Russland: Sibirien Testbericht

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Erfahrungsbericht von Schlingel62

UND SIE FÄHRT DOCH: DIE "TRANSSIBIRISCHE EISENBAHN"

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Vorwort
*******
Bei dem Versuch sich über die Transsibirische Eisenbahn zu informieren, stösst man immer wieder auf eine Flut sich widersprechender Warnungen. Sicherlich sind viele Horrormeldungen der Veranstalter begründet, allerdings übertrieben. Letztendlich kochen alle „Sibirenreisende“ im Zug auch nur mit Wasser aus dem „Samovar“ und mit einer gewissen Geduld und passenden Souvenirs aus dem Westen, läuft alles wie am „Schnürchen“. So machten wir uns im September 2000 auf den Weg.

WAS PASSIERT?
*************
Unser Motto war: Nur wer zu Lande reist, kann noch die gemächliche Verwandlung des Bekannten in das Fremde miterleben. So wurde die Tour für uns zu einem unvergleichlichen Erlebnis.


Natürlich gehört eine gewisse Nervenstärke dazu in einen Zug zu steigen, der sieben Tage und Nächte lang unterwegs sein wird. Doch wir sind gewappnet, machen uns keine großen Gedanken darüber, denn die „Transsibirische Eisenbahn“ funktioniert wie Rußland: Irgendwie, und der Wodka ist uns nie ausgegangen.

Nach drei erlebnisreichen Tagen in Moskau machten wir uns mit der U-Bahn auf den Weg zum Jaroslawer Bahnhof. Hier wird Reiseproviant gekauft und dann sucht man erst einmal das Gleis von dem unser Zug um 21:03 Uhr sich auf den Weg machen soll. Auf der großen Hinweistafel steht er jedenfalls nicht. Auf dem Bahnhofsvorplatz tummeln sich mittlerweile immer mehr Reisende.

In Russland werden mehr Menschen und Güter per Bahn transportiert als auf Straßen oder Flüssen. Wichtigster Strang im Gleissnetz ist seit 1904 die Trasse der Transsib. So füllt sich auf dem Jaroslawer Bahnhof vor jeder Transsib-Abfahrt der Platz mit Reisenden die gewaltige Lasten schleppen – während vor dem Portal die Proviantverkäufer aufmarschieren. Nach einigem Suchen bekommen wir auf die Frage wo denn der Zug nach Irkutsk steht von einer der Amtspersonen die Antwort in russisch: „Gleis 1, der steht schon lange da“. Unsere Zugbegleiterin kontrolliert mit einem sicheren Blick die Tickets. Es sind keine Fälschungen und schon sind wir in unserem Zweiteklasse-Abteil im Wagen Nummer 13.

Pünktlich auf die Minute verlässt unser Zug Nummer 4 „Baikal“ den Moskauer Bahnhof mit 320 Fahrgästen. Von nun an geht es vier Tage und Nächte im Sechzig-Kilometer-Tempo schaukelnd und zuckelnd gen Osten. Wir machen uns die Betten zurecht, die Flasche Krim Sekt ist schnell leer, alles funktioniert.

Überall nur freundliche und fröhliche Menschen. Keine Spur von der vielbeschworenen russischen Fremdenfeindlichkeit. Alle Horrormeldungen über die Transsibirische Eisenbahn werden zumindestens auf unserer Fahrt widerlegt, obwohl dies keine Sonderfahrt war, sondern ein ganz normaler Linienzug, der täglich den Bahnhof verlässt. Kein Händlerchaos auf den Gängen, keine verdreckten Toiletten. Immer noch ist dieser Zug der Traum vieler Eisenbahnromantiker und das Kernstück des russischen Verkehrsnetzes. Aber er ist auch zum Symbol eines Staates geworden der sich allmählich auflöst.

Etwa 1500 (genau 1.545) Rubel(114,00 DM) kostet die Reise in der zweiten Klasse von Moskau nach Irkutsk. Etwa das Doppelte der durchschnittlichen Monatsrente. Die ganz Armen können sich die Bahn längst nicht mehr leisten. Man muss auch heute in der dritten Klasse rechtzeitig reservieren um an ein Ticket zu kommen. Hier kostet die Tour etwa 35 Mark(480 Rubel). Dennoch ist die Mobilität zum Privileg der Besserverdienenden geworden. So trifft man im Zug überwiegend Händler und Geschäftsreisende, oder solche die mit Rabatt fahren: Militärs und Bahnangestellte.

