Erfahrungsbericht von silke-silke
Die Päpstin (D. W. Cross) - Die Frau des 9. Jh. verwirklicht ihren Traum vom Wissen
Pro:
spannende Emanzipationsgeschichte des frühen Mittelalters
Kontra:
einige mag die kleine Liebesgeschichte im zweiten Teil des Buches stören
Empfehlung:
Nein
Heute möchte ich euch einen historischen Roman der Autorin Donna W. Cross vorstellen, deren Lektüre mich richtig gefesselt hat. Es handelt sich hierbei um den Roman "Die Päpstin" aus dem Aufbau Taschenbuch Verlag.
Die Päpstin, werdet ihr fragen? Ja, sehr wahrscheinlich gab es tatsächlich einmal im frühen Mittelalter eine Frau mit Namen Johanna von Ingelheim, die es geschafft hat, Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden.
Wie kann das möglich sein?
"Die Päpstin" ist ein wunderbares Werk. Es ist faszinierend zu sehen, wie es eine Frau des Mittelalters schafft, eine Art Emanzipation zu verwirklichen. Dass dies natürlich nicht unter ihrem richtigen Namen geschehen kann, leuchtet ein. Schließlich ist die Gesellschaft des Mittelalters alles andere als frauenfreundlich. Die Frau war dazu da, Kinder in die Welt zu setzen und im Grunde genommen nur dem Herrn - diesmal meine ich ihren lieben Gatten - zu dienen.
Selbstbestimmung? Keine Spur. Selbstverwirklichung? Niemals. Bildung wie Lesen und Schreiben oder gar höher stehende intellektuelle Herausforderungen? Nur in den Träumen.
Doch sagt, wie schafft es dann eine Frau im 9. Jahrhundert inmitten der patriachalischen Struktur eben diese Träume zu verwirklichen?
Johanna von Ingelheim wächst im Frankenreich heran. Ihr Vater ist ein strenggläubiger Dorfpriester, der eine Sächsin mit ihrem heidnischen Glauben in der Hoffnung, sie bekehren zu können, geheiratet hat. Eine Ehe der Priester war zur damaligen Zeit nicht gern gesehen, aber geduldet. Johannas Mutter vermittelt ihr die andere Seite des Glaubens, germanische Götter wie beispielsweise Wodin und Thor bestimmen ihr Weltbild. Das Mädchen bekommt also hinter vorgehaltener Hand auch die nichtchristliche Götterwelt vermittelt. Doch eins kann ihr die Mutter nicht vermitteln: Fähigkeiten des Lesens und Schreibens.
Doch Johanna hat von früh an den immensen Wunsch, die gleichen Rechte wie ihre Brüder zu haben. Ihr großer Bruder unterstützt sie in ihrem Wissensdurst. Doch als dieser stirbt, bleibt ihr nur noch ihr kleiner Bruder Johannes, der jedoch alles andere als begeistert ist, Latein zu lernen. Johanna hingegen ist so ehrgeizig, möglichst viel über die alten Griechen und ihre Wissenschaften kennen zu lernen, dass ein vorbeireisender Gelehrter aus Griechenland, einem Mädchen, dass laut Aussage des Vaters hinter den Herd gehört, weiterzubilden. Durch diesen Gelehrten erfährt sie die geheimen Künste und Wissenschaften, die der Mehrheit der Bevölkerung auf ewig verschlossen bleiben.
Als eben dieser Gelehrter nach Griechenland zurückreist, lässt er noch seine Beziehungen spielen, um Johanna nicht in das Schwarze Loch der Unwissenheit abrutschen zu lassen. Johanna soll zusammen mit ihrem Bruder Johannes eine Domschule besuchen. Dass der Vater dies nicht erlaubt, ist klar. Daher fasst Johanna den Entschluss, zusammen mit ihrem Bruder, der eigentlich viel lieber Soldat werden würde, auszureißen.
Das Schicksal erlaubt ihr, an der Domschule ihr Wissen zu erweitern - sehr zum Leidtragen ihres Bruders. Doch muss sie gegen zahlreiche Intrigen ankämpfen, die sie letztlich dazu zwingen, die Schule zu verlassen. Doch was nun? Sie ist eine gebildete Frau des 9. Jahrhunderts, die das "Blut des Wissens" geleckt hat. Soll sie zurück gehen und das Leben einer ungeliebten Tochter weiterführen, um möglichst bald irgendeinen Kerl heiraten zu müssen?
