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Erfahrungsbericht von LeaofRafiki

Rudyard Kipling: Die Dschungelbücher

Pro:

ein wunderbarer Einblick in die Dschungel und eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

Kontra:

kein Kinderbuch!

Empfehlung:

Ja

Die vergangenen Tage hab ich ein Buch, eigentlich zwei Bücher, gelesen, die dem Namen nach wohl jedem bekannt sind: „Das Dschungelbuch\" und „Das neue Dschungelbuch\" von Rudyard Kipling. Darin vorkommende Namen wie „Mowgli\", „Balu\", „Baghira\", „Schir Khan\" und „Kaa\" rufen Kindheitserinnerungen wach, an die Zeichentrick-Verfilmung von Walt Disney oder auch an diverse andere.

Beide Bücher sind eine Sammlung von Geschichten, die sich teils um die eben erwähnten Figuren drehen, teils überhaupt nichts mit ihnen zu tun haben:

1. Das Dschungelbuch

1.1. Mowglis Brüder

erzählt, wie Mowgli als Kleinkind in die Dschungel kam. Auf der Flucht vor Schir Khan gelangt er zu den Wölfen des Sioni-Rudels, die ihn in einer großen Versammlung, bei der alle Jungtiere (Jungwölfe) dem Rudel vorgestellt und von diesem akzeptiert werden müssen, aufgrund der Fürsprache von Balu „der einzige Fremdling ist er im Rat der Wölfe, er kann kommen und gehen, ganz wie er will, denn er lebt nur von Nüssen, Wurzeln und Honig\" (Bd. I s. 17), und von Baghira, dem Panther „Seine Stimme war sanft wie wilder Honig, der vom Baume tröpfelt, und sein Fell weicher als Flaumfedern\" (Bd.1 S. 18) um den Preis eines fetten Bullen schließlich doch aufgenommen wird.
Fortan wächst er auf bei den Wölfen, die ihm Vater und Mutter und Geschwister zugleich sind, während Balu und Baghira seine Lehrer werden.
Zehn, zwölf Jahre später vertreibt Mowgli Schir Khan mit Hilfe der „roten Blume\", wie das Feuer genannt wird, nicht ohne ihm anzudrohen, ihn bei ihrer nächsten Begegnung zu töten und macht sich auf, zu den Menschen zu gehen.

