Erfahrungsbericht von Anachronistin
Melancholie
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Melancholie
An dieses Buch bin ich durch Zufall gelangt, als ich meinen Stammbuchladen besuchte.
Ich wurde auf „Melancholie“ zunächst durch die schöne Umschlaggestaltung aufmerksam, dann natürlich durch den Titel. Noch interessierter wurde ich, weil der Autor, Jon Fosse, aus Skandinavien stammt.
Hauptfigur des Romans ist Lars Hertervig, der in Hattarvâg in Norwegen geboren wurde, und der nun als Student an die Kunstakademie in Düsseldorf geschickt wurde. Aufgrund seiner herausragenden künstlerischen Begabungen erhielt er ein Stipendium, um das Studium der Landschaftsmalerei in Deutschland finanzieren zu können. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, das heißt, dass seine Eltern ihm dieses Studium nicht hätten ermöglichen können.
Der Roman setzt an im Jahre 1853, als Lars Hertervig seit geraumer Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Zu Beginn wird beschrieben, wie aufgeregt Lars Hertervig ist, weil an diesem Tage zum ersten Mal sein Lehrer, Hans Gude, sein Bild beurteilen soll. Er ist hin- und hergerissen, ob er im Bett liegen bleiben sollte, oder ob er sich tatsächlich der Kritik seines Lehrers stellen soll. Deutlich wird hier seine starke Verunsicherung. An anderer Stelle denkt er darüber nach, dass er im Grunde einer der wenigen ist, die wirklich malen können. Mit gewissem Abscheu denkt er an jene, die nicht gut malen können, sich aber für gute Landschaftsmaler halten.
Lars Hertervig hat in Düsseldorf bei Frau Winckelmann ein Zimmer gemietet, um preiswert in der Nähe der Kunstakademie wohnen zu können. Frau Winckelmann ist Witwe und lebt mit ihrem Bruder, Herrn Winckelmann, und ihrer Tochter Helene in Düsseldorf. Helene ist 15 Jahre alt und begeistert den jungen Hertervig so sehr, dass er sich in sie verliebt. Auch Helene ist dem Maler gegenüber nicht abgeneigt.
Hertervig schwärmt nicht nur für das Mädchen, er vergöttert sie geradezu. Er möchte sie nur betrachten und ihr schönes langes Haar berühren. An einer körperlichen Beziehung zu ihr scheint er nicht interessiert zu sein.
Frau Winckelmann und ihrem Bruder ist die zarte Liebe zwischen Helene und Lars Hertervig ein Dorn im Auge. Herr Winckelmann schreitet zur Tat, indem er Lars Hertervig das Zimmer kündigt.
Hertervig will aber nicht mehr ohne Helene sein. Er akzeptiert zunächst einmal nicht, dass er nicht mehr im Hause der Winckelmanns wohnen darf. Zum ersten Mal besucht er den „Malkasten“, eine Kneipe, in der sich alle Maler treffen, um einfach zusammenzusitzen, sich zu unterhalten und ein Bier zu trinken.
Als er zurückkehrt zu seinem Zimmer bei den Winckelmanns findet er seine gepackten Koffer vor.
Sowohl den Winckelmanns als auch den Kommilitonen des Malers Lars Hertervig fällt sein eigenartiges Verhalten auf. Zeitweise ist er nicht ansprechbar oder reagiert seltsam auf ihre Versuche zur Kontaktaufnahme. Manchmal scheint er mit unsichtbaren Personen zu sprechen.
Der Roman macht mehrmalige Zeitsprünge. Nach Hertervigs Leben und Studium in Düsseldorf springt die Geschichte ins Jahr 1856 in die Irrenanstalt Gaustadt in Christiania. So, wie Hertervig hier geschildert wird, erscheint er in anderem Licht bezüglich seiner geliebten Helene bzw. gegenüber Frauen im Allgemeinen.
Das folgende Kapitel spielt im Jahre 1991, und erzählt von einem jungen Schriftsteller, der auf den Spuren von Lars Hertervig ist.
Im letzten Kapitel spielt der Roman im Jahre 1902 in Stavanger. Hier lebt die Schwester von Lars Hertervig, inzwischen eine alte Frau.
