Erfahrungsbericht von mima007
Vera Kelly: * Keine Regeln für Sina*: Love & Crime aus dt. Landen
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Vera Kelly**: Keine Regeln für Sina
Die deutsche Marketingkauffrau Sina (Nachname unwichtig) ist rund dreißig Jahre alt, verdient gut und sieht gut aus - optimale Bedingungen für ein abwechslungsreiches Liebesleben, wie sich zeigt: Sina hat einen vollen Terminplan, denn an jedem Abend hat sie einen anderen Liebhaber zu empfangen. Da ist der Porschefahrer Karl, das ist der Familienvater Helmut und da sind andere. Statt mit Stundenlohn zeigen sich die Herren mit Geschenken für erwiesene Gunst erkenntlich.
Doch seltsam: irgendetwas scheint Sina zu fehlen, denn sie ist kaufsüchtig. Und Einkaufen befriedigt im Grund ein emotionales Defizit. Da lernt sie eines Abends in einer Herrenrunde den gutaussehenden Markus kennen. Er besitze das Touristikmagazin \"Fünfstern\", behauptet er. Aus dem Abendessen wird eine Liebesnacht, nach der Sina erkennt, dass sie mit Markus den Rest ihres Lebens verbringen möchte. So viel zur Romantik.
Die echte Liebe bringt aber ihren Gefühlshaushalt ebenso durcheinander wie ihren Terminplan. Auf einmal stellen die One-Night-Stands sie nicht mehr zufrieden, was natürlich die \"Kundschaft\" verwirrt. Prompt kommt es zu einem Ausbruch maximalen Chaos\', in dessen Verlauf sie ihren Job verliert und ihre Wohnung verwüstet wird. Markus wundert sich nicht schlecht, als er danach auftaucht, wird aber durch optimalen Lügeneinsatz überzeugt, mit ihr durchzubrennen. Er hat fast eine Million Mark (keine Euro!) im Köfferchen dabei und möchte nach Spanien abhauen - möglichst mit Sina im Schlepptau.
Sina sagt ob dieses verlockenden Angebots nicht
nein, packt ein halbes Dutzend Koffer und folgt gen Süden. Doch schon wenig später werden die beiden von Markus\' Partner verfolgt und prompt an der Costa d\'Espana ausfindig gemacht. Dem Partner folgt der Porschefahrer Karl, der über ein Überwachungsgerät verfügt. Karl ist von Sina schwer enttäuscht und will sie für sich zurück erobern, etwa mit einem Waffenarsenal im Kofferraum.
In Barcelona kommt es zum Showdown, in dessen etwas wirrem Verlauf Markus\' Partner von Karl erschossen wird, während dieser Sina entführt. Markus jedoch landet im Polizeigewahrsam, als vermeintlicher Mörder seines Partners. Nachdem Sina Karl in Nothilfe erschossen hat, hat auch sie in einer gemütlichen Gefängniszelle viel Zeit zum Sinnen und Träumen.
Mein Eindruck
A) Stärken des Buches
Das erste Viertel des Buches stellt dem Leser recht glaubwürdig Sinas Liebes- und Gefühlsleben vor. Diese Figur verfügt über einige Charakterzüge, die sie zur Identifikation geeignet machen, was aber fast schon so weit geht, dass sie dem Klischee der erfolgreichen modernen Geschäftsfrau entspricht. Sina weist kaum einen Zug auf, der sie unverwechselbar macht, geschwiege denn irgendwelche Defizite. Das macht sie zur optimalen Projektionsfläche für die Herren, denen sie ihre sexuellen Wünsche erfüllt, aber auch für Markus, der in ihr eine ideale Partnerin erblickt, die nicht nur gut aussieht, sondern auch die Philosophen liest.
Dass all dies nur Fassade und von zeitweiligem opportunistischem Charakter ist, erkennt Sina erst im Verlauf der Auseinandersetzungen mit den Männern. Bemerkenswerter Weise hat Sina keine Beste Freundin, die ihr den Spiegel vorhalten würde. Sina muss alles selbst und auf die harte Tour herausfinden. Das Buch ist also in komprimierter Form ein Entwicklungsroman, der sich der Formen des Krimis bedient.
Die Barcelona-Szenen überzeugen durch die detaillierten Kenntnisse, die die Autorin über Ort und Leute, Kultur und Sitten an den Tag legt.
Allerdings würden sich Nichtfußballer wünschen, nicht so lange Vorträge über Fußball lesen zu müssen.
B) Schwächen des Buches
Wäre es doch nur beim Krimi geblieben! Denn ab Seite 86 schlägt die Stimmung und die Erzählform um. Nun ähnelt Sinas Wohnung eher einer Bühne, auf der wildes Theater spielt gespielt wird - so wild, dass dies die Wohnung nicht übersteht und der Abbruch der Zelte unausweichlich ist. Das Genre dieses Theaters ist jedoch weder Goethe noch Schiller, sondern etwas zwischen Komödienstadel und Georges Feydeau.
Auch am Schluss, ab Seite 247, wird wieder Theater gespielt: nämlich das Weltgericht. Diesmal träumt Sina von Verdammung und Erlösung, erträumt sich das Paradies und die Hölle. Da tritt der grimme Schnitter ebenso auf wie gewisse Geister, etwa der Karls. Wir befinden uns in einem Morality Play, einem Mysterienspiel, wie es das Mittelalter nicht allegorischer nicht hervorbringen könnte.
Natürlich auch die Fernsehrealität nicht spurlos am Plot vorüber: Ein Eifersuchtsdrama erster Güte wird in Barcelona ausgespielt, bis die Kugeln fliegen und das Blut strömt. Schnelle Autos finden ebenso Einsatz wie Handgranaten und Sturmgewehre. Leider bleibt hierbei die Glaubwürdigkeit so mancher Figur auf der Strecke, dem Schaueffekt geopfert. Voyeure kommen auf ihre Kosten.