1.2. Kaas Jagdtanz

„Was hier erzählt wird, geschah in der Zeit, bevor Mowgli aus dem Sioniwolfspack ausgetoßen wurde und ehe er an Schir Khan, dem Tiger, Rache nahm.\" (Bd. 1, S.35) In den Jahren zuvor hat Mowgli Dank seiner Lehrer Balu Baghira viel gelernt, die Sprachen der Tiere der Dschungel, ihre Jagdrufe und die Meisterworte dieser (Tier)Völker, mit denen er sie um Hilfe und Unterstützung angehen kann. Eine Tierarzt allerdings fehlte: die der Affen. „Die Dschungelleute sprechen nicht von ihnen und halten es nicht der Mühe wert, an sie zu denken. Zahlreich sind sie, diese Affen, böse, schamlos, schmutzig, und ihr einziger Wunsch ist - falls sie überhaupt einen bestimmten Wunsch haben, von den Dschungelvölkern bemerkt zu werden. Aber wir beachten sie nicht, nicht einmal, wenn sie Nüsse und Unrat auf unsere Köpfe herabwerfen.\" (Bd. 1 S. 39)
Die Bandar-Log, die Affen nun entführen Mowgli und bringen ihn in die verlassene Stadt „Cold Lairs\", damit er ihnen zeige, wie man aus Blättern Dächer baut, aber unstet wie sie sind, haben sie dies, dort angekommen, schon wieder vergessen, genau wie für Nahrung und Obdach für Mowgli zu sorgen. Dieser wiederum hatte durch Tschil, den Geier, eine Nachricht ausgesandt an Balu und Baghira, so daß diese seine beiden treuen Freunde und Lehrer, nach einem heftigen Streit, warum Balu Mowgli nicht vor den Bandar-Log gewarnt hätte, sich aufmachen zu Kaa, dem Riesenpyython, ihn um Hilfe bei der Befreiung Mowglis zu bitten.
Mit einem Trick, Baghira erzählt nämlich Kaa, die Affen hätten ihn einen „fußlosen gelben Regenwurm\" genannt, entfachen sie seine Wut und gemeinsam machen sie sich auf zu der verlassenen Stadt. Dort angekommen befreien sie in einem heftigen Kampf gemeinsam Mowgli, und Kaa, den die Affen fürchten wie nichts anderes, wütet schrecklich unter ihnen.
„Die Silberscheibe des Mondes versank hinter den Hügeln, und die Reihen der zitternden Affen, zusammengeduckt auf Mauern und Trümmern, erschienen wie zerfranstes Gezack der Ruinen. Balu trabte zum Wasserbecken, um sich mit einem Trunk zu laben; Baghira leckte und putzte sein Fell. Kaa aber glitt in die Mitte der Terrasse und klappte mit weithin hörbarem Geräusch seine Kiefer zusammen, worauf die Affen starr die Blicke auf ihn richteten.
„Der Mond geht unter\", zischte Kaa. „Könnt ihr mich noch alle sehen?\"
Von den Mauern hallte es, als ob der Wind in den Wipfeln stöhnte.
„Wir sehen dich, Kaa!\"
„Gut. Nun beginnt der Tanz - der Jagdtanz des Kaa! Sitzt stille! Seht her!\" Er glitt zwei- oder dreimal im großen Kreis umher und schwang lächeln im Takt den Kopf zur Rechten und zur Linken. Dann begann er mit seinem Körper Schleifen und Achterfiguren zu bilden, gleitende, gebogene Dreiecke, die sich in Vierecke, Kreise und Arabesken verwandelten; ohne Pause und ohne Beschleunigung und unaufhörlich ertönte Kaas leiser zischender Gesang.
Er wurde dunkler und dunkler.
Die wirren Figuren schwanden in der Nacht, aber man konnte das Rascheln der schlürfenden Schuppen deutlich vernehmen.
Balu und Baghira standen wie zu Stein erstarrt - in ihren Kehlen rasselte mühsam der Atem, ihr Nackenfell sträubte sich, während Mowgli voll Staunen und Grauen zusah.
„Bandar-Log\", sang die Stimme des Kaa, „könnt ihr Hand oder Fuß noch regen wider meinen Willen? Sprecht!\"
„Wider deinen Willen kann keiner von uns regen Hand oder Fuß, o Kaa\", hauchten die Affen.
„Gut. Kommt alle einen Schritt näher zu mir!\"
Die Reihen der Affen bewegten sich mechanisch vorwärts, und Balu und Baghira machten einen Schritt mit ihnen.
„Näher!\" zischte Kaa, und wieder schwankten alle einen Schritt vor.
Mowgli legte die Hände auf Balu und Baghira, um sie dem Zauber der Schlange zu entreißen; und die beiden gewaltigen Tiere schraken zusammen, wie aus einem Traum erwacht.
„Halte deine Hand fest auf meiner Schulter\", keuchte Bahghira. „Laß mich nicht los - oder ich muß hin zu Kaa - muß hin zu Kaa. Ah!\"
„Was hast du? Es ist ja nur der närrische Kaa, der im Staub seine Kreise schlägt\", sagte Mowgli. „Aber wir wollen fort von hier.\" Und die drei stahlen sich durch eine Öffnung in der Mauer und trabten fort in die Dschungel.\" (Bd. 1 S.58-59)

Abgesehen von der wundervollen, überhaupt nicht kitschigen Sprache Kiplings (wie man den süßlichenVerfilmungen nach annehmen könnte) zeigt sich hier schon die Überlegenheit Mowglis aufgrund seines Mensch-Seins, seines rationalen Verstandes, gegenüber den Tieren, die Kaas Bann unterliegen. In den folgenden Geschichten, soweit sie sich um Mowgli drehen, und auf die werde ich mein Hauptaugenmerk legen, vollzieht sich eine Wandlung, vom Wolfskind hin zu einem Menschenwesen, der doch nie seine tierische, wölfische, Dschungelprägung vergißt und am Ende zum Hüter der Dschungel wird.