Eine halbe Stunde hinter Moskau wird die Toilette geöffnet. Es gibt eine Rolle Toilettenpapier, die jedoch täglich gewechselt wird. Eine Toilettenbürste steckt in einem verrosteten Behälter, in dem eine milchige Flüssigkeit schwappt. Durch ein großes Loch im Boden strömt eiskalte Luft heraus. Interessant ist die Konstruktion des Wasserhahns. Damit das Wasser läuft, muss ein Hebel direkt an der Unterseite des Hahns gedrückt werden, wobei der gesamte Toilettenraum nass wird. Auch erweist es sich als schwierig beide Hände gleichzeitig zu waschen.

„Wenn ein extremer Geruch kommt heisst das, irgend etwas geht schief“, sagt Juri, der als „Lokführerinstrukteur“ (Ingenieur) für die Technik verantwortlich ist und in jedem der Haltebahnhöfe seinen Kontrollgang macht. In der ersten Klasse heißt es, dass es in der zweiten riecht. Vereint werden die Fahrgäste der ersten und zweiten Klasse jedoch durch die feste Überzeugung, dass es noch stärker in der dritten Klasse riecht. Die dritte, sogenannte harte Klasse mit Liegesitzen ohne Abteil riecht, das können wir bezeugen. Wir lernten hier auch einige nette Fahrgäste kennen. „Die Bahn ist nicht schlecht“ erfahren wir von Juri, man bekommt regelmäßig sein Gehalt, was anderswo nicht üblich ist.

Bei Streckenkilometer 1777 passiert der Zug einen weißen Obelisken, die Grenze zu Asien . Bald werden die Häuser seltener, nur die Bäume scheinen ewig dazustehen. Birken lösen Fichten und Kiefern ab und umgekehrt. Erst auf dieser Strecke erfährt man, dass Europa nichts weiter ist als ein Kleingarten, in dem die ganze Landschaft Sibiriens „en miniatur“ enthalten ist. Da fährt man eine halbe Stunde durch den Teuteburger Wald und eine halbe Stunde durch die Heide, dann durch den Harz und schließlich durch das Allgäu und die Alpen.

In etwa 1000 Kilometer hat man alle pittoresken und dramatischen Gegenden gesehen. Die Steppe zwischen Omsk und Nowosibirsk würde auf Deutschland übertragen von München bis Hannover reichen.

Die Verpflegung war für uns während der gesamten Reise überhaupt kein Problem. An jedem Halteort stehen sie aufgereiht, die Babuschkas und versorgen Reisende für die nächste Etappe mit Früchten, Räucherfleisch, Brot, Bier und Pelmeni- Teigtaschen. Nach drei Tagen erreichten wir bei Kilometer 3.334 abends um 21 Uhr Ortszeit Nowosibirsk, der 14. Haltebahnhof und mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Sibiriens. Aber Zeit spielte für uns überhaupt keine Rolle mehr, denn im Zug gibt es keine Zeit. Die Zuguhr zeigt Mittag, aber draussen geht längst die Sonne unter. In den Zügen gilt Moskauer Zeit. Die Zeit im Zug ist etwas Relatives, wer sich täglich in einer neuen Zeit findet, verliert sie irgendwann. Zeit wird hell und dunkel. Zeit ins Bett zu gehen ist, wenn man müde wird. Zeit aufzustehen, wenn man nicht mehr schlafen kann. Man durchläuft insgesamt sechs Zeitzonen. So hatten wir stets zwei Uhrzeiten in unserem Abteil. Zum einen die Moskau-Zeit und an einer anderen Uhr die aktuelle Ortszeit.

Wir genehmigten uns unterdessen warme Pellkartoffeln, Gurken, süße Teile und russisches Bier. Sehr pünktlich um 8 Uhr am Morgen lief die Transsib in Irkutsk ein. Die offizielle Fahrzeit für die 5.191 Kilometern ist 73 Stunden und acht Minuten. Mit Pausen waren wir aber etwa 77 Stunden unterwegs und dabei war es nie langweilig und Zeit spielt ja bekanntlich keine Rolle. Hier erreichte am 16. August 1898 zum erstenmal ein Zug der Transsibirischen Eisenbahn die Stadt Irkutsk. Irkutsk war bis 1917 Verbannungsort für politische Häftlinge, hat heute 600000 Einwohner, viele Holzhäuser die über 100 Jahre alt sind, ein Zirkusgebäude ohne Zirkus und seit Sommer 1998 eine Kegelbahn. Ausserdem gibt es hier , nur eineinhalb Fahrstunden entfernt den wasserreichsten See der Erde: den Baikalsee.
Sibiriens grandioser Höhepunkt ist der Baikalsee.