Warum ein Buch, das 2002 erscheint, immer noch mit Mark statt Euro rechnet, bleibt ein Rätsel. Süddeutsche Dialektbegriffe wie z.B. \"rallig\" (= läufig) und Redeweise dürften norddeutsche Leser verblüffen, ebenso wie unbekannte Wörter wie \"unwegbar\" (entweder \"unwägbar\" oder \"unwegsam\").
C) Fazit
Als Unterhaltungslektüre für den weiblichen Strandbesucher oder Zugpassagier mag der Roman recht gut geeignet sein, sofern frau keine höheren Ansprüche an die Glaubwürdigkeit der Handlung und bestimmter Figuren stellt. Männlichen Lesern könnte die Sinas Verehrer etwas zu klischeehaft vorkommen. Wer nichts gegen Theaterzauber hat, dürfte mit Vergnügen die chaotischen Szenen ab Seite 86 genießen.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Betzel Verlag, 2001, Nienburg; 264 Seiten, ISBN 3-932069-82-x, Preis: 10,12 EU.
**: Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der dt. Autor Norbert Sternmut alias Norbert Schmid aus Stuttgart.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-17 10:53:44 mit dem Titel Dean Koontz: *Der Geblendete*: Zwischen Religion und Quantenmechanik
Der Horrorautor versucht sich an einer Familiensaga, die mit einer makabren Farce kontrastiert wird: eine gewöhnungsbedürftige Mischung für alle, die von Koontz kurze, knackige Horrorkost gewöhnt sind. Nie war der Unterschied zu Stephen King deutlicher zu sehen als an diesem Buch.
Handlung
Als Bartholomew Lampion am 6. Januar 1965, dem Dreikönigstag, geboren wird, stirbt sein Vater Joe bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Krankenhaus, in dem seine Frau Agnes ihr Baby zur Welt bringen will: Barty. Agnes Lampion überlebt knapp.
Im Alter von drei Jahren müssen die Ärzte Bartys Augen durch eine vorbeugende Operation entfernen, um Krebs zu verhüten. Wiewohl augenlos, erlangt er mit 13 Jahren seine Sehkraft wieder - doch ohne dass ein himmlische Kraft eingreift: Er besitzt die Fähigkeit, sich das vorzustellen, was andere Bartholomews in parallelen Universen sehen können..
Bartholomews Name erschallt in den Albträumen des Serienmörders Junior Cain. Seit Junior seine bildschöne und vertrauensselige Ehefrau Naomi in einem spontanen Impuls - würde er es tun können? - von einem morschen Aussichtsturm gestoßen hat (ebenfalls am 6. Januar 1965), kennt er die Lust am Töten. Er fühlt sich dann wie der Herr seines Schicksals - nur so kann er die Lehren des Selbsthilfe-Psychoberaters \"Caesar Zedd\" optimal umsetzen. Cain hat nämlich ein Problem: Er besitzt weder Moral noch Gewissen.
Doch Junior hat eine Nemesis, die ihn bei Tag ständig verfolgt: einen Polizisten und Ex-Pfarrer namens Thomas Vanadium, der ihm schwer auf den Senkel geht. Immer wieder tauchen bei Cain wie aus dem Nichts Vanadiums Markenzeichen auf: Vierteldollar-Münzen. Denn Vanadium hat wie Bartholomew einen guten Dimensions-Trick drauf.
Und nachts sucht Junior Cain der Name Bartholomews heim. Doch wer ist das? Ist es sein eigener Sohn, den er zeugte, als er einst eine junge schwarze Krankenschwester namens Seraphim White brutal vergewaltigte?
Auf seiner besessenen Suche nach Bartholomew findet er nach drei Jahren (also \'68) heraus, dass damals nicht ein Sohn, sondern eine Tochter namens Angel gezeugt wurde. Angel wächst nach dem Verkehrstod ihrer Mutter bei deren Schwester Celestina auf - beide sind Töchter des Erweckungspredigers Harrison White, der über Radio die Bartholomew-Legende im ganzen Westen populär gemacht hatte - was zu Bartys Namen und Cains Fluch führte.
Als Junior erneut in ihr Leben einzudringen versucht und Angels Pflegemutter erkennt, in welcher Gefahr sie beide schweben, flieht sie mit ihrer Tochter von Oregon nach Kalifornien und findet Obdach bei der gutherzigen Familie Lampion, die einen blinden Sohn hat. Er verfügt über außergewöhnliche Intelligenz und übersinnliche Fähigkeiten: Bartholomew.
Als Angel und Barty einander begegnen, erscheinen sie wie für einander bestimmt. Alle, die Barty begegnen, lieben ihn. Alle außer Junior Cain...
Mein Eindruck
Die Erzählweise
Die Erzählweise scheint auf den ersten Blick nicht aus dem Rahmen zu fallen. Hin und her springt der Blickwinkel zwischen den den Szenen mit dem durchgeknallten Junior Cain und denen, in denen Bartys Familie Lampion oder Angel White auftreten. Cain ist die Verkörperung des amoralischen Bösen, Barty und Angel sind die guten Wunderkinder.
Und dann gibt es gibt noch andere Akteure, wie etwa Tom Vanadium und seine Freunde. Sie spielen die Schutzengel der beiden Wunderkinder, verfügen wie Vanadium ebenfalls über ausgefallene Fähigkeiten. Und da dieser breit angelegte Roman zudem eine Familienchronik ist, nimmt der Hintergrund der Familien wie auch des jeweils aktuellen Weltgeschehens einen gewissen Raum ein: dieses Webmuster ist recht komplex. Doch es wird in gemächlichem Tempo ausgebreitet, so dass der Leser immer weiß, woran er mit wem ist.