Der Roman „Melancholie“ ist, obwohl in einfacher Sprache gehalten, durchaus keine leichte Kost. Es fiel schwer, konzentriert der Handlung zu folgen, da über viele Seiten hinweg recht langatmig die Gedanken des Lars Hertervig beschrieben werden. Erst nach dem Zeitsprung ins Jahr 1856 ändert sich der Schreibstil des Autors merklich, das Leseerlebnis wird spannender.
Insgesamt betrachtet ist „Melancholie“ ein besonderer und stilvoller Roman.
Fosse, Jon (2002): Melancholie
Rowohlt Taschenbuch Verlag
Preis: 9,90 €
ISBN: 3-499-23218-9
Die Anachronistin dankt für die Lesung.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-30 16:40:39 mit dem Titel Brief an ein nie geborenes Kind
Brief an ein nie geborenes Kind
Wie schon so oft sorgte der Zufall dafür, dass mir das Buch „Brief an ein nie geborenes Kind“ von Oriana Fallaci in die Hände kam. Ich sah in einer Zeitschrift eine Reklame, die für das genannte Buch warb. Ich war neugierig und auch hin und hergerissen. – Ich wusste, dass die Autorin in diesem Buch „Schwangerschaft“ aus verschiedenen Blickwinkeln thematisiert hatte. – Ich fürchtete eine allzu streng feministische Darstellungsweise a la „Männer sind feige Schweine“ oder ähnlich plakative Plumpheiten. – Ich war also voller Vorurteile.
„Brief an ein nie geborenes Kind“ stellt eine Frau als Ich-Erzählerin vor, die sehr schnell nach der Befruchtung bemerkt, dass sie schwanger ist. – Die Autorin lässt uns an allen Gefühlsregungen und Gedanken der Schwangeren teilhaben. Oriana Fallaci ist dabei weder rücksichtsvoll noch zimperlich. Der Leser nimmt Anteil an den Überlegungen der Hauptfigur, wenn sie voller Sachlichkeit das Pro und Kontra der Schwangerschaft und der nachfolgenden Mutterschaft abwägt.
Oriana Fallaci legt einen beeindruckenden Schreibstil an den Tag. Es gelingt ihr, stets sachlich und rational Worte zu wählen, die gleichzeitig gnadenlos ehrlich, aber auch ergreifend gefühlvoll sind. – Ich vermute allerdings, dass insbesondere weibliche Leserinnen sehr geteilter Meinung sein dürften, je nach dem, wie sie selbst jeweils zum Thema stehen.
Das Buch besteht quasi vorrangig aus einem „halben“ Dialog. (Dafür gibt es garantiert einen treffenderen Ausdruck, der mir jetzt nicht einfällt. Wer es also besser weiß, soll mich ruhig belehren!) Die zukünftige Mutter befindet sich stets im Zwiegespräch mit dem Ungeborenen. Sie spricht zu ihm direkt als „mein Kind“, erklärt die großen und die kleinsten Zusammenhänge der Welt. – Es erscheint ganz so, als müsse sie so zu dem ungeborenen Kind sprechen, um sich ihrer Gedanken und Empfindungen wegen zu rechtfertigen.
Die Schwangere ist von Gefühlen hin und hergerissen, mal voll Freude, dann wieder überwiegen die Ängste. Sie stellt sich ihrer Furcht vor der Verantwortung für ein eigenes Kind, ist dann wieder hoffnungsfroh und doch begleiten sie ständig Zweifel.
Der Kindsvater kommt zu Beginn nicht besonders gut weg. Im Laufe der Handlungen färbt sich sein Bild jedoch noch einmal anders.
Wie bereits der Titel des Buches verrät, wird dieses Kind nicht zur Welt kommen. Es stirbt im Bauch der Mutter und wird tot geboren. – Auch dieser Abschnitt wird sehr sachlich und , meines Erachtens, fast schon zu nüchtern abgehandelt. Wer an dieser Stelle tränentreibende Zeilen vermutet, wird erstaunt sein. Ich war dennoch erschüttert.
Oriana Fallaci hat tatsächlich nichts ausgelassen. Ihr ist mit diesem Buch ein besonderes Werk gelungen, das nicht nur Frauen zur Lektüre empfohlen sei.
