Der Zementgarten (gebundene Ausgabe) Testbericht
Auf yopi.de gelistet seit 06/2004
Erfahrungsbericht von SVoigt3000
Die Eltern sind tot und die Kinder spielen Familie
Pro:
Interessant, fesselnd, psychologisch treffend dargestellt, surrealistisch, schaurig-schön
Kontra:
---
Empfehlung:
Ja
-----STORY:-----
Jack ist 15 Jahre alt und lebt in irgendeinem Vorort einer größeren Stadt. Das Haus seiner Eltern ist alt und in der Straße stehen nur noch wenige Häuser. Alle anderen wurden abgerissen oder sind mittlerweile verfallen. Als Jack mit seinem Vater den Garten zementiert, fällt dieser um und ist tot - Herzinfarkt.
Wenig später stirbt auch die Mutter an Krebs. Nun sind die Kinder - Jack, die etwas ältere Julie, die jüngere Sue und der ganz kleine Tom - allein. Sie haben Angst in ein Waisenhaus zu kommen und beschließen daher, den Tod der Mutter geheim zu halten. Sie zementieren ihre Leiche in eine große Kiste im Keller des Hauses und versuchen nun ihr Leben allein zu meistern.
Julie übernimmt nun die Mutterrolle und Jack möchte unbedingt auch Verantwortung übernehmen und versucht in die Vaterrolle zu schlüpfen. Doch das ist nicht so leicht. Es kommt zu Streit zwischen den Vieren, die "Kinder" haben Probleme in der Schule, die die neuen "Eltern" lösen müssen. Dabei stecken die "Eltern" selbst noch in der Pubertät und vor allem Jack lernt gerade erst seine Sexualität kennen. Als Julie dann einen ersten Freund mit nach Hause bringt und sich langsam ein merkwürdiger Geruch im Haus ausbreitet, kann das Geheimnis nicht mehr lange gehütet werden...
-----IAN MCEWAN:-----
Ian McEwan wurde 1948 in Aldershot geboren und studierte Philologie. Mittlerweile lebt er als freier Schriftsteller in London.
Zu seinen größten Erfolgen gehört sein Roman "Abbitte" (2003). 2005 veröffentlichte der Autor seinen bislang letzten Roman "Saturday". Außerdem schrieb er viele Kurzgeschichten und Erzählungen. "Der Zementgarten" erschien 1980 erstmals in deutscher Sprache.
-----ZAHLEN, DATEN, FAKTEN:-----
Titel: Der Zementgarten
Autor: Ian McEwan
Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek
Erschienen: 2005
Seiten: 128
-----KOMMENTAR:-----
Der Leser wird direkt auf den ersten Seiten durch eine beklemmend-offene Darstellung der Doktorspielchen von Jack, Julie und Sue in die Erzählung hineingezogen. Ian McEwan beschreibt sachlich-distanziert, wie Julie und Jack ihre kleine Schwester Sue ausziehen und wie die anschließende "Untersuchung" Jack erregt - ein Tabubruch ohne Frage.
Doch ähnlich erschreckend-offene Darstellungen findet man immer wieder. Da wäre zum Beispiel Jack, der nach dem Tod seiner Mutter zugibt, weniger Trauer, aber dafür umso mehr Abenteuerlust zu verspüren. All diese beklemmenden Szenen gipfeln am Ende dann im inszestuösen Geschlechtsakt zwischen Jack und Julie, die dann nicht nur die Ehe und das Elternsein spielen sondern es auch vollziehen.
Dabei ist Ian McEwan kein Schriftsteller, die all diese Tabubrüche zum Steigern der Buchauflage braucht. Er beschreibt hier die Phantasie-, Gedanken- und Erfahrungswelt von Adoleszenten psychologisch so dicht und fesselnd, dass Siegmund Freud seine helle Freude daran hätte. Dass er dabei kein Blatt vor den Mund nimmt und auch vor Tabubrüchen nicht zurückschreckt ist kein Negativpunkt - im Gegenteil - es trägt erst zur Glaubwürdigkeit und Ästhetik der Erzählung bei.