Ein wunderbarer, ein lächerlicher Schurke
Was mich von Anfang an störte, waren die eindeutigen, \"sprechenden\" Namen: Vanadium ist eine der härtesten Werkzeuglegierungen. Lampion ist das frz. Wort für \"führende Leuchte\", etwa an einer Kutsche. \"Cain\" verweist auf den alttestamentarischen Mörder seines Bruders Abel. Dieses Stilmittel verweist \"Der Geblendete\" in das Genre der moralisierenden Chroniken, die mitunter auf biblischen Figuren wie etwa Judas oder Saulus/Paulus (vgl. Wunder von Damaskus) verweisen. Es gibt tatsächlich einen Freund der Familie Lampion, der Paul Damascus heißt! Für gute Literatur ist dies sicherlich reichlich platt.
Die schier unerträgliche Güte der Familien Lampion und White wird kontrastiert von Junior Cain, der weder Moral, Geschmack noch Gewissen kennt. Aber er hat Erfolg bei den Frauen und hält sich einiges darauf zugute - bis er von einem cleveren Transvestiten aufs Kreuz gelegt wird. Auch mit seinem Leben gemäß den Lehren von Caesar Zedd scheint Junior Erfolg zu haben. Doch wenn es darauf ankommt, sich zwischen Denken und handeln zu entscheiden, zeigt sich in Zedds Gedankengebäude ein Widerspruch - natürlich im ungünstigsten Moment.
Vollends zur Farce wird Juniors Leben durch seinen Kunstgeschmack. Gute Kunst ist für ihn jene, die ihn verunsichert und in Frage stellt. Celestina White hingegen malt wunderschöne Bilder mit Naturmotiven - Cain ist dieser \"Postkartenkitsch\" ein Gräuel. Während seine bevorzugte Kunst teure Augenwischerei ist, verkaufen sich Celestinas Gemälde praktisch von alleine. Wer hat nun Recht: die Kritik oder die Käufer? Symbolisch für Juniors Geschmack und Weltsicht steht seine wertvollste Skulptur: Die \"Industriefrau\" besteht aus Schrott und kostete ein Heidengeld - für ihn großartige Kunst.
Trotz seiner vielbeschworenen Rationalität und Selbsthilfe-Psychologie ist Junior immer noch ein Kind: Er glaubt am Schluss an Schwarze Magie, Reinkarnation (\"Bist du da drinnen, Naomi?\" fragt er Angel) und Transzendentale Meditation. Mit der Figur des Cain hat Dean Koontz das Motiv des Scharlatans weiterentwickelt: War es in \"Stimmen der Angst\" noch der Psychiater selbst, der als Schurke seine Opfer zur Strecke brachte, so ist es nun der Jünger des Scharlatans Caesar Zedd, der stellvertretend Opfer fordert. Hier bringt Koontz wieder mal deutliche Kritik an Missständen der amerikanischen Kultur und ihren Medien (in jedem Wortsinne!) an.
Die \"unerträglichen\" Guten
Der Kern der Familie Lampion, den eigentlichen Guten, bilden Bartys Mutter Agnes und ihre beiden Brüder Edom und Jacob. Alle drei hatten als Kinder unter der gewalttätigen Erziehung ihres Vaters zu leiden. Agnes\' Rücken ist für immer von Narben entstellt. Jacob und Edom glauben heute nur noch an den Gott, der entweder menschliche (Jacob) oder natürliche (Edom) Katastrophen schickt, um die Menschen zu züchtigen. Diesem Pessimismus steht einzig und allein Agnes entgegen: Sie ist die Kuchenfee, denn in ihrer Nachbarschaft verschenkt sie selbstgebackenen Kuchen. Als Gegenleistung erhält sie Liebe und natürlich Geschenke.
Dass diesen Gutmenschen früher oder später etwas von Junior Cain angetan wird, erscheint von Anfang an unausweichlich. Doch warum muss Cain die ausführende Hand sein? Er kennt ja lediglich einen einzigen Namen: Bartholomew, sonst nichts. Er hat noch nie von den Lampions gehört. Und daher muss ich nun auf das tiefere Wirkprinzip im Handlungsverlauf zu sprechen kommen.
Zufall oder Quantenmechanik?
Gibt es Gott oder gibt es den Zufall? Das ist die grundlegende Frage für einen Menschen, der sich wie Koontz mit Glaube und moralischen Fragen von Gut und Böse befasst. Wenn es Gott gibt, dann gibt es auch von ihm abgeleitete moralische Werte. Sie sind in den Lampions und Whites verkörpert. Gibt es ihn nicht, sondern nur den puren Zufall, dann gibt es keine Werte, da alles relativ ist und somit keinen Vorrang einnimmt, der moralisches Handeln erlauben würde. Für diese Weltsicht steht Junior Cain, der Serienkiller. Hier treten wiedersprüchliche Selbsthilfe-Leitsprüche an die Stelle der 10 Gebote.
Doch was wäre, wenn der Zufall aufgrund der modernen Theorie der Quantenmechanik ein Werkzeug der Natur - und mithin eines lenkenden Gottes - wäre? Dann wäre auch Junior Cain ein notwendiger Bestandteil des göttlichen Plans und das Zusammentreffen mit den Lampions vorherbestimmt.
Das mit der Quantenmechanik ist natürlich eine wackelige Sache, und Koontz lässt Tom Vanadium die Theorie nur sehr verkürzt vortragen und erklären - um nicht zu langweilen. Laut Quantenmechanik existieren unendliche viele Paralleluniversen, und alle Teilchen sind auf subatomarer Ebene miteinander - auch kausal - verbunden. Quod erat demonstrandum: Barty geht bei Regen da, wo es keinen Regen gibt und wird nicht nass. Angel sieht interessante Farben und Wesen aus anderen Dimensionen. Und ihrer beider Tochter Mary kann sogar zwischen den Dimensionen wechseln: Now you see her, now you don\'t.