Johanna wäre nicht Johanna, eine selbstbewusste Frau, wenn sie aufgeben würde. Aufgrund mehrerer Schicksalsschläge, die ich hier nicht vorgweg nehmen möchte, gelangt sie als "JohannES" verkleidet zum Kloster in Fulda. Wieder ist ihr der Weg des Wissens in der Schreibstube des Klosters geebnet. Sie ist nicht nur für Übersetzungen des Griechischen und Latein zuständig, sondern heilt mit (heidnischem) griechischem Wissen der Heilkünste ebenso wie sie als Priester (!) "Karriere" macht. Dass die Männerwelt um sie herum nichts von ihrem wahren Geschlecht weiß, brauch ich nicht extra betonen.
Doch das ist gerade das faszinierende: Johanna gibt größtenteils ihre Identität als Frau auf, um in der Männerwelt Fuß fassen zu können.
Sie schafft es sogar soweit, dass sie zum Leibarzt und wichtigster Berater des Papstes wird! Ihre Berühmtheit bereitet ihr nicht nur Freunde - mehrere Intrigen werden folgen. Dennoch wird sie letztlich den Papstthron als Frau in Männerkleidung besteigen.
Dieser historische Roman zeigt eine der außergewöhnlichsten Frauengestalten der Geschichte. Bis ins 17. Jahrhundert war die Existenz einer Päpstin allgemein bekannt, erst danach wurden die Manuskripte des Vatikans entfernt.
Ich kann euch diesen historischen Roman wirklich nur empfehlen. Dass dieses Buch monatelang in den Bestsellerlisten der Buchhandlungen vertreten war, ist wirklich gut nachzuvollziehen. Diese Emanzipationsgeschichte dürfte in erster Linie die Frauen interessieren. Doch ist keine ihrer Äußerungen männerfeindlich. Johanna kämpft lediglich um Gleichberechtigung. Wie wäre es, dieses Buch auch als Mann zu lesen?
In dem zweiten Teil des Romans gibt es eine kleinere oder auch größere Liebesgeschichte. Ich empfinde dies nicht als Bruch, weil es verdeutlich, dass bei aller Emanzipation, Johanna von Ingelheim irgendwo in ihrem Innern immer noch weibliche Züge behält, die sie nur in ihrer Umgebung nicht ausleben darf.
Genießt diesen Roman, ich jedenfalls bin begeistert!
Eure Silke
Die Päpstin, werdet ihr fragen? Ja, sehr wahrscheinlich gab es tatsächlich einmal im frühen Mittelalter eine Frau mit Namen Johanna von Ingelheim, die es geschafft hat, Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden.
Wie kann das möglich sein?
"Die Päpstin" ist ein wunderbares Werk. Es ist faszinierend zu sehen, wie es eine Frau des Mittelalters schafft, eine Art Emanzipation zu verwirklichen. Dass dies natürlich nicht unter ihrem richtigen Namen geschehen kann, leuchtet ein. Schließlich ist die Gesellschaft des Mittelalters alles andere als frauenfreundlich. Die Frau war dazu da, Kinder in die Welt zu setzen und im Grunde genommen nur dem Herrn - diesmal meine ich ihren lieben Gatten - zu dienen.
Selbstbestimmung? Keine Spur. Selbstverwirklichung? Niemals. Bildung wie Lesen und Schreiben oder gar höher stehende intellektuelle Herausforderungen? Nur in den Träumen.
Doch sagt, wie schafft es dann eine Frau im 9. Jahrhundert inmitten der patriachalischen Struktur eben diese Träume zu verwirklichen?
Johanna von Ingelheim wächst im Frankenreich heran. Ihr Vater ist ein strenggläubiger Dorfpriester, der eine Sächsin mit ihrem heidnischen Glauben in der Hoffnung, sie bekehren zu können, geheiratet hat. Eine Ehe der Priester war zur damaligen Zeit nicht gern gesehen, aber geduldet. Johannas Mutter vermittelt ihr die andere Seite des Glaubens, germanische Götter wie beispielsweise Wodin und Thor bestimmen ihr Weltbild. Das Mädchen bekommt also hinter vorgehaltener Hand auch die nichtchristliche Götterwelt vermittelt. Doch eins kann ihr die Mutter nicht vermitteln: Fähigkeiten des Lesens und Schreibens.
