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Erfahrungsbericht von Anonym114

Tanja Kinkel: Unter dem Zwillingsstern

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Der Titel, das ist doch etwas für jemanden, der als Zwilling geboren worden ist, sagte man mir, als ich Tanja Kinkels Buch geschenkt bekam. Doch der Inhalt ist daraus nur bedingt abzulesen. Am ehesten kann man den Titel als Hinweis auf die enge Verbundenheit der beiden Hauptfiguren verstehen.

DIE HAUPT-FIGUREN:
CARLA FEHR:
Sie steht im Mittelpunkt des Romans. Der Leser lernt sie als kleines Mädchen kennen, das im München der 1920er mit seinem Vater, einer Lehrerin und der Stiefmutter lebt. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater tut lange Zeit so, als sei sie ein uneheliches Kind. Nach dem Tod der Stiefmutter kommt Carla ins Internat, wird schließlich Schauspielerin. Beim berühmten Max Rheinhardt steht sie auf der Bühne, wird schließlich Spielfilm-Darstellerin und zieht nach Hollywood. Dort macht Carla Karriere, versucht aber mit ihrer Lehrerin, die für sie wie eine Mutter geworden ist und mit ihrem besten Freund Robert auch durch den Beginn der Nazi-Herrschaft und den Krieg in Kontakt zu bleiben.
Für mich ist sie eine sehr sympathische Figur. Sie schafft es, auf sich gestellt in einer Zeit, in der Frauen noch nicht so emanzipiert haben, mit der Vergangenheit klar zu kommen und ihren eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Trotzdem ist sie keine aalglatte Heldin, trifft Entscheidungen, die man nicht immer nachvollziehen kann, wird aber gerade dadurch menschlich.

ROBERT KÖNIG:
Er ist Carlas Gegenpart. Sie lernen sich durch ihre Väter kennen, Robert ist ein Wunderkind, kann durch Zauberkunststücke und sonstige Begabungen auch die Erwachsenen in seinen Bann ziehen und ist Carla dadurch erst einmal suspekt. Auch er wird zeitweise von ihrer Lehrerin unterrichtet, geht dann aber auch auf ein Internat. Dort entdeckt er, noch vor Carla, seine Liebe zum Theater, inszeniert, unterstützt vom Schuldirektor, erste Stücke. In der schweiz hat er sein erstes Engagement als Schauspieler. Dem folgen viele weitere Theaterarbeiten, unter anderem mit den ganz realen Berühmtheiten der damaligen Zeit, Hans Albers und Gustav Gründgens. Außerdem führt er Regie. Nachdem ihm Carla auf einen überraschend und lapidar gemachten Annäherungsversuch einen Korb gegeben hat, heiratet er ihre verfeindete Mitschülerin. Während der Nazi-Herschaft bleibt er in Deutschland, versucht seine Schaupielkollegen zu schützen, verzettelt sich aber auch vielfach, weil er in den Verdacht kommt, mit den Nazis zu sympathisieren.
Robert ist mir persönlich nicht ganz so sympathisch wie Carla. Das mag auch daran liegen., dass er (vor allem als Kind) ein absoluter Überflieger ist, einer, der sich seines Könnens und der Wirkung seines Auftretens sehr bewußt ist und dies auch nutzt, um sie in seinem Sinne zu beeinflussen. Solche Menschen sind mir immer schon suspekt. Er ist aber dennoch in gewisser Weise Carlas andere Hälfte, ihr Zwilling, weil er ihren Traum, Schauspieler zu sein, teilt.


NEBENFIGUREN:

KÄTHE BROD:
Sie ist Carlas und zeitweise auch Roberts Lehrerin. Doch nicht nur das. Aus der zunächst strengen und blassen Figur, die sehr spröde wirkt, wird immer mehr eine herzliche Bezugsperson für Carla und schließlich auch eine mütterliche Freundin. Carla ist politisch engagiert, schreibt für Zeitungen. Während der Nazi-Herschaft emigriert sie, landet schließlich in Paris. In Frankreich wird sie inhaftiert und nach Deutschland deportiert, wo sie schließlich in einem Lager stirbt.

MARTIN GOLDMANN:
Er war Freund von Roberts verstorbener Mutter, ist Arzt und väterlicher Freund für den jungen König, der ihn auch Dada nennt. Martina Goldmann ist Jude, glaubt aber fest ins gute am Menschen und will lange Zeit seine Praxis in München nicht verlassen. Als es nicht anders geht, verkauft er sie an einen angeblichen Freund, der ihn schließlich rausschmeißt. Für Robert fühlt er sich verantwortlich, nimmt eine von Carla arrangierte Möglichkeit zur Ausreise aus Deutschland nicht war, um bei seinem Quasi-Sohn und dessen Familie zu bleiben. Doch schließlich gelingt es Robert, Martin zur Flucht nach Südamerika zu bewegen. Von dort aus gelangt der Arzt doch zu Carla und von ihr aus in Sicherheit.