Was bedeutet dies für die beiden Seiten? Für Junior rein gar nichts, denn er hat davon keinen Schimmer und lässt sich von Zedds Leitsprüchen ebenso irreleiten wie von seinem Aberglauben. Er wird immer wieder Opfer des \"Zufalls\", denn er weigert sich - gemäß den Lehren Zedds - aus der Vergangenheit zu lernen. Für die Lampions und Whites hingegen ist die Entdeckung der Paralleldimensionen und der Fähigkeit, damit etwas anzustellen, ein zunächst beängstigendes Wunder, das sie aber in ihr Weltbild und ihren Glauben integrieren können. (Redet die Bibel nicht die ganze Zeit von Wundern?)
Fazit
Zunächst erfordert \"Der Geblendete\" eine Umgewöhnung bei den Koontz-Fans. Dieser Roman ist noch breiter angelegt als \"Stimmen der Angst\" und beschäftigt sich noch intensiver mit den Fragen der Religion, der Scharlatanerie und der moralischen Wertung. Bei bibelfesten US-Lesern dürfte er damit offene Türen einrennen.
Auch der Schurke im Stück ist gewöhnungsbedürftig: einen derart teuflischen, amoralischen Schwachkopf wie Junior Cain hat man bei Koontz - und allgemein im Horrorgenre - noch nicht gesehen. (Vanadium lässt zu Cain ein paar erhellende Worte fallen.)
Zum anderen ist der Roman, genau wie ein realistischer Roman, eine Chronik der Epoche, in der seine Handlung spielt: die Zeit von 1965 bis 1968 war wohl eine der aufregendsten Phasen in der Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Als Abspann empfindet man dann die Weiterführung der Chronik bis ins Jahr 2000, vorgeführt anhand der Familie Lampion & Co.
Fans des traditionellen Koontz werden noch mehr Probleme mit diesem Roman haben, als sie schon mit \"Stimmen der Angst\" hatten. Positiv denken: Dieser Autor entwickelt sich wenigstens weiter, im Gegensatz zu so manchem Kollegen. Und er verfügt über eine feinen, vielseitigen Humor - diesen bringt der Übersetzer gut ins Deutsche (mal abgesehen von den vielen Druckfehlern).
What the Dickens?**
In den USA und GB hat Koontz bereits seinen nächsten Schmöker (760 Seiten) veröffentlicht: \"One door away from heaven\". Zusammen mit \"Der Geblendete\" und \"Stimmen der Angst\" bildet dieses Buch ein Trio in Koontz\' Spätwerk, das in seiner epischen Breite und seinem moralischen Engagement an Charles Dickens erinnert.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: From the corner of his eye, 2000; Heyne 05/2002, München; Nr. 43/213; 888 Seiten, EU 24,00, aus dem US-Englischen übertragen von Waltraud Götting; ISBN 3-453-21405-6
**: Zu deutsch soviel wie \"Was zum Geier?\"
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-16 19:32:22 mit dem Titel Don & Petie Kladstrup: *Wein & Krieg*: Die Schlacht um den besonderen Saft
Frankreich und Wein: das ist ein und dasselbe. Wenn man den Franzosen den Wein nehmen würde, so hätte das tiefgreifende Folgen für ihr Leben. Wer das nicht glauben mag, sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Das Buch erzählt kenntnisreich und höchst bewegend von den Schicksalen, die mit Frankreichs größtem Reichtum, dem Wein und seinem Anbau, verbunden waren - ein noch nie erzähltes Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte.
Die Autoren
°°°°°°°°°°°
Don und Petie Kladstrup sind Weinliebhaber und Weinkenner, denen es immer wieder gelingt, über die geschichte und Kultur des französischen Weins spannend, informativ und erfolgreich in Publikationen in Frankreich wie auch in der Welt zu veröffentlichen (u.a. \\\"The Wine Spectator\\\"). Sie leben in der Normandie und Paris. Für ihre Reportagen und Dokumentationen wurden sie bereits mehrfach ausgezeichnet.
Für dieses Buch haben sie Winzer und ehemalige Widerstandskämpfer ausfindig gemacht. Nicht alle wollten über die schlechte Zeit 1940 bis \\\'44 sprechen. Aber manche konnten sie veranlassen, ihre geschichte authentisch, ungeschminkt und phantasievoll zu erzählen. Manche Episoden klingen unglaublich, entsprechen aber völlig der Wahrheit.
Inhalte
°°°°°°°
Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurden Millionen Flaschen Wein, Champagner und andere wertvolle Spirituosen auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers ins Deutsche Reich abtransportiert - die größten Schätze z.B. reservierte der \\\"Führer\\\" für sich und lagerte sie bei Berchtesgaden unter einem Berggipfel ein; französische Truppen konnten sie 1945 unversehrt wieder retten: eine Großtat von nationalem Rang. So beginnt das Buch.
Wir erfahren, wie nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der SS zuerst die Champagner- und Weinkeller (sowie berühmte Restaurants in Paris) geplündert und später der Weinexport durch die Deutschen organisiert wurden. Dies erfolgte durch sogenannte \\\"Weinführer\\\". Frankreich als Nation sollte ebenso gedemütigt werden wie die Franzosen als lebensfrohe Individualisten.
Aber der Befehl Hitlers zum Abtransport der besten Spirituosen aus Frankreich trieb die Winzer auf die Seite der Résistance. Sie kämpften, gewährten Unterschlupf in den mitunter kilometerlangen Kellern und teilten die Bestimmungsorte der großen Champagner-Bestellungen mit, aus denen sich die deutschen Truppenbewegungen voraussagen ließen.
Lebendig schildern die beiden Autoren das Schicksal der französischen Winzer. Als Beispiele dient das Leben eines halben Dutzends Familien: aus dem Elsass, aus der Champagne, dem Loiretal, aus Burgund und dem Bordelais (um Bordeaux). Stets sind die Familienmitglieder bedroht, von 1940 bis zur Befreiung 1944. Sie müssen fürchten, ihren Besitz, ihre Weine und Champagner, ihre Gesundheit und nicht zuletzt auch ihr Leben zu verlieren (von der Freiheit ganz zu schweigen).
