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Erfahrungsbericht von Mathi15

Vergleichende Gedichtinterpretation Johann Christian Friedrich Hölderlin bzw. Albert Ehrenstein

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin wurde am 20. März 1770 in Lauffen geboren und verstarb am 7. Juni 1843 in Tübingen. In der nur kurzen Schaffensphase Hölderlins dies sich mit einem griechisch geprägten Idealismus zwischen Klassik und Romantik beschäftigte, beschrieb er zunächst in sprachgewaltigen Gedichten den Verlust und die geistige Erneuerung des Griechentums. Die späte Lyrik kreist in gedrängter, bilderreicher und dunkler Sprache um Fragen der Völker und ihrer geistigen und religiösen Haltung.
Der Österreichische Schriftsteller Albert Ehrenstein hingegen wurde am 23. Dezember 1886 im Wiener Stadtteil Ottakring geboren und verstarb in einsamer Verbitterung in einem New Yorker Armenhospital am 8. April 1950. Eine Reihe privater wie politischer Enttäuschungen prägten das Werk der zentralen Gestalt des Wiener Expressionismus. Seine frühen, oftmals pathetisch-mythologischen Gedichte und skurrilen Erzählungen sind herausragende Beispiele des literarischen Expressionismus und stellen zum Teil einen verzweifelt-engagierten Angriff gegen Kriegstreiben und soziales Elend dar. In den zwanziger Jahren jedoch wich der aggressiv-politische Duktus immer mehr einem gänzlich resignativen Ton, der bereits in seinen Frühwerken immer wieder anklang. Während dieser Zeit beschäftigte sich Ehrenstein vor allem mit Nachdichtungen aus dem Chinesischen.

Beide vorliegenden Gedichte, die 1800 beziehungsweise 1917 geschrieben wurden, befassen sich mit dem Abschied oder Andenken an eine besondere Person wie im Falle Ehrensteins Gedicht bzw. einer bestimmten Erscheinung wie beim Gedicht Hölderlins was bei näherer Betrachtung festgestellt werden kann.
Der erste Vers Hölderlins Werk beginnt mit der gleichnamigen Überschrift und leitet so auch ohne Übergang das eigentliche Hauptthema des Kunstwerkes ein. Dies befasst sich mit der zu wenigen Achtung der Erscheinung der Sonne nach Auffassung des lyrischen Ichs. Sie wird sogar als Heilige in Strophe 1 oder als die Botin des Himmels in der dritten Strophe des Gedichts bezeichnet. Auch in Ehrensteins Abendsee geht es um eine ähnliche Thematik. Diese befasst sich jedoch mit einer menschlichen Erscheinung. Auch halten sich Ehrensteins Beschreibungen nicht wie im Falle Hölderlins Gedicht mit sich ständig wiederholenden Situationen oder Zeiträumen wie den Sonnenauf auf bzw Sonnenuntergang auf, sondern erzählen vielmehr von vergangenen und voraussichtlich niemals wiederkehrenden Ereignissen. So heißt es : \"Wir kämmten Wolken, Faunen und Fee , Im Liebesspiel über Stern und See.