Doch Johanna hat von früh an den immensen Wunsch, die gleichen Rechte wie ihre Brüder zu haben. Ihr großer Bruder unterstützt sie in ihrem Wissensdurst. Doch als dieser stirbt, bleibt ihr nur noch ihr kleiner Bruder Johannes, der jedoch alles andere als begeistert ist, Latein zu lernen. Johanna hingegen ist so ehrgeizig, möglichst viel über die alten Griechen und ihre Wissenschaften kennen zu lernen, dass ein vorbeireisender Gelehrter aus Griechenland, einem Mädchen, dass laut Aussage des Vaters hinter den Herd gehört, weiterzubilden. Durch diesen Gelehrten erfährt sie die geheimen Künste und Wissenschaften, die der Mehrheit der Bevölkerung auf ewig verschlossen bleiben.
Als eben dieser Gelehrter nach Griechenland zurückreist, lässt er noch seine Beziehungen spielen, um Johanna nicht in das Schwarze Loch der Unwissenheit abrutschen zu lassen. Johanna soll zusammen mit ihrem Bruder Johannes eine Domschule besuchen. Dass der Vater dies nicht erlaubt, ist klar. Daher fasst Johanna den Entschluss, zusammen mit ihrem Bruder, der eigentlich viel lieber Soldat werden würde, auszureißen.
Das Schicksal erlaubt ihr, an der Domschule ihr Wissen zu erweitern - sehr zum Leidtragen ihres Bruders. Doch muss sie gegen zahlreiche Intrigen ankämpfen, die sie letztlich dazu zwingen, die Schule zu verlassen. Doch was nun? Sie ist eine gebildete Frau des 9. Jahrhunderts, die das "Blut des Wissens" geleckt hat. Soll sie zurück gehen und das Leben einer ungeliebten Tochter weiterführen, um möglichst bald irgendeinen Kerl heiraten zu müssen?
Johanna wäre nicht Johanna, eine selbstbewusste Frau, wenn sie aufgeben würde. Aufgrund mehrerer Schicksalsschläge, die ich hier nicht vorgweg nehmen möchte, gelangt sie als "JohannES" verkleidet zum Kloster in Fulda. Wieder ist ihr der Weg des Wissens in der Schreibstube des Klosters geebnet. Sie ist nicht nur für Übersetzungen des Griechischen und Latein zuständig, sondern heilt mit (heidnischem) griechischem Wissen der Heilkünste ebenso wie sie als Priester (!) "Karriere" macht. Dass die Männerwelt um sie herum nichts von ihrem wahren Geschlecht weiß, brauch ich nicht extra betonen.
Doch das ist gerade das faszinierende: Johanna gibt größtenteils ihre Identität als Frau auf, um in der Männerwelt Fuß fassen zu können.
Sie schafft es sogar soweit, dass sie zum Leibarzt und wichtigster Berater des Papstes wird! Ihre Berühmtheit bereitet ihr nicht nur Freunde - mehrere Intrigen werden folgen. Dennoch wird sie letztlich den Papstthron als Frau in Männerkleidung besteigen.
Dieser historische Roman zeigt eine der außergewöhnlichsten Frauengestalten der Geschichte. Bis ins 17. Jahrhundert war die Existenz einer Päpstin allgemein bekannt, erst danach wurden die Manuskripte des Vatikans entfernt.
Ich kann euch diesen historischen Roman wirklich nur empfehlen. Dass dieses Buch monatelang in den Bestsellerlisten der Buchhandlungen vertreten war, ist wirklich gut nachzuvollziehen. Diese Emanzipationsgeschichte dürfte in erster Linie die Frauen interessieren. Doch ist keine ihrer Äußerungen männerfeindlich. Johanna kämpft lediglich um Gleichberechtigung. Wie wäre es, dieses Buch auch als Mann zu lesen?
In dem zweiten Teil des Romans gibt es eine kleinere oder auch größere Liebesgeschichte. Ich empfinde dies nicht als Bruch, weil es verdeutlich, dass bei aller Emanzipation, Johanna von Ingelheim irgendwo in ihrem Innern immer noch weibliche Züge behält, die sie nur in ihrer Umgebung nicht ausleben darf.
Genießt diesen Roman, ich jedenfalls bin begeistert!
Eure Silke
14 Bewertungen, 2 Kommentare
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24.02.2002, 19:50 Uhr von butterkeks
Bewertung: sehr hilfreichHatte das Buch schon oft in der Buchhandlung in der Hand. Konnte mich aber noch nie durchringen es auch zu kaufen. Sollte ich nach Deinem Bericht vielleicht einmal tun. Gruß Drea
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17.02.2002, 12:17 Uhr von Alexel
Bewertung: sehr hilfreichDas ist das beste Buch das ich je gelesen habe!
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