1.3. >Tiger Tiger!<

„Als Mowgli nach dem Kampf mit dem Rudel am Ratsfelsen (siehe 1.1.) die Höhle seiner Wolfseltern verließ, ging er hinunter zu den gepflügten Feldern, wo die Dörfler lebten. (..) Sie alle gafften Mowgli an, schwatzten und riefen und deuteten mit den Fingern auf ihn. „Sie haben keine Lebensart, diese Menschenvölker\", dachte Mowgli sich. „Nur die grauen Affen benehmen sich so!\" Er warf seine langen Haare trotzig zurück und starrte düster die Menge an.\" (Bd. 1, S.64/65).
Und doch wird er aufgenommen bei den Menschen, wie Jahre zuvor bei den Wölfen. Allein, er kommt mit dem Leben unter Menschen nicht gut zurecht. Zu fremd ist ihm alles, zu beengend und zu beängstigend. Er lebt bei Messua, der Frau des reichsten Mannes im Dorf, die ihn als ihr verlorenes, vor vielen Jahren vom Tiger geraubtes Kind erkennt und seine zweite Lehrzeit beginnt. Lehrten ihn Balu und Baghira die Gesetze der Dschungel, so lernt er nun die Sprache der Menschen, ihre Gewohnheiten und Gesetze. Er hält Kontakt zu seiner Familie - den Wölfen - und als er nach geraumer Zeit eine Aufgabe bekommt, nämlich das Vieh des Dorfes zu hüten, sind sie es, die ihm die Rückkehr Schir Khans anzeigen.
Mit eben ihrer Hilfe gelingt es Mowgli, Schir Khan eine Falle zu stellen, ihn in die Enge zu treiben und zu töten. Doch dies hat fatale Folgen für ihn. Kein Mensch vermochte sich vorzustellen, daß ein Knabe den wilden Tiger bezwang, ohne daß Zauberei im Spiel wäre und so wird er aus dem Dorf verstoßen.
Nirgend ist er wirklich zuhause, im Sinne daß er freundlich aufgenommen wird. Die Wölfe versteßen ihn wegen seines Mensch-Seins, die Menschen ihn wegen seiner animalischen Fremdartigkeit. So beschließt Mowgli fortan allein, als Einsiedler in der Dschungel zu leben, begleitet nur von seinen treuen Freunden Balu und Baghira sowie seinen Wolfseltern und vier wölfischen Gefährten.


2. Das neue Dschungelbuch

2.1. Wie Angst kam

„Das Dschungelgesetz - bei weitem das älteste Gesetz der Erde - enthält Bestimmungen für beinahe jederlei Art von Vorfällen, die sich unter dem Dschungelvolk ereignen können; und bis jetzt sind seine Gesetzestafeln so vollkommen, wie Zeit und Gewohnheit sie machen können. (..) Das Dschungelgesetz verbietet bei Todesstrafe jedem Tier an den Tränkeplätzen zu töten, sobald der Wasserfrieden verkündet ist. Denn Trinken ist immer noch wichtiger als Essen. Jeder in der Dschungel kann sich auf irgendeine Weise behelfen, wenn das Wildbret knapp wird; aber Wasser bleibt Wasser, und wenn nur noch eine Tränke vorhanden ist, so hört alle Jagd auf, solange das Dschungelvolk seinen Durst löscht.\" (Bd. 2, S. 12/14)
Die Geschichte, wie Angst kam, wird Mowgli von Balu erzählt, als dieser die erste Dürre in der Dschungel erlebt. Sie erklärt die Fehde zwischen Mensch und Tiger, zwischen dem Tiger und allen anderen Tieren der Dschungel. Es ist die Geschichte eines Mißverständnisses, einer Überheblichkeit, an deren Ende steht, daß der Tiger bis auf eine einzige Nacht das ganze Jahr hindurch den Menschen fürchtet und von ihm verfolgt und getötet wird, er aber in dieser einen Nacht straflos einen Menschen töten darf, was sonst gegen die Gesetze der Dschungel verstoßen würde, denn nie darf ein Tier einen Menschen töten.

