volksmund hat jedoch daraus den Liebesgott „Eros“ gemacht.
Houses of Parliament:
Der offizielle Name des Parlaments lautet “The Palace of Westminster“. Das rührt daher, weil er an der Stelle errichtet wurde, an der einst der ehemalige Königspalast von Westminster stand. Der Palast wurde wiederholt durch Feuer zerstört und immer wieder aufgebaut. 1547 wurde er Sitz des Parlamentes. Im nördlichen Bereich befindet sich das Unterhaus (House of Commons) und im südlichen das Oberhaus (House of Lords).
Der Uhrturm Big Ben:
Der Big Ben ist eigentlich kein Turm, sondern eine 13 t schwere Glocke, die im 97 m hohen am Nordende der Parlamentsgebäude befindlichen Uhrturm (Clock Tower) hängt. Sie wurde 1858 gegossen und ist als Westminster Uhrenschlag weltbekannt geworden. Die Ziffernblätter haben einen Durchmesser von 8 m.
Westminster Bridge:
Dies ist die Brücke, auf der ich ein Jahr zuvor meine ersten Eindrücke von London sammeln konnte. Ein anderer Assistent und ich waren in Hull abgemustert, mit der Bahn nach London gefahren und am Bahnhof Kings Cross ausgestiegen. Mit einem Taxi fuhren wir von dort zum Bahnhof Waterloo Station, von wo wir nach Harich weiterfahren sollten. Es war früh morgens kurz vor 04:00 Uhr. Wir hatten bis zur Abfahrt unseres Zuges noch Zeit und gingen an die Themse. Der Fluß macht hier einen großen Bogen. Nach einiger Zeit standen wir am östlichen Ende der Westminster Bridge und wollten zum Big Ben hinüber schauen. Die Stadt erwachte gerade. Der Verkehr begann immer lebhafter zu werden. Dicker Nebel hüllte alles ein. Wir gingen langsam über die Brücke. Der Uhrturm und die Houses of Parliament waren zuerst gar nicht, dann nur schemenhaft und schließlich etwas deutlicher zu sehen. Dies Bild hatte ich bei jedem meiner späteren London-Besuche immer ganz deutlich vor Augen.
Westminster Abbey:
Die Kirche ist aus einer Benediktiner Abtei entstanden, die hier 750 errichtet wurde. Sie ist 170 m lang und besitzt mit 34 m das höchste gotische Kirchenschiff Englands. Im Jahre 1066 wurde sie durch Wilhelm den Eroberer zur Krönungskirche der englischen Herrscher erhoben. In ihr sind die meisten englischen Monarchen und viele berühmte Persönlichkeiten beigesetzt. Sehenswert sind die von 1503-1519 angefügte Chapel Henry VII, die anderen Abteikapellen, der gotische Kreuzgang, der Kapitelsaal und die normannische Krypta.
Trafalgar Square:
Der Platz wurde 1829-1841 angelegt. Die im Zentrum stehende über 60 m hohe Nelsonsäule erinnert an den Seesieg des Admirals Nelson bei Trafalgar im Jahre 1805 über die französisch- spanische Flotte. Unten sind Brunnen angeordnet, die von großen Löwen bewacht werden. Am 5. November und in der Silvesternacht darf jeder unbehelligt darin herum plantschen. Angeblich soll es hier so viele Tauben geben , wie auf dem Markusplatz in Venedig. In der Sylvesternacht drängen sich an dem Platz Hunderttausende von Londonern, um das neue Jahr feucht-fröhlich zu beginnen.
Horse Guard:
Diese Kavallerie ist eine der größten Touristenattraktionen. Durch drei Torbogen, die durch Horse Guards flankiert werden, kann man den großen Exerzierplatz erreichen, auf dem die Queen zu ihrem offiziellen Geburtstag eine Truppenparade abnimmt. Die diensttuenden Reitersoldaten sind ständig von fotografierenden Besuchern umlagert und müssen manche Neckereien über sich ergehen lassen. Das tun sie mit stoischer Ruhe. Wir schossen ein Bild und wanderten weiter.
Hyde Park:
Dieser Park ist zusammen mit den sich westlich anschließenden Kensington Gardens die größte Londoner Parkanlage. Auf dem 1730 angelegten Serpentinenteich (The Serpentine) kann man mit gemieteten Booten rudern. An der Nordostecke des Parks besuchten wir selbstverständlich Speakers Corner. Hier kann jeder frei zu jedem beliebigen Thema reden. Als wir dort waren, stand an der einen Seite auf einer Holzkiste eine blasse unscheinbare Frau und sprach über die Moral im allgemeinen und appellierte an die wenigen Zuhörer, doch bessere Menschen zu werden. An der anderen Seite stand ein junger Mann und versuchte, seine Zuhörer durch allerlei zum Teil recht derbe Späße zu fesseln. Bei ihm hörten deutlich mehr Leute zu.
Buckingham Palast:
Der Palast ist seit 1837 Hauptresidenz der des englischen Königshauses. Vor dem Palast steht das eindrucksvolle Queen Victoria Monument. Es ist eine Darstellung der sitzenden Königin und allegorischer Figuren.
Der große Schloßhof ist durch einen mehrere Meter hohen schmiedeeisernen Zaun abgegrenzt. An beiden Seiten des Tores stehen die Wachen mit ihren Bärenfellmützen vor den einfachen Schilderhäuschen. Ab und zu gehen sie urplötzlich aufeinander zu, machen kehrt und stehen dann wieder regungslos da wie die Zinnsoldaten. Wir beobachteten, wie sich eine Dame aus einer amerikanischen Touristengruppe löste und sich bei einem der königlichen Leibgardisten einhakte. Nachdem ihre Freunde einige Fotos gemacht hatten, ging sie lachend in ihre Gruppe zurück. Der Mann mit der Bärenfellmütze hatte keine Miene verzogen. Bei späteren Londonbesuchen sah ich, daß ein Bobby unauffällig dafür sorgte, daß den stolzen Kriegern so etwas oder ähnliches nicht passierte.
6. FAZIT
In späteren Jahren bin öfter dienstlich und privat in London gewesen. Die Aufenthalte (1982 und 1998) dauerten eine gute Woche. Kurzaufenthalte auf der Durchreise sind nicht mitgerechnet. Ich lernte immer wieder neue Gesichter der Stadt kennen. Jedes Mal war es anders, und jedes Mal war es ein Erlebnis. Aber die ersten Begegnungen mit London hatten einen besonderen Zauber, weil es das erste Mal war und etwas wie Entdeckerfreude und Abenteuerlust mitklang. Das läßt sich nicht wiederholen.
Ich kann jedem zu einer Reise nach London raten. Wer sich darauf vorbereiten möchte, dem kann ich die folgenden Reiseführer sehr empfehlen:
1. London und Umgebung, Streifzüge durch eine Weltstadt von Werner Halmert. Reise Know-How Verlag Peter Rump. ISBN: 3-89416-199-X
2. London preiswert von Kornelia Duncan, Interconnections, Georg Beckmann.. ISBN 3-86040-21-5
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