Gleiches gilt auch für die surreal erscheinenden Szenen und die ebenso unwirkliche Umgebung, in der das Haus der Familie steht. Die Umgebung ist verwahrlost und wirkt fast archaisch. Dies kann und muss man wohl genauso als Metapher lesen wie die Zementkiste, in der die Mutter begraben liegt. Irgendwann bekommt der Zement einen Riss, der sich immer weiter auftut und das dunkle Geheimnis der Kinder immer mehr preis gibt.
Bis dahin vergeht aber einige Zeit, in der die Kinder versuchen, ihr Leben allein zu meistern. Auf der einen Seite erinnert Jack das Alleinsein an einen Tag vor vielen Jahren, als die Eltern die Kinder einmal einen Tag allein ließen und diese dann natürlich wild durch das Haus tobten und Kissenschlachten machten. Außerdem können die Adoleszenten nun ohne Rücksicht auf die Eltern die Pubertät durchleben. Jack braucht keine Angst mehr zu haben, dass seine Mutter ihm mit Schauergeschichten von der Selbstbefriedigung abhalten möchte, er sucht sich erste Frauen, die als Sexualpartner in Frage kommen und findet wegen der Einsamkeit und Abgeschiedenheit nur seine Schwester. Auf der anderen Seite fühlen die Vier sich auch allein und befinden sich in einer Art Trancezustand. Über die schrecklichen Ereignisse wird nicht gesprochen, aber sie sind trotzdem in jedem vorhanden und jeder versucht allein damit umzugehen.
-----FAZIT:-----
Eine gelungene Erzählung, die anspruchsvoll, fesselnd, interessant und dabei schaurig-schön ist. An die Qualität von "Saturday" kommt "Der Zementgarten" allerdings nicht heran und daran muss sich Ian McEwan bei mir immer messen lassen.
31 Bewertungen, 13 Kommentare
-
07.05.2006, 21:32 Uhr von Magicfinger
Bewertung: sehr hilfreichViele Grüße <br/> <br/>MAGICFINGER
-
30.04.2006, 19:23 Uhr von hhouse
Bewertung: sehr hilfreichsh, Gruß hhouse
-
21.04.2006, 16:01 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichschöner bericht...lg inspire
-
12.04.2006, 13:51 Uhr von IQIQIQ
Bewertung: sehr hilfreichPuh, davon hab ich ja noch nie gehört!
-
02.04.2006, 20:28 Uhr von kesseKirsche
Bewertung: sehr hilfreich++++ SH ++++ Lg Nicole
-
02.04.2006, 19:39 Uhr von Oli33DUI
Bewertung: sehr hilfreichAuch ein sehr schöner Bericht . Oliver
-
05.03.2006, 15:04 Uhr von Betpat
Bewertung: sehr hilfreichguter bericht
-
03.03.2006, 22:52 Uhr von Doro1975
Bewertung: sehr hilfreichsh+LG Doro
-
03.03.2006, 14:07 Uhr von dg1m4l
Bewertung: sehr hilfreichSH freu mich über Gegenlesungen
-
03.03.2006, 14:07 Uhr von hollakardinahl
Bewertung: sehr hilfreichEcht gelungener Bericht... die Story klingt spannend... mal was anderes! SH! LG Holla .... freu mich über Gegenlesungen!
-
03.03.2006, 13:29 Uhr von morla
Bewertung: sehr hilfreichsehr hilfreich
-
03.03.2006, 13:20 Uhr von WreckRin
Bewertung: sehr hilfreichgelungener Bericht, freu mich über Gegenlesungen <br/>LG Sandra
-
03.03.2006, 12:57 Uhr von Nathalie
Bewertung: sehr hilfreichsh+Vlg Nathalie
Bewerten / Kommentar schreiben