Oriana Fallaci
Fischer Taschenbuch
Reihe: Die Frau in der Gesellschaft
ISBN 3-596-23706-8
Preis: € 7,90
An dieses Buch bin ich durch Zufall gelangt, als ich meinen Stammbuchladen besuchte.
Ich wurde auf „Melancholie“ zunächst durch die schöne Umschlaggestaltung aufmerksam, dann natürlich durch den Titel. Noch interessierter wurde ich, weil der Autor, Jon Fosse, aus Skandinavien stammt.
Hauptfigur des Romans ist Lars Hertervig, der in Hattarvâg in Norwegen geboren wurde, und der nun als Student an die Kunstakademie in Düsseldorf geschickt wurde. Aufgrund seiner herausragenden künstlerischen Begabungen erhielt er ein Stipendium, um das Studium der Landschaftsmalerei in Deutschland finanzieren zu können. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, das heißt, dass seine Eltern ihm dieses Studium nicht hätten ermöglichen können.
Der Roman setzt an im Jahre 1853, als Lars Hertervig seit geraumer Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Zu Beginn wird beschrieben, wie aufgeregt Lars Hertervig ist, weil an diesem Tage zum ersten Mal sein Lehrer, Hans Gude, sein Bild beurteilen soll. Er ist hin- und hergerissen, ob er im Bett liegen bleiben sollte, oder ob er sich tatsächlich der Kritik seines Lehrers stellen soll. Deutlich wird hier seine starke Verunsicherung. An anderer Stelle denkt er darüber nach, dass er im Grunde einer der wenigen ist, die wirklich malen können. Mit gewissem Abscheu denkt er an jene, die nicht gut malen können, sich aber für gute Landschaftsmaler halten.
Lars Hertervig hat in Düsseldorf bei Frau Winckelmann ein Zimmer gemietet, um preiswert in der Nähe der Kunstakademie wohnen zu können. Frau Winckelmann ist Witwe und lebt mit ihrem Bruder, Herrn Winckelmann, und ihrer Tochter Helene in Düsseldorf. Helene ist 15 Jahre alt und begeistert den jungen Hertervig so sehr, dass er sich in sie verliebt. Auch Helene ist dem Maler gegenüber nicht abgeneigt.
Hertervig schwärmt nicht nur für das Mädchen, er vergöttert sie geradezu. Er möchte sie nur betrachten und ihr schönes langes Haar berühren. An einer körperlichen Beziehung zu ihr scheint er nicht interessiert zu sein.
Frau Winckelmann und ihrem Bruder ist die zarte Liebe zwischen Helene und Lars Hertervig ein Dorn im Auge. Herr Winckelmann schreitet zur Tat, indem er Lars Hertervig das Zimmer kündigt.
Hertervig will aber nicht mehr ohne Helene sein. Er akzeptiert zunächst einmal nicht, dass er nicht mehr im Hause der Winckelmanns wohnen darf. Zum ersten Mal besucht er den „Malkasten“, eine Kneipe, in der sich alle Maler treffen, um einfach zusammenzusitzen, sich zu unterhalten und ein Bier zu trinken.
Als er zurückkehrt zu seinem Zimmer bei den Winckelmanns findet er seine gepackten Koffer vor.
Sowohl den Winckelmanns als auch den Kommilitonen des Malers Lars Hertervig fällt sein eigenartiges Verhalten auf. Zeitweise ist er nicht ansprechbar oder reagiert seltsam auf ihre Versuche zur Kontaktaufnahme. Manchmal scheint er mit unsichtbaren Personen zu sprechen.
Der Roman macht mehrmalige Zeitsprünge. Nach Hertervigs Leben und Studium in Düsseldorf springt die Geschichte ins Jahr 1856 in die Irrenanstalt Gaustadt in Christiania. So, wie Hertervig hier geschildert wird, erscheint er in anderem Licht bezüglich seiner geliebten Helene bzw. gegenüber Frauen im Allgemeinen.
Das folgende Kapitel spielt im Jahre 1991, und erzählt von einem jungen Schriftsteller, der auf den Spuren von Lars Hertervig ist.
Im letzten Kapitel spielt der Roman im Jahre 1902 in Stavanger. Hier lebt die Schwester von Lars Hertervig, inzwischen eine alte Frau.