2.3. Die Dschungel los!

Nachdem Mowgli zum Einsiedler, zum überall ausgestoßenen geworden ist, erfährt er von Akela, dem alten, ursprünglichen Führer des Wolfsrudels, dem er das eben gerettet hat, daß die Menschen, die ihn des Zaubereiverdachts wegen aus dem Dorf ausgestoßen hatten, nun auch seine (leiblichen Menschen-)Eltern Messua und ihren Mann der Zaubereri angeklagt haben und töten wollen. hier, dass man ihn nicht nur bei den Menschen ausgestoßen hat, sondern auch töten will. Hin- und hergerissen zwischen seinen beiden Herkunftsnaturen entscheidet er sich, diese beiden zu retten, die ihm nur Gutes taten und das Dorf zu bestrafen. Mit Hilfe seiner Gefährten befreit er sie, mit Hilfe der Elefanten unter der Führung Hathis, dem alten weisen Elefantenanführer, vernichtet er das Dorf, so daß Hathi Rache nehmen kann für erlittenes Unrecht und die Dschungel es sich wider einverleibt.

Wie auch schon in früheren Geschichten wird die Macht Mowglis über die Tiere der Dschungel immer deutlicher. „Das hat man davon, wenn man such mit Menschen abgibt\", zischte Baghira. „In der Dschungel gilt noch etwas anderes jetzt als das Dschungelgesetz, Balu!\" (Bd. 2, S.55) Doch im Gegensatz zu einem Menschenmensch mißbraucht Mowgli seine Macht nicht, um sich zu bereichern oder sonst einen Vorteil zu erringen, auch tötet er nie wieder, es sei denn um der Nahrung willen, sondern er setzt seine Kontakte und Fähigkeiten immer zum Wohle der Dschungel, zum Wohle der Tiere oder um Gerechtigkeit zu üben ein.