Nun hat uns Dämmer verschneit, Nebel gezweit, Vor Leid vergilbt die Lilienzeit.\" An diesem kurzen Ausschnitt des Gedichts erkennt man zugleich die Trauer beziehungsweise Trostlosigkeit in den Augen des Ich Erzählers. Er schwelgt in Erinnerungen und findet sich scheinbar noch nicht mit dem Vergangenen ab. Mit dem Wort Nebel, könnte im übertragegenen Sinne der erste Weltkrieg gemeint sein, da der Erzähler unter Umständen als Soldat in den Krieg ziehen musste, und seine große Liebe alleine in der Heimat zurücklassen musste. Es scheint, dass er eine zurückliegende Trennung nicht verkraftet hat oder auch in der Zukunft nicht überwinden wird. Seine einstige Geliebte oder gute Freundin bezeichnet er sogar in der folgenden Strophe als Tanzelfe, die von Neidwolken verscheucht worden ist. Hierbei lässt sich ein weiterer Verbindungspunkt zwischen beiden Gedichten aufzeigen. Denn beide Erzähler verwenden verschiedene Bezeichnungen für die Sonne beziehungsweise die geheimnisvolle Unbekannte. Eine weitere Gemeinsamkeit beider Werke ist die Auseinandersetzung mit verschiedenen Sternen des Himmels. So ist das gesamte Gedicht Hölderlins auf die Sonne fixiert, während es bei Ehrenstein hingegen eher nur als sekundäres Thema in Form von Vergleichen Bedeutung fand. So heißt es: \"Die Sterne haben sich abgedreht.\"Der Erzähler fühlt sich unter Umständen allein und im Stich gelassen. Durch die beiderseitige Personifizierung solcher Erscheinungen am Himmel verstärkt der Ich Erzähler in Abendsee die enorme Bedeutung der vergangenen Beziehung oder Freundschaft zur beschriebenen Person. Auch im Werk \"Geh unter, schöne Sonne ... spricht alleine schon die Überschrift Bände. Sie verweist auf die ebenfalls nach Ansicht des lyrischen Ichs enorme Bedeutung dieses Sterns. Dieser rote Faden lässt sich auch in weiteren Versen des Gedichts wiedererkennen. Was Bezeichungen wie \"denn mühelose und stille bist du\" oder \"mir gehst du freundlich unter und auf\" ohne Frage eindeutig belegen.
Um auf Hölderlins Gedicht zurückzukommen wäre zu sagen, dass die zweite der insgesamt 4 Strophen mit der Beschreibung des bereits angedeuteten Sonnenauf bzw Sonnenuntergangs begonnen wird. Hier vergleicht er die Erscheinung der Sonne mit der Person Diotima, diese fand als Idealfigur auch Eingang in gesamte Dichtung des Autors wie zum Beispiel im autobiographisch-lyrischen Briefroman \"Hyperion\". Der Name steht gleichbedeutend für Frau Susette, eine Dame für die Hölderlin tiefe Zuneigung empfand. Diese lernte er kenne, als er das Amt des Hauslehrers beim Frankfurter Bankier Gontard antrat. Aus der Liebe zu dessen Frau Susette entstand die Gestalt der Diotima, führte jedoch zum Bruch mit der Familie Gontard. Da im gleichen Jahr der Trennung auch dieses Gedicht erschien, könnte dies als eine versuchte Aufaufbearbeitung der Gefühlslage des Autors gedeutet werden.
Eindeutiger Gegensatz der beiden Gedichte ist jedoch der jeweilige Ausgang. In Hölderlins Werk wird verdeutlicht, wie positiv die Sonne auf den Erzähler wirkt. So nimmt er seine Umwelt an einem sonnigen Tag viel intensiver und freudiger wahr. Er spricht sogar von einer Art Quelle, die ihm im übertragenen Sinne meines Erachtens neuen Lebensmut und Optimismus verschafft. Er schöpft durch die Sonne nicht zuletzt Kraft, entspannt jedoch auch und fühlt sich frei. Beendet wird dieses Werk mit den Versen: \"Und lächelnd über Silberwolken, neigte sich segnend herab der Aether.\" Bei der Bezeichnung Aether handelt es sich um einen in den Tropen lebenden Vogel. Dieser wird vom lyrischen Ich gerade zu bewundert, dies signalisiert für mich das Wort segnen. Vielleicht ist er fast schon neidisch, da dieser Vogel durch seine Flugfähigkeit näher zu Sonne sein kann als der Erzähler. Auch der Himmel wird mit seinen Silberwolken als eine durch den Einfluss der Sonne beindruckende und traumhafte Welt bezeichnet.
Das Gedicht Abendsee endet ebenfalls mit der Erwähnung eines gefiederten Tieres. Doch der Ödvogel, wie es in Vers 3 der letzten Strophe heißt, scheint durch seinen Flug sagen zu wollen: Spät, zu spät. Diese Ellipse sagt nun auch der Erzähler vor sich hin und fühlt wie er \"im Schnee untergeht\". Dieser Untergang stellt somit das genaue Gegenteil der ausgedrückten Stimmung in Hölderlins Gedicht dar. Denn dort fühlt sich das lyrische Ich durch die Sonne behütet, aber dennoch frei. In Ehrensteins Kunstwerk hingegen, wird eine bedrückende und Endzeitliche Stimmung dem Leser verdeutlicht.
