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Erfahrungsbericht von Peter3110

OFFENBARUNGSEID EINER GESELLSCHAFT

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

In der langen Reihe der Gesellschaftsromane gehört „Effi Briest“ von Theodor Fontane zu den vorbildlichsten und auch eindringlichsten Werken.
Das Werk beschäftigt sich mit dem preußisches Staat des ausgehenden 19.Jahrhunderts, sowie mit der Rolle der Frau während dieser Epoche.

Hier der Inhalt dieses Romans:
Die 17jährige Effi, die aus einer Familie des Landadels stammt, soll mit dem doppelt so alten Baron von Instetten verheiratet werden. Auch wenn das Paar überhaupt nicht zusammenpasst, wird die Ehe arrangiert.
Das frischvermählte Paar zieht nun in den Amtssitz von Instetten, der in Pommern Landrat ist.
Mit der dortigen Bevölkerung kommt Effi überhaupt nicht zurecht, da sie alle mehr als eigentümlich sind.
So findet sie sich kaum in ihrer neuen Umgebung, da zu den Kommunikationsproblemen noch Angst vor Spuk im eigenen Haus hinzukommt.
Effi fühlt sich in folge dessen immer mehr alleine gelassen, da Instetten außer ein paar „müden Zärtlichkeiten“ nur wenig für sie übrig hat und nicht einmal mit ihr in demselben Bett schläft. Ihr einziger treuer Freund ist der Hund Rollo, der sie auch vor dem Spuk beschützt.
Nach der Geburt ihrer Tochter Annie verbessert sich ihre Lage etwas, da sie in der Amme Roswitha eine Freundin findet.
Als Folge aus ihrem tristen Leben begeht Effi Ehebruch mit dem Major Crampas. Sie fühlt dabei jedoch nichts und die große Leere in ihr bleibt.
Einige Zeit danach wird Instetten zum Ministerialrat in Berlin berufen und die junge Familie zieht von der Landratsstadt Kessin weg. Der Umzug bedeutet für Effi eine riesige Befreiung und sie glaubt in der Großstadt Berlin ein neues Leben beginnen zu können. Dies ist jedoch ein Trugschluss. So ziehen zwar die Jahre ins Land, doch ihr Leben ist immer noch öder und leer.
Während eines Kuraufenthalts Effis entdeckt Instetten zufällig einige alte Briefe, die Major Crampas am Effi geschickt hat und entdeckt den sieben Jahre zurückliegenden Ehebruch.
Auf Grund der gesellschaftlichen Situation verstößt Instetten Effi und erschießt Major Crampas bei einem Duell.
Effi, die gesundheitlich noch nie einen robusten Eindruck gemacht hat, wird durch die Ereignisse sehr stark mitgenommen und stirbt, nachdem sie sich zumindest wieder mit ihrer Familie versöhnt hatte, die sie ebenfalls verstoßen hatte.

Interpretation und Wirkung des Romans
„Effi Briest“ ist ein Meisterwerk Fontanes, in dem sich seine gesamte Schriftstellerkunst zeigt. So wird durch eine geschickte Symbolik das Ende des Buches bereits in den ersten Sätzen angedeutet und vorweggenommen.
Ferner zeichnet sich Theodor Fontane durch seine klare Zeichnung der Charaktere aus. So beschreibt er Effi als Naturmenschen, der zur höchsten Liebe fähig ist und auf der anderen Seite den kühlen Instetten, der nicht zu Effi passt.
Außerdem arbeitet Fontane mit vielen Andeutungen und Konnotationen, von denen wir die meisten auf Grund der großen zeitlichen Diskrepanz nur noch bedingt erfassen können.
Der Roman als solches wird im allgemeinen in zwei verschiedene Wirkungsabsichten aufgeteilt: Der Frauenroman und der Gesellschaftsroman.
Ich persönliche würde diese beiden Interpretationsstrenge überhaupt nicht trennen, da sie sich zu einer umfassenden Interpretation zusammenführen lassen.
An der Protagonistin Effi wird die Frau in der damaligen Zeit aufgezeigt. Jung und unerfahren, meistens mit Träumen von Liebe, die sie jedoch selber kaum verstehen kann. So wurden die gesellschaftlichen Konventionen dermaßen verinnerlicht, dass Effi diese Ehe sogar noch freiwillig eingeht. Ihrer Meinung nach muss ein Mann nur gut aussehen, eine gute Stellung besitzen und von Adel sein. Liebe spielt für sie, trotz ihrer Träume und ihrer Leidenschaft, keine Rolle.
Der Ehebruch, der in Folge der Lieblosigkeit geschieht, war in dieser Zeit nicht unbedingt seltener als heute. Nur mit dem Unterschied, dass der Mann nichts zu befürchten hatte, die Frau jedoch von der Gesellschaft und ihrer Familie verstoßen wurde.
So wurden jedoch nicht nur die Frauen von den gesellschaftlichen Konventionen bestimmt, sondern besonders auch die Männer. Dies zeigt sich an dem Duell, das Instetten anzettelt um seine Ehre zu bewahren. Er äußert sich vorher sogar deutlich über die Gesellschaft und macht seinen tiefen Hass auf sie deutlich. Dieser Hass geht soweit, dass er prophezeit sich irgendeinmal deswegen umzubringen, doch er sagt solange dies alles gilt, müsse man sich daran halten. Dies zeigt seine Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die völlig entartet ist.

Fazit
Das Buch an sich ist leicht zu lesen, doch insgesamt auf Grund seiner Länge manchmal etwas langatmig. So kann es nicht jedem empfehlen, da ich einige Male selbst nicht mehr so richtige Lust zum Weiterlesen hatte.
Man sollte jedoch neben diesen Randerscheinungen die wichtige Kernbotschaft dieses Werkes nicht vergessen. Theodor Fontane rechnet hier mit der preußischen Gesellschaft ab, die ihre alten Tugenden wie Toleranz und Weltoffenheit abgelegt hat und in diesem Werk ihren Offenbarungseid leistet.
So reicht es meiner Ansicht nach völlig aus, wenn jeder, der dieses Buch privat oder in der Schule gelesen hat, für sich selbst zu der Erkenntnis kommt, dass man sich nicht sein Leben von der Gesellschaft zu dominieren hat, sondern als freies Individuum gestützt auf sein Gewissen lebt. Dies ist keinesfalls anarchistisch gemeint, sondern damit ist der so oft beschworene mündige Bürger gemeint. Dieser wird in „Effi Briest“ einige Male angedeutet, doch er kann sich nicht gegen die Gesellschaft erwehren, was teilweise auch an fehlendem Rückgrat liegt.
So ist dieses Buch auch heute noch aktuell und bekommt von mir die maximale Bewertung.

20 Bewertungen, 1 Kommentar

  • lost_hero

    02.06.2002, 17:58 Uhr von lost_hero
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hey, wirklich guter & interessanter Bericht. War selbst D-LKler, hab' während meiner Schulzeit das Buch nicht gelesen... Gruß, Patrick