Besonders deutlich wird dies in der nächsten Geschichte

2.5. Des Königs Ankus

Fast könnte man meinen, es sei die Versuchung des Mowgli, wenn Kaa, der uralte Felsenpython Mowgli fragte, ob er wunschlosglücklich sei in der Dschungel, was dieser bejaht. Wie um ihn zu prüfen führt Kaa Mowgli zurück in die verlassene Ruinensstadt Cold Lairs, in der eine weiße, blinde Kobra einen unterirdischen Schatz bewacht. Mowgli ist gefeit gegen all den Glanz des Goldes und der Geschmeide, die er dort entdeckt, einzig ein bunter Stab erregt seine Aufmerksamkeit.
„Mowgli ahnte natürlich nichts von der Bedeutung all dieser Gegenstände. Die Messer fesselten ihn wohl, doch da sie nicht so gut im Griff lagen wie sein eigenes, ließ er sie wieder fallen. Zuletzt aber fand er doch etwas, das ihm begehrenswert erschien, es lag auf der Kante eines Elefantensessels, halb unter Münze begraben und war ein drei Fuß langer Ankus, ein Elefantenstachel, einem kleinen Bootshaken ähnlich. Ein runder, glühender Rubin bildete den Knauf; der Handgriff, acht Zoll breit, war dicht mit ungeschliffenen Türkisen besetzt, die ein sicheres Anpacken ermöglichten; darüber zog sich ein Band aus Jade mit einem Blumenmuster, dessen Blätter aus Smaragden entstanden, und die Rubinen der Blüten waren in den kühlen, grünen Stein versenkt. Der übrige Schaft war aus purem Elfenbein, der spitze Stachel mit dem Widerhaken aus Stahl mit Goldlegearbeit, die Bilder aus der Elefantenjagd darstellten. Diese Bilder vornehmlich fesselten Mowgli, denn sie hatten offenbar mit seinem Freunde Hathi, dem Schweiger zu tun.
Die weiße Kobra war ihm dicht auf den Fersen gefolgt.
„Ist das, was du erblickst, nicht wert, das Lebe dafür zu lassen?\" fragte sie. Habe ich dir nicht eine große Gunst erwiesen?\"
„Ich verstehe dich nicht\", antwortete Mowgli. „Hart und kalt sind diese Sachen und zum Fraß nicht zu gebrauchen. Das hier aber\" - er hob den Ankus auf -, das möchte ich mitnehmen, damit ich es draußen in der Sonne beschauen kann.\" (Bd. 2, S. 117)
Die Kobra, die Hüterin des Schatzes, hat noch nie einen Menschen wieder lebend ihre Höhle verlassen lassen und so gelingt es Mowgli auch nur mit Hilfe von Kaa, wieder ans Sonnenlicht zurückzukehren. Doch der Ankus, der Elefantenstachel, ist verflucht. Baghira, dem Mowgli stolz sein neues Spielzeug zeigt, klärt ihn über dessen wahre Bedeutung auf.
„In den Käfigen des Königs zu Udaipur kam ich zur Welt, und so weiß ich einiges von den Menschen. Viele würden dreimal in einer Nacht töten, nur um des einen großen roten Steines willen.\" (..) Baghira, sehrschläfrig, öffnete halb die Augen, und boshaft glänzten sie. „Die Menschen schufen es, um es in die Köpfe der Söhne Hathis zu stoßen, damit Blut herausfließt. Ich habe dergleichen in den Straßen von Udaipur gesehen, vor unseren Käfigen. Das Ding da hat Blut geschmeckt von vielen Brüdern Hathis.\"
„Aber warum stechen sie in die Köpfe der Elefanten?\"
„Um sie die Menschengesetze zu lehren! Da sie weder Klauen noch Hauer haben, erschaffen die Menschen solche Dinge - und schlimmere.\"
„Blut und immer wieder Blut, wenn ich mich ihnen annähere, sogar an den Dingen, die von Menschenvolk geschaffen wurden\", sagte Mowgli angeekelt. „Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich ihn nicht mitgenommen. Erst war es Messuas Blut an den Stricken, nun ist es das Blut Hathis. Ich will nichts mehr damit zuschaffen haben, schau her!\"
Der Ankus flog blitzend davon und grub sich dann mit der Spitze in den Boden, dreißig Meter entfernt unter den Bäumen.\" (Bd. 2, S. 121)
Doch so leicht läßt sich das blutbehaftete Ding nicht aus der Welt schaffen. Menschen finden es und bringen sich des Goldes und der Edelsteine wegen zuhauf gegenseitig dafür um, bis Mowgli es der weißen Kobra zurückgibt und sie anweist, den Schatz des Königs fortan gut zu bewachen.

2.7. Rothund

„Nach der Zerstörung des Dorfes durch die Dschungel begann für Mowgli die schönste Zeit seines Lebens. Er hatte das reine Gewissen, eine Schuld heimgezahlt zu haben; alle in der Dschungel waren gut Freund mit hm und fürchteten ihn auch ein wenig.\" (Bd. 2, S. 157)
Eines Tages schleppt sich ein fürchterlich zugerichteter fremder Wolf zu ihm und seinen Gefährten. Er berichtet, daß wilde, rote Hunde auf dem Weg in die Dschungel sind, die alles morden, was sich ihnen in den Weg stellt. Normalerweise fliehen alle Tiere der Dschungel vor ihnen, aber Mowgli will ihnen einen Denkzettel verpassen. Mit Hilfe des „kleinen Volkes\", also mit wilden Bienen, die in den Kampf als Waffe mit einzubeziehen Kaas Idee war und Mowgli sie kraft seiner menschlichen Intelligenz noch ausfeilt, gelingt es ihnen, die roten Hunde zu besiegen. Allerdings stirbt Akela, der alte graue Leitwolf bei diesem Kapmf und Mowgli spürt das erste Mal heftig, was Verlust und Trauer ist.