Doch ihnen wird später, nach Befreiung und Kriegsende, vorgeworfen, mit den deutschen Besatzern kollaboriert zu haben. Daher bleiben die damaligen Ereignisse und Schicksale weitgehend unbekannt, aus Furcht vor Vergeltung und Repressalien. Warum aber gehörten viele Winzer zu den wichtigsten Helfern der Résistance?
Und wie gelang es Pierre Taittinger, dem Bürgermeister von Paris und einem der führenden Champagnerhersteller der Welt, General von Chlotitz zu überzeugen, die Seinemetropole nicht dem Erdboden gleichzumachen, wie Hitler befohlen hatte? Und warum wurde der Hafen von Bordeaux, wo Millionen wertvoller Weinflaschen lagerten, bei Abzug der deutschen Truppen nicht in die Luft gesprengt, wie es befohlen worden war?
Beispiele
°°°°°°°°°
Mit Mut und Einfallsreichtum retteten die Franzosen ihr \\\"wertvollstes Juwel\\\" vor dem Zugriff der deutschen Besatzer: Eisenbahner ließen ganze Züge mit Weinlieferungen im Nirgendwo der Provinz verschwinden. Eine Teppichreinigung versorgte die Pariser Weinrestaurants mit echtem Staub, um jungen Wein als uralte Raritäten den deutschen \\\"Gästen\\\" servieren zu können.
Für Goebbels, Göring und andere Nazi-Größen (Hitler gab sich als Anti-Alkoholiker, raubte aber wie ein Weltmeister) ließ man falsch etikettierten Mouton-Rothschild liefern; aus der Champagne kam \\\"sprudelndes Spülwasser\\\", wofür Pierre Taittinger (s.o.) ins Gefängnis wanderte.
Hart muss es wohl auch jenen Winzer getroffen haben, der Tausende von Flaschen in einem nahen Teich versenken ließ. Leider fielen am anderen Morgen die zahlreichen Flaschenetiketten auf der Teichoberfläche den falschen Leuten auf.
Die Anhänge
°°°°°°°°°°°
Auf rund 60 Seiten liefert das Buch so viele ergänzende Angaben, dass sie es praktisch in den rang der Wissenschaftlichkeit erheben: Landkarte, Fotos, Glossar; Anmerkungen (Zitatbelege); Bibliographie; Verzeichnis der Abbildungen; Danksagungen; Wein- und Champagnerregister, Namenregister, Sach- und Ortsregister.
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Ich habe dieses Buch binnen drei Tagen verschlungen, denn es liest sich wie ein spannender Kriminalroman. An mehreren Stellen war ich zu bewegt, um meine Tränen zurückhalten zu können - von zu viel menschliches Leid musste ich lesen. Aber dennoch sind die Geschehnisse zu wichtig und zu spannend dargestellt, um mit Lesen aufhören zu können.
Die lebendigen Schilderungen werden dem Thema ebenso gerecht wie die zahlreichen und exakten Hintergrundinformationen: eine wahre Goldgrube von Einzelheiten, die das Buch aus dem Reich der Erlebnisliteratur in den Rang einer authentischen, nachprüfbaren Dokumentation heben.
Ich kann mich nicht an viel Humor in diesem Buch über ein ernstes Thema erinnern. Doch was an Humor vorhandenn ist, besteht oftmals in Ironie und Situationskomik. So etwa, wenn die amerikanischen Befreier bei ihrem Vormarsch in der Normandie etc. auf vergrabene Weinflaschen stoßen, ob sie nur einen Schützengraben ausheben wollten. Oder der missglückte Versuch, Weinflaschen im Teich zu verstecken. Oder die zahlreichen Meldungen eines Bahnhofswärters, in denen sich zahlreiche gründe finden, warum dieser oder jener Zug mit Wein verschwand.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°
Die umfangreiche, einmalige Dokumentation erzählt ein bislang wenig beachtetes Kriegskapitel: der organisierte und fortgesetzte Raub des eigentlichen Reichtums Frankreichs: Weine und Champagner. Die menschlichen Schicksale, die mit diesen Raubzügen in Verbindung stehen, erschüttern selbst hartgesottene Leser. Ein umfangreicher Anhang überzeugt von der Authentizität des Geschehens und liefert zahlreiche hilfreiche Hinweise.
Natürlich sollte man schon mal etwas von Rothschild, Taittinger oder Bordeaux gehört haben - nur so kann man wohl dem Thema etwas abgewinnen. Doch nur die wenigsten von uns haben diese Schätze jemals gekostet. Das ist eigentlich sehr schade, denn erst, wenn man einmal einen wirklich guten Wein gekostet hat, weiß man Qualität in dieser Hinsicht zu würdigen: Ein edler Tropfen ist wie eine Offenbarung. Und dann weiß man auch, was der Verlust eines guten Jahrgangs im Grunde bedeutet.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Wine and war - The French, the Nazis and the battle for France\\\'s greatest treasure, 2001; Klett-Cotta 07/2002, Stuttgart; 380 Seiten, EU 24,00, aus dem Englischen übertragen von Dietmar Zimmer; ISBN 3-608-93511-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-12-15 15:56:19 mit dem Titel J. Krakauer: *In eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest.*: Packend, aber nicht fehlerfrei
Krakauers Bericht über die Everest-Katastrophe von 1996 ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.
Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für einen Hollywoodfilm. Aber Buch und Film unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt.
Der Autor
Jon Krakauer war schon um die Vierzig, als er 1996 nach Nepal flog. In seiner Jugend hatte er zahlreiche Bergtouren gemacht, die er in seinen Reportagen unter dem Titel \"Auf den Gipfeln der Welt\" (Eiger Dreams\") beschrieben hat. Als Journalist ließ er sich mit seiner Lebensgefährtin Linda in Seattle nieder, wo er als Redakteur des Magazins \"Outside\" - nicht zu verwechseln mit \"Outside Online\" - arbeitet.