Der Roman „Melancholie“ ist, obwohl in einfacher Sprache gehalten, durchaus keine leichte Kost. Es fiel schwer, konzentriert der Handlung zu folgen, da über viele Seiten hinweg recht langatmig die Gedanken des Lars Hertervig beschrieben werden. Erst nach dem Zeitsprung ins Jahr 1856 ändert sich der Schreibstil des Autors merklich, das Leseerlebnis wird spannender.
Insgesamt betrachtet ist „Melancholie“ ein besonderer und stilvoller Roman.
Fosse, Jon (2002): Melancholie
Rowohlt Taschenbuch Verlag
Preis: 9,90 €
ISBN: 3-499-23218-9
Die Anachronistin dankt für die Lesung.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-30 16:40:39 mit dem Titel Brief an ein nie geborenes Kind
Brief an ein nie geborenes Kind
Wie schon so oft sorgte der Zufall dafür, dass mir das Buch „Brief an ein nie geborenes Kind“ von Oriana Fallaci in die Hände kam. Ich sah in einer Zeitschrift eine Reklame, die für das genannte Buch warb. Ich war neugierig und auch hin und hergerissen. – Ich wusste, dass die Autorin in diesem Buch „Schwangerschaft“ aus verschiedenen Blickwinkeln thematisiert hatte. – Ich fürchtete eine allzu streng feministische Darstellungsweise a la „Männer sind feige Schweine“ oder ähnlich plakative Plumpheiten. – Ich war also voller Vorurteile.
„Brief an ein nie geborenes Kind“ stellt eine Frau als Ich-Erzählerin vor, die sehr schnell nach der Befruchtung bemerkt, dass sie schwanger ist. – Die Autorin lässt uns an allen Gefühlsregungen und Gedanken der Schwangeren teilhaben. Oriana Fallaci ist dabei weder rücksichtsvoll noch zimperlich. Der Leser nimmt Anteil an den Überlegungen der Hauptfigur, wenn sie voller Sachlichkeit das Pro und Kontra der Schwangerschaft und der nachfolgenden Mutterschaft abwägt.
Oriana Fallaci legt einen beeindruckenden Schreibstil an den Tag. Es gelingt ihr, stets sachlich und rational Worte zu wählen, die gleichzeitig gnadenlos ehrlich, aber auch ergreifend gefühlvoll sind. – Ich vermute allerdings, dass insbesondere weibliche Leserinnen sehr geteilter Meinung sein dürften, je nach dem, wie sie selbst jeweils zum Thema stehen.
Das Buch besteht quasi vorrangig aus einem „halben“ Dialog. (Dafür gibt es garantiert einen treffenderen Ausdruck, der mir jetzt nicht einfällt. Wer es also besser weiß, soll mich ruhig belehren!) Die zukünftige Mutter befindet sich stets im Zwiegespräch mit dem Ungeborenen. Sie spricht zu ihm direkt als „mein Kind“, erklärt die großen und die kleinsten Zusammenhänge der Welt. – Es erscheint ganz so, als müsse sie so zu dem ungeborenen Kind sprechen, um sich ihrer Gedanken und Empfindungen wegen zu rechtfertigen.
Die Schwangere ist von Gefühlen hin und hergerissen, mal voll Freude, dann wieder überwiegen die Ängste. Sie stellt sich ihrer Furcht vor der Verantwortung für ein eigenes Kind, ist dann wieder hoffnungsfroh und doch begleiten sie ständig Zweifel.
Der Kindsvater kommt zu Beginn nicht besonders gut weg. Im Laufe der Handlungen färbt sich sein Bild jedoch noch einmal anders.
Wie bereits der Titel des Buches verrät, wird dieses Kind nicht zur Welt kommen. Es stirbt im Bauch der Mutter und wird tot geboren. – Auch dieser Abschnitt wird sehr sachlich und , meines Erachtens, fast schon zu nüchtern abgehandelt. Wer an dieser Stelle tränentreibende Zeilen vermutet, wird erstaunt sein. Ich war dennoch erschüttert.
Oriana Fallaci hat tatsächlich nichts ausgelassen. Ihr ist mit diesem Buch ein besonderes Werk gelungen, das nicht nur Frauen zur Lektüre empfohlen sei.
Oriana Fallaci
Fischer Taschenbuch
Reihe: Die Frau in der Gesellschaft
ISBN 3-596-23706-8
Preis: € 7,90
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