2.8. Der Frühlingslauf

Um Gefühle und Selbstzweifel geht es in dieser Geschichte - und um Frühlingsgefühle. Mowgli ist nun ein junger Mann, in der Blüte seiner Kraft und seiner Macht. „Die Dschungelvölker, die ihn seines Verstandes wegen gefürchtet hatten, fürchteten ihn jetzt wegen seiner Kraft. (..) Und dennoch war der Blick seiner Augen immer sanft. Selbst beim Kampf flammten seine Augen niemals wie de Baghiras, nur erregter leuchteten sie auf; das aber gehörte zu den Dingen, die selbst Baghira nicht verstand.\" (Bd. 2 S. 185)
Mowgli wird unruhig, unleidlich, ja fast ungerecht, zum ersten Mal erfreut er sich nicht am Erwachen der Dschungel im Frühjahr wie sonst sondern beklagt sich, daß alle nur den Frühling im Sinn haben. Er wird zaghaft im Kampf, seine Kraft scheint ihn zu verlassen, Schwermut überfällt ihn.
Er trifft erneut auf Messua, seine leibliche Menschenmutter, und erfährt, daß sein Menschenvater gestorben ist, er aber einen kleinen Bruder hat. Zudem er blickt er ein junges Mädchen...
Nach einem letzten Gespräch mit den letzten ihm verbliebenen Gefährten entschließt er sich, zu den Menschen (zurück)zugehen.
„Höre, der du mir von allen der liebste bist\", fuhr Balu fort. „Hier ist weder Wort noch Wille, dich zurückzuhalten. Blicke auf! Wer darf den Meister der Dschungel befragen? Ich sah dich as kleiner Frosch mit Kieseln spielen drüben am Strom. Und Baghira, der dich in das Pack einkaufte um den Preis eines frisch gerissenen jungen Bullen, sah dich auch. Nur wir zwei sind geblieben aus jener Zeit; denn tot ist Rakscha, deine Lagermutter, tot dein Lagervater; schon lange ist das alte Wolfspack, dahin und weißt, auf welcher Fährte Schir Khan von dannen strich. Akela starb unter den Dolen, und ohne deine Weisheit uns Stärke wäre damals auch das zweite Sionipack verblutet. Nur alte Knochen sind noch geblieben. Es ist nicht mehr das Menschenjunge, das seine Entlassung aus dem Pack erbittet, sondern jetzt ist es der Meister der Dschungel der seine Fährte wechselt. Wer aber soll den Menschen nach seinen Wegen befragen?\" (Bd. 2 S. 204)


2.9 Im Rukh

Die letzte Geschichte schließt den Kreis. Mowgli triff auf Sahib Gisborne, einen indischen Forstverwalter. Er schließt sich ihm als Diener an, allerdings nicht unterwürfig sondern als Meister der Dschungel. Gisborne akeptiert Mowgli, versteht ihn aber nicht, dennoch entwickelt sich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den beiden. Bei einem Besuch des Oberforstmeisters Müller, der die Qualitäten des Wolfskindes sofort erkennt, bietet dieser ihm an, in den Dienst der Regierung einzutreten.
„Deine Aufgabe ist es nicht mehr, im Rukh herumzustreifen und Tiere zur Kurzweil oder zur Schau zu treiben (..) Von nun ab sollst du im Rukh als Waldhüter leben, sollst die Ziegen der Dörfler verjagen, wenn nicht Weisung gegeben ist, sie im Rukh grasen zu lassen, dafür sorgen, daß Schwarzwild und Nilghais nicht allzusehr überhand nehmen, sollst Gisborne Sahib melden, wie und wo Tiger wechseln und was für jagdbares Wild im Walde ist, und ihm sichere Warnung zukommen lassen vor Waldbränden, denn du kannst schneller Meldung bringen als jeder andere.\" (Bd. 2, S. 232)
Mowgli nimmt an, unter der Bedingung, daß er nur in diesem Rukh und unter keinem anderen als Gisborne Sahib seine Arbeit tue. Er erringt die Tochter von Gisbornes Hausdiener und gründet mit ihr eine Familie.
Als Jahre später Müller auf einem weiteren Kontrollbesuch in diesem Teil seines Forstbezirks dorthin kommt, bietet sich ihm ein faszinierendes Bild:
„„Mowgli ist unten am Fluß und fängt Fische. Will der Sahib ihn sehen? Kommt heraus ihr aus dem Gebüsch, und macht eure Reverenz vor den Sahibs.\"
Größer und größer wurden Müllers Augen. Erschwang sich von der bäumenden Stute, indes die Dschungelvier riesige Wölfe auswarf, die Gisborne schweifwedelnd umkreisten. Die Mutter liebkoste ihr Kind und drängte die Tiere beiseite, wenn sie ihre nackten Füße steiften.\" (Bd. 2, S. 239)