Aber es gibt auf der Bahnreise von Moskau nach Peking noch weitere Überraschungen. Das ist zum einen „Nauschki“, die Grenzstadt zur Mongolei. Wir haben Aufenthalt, vier Stunden sind vorgesehen, ein einziger Waggon bleibt von der berühmten „Transsib“ übrig und nichts passiert in dem trostlosen Ort.

Nach 7 Stunden werden erst mal ganz hektisch die Pässe eingesammelt, dann will eine besonders nette Mongolin von uns den Krankenversicherungsausweis. Den internationalen Impfpass hat sie aber auch akzeptiert. Kurzum ziemlich nervenaufreibend, als dann auch noch die „Bierschmuggler“ dazukamen kam keine Langeweile bei der Kontrolle auf.

Wir waren in der Mongolei und der Zug fuhr weiter im Tal der Selenga durch das Ulan-Burges Gebirge. Hier öffnet sich das Tal zu einer nie gesehenen Landschaft. Berge bis zu den Gipfeln mit Gras bewachsen, riesige Graslandschaften. Herden, erste Jurtensiedlungen, Mensch und Natur in Harmonie.

So kamen wir auf die Minute pünktlich in Ulan Bator an. Die trostloseste Hauptstadt der Welt. Wir hatten unsere Unterkunft bei Saiknaa, in einem heruntergekommenen Plattenbau.

Gestört hat dies uns nicht, die Dusche und das WC waren hervorragend. Ulan Bator ist einen Stadt aus Beton, mit einem weiten Heldenplatz in der Mitte. Uns ist nicht klar warum, aber man verzeiht der Stadt fast alles. Aber ändern wird sich hier wohl nicht viel, außer dass wohl noch mehr Internet-Cafes aufmachen.

Die Mongolei ist ein Land, das man entweder liebt oder hasst. So wanderten wir stets auf diesem schmalen Grat. Man kann aber nicht die Dolomiten mit der mongolischen Schweiz bei Terelje südöstlich von Ulan Bator vergleichen. Wir buchten jedenfalls ganz kurzfristig eine dreitägige Jeep – Tour, bis an den Rand der Wüste Gobi. Wir kamen so in Landesteile, die bisher nur wenige Reisende betraten. So genießen wir nicht nur Dschingis Kahn Wodka, sondern auch Kahnbräuer Bier, bis wir uns auf den Weg zum Bahnhof in Ulan-Bator machten.

Nach einer aufregenden Nacht, in der der Zug innerhalb einer Stunde von der russischen auf die chinesische Schienenbreite umgespurt wurde, sind wir in China. Bis Peking begleiten uns Sonnenblumen- und Hirsefelder und auch immer wieder die chinesische Mauer, die wir vom Zugfenster gut sehen könne. So kommen wir pünktlich auf die Minute um 15.53 Uhr am Hauptbahnhof in Beijing an.

Hier empfängt den Transsibreisenden eine erstaunliche Stadt. Beijing –mitten im Wandel zu einem nördlichen Singapur. Zwischen Architekturtempel der Moderne, funktionelle Hochhäuser, weiter Trümmerbrachen und alte Kultur. Hier war für uns zumindestens die Tour mit der Transsib zu Ende.

FAZIT
*****
Ich werde diese Wochen nie vergessen, dies waren für mich einmalige Erlebnisse. Eins steht jetzt schon fest: irgendwann mal werde ich wieder mit dem Zug von Moskau losfahren, dann aber im Winter und dann geht es nach Wladiwostok.


VIEL SPASS beim Lesen oder beim Reisen mit der TRRANSSIBIERISCHEN EISENBAHN

wünscht EUCH

Schlingel62

18 Bewertungen, 2 Kommentare

  • wilma

    28.05.2002, 17:04 Uhr von wilma
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich glaub fast, der Hund muß doch mal zu Hause bleiben - weil 77 Stunden Eisenbahn kann ich ihr nicht antun...

  • skavamp

    27.05.2002, 19:08 Uhr von skavamp
    Bewertung: sehr hilfreich

    Bei so einem Bericht packt mich das fernweh