Bei genauerer Betrachtung der Form beider Gedichte lassen sich individuelle Unterschiede erkennen. So findet der Leser im Werk Hölderlins gänzlich keine Endreime vor. Dies ist beim Gedicht Abendsee nicht der Fall. Stattdessen wechselte der Autor zwischen verschiedenen Endreimformen. In der ersten fünfversigen Strophe tritt ein Paarreim in Erscheinung. In der zweiten jedoch 4 versigen Strophe hingegen lässt sich ein regelmäßiger Kreuzreim erkennen. In der letzten Strophe, die wiederum 5 Verse besitzt, hingegen erblickt der Leser einen verschränkten Endreim nach dem Schema abbaa. Dieser Wechsel könnte für die Verwirrtheit und scheinbare Sinnlosigkeit in den Augen des Erzählers stehen. Der regelmäßige Wechsel beziehungsweise die gleiche Versanzahl in der ersten und letzten Strophe könnten hingegen einerseits die glückliche und erhoffte niemals endende Vergangenheits, jedoch aber auch die Auswegslosigkeit des lyrischen Ichs symbolisieren. Metapher wie Tanzelfe oder Reh verdeutlichen wahrscheinlich die schönen Erinnerungen. Jedoch verstärken das Auftreten von Symbolen wie Neidwolken, herzschnappende weiße Wölfe oder Ödvogel die hilf- und auswegslose Situation des Erzählers. Er klammert sich an schöne Erlebnisse, verfällt dadurch aber in lange Überlegungen und findet keine Antwort auf die Frage seines ungerechten Schicksals.
Im Gedicht \"Geh unter, schöne Sonne ...\" Hingegen verstärken Metapher wie Heilige, Herrliches, Himmels Botin, Silberwolken oder Aether die unglaubliche Bedeutung der Sonne für das lyrische Ich beziehungsweise drücken deutlicher die Bewunderung dieser Erscheinung aus. Die gleiche Funktion haben meines Erachtens auch die vielen Ellipsen, Lautmalereien beziehungsweise ausdrucksstarken Sätze, bei denen oft die übliche Wortstellung verändert ist, wie \" Dir, Diotima! Liebe!\" oder \"O du des Himmels Botin!\". Diese ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gedicht und deren häufiges Auftreten könnte gleichfalls die Regelmäßigkeit von Erscheinugen wie den Sonnauf beziehungsweise Sonnenuntergang ausdrücken. Personifikationen treten hingegen wenig und Vergleiche gar nicht erst auf. Dies könnte als eine Unvergleichbarkeit der Sonne mit anderen Dingen gedeutet werden.
Die Variation der verschiedenen Anzahl von Hebungen und Senkungen, aber die Beibehaltung des trochäischen Versfüßes in jedem Reim könnten gleichfalls für die Unvorstellbarkeit der Macht der Sonne stehen, die damit scheinbar nicht von Widersprüchen frei ist.
Auch in Ehrensteins Gedicht treten kaum Lautmalerein und Vergleiche in Erscheinung. Dies verbinde ich mit der vollständigen Resignation des lyrischen Ichs. Auch lassen sich Unregelmäßigkeiten in der Silbenanzahl pro Vers erkennen, aber die ständige Beibehaltung des tröachischen Versfußes deute ich als die Sinnlosigkeit der Situation für den Erzähler. Die Überschrift Abendsee fasst meines Erachtens treffend den Inhalt es Gedichtes zusammen, da der Erzähler allein nur mit dem Begriff Abendsee wunderschöne aber für ihn leider vergangene Erlebnisse verbindet, die er mit diesem Gedicht versucht auszudrücken.
Die Überschrift \"Geh unter, schöne Sonne ...\" hingegen steht auch für positive Erinnerungen, stellt jedoch für das lyrische Ich und alle anderen Menchen einen ständig wiederkehrenden Ablauf dar.
Zusammenfassend kann ich daher sagen, dass der Vergleich der beiden Gedichte aufgrund ihrer auf den ersten Blick völlig gegensätzlichen Thematik viele Fragen im Laufe der Interpretaion aufgeworfen hat, sich diese Untersuchung aber für mich als sehr interessant dargestellt hat.

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