Fernab aller süßlichen und verniedlichenden Kindergeschichten á la „Dschungelbuch\" wird hier der Entwicklungsweg eines Menschen gezeichnet, der, von einer Frau geboren, als Wolfskind aufgewachsen, zu den Menschen zurückkehrt und doch nie seine „wilde\", unzivilisierte Dschungelzeit vergißt.

In die Geschichte Mowglis eingebettet - oder diese durch sie unterbrochen - sind:

1.4. Die weiße Robbe
1.5. Ricki-Ticki-Tavi
1.6. Toomai von den Elefanten
1.7. Diener ihrer Majestät
2.2. Das Wunder des Burun Bhagat
2.4. Die Bestatter
2.6. Quiquern

Auf diese Geschichten gehe ich nun nicht mehr ein, da sie mit Mowglis Geschichte nichts zutun haben und eigentlich ein eigenes Buch bilden könnten.

Allen Geschichten, ob mit oder ohne Mowgli, geht ein kurzes Gedicht voran, und folgt ein längeres, in dem auf die ebengelesene Geschichte Bezug genommen wird, bis auf die letzte, de sich in Form. Perspektive und Sprache von allen anderen durch ihre relative Nüchternheit unterscheidet.

Fazit:

Die Dschungelbücher sind mehr als ein Jugendbuch! Sie sind in einer Sprache geschrieben, die der eigenen Vorstellung viel Raum läßt und zeugen von tiefer Kenntnis des Dschungels und seiner Bewohner. Tiere werden nicht vermenschlicht oder gar verniedlicht, sondern in ihren tierischen Eigenschaften dargestellt (die auch recht grausam sein können).
Darüber hinaus stellt aber auch jedes einzelne, individuelle Tier, die Art als solche dar. Nicht im biologischen, sondern eher in einem metaphysischen, fast schon archetypischen Sinn. Dadurch bekommen die „Lehren\" Balus oder Baghiras einen ganz anderen Klang, der nicht nur Kinder zu begeistern vermag, sondern auch mich als Erwachsene mehr als einmal recht nachdenklich gemacht hat. Manches erinnerte mich, auch durch seinen Wortwitz, an Tierfabeln oder Legenden, die mich zwar zum Lachen brachten, aber gleichwohl einen weisen Kern beinhalten, der sich tief in meine Seele eingräbt bzw. manches in der Tiefe verborgenes wieder an die Oberfläche holte.

Insgesamt also ein wundervolles Buch (bzw. zweie), und ich bin froh, es/sie entdeckt und gelesen zu haben!

Kurz zum Autor:
Rudyard Kipling, geb. 30.12.1836 in Bombay, Schulzeit in England, lebte in Indien, U.S.A. und England, gestorben am 18.01.1936 in London.

Alle Zitate aus:
Das Dschungelbuch / Das neue Dschungelbuch
In der Übersetzung von Curt Abel-Musgrave
Mit einem Geleitwort von Arnold Zweig
174 bzw. 240 Seiten
DDR Ausgabe Verlag Gustav Kiepenheuer, Leipzig und Weimar


© LeaofRafiki 21.04.2003


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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick regelmäßig bei Ciao, häufig bei Yopi, nach dem Relaunch selten Dooyoo, und noch seltener auf irgendwelchen anderen Plattformen, aber dafür vielleicht auf meiner Homepage *grins*

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