1996 erschien sein erster Bestseller \"In die Wildnis\" (\"Into the Wild\") über einen jungen Aussteiger, der in Alaska umgekommen war. Auch darin ging es um das Scheitern von Träumen und Ambitionen an den harten Bedingungen der Realität, sei es in der Wildnis oder in den Bergen.
Inhalte bzw. \"Handlung\"
Jon Krakauer wollte als Journalist, also als Beobachter an einer Expedition auf den höchsten Berg der Welt teilnehmen, um für das \"Outside\"-Magazin darüber zu schreiben: Der ungewöhnlich lange Artikel erschien in der Septemberausgabe 1996 und wirbelte viel Staub auf, enthielt aber einige falsche Darstellungen. Die Reaktionen und notwendigen Korrekturen flossen in dieses Buch ein. Man kann die Einschränkungen etc. an den zahlreichen Fußnoten ablesen.
Es war eine der geschäftigsten Saisons am Everest überhaupt, als Krakauer im April bereits angeschlagen im Basislager ankam. Es folgten vier Akklimatisierung unter den fast ein Dutzend Expeditionsteams, von denen einige unter höchst dubiosen Umständen zustandegekommen waren. Laut Krakauers Darstellung war das Team des Bergführers Rob Hall eines der am besten geführten. Man fühlte sich sicher. Und doch sollte ausgerechnet Rob Hall auf dem Berg sterben.
Als Jon Krakauer den Gipfel am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996 erreichte, hatte er bereits 57 Stunden lang nicht geschlafen, kaum etwas essen können und litt unter dem massiven, anhaltenden Sauerstoffmangel - trotz des künstlichen Sauerstoffs, den alle außer den stärksten Bergstiegern atmen mussten. Die Luftdichte in 9000 Metern Höhe entspricht einem Drittel derer auf Meereshöhe.
Als er wieder absteigen wollte, bemerkte er zweierlei: merkwürdige Quellwolken, die das Tal heraufzogen, und mehr als 20 Bergsteiger, die seinen Weg blockierten. Die resultierende Verzögerung führte fast zu seinem eigenen Tod, denn als sich die heraufziehenden Wolken zu einem tobenden Schneesturm ausgewachsen hatte, sah Krakauer kaum die anderen Bergsteiger auf dem Südsattel oder die Zelte im darunter liegenden Lager IV.
Doch der Sturm wurde noch stärker, während sich noch fast 20 Kletterer auf dem Südwestgrat aufhielten. Am Ende des Tages waren fünf Teilnehmer der verschiedenen Expeditionen in Eis und Kälte umgekommen. Am Endes Tages waren 8 Menschen tot, am Ende der Saison zwölf - ein hoher Tribut an Leben, wie ihn der Everest selten erlebt hat.
Der Tod von Bergführer Andy Harris ließe sich direkt auf Krakauers Mangel an geistiger Präsenz zurückführen, denn Krakauers hätte sonst bemerkt, dass Harris selbst bereits massiv unter der Höhenkrankheit litt, als er ihn zuletzt sah. Krakauer hätte etwas unternehmen können. Doch so muss er heute mit Harris\' Tod auf dem Berg leben.
Durch den Einsatz des kasachischen Bergführers Anatoli Boukreev (der selbst ein Buch darüber geschrieben hat) gelang die Rettung von an die fünf Expeditionsmitgliedern. Leider spielt dies Krakauer einigermaßen herunter, was wohl nicht ganz fair erscheint.
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Das Buch packt einen schon vom Kapitel an, als der Autor den Moment auf dem Gipfel des Everest beschreibt und sich das Verhängnis bereits anbahnt, das zur Katastrophe führen soll. Davor stehen die Einleitung und eine mehrseitige Liste der Teilnehmer an den verschiedenen Expeditionen.
Immer wieder schiebt der Autor historische Rückblicke ein, um den Leser mit dem Berg und seinen erfolgreichen und erfolglosen Bezwingern bekannt zu machen. Krakauer gibt die Geschichte und die Abenteuer großer Everest-Pioniere wieder, darunter Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die zwei Männer, die den Gipfel als erste erreicht hatten.
Einen großen Einschnitt bedeutete die Besteigung durch einen Amateur, der lediglich einen Haufen Geld bezahlt hatte. Nach dem Jahr 1988 setzte eine Art Massentourismus ein, und die Teilnahmegebühr erhöhte sich von 10.000 auf 65.000 Dollar.
Doch das schreckte etliche Leute nicht ab, die einfach nur ihre \"Sieben-Gipfel-Quote\" komplettieren wollten: die Liste der jeweils höchsten Berge auf den Kontinenten. Auch in Krakauers Team befand sich so jemand darunter: In Sandy Pittmans Sammlung fehlte noch der Everest. Er sollte sie beinahe umbringen.
Denn der Everest ist ein unversöhnlicher Berg. Er wird von den Sherpa als \"Muttergöttin der Welt\" (Sagarmatha) kultisch verehrt. Noch bevor es dem ersten Menschen gelang, einen Fuß auf den Gipfel zu setzen, hatte der Everest bereits 24 Menschen aus 15 verschiedenen Expeditionen das Leben gekostet.
Dabei ist es nicht einmal das Terrain selbst, dem die Menschen zum Opfer fallen. Häufig ist einfach die extreme Höhe: Ab 7000 Metern beginnt die \"Todeszone\", in der der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren: kein Essen, kein Schlaf. Große Gefahr droht von den durch die Höhe und dünne Luft ausgelösten Krankheiten: Lungen- und Gehirnödem, im Original HAPE und HACE genannt. Bei deren Auftreten hilft nur noch der rasche Abtransport in in tiefere Lagen oder die künstliche Herstellung einer entsprechenden Atmosphäre in einem Spezialzelt (Gamow-Zelt). Manchmal kommt auch diese Maßnahme zu spät.
In Rob Halls Expedition waren es nicht nur bergsteigerische oder gesundheitliche Unzulänglichkeiten, sondern einfach menschliche Fehler, die sich \"zu einer kritischen Masse summierten\": falscher Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, übersteigerte Personenverehrung oder einfach Geldgier. Am Ende fehlten Kraft und Zeit. Es kam zu einer kritischen Situation im Schneesturm, die direkt fünf Menschenleben forderte. Weitere folgten als indirekte Folge.
Die Unterschiede zum Film
Im Film, der um den 10.12.2002 gesendet wurde, wurde die Zahl der Teilnehmer radikal reduziert: Nur noch eine Handvoll Leute spielen eine Rolle, alle anderen sind Statisten. Das Drehbuch komprimiert auch in anderer Hinsicht: Zitate werden anderen Figuren in den Mund gelegt, nebensächliche Vorkommnisse erhalten eine herausragende Bedeutung. Als echtes Drama aber streicht der Film das lange Sterben von Rob Hall heraus, seine letzten Worte an seine schwangere Frau usw. - da wird die Tränendrüse gedrückt bis zum Gehtnichtmehr.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°
Krakauer liefert einen packenden, minuziös geschilderten Bericht, der trotz seiner persönlichen Sichtweise zu überzeugen weiß, weil er weder mit Hintergrundinformationen über Berge, Menschen und alpine Technik geizt, noch mit den Konsequenzen der Katastrophe nach seiner Rückkehr hinterm Berg hält.
Hinweise auf andere Quellen
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Man möchte sich seiner kritischen Sicht über die Auswüchse des modernen Alpinismus im Hochgbirge anschließen. Aber man sollte auch andere Quellen hinzuziehen, um auch andere Aspekte der Wahrheit zu erfahren: Sehr empfehlenswerte Bücher zu dieser Tragödie sind: \"Der Gipfel\", von Anatoli Boukreev und \"Die letzte Herausforderung\" von Lene Gammelgaard, einer Teilnehmerin an der Mountain Madness Expedition des damals umgekommenen Bergführers Scott Fischer.
Außerdem gibt es bei Amazon.de auch ein Buch des beiahe umgekommenen Kunden Beck Weathers - eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen, von der ich je gehört habe (und die im Film gehörig herausgestellt wird). Das Buch von Boukreev habe ich besprochen. Der Film, den David Breashears und Ed Viesturs von der gleichzeitig stattgefundenen IMAX-Epedition gedreht haben, ist ebenfalls informativ - von dem beeindruckenden IMAX-Breitwandfilm ganz zu schweigen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Into thin air, 1997; Piper 2000, München; ISBN 3492229700, Preis: EUR 9,90, gebraucht ab EUR 4,95 , broschiert - 389 Seiten
Die deutsche Marketingkauffrau Sina (Nachname unwichtig) ist rund dreißig Jahre alt, verdient gut und sieht gut aus - optimale Bedingungen für ein abwechslungsreiches Liebesleben, wie sich zeigt: Sina hat einen vollen Terminplan, denn an jedem Abend hat sie einen anderen Liebhaber zu empfangen. Da ist der Porschefahrer Karl, das ist der Familienvater Helmut und da sind andere. Statt mit Stundenlohn zeigen sich die Herren mit Geschenken für erwiesene Gunst erkenntlich.
Doch seltsam: irgendetwas scheint Sina zu fehlen, denn sie ist kaufsüchtig. Und Einkaufen befriedigt im Grund ein emotionales Defizit. Da lernt sie eines Abends in einer Herrenrunde den gutaussehenden Markus kennen. Er besitze das Touristikmagazin \"Fünfstern\", behauptet er. Aus dem Abendessen wird eine Liebesnacht, nach der Sina erkennt, dass sie mit Markus den Rest ihres Lebens verbringen möchte. So viel zur Romantik.
Die echte Liebe bringt aber ihren Gefühlshaushalt ebenso durcheinander wie ihren Terminplan. Auf einmal stellen die One-Night-Stands sie nicht mehr zufrieden, was natürlich die \"Kundschaft\" verwirrt. Prompt kommt es zu einem Ausbruch maximalen Chaos\', in dessen Verlauf sie ihren Job verliert und ihre Wohnung verwüstet wird. Markus wundert sich nicht schlecht, als er danach auftaucht, wird aber durch optimalen Lügeneinsatz überzeugt, mit ihr durchzubrennen. Er hat fast eine Million Mark (keine Euro!) im Köfferchen dabei und möchte nach Spanien abhauen - möglichst mit Sina im Schlepptau.
Sina sagt ob dieses verlockenden Angebots nicht
nein, packt ein halbes Dutzend Koffer und folgt gen Süden. Doch schon wenig später werden die beiden von Markus\' Partner verfolgt und prompt an der Costa d\'Espana ausfindig gemacht. Dem Partner folgt der Porschefahrer Karl, der über ein Überwachungsgerät verfügt. Karl ist von Sina schwer enttäuscht und will sie für sich zurück erobern, etwa mit einem Waffenarsenal im Kofferraum.
In Barcelona kommt es zum Showdown, in dessen etwas wirrem Verlauf Markus\' Partner von Karl erschossen wird, während dieser Sina entführt. Markus jedoch landet im Polizeigewahrsam, als vermeintlicher Mörder seines Partners. Nachdem Sina Karl in Nothilfe erschossen hat, hat auch sie in einer gemütlichen Gefängniszelle viel Zeit zum Sinnen und Träumen.
Mein Eindruck
A) Stärken des Buches
Das erste Viertel des Buches stellt dem Leser recht glaubwürdig Sinas Liebes- und Gefühlsleben vor. Diese Figur verfügt über einige Charakterzüge, die sie zur Identifikation geeignet machen, was aber fast schon so weit geht, dass sie dem Klischee der erfolgreichen modernen Geschäftsfrau entspricht. Sina weist kaum einen Zug auf, der sie unverwechselbar macht, geschwiege denn irgendwelche Defizite. Das macht sie zur optimalen Projektionsfläche für die Herren, denen sie ihre sexuellen Wünsche erfüllt, aber auch für Markus, der in ihr eine ideale Partnerin erblickt, die nicht nur gut aussieht, sondern auch die Philosophen liest.
Dass all dies nur Fassade und von zeitweiligem opportunistischem Charakter ist, erkennt Sina erst im Verlauf der Auseinandersetzungen mit den Männern. Bemerkenswerter Weise hat Sina keine Beste Freundin, die ihr den Spiegel vorhalten würde. Sina muss alles selbst und auf die harte Tour herausfinden. Das Buch ist also in komprimierter Form ein Entwicklungsroman, der sich der Formen des Krimis bedient.
Die Barcelona-Szenen überzeugen durch die detaillierten Kenntnisse, die die Autorin über Ort und Leute, Kultur und Sitten an den Tag legt.
Allerdings würden sich Nichtfußballer wünschen, nicht so lange Vorträge über Fußball lesen zu müssen.
B) Schwächen des Buches
Wäre es doch nur beim Krimi geblieben! Denn ab Seite 86 schlägt die Stimmung und die Erzählform um. Nun ähnelt Sinas Wohnung eher einer Bühne, auf der wildes Theater spielt gespielt wird - so wild, dass dies die Wohnung nicht übersteht und der Abbruch der Zelte unausweichlich ist. Das Genre dieses Theaters ist jedoch weder Goethe noch Schiller, sondern etwas zwischen Komödienstadel und Georges Feydeau.
Auch am Schluss, ab Seite 247, wird wieder Theater gespielt: nämlich das Weltgericht. Diesmal träumt Sina von Verdammung und Erlösung, erträumt sich das Paradies und die Hölle. Da tritt der grimme Schnitter ebenso auf wie gewisse Geister, etwa der Karls. Wir befinden uns in einem Morality Play, einem Mysterienspiel, wie es das Mittelalter nicht allegorischer nicht hervorbringen könnte.
Natürlich auch die Fernsehrealität nicht spurlos am Plot vorüber: Ein Eifersuchtsdrama erster Güte wird in Barcelona ausgespielt, bis die Kugeln fliegen und das Blut strömt. Schnelle Autos finden ebenso Einsatz wie Handgranaten und Sturmgewehre. Leider bleibt hierbei die Glaubwürdigkeit so mancher Figur auf der Strecke, dem Schaueffekt geopfert. Voyeure kommen auf ihre Kosten.
Warum ein Buch, das 2002 erscheint, immer noch mit Mark statt Euro rechnet, bleibt ein Rätsel. Süddeutsche Dialektbegriffe wie z.B. \"rallig\" (= läufig) und Redeweise dürften norddeutsche Leser verblüffen, ebenso wie unbekannte Wörter wie \"unwegbar\" (entweder \"unwägbar\" oder \"unwegsam\").
C) Fazit
Als Unterhaltungslektüre für den weiblichen Strandbesucher oder Zugpassagier mag der Roman recht gut geeignet sein, sofern frau keine höheren Ansprüche an die Glaubwürdigkeit der Handlung und bestimmter Figuren stellt. Männlichen Lesern könnte die Sinas Verehrer etwas zu klischeehaft vorkommen. Wer nichts gegen Theaterzauber hat, dürfte mit Vergnügen die chaotischen Szenen ab Seite 86 genießen.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Betzel Verlag, 2001, Nienburg; 264 Seiten, ISBN 3-932069-82-x, Preis: 10,12 EU.
**: Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der dt. Autor Norbert Sternmut alias Norbert Schmid aus Stuttgart.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-17 10:53:44 mit dem Titel Dean Koontz: *Der Geblendete*: Zwischen Religion und Quantenmechanik
Der Horrorautor versucht sich an einer Familiensaga, die mit einer makabren Farce kontrastiert wird: eine gewöhnungsbedürftige Mischung für alle, die von Koontz kurze, knackige Horrorkost gewöhnt sind. Nie war der Unterschied zu Stephen King deutlicher zu sehen als an diesem Buch.
Handlung
Als Bartholomew Lampion am 6. Januar 1965, dem Dreikönigstag, geboren wird, stirbt sein Vater Joe bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Krankenhaus, in dem seine Frau Agnes ihr Baby zur Welt bringen will: Barty. Agnes Lampion überlebt knapp.
Im Alter von drei Jahren müssen die Ärzte Bartys Augen durch eine vorbeugende Operation entfernen, um Krebs zu verhüten. Wiewohl augenlos, erlangt er mit 13 Jahren seine Sehkraft wieder - doch ohne dass ein himmlische Kraft eingreift: Er besitzt die Fähigkeit, sich das vorzustellen, was andere Bartholomews in parallelen Universen sehen können..
Bartholomews Name erschallt in den Albträumen des Serienmörders Junior Cain. Seit Junior seine bildschöne und vertrauensselige Ehefrau Naomi in einem spontanen Impuls - würde er es tun können? - von einem morschen Aussichtsturm gestoßen hat (ebenfalls am 6. Januar 1965), kennt er die Lust am Töten. Er fühlt sich dann wie der Herr seines Schicksals - nur so kann er die Lehren des Selbsthilfe-Psychoberaters \"Caesar Zedd\" optimal umsetzen. Cain hat nämlich ein Problem: Er besitzt weder Moral noch Gewissen.
Doch Junior hat eine Nemesis, die ihn bei Tag ständig verfolgt: einen Polizisten und Ex-Pfarrer namens Thomas Vanadium, der ihm schwer auf den Senkel geht. Immer wieder tauchen bei Cain wie aus dem Nichts Vanadiums Markenzeichen auf: Vierteldollar-Münzen. Denn Vanadium hat wie Bartholomew einen guten Dimensions-Trick drauf.
Und nachts sucht Junior Cain der Name Bartholomews heim. Doch wer ist das? Ist es sein eigener Sohn, den er zeugte, als er einst eine junge schwarze Krankenschwester namens Seraphim White brutal vergewaltigte?
Auf seiner besessenen Suche nach