PHILLIP BACHMEIER:
Der junge Österreicher tritt in als Verlobter ihrer Schwester Marianne in Carlas Leben. Nach deren Tod, fangen beide ein Verhältnis an. Phillip, der wahrscheinlich unsympathischste Charakter des gesamten Romans, hat sich das Erbe der Familie Fehr gesichert und koopiert mit den Nazis. Erst, als er Carla einen Heiratsantrag zu seinen Bedingungen (sie soll die Schauspielerei aufgeben und als Frau an seiner Seite leben) macht, schafft sie es, ihn zu verlassen. Auch danach hat er eine große Schwäche für Carla. Seine Neue sieht wie eine Kopie von Carla aus, Robert schafft es mit Hinblick auf Carla Phillip mal zu Gefälligkeiten zu bewegen. In einem anderen Fall jedoch verrät er Freunde Roberts.

PROMINENTE NEBENFIGUREN:
All die soeben aufgezählten Figuren sind fiktiv, entspringen der Phantasie der Autorin Tanja Kinkel. Einige weitere Charaktere des Romans haben aber einen realen Hintergrund.
So tritt z.B. der berühmte Theaterregisseur Max Rheinhardt auf. Bei ihm lernt Carla ihr Handwerk. In einem Film unter Roberts Regie wird Rheinhardts Leben dargestellt. Auch er emigriert in die USA, wo er seine aber nicht an seine deutschen Erfolge anknüpfen kann. Durch eine Freundin, Elenore von Mendelsohn, erfährt Carla von seinem Tod.
Auch Gustav Gründgens spielt in doppeltem Sinne eine Rolle in dem Kinkel-Roman. Der Schauspieler, der unter anderem als DER Mephisto-Darsteller berühmt wurde, wirkt auch in einer von Roberts Inszenierungen mit. Am Rande wird außerdem Hans Albers erwähnt, der aber einen vergleichsweise kleinen Part hat, ebenso wie Lion Feuchtwanger, dem Carla zunächst in Deutschland begegnet und der in Frankreich zweitweise Käthes Arbeitgeber ist.


DIE GESCHICHTE:
Ansatzweise ist sie schon bei der Darstellung einiger der wichtigsten Figuren klar geworden: Carla und Robert lernen sich als Kinder in Carlas Elternhaus kennen. Beide haben bereits ihre Mütter verloren, beide reden nicht gerne über sie. Carlas Vater ist erneut verheiratet. Er behauptet seiner Tochter gegenüber, dass sie nur ein uneheliches Kind sei. Erst nach seinem Tod erhält sie schriftlich die Bestätigung, dass ihre Eltern doch verheiratet waren. Robert dagegen hat quasi zwei Väter, einen, seinen leiblichen, der Alkoholiker ist, den zweiten, Martin Goldmann, der sich von den Fähigkeiten des Wunderkindes begeistern läßt.
Die Leben von Carla und Robert enbtwickeln sich parallel: beide kommen aufs Internat, beide entdecken ihre Liebe fürs Theater, suchen und finden ihren Weg in der Schauspielerei und das erfolgreich. Außerdem entscheiden sich beide für (zeitweilige Partner), die der andere nicht leiden kann, Carla für Phillip, Robert heiratet Carlas frühere Mitschülerin und Konkurrentin Monika, bekommt mit ihr eine Tochter, Martina. Doch trotzdem und trotz der Distanz (er lebt in Deutschland, sie in den USA) bleiben sie eng miteinander verbunden.

DIE AUTORIN:
Tanja Kinkel ist Jahrgang 1969, also nich relativ jung. Als ich sie vor einigen Monaten mal in einer Talkshow sah, war sie mir nicht unebdingt sehr sympathisch. Aber der Bambergerin gelingt es immer wieder, spannende Bücher (vorrangig mit historischem Hintergrund) zu schreiben. Hier kann ich unter anderem auch DIE SCHATTEN VON LA ROCHELLE oder DIE LÖWIN VON AQUITANIEN empfehlen.

VERLAG UND PREIS:
Unter dem Zwillingsstern ist bei Goldmann erschienen und kostet regulär 10,23. Eine Sonderausgabe ist schon für 9 Euro zu haben.

FAZIT:
Der Kinkel-Roman Unter dem Zwillingsstern ist überaus spannend. Das liegt unter anderem an den ausgewogenen Charakteren. Trotz ihrer Parallelen im Lebenslauf sind z.B. die Hauptfiguren Carla und Robert sehr verschieden, er ist extrovertierter, sie eher von Selbstzweifeln geprägt. Dennoch machen beide eine Entwicklung mit, ich habe mit ihnen mitgefiebert. Auch die Nebenfiguren sind sehr treffend gezeichnet, sorgen dafür, dass man mit ihnen mitfühlt, und das sogar mit dem Ekel des Romans, mit Phillip. Auch wenn er viele schlechte Eigenschaften hat, so kommt man ihm auch nahe, hat ein Stück weit Mitleid für seine Haltung.
Neben den individuellen Geschichten der Figuren ist Unter dem Zwillingsstern ein Stück Geschichte, die der 20er, 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Für mich ist dies insofern eine lohnende Lektüre, egal ob für kalte Wintertage oder für den nächsten Urlaub!

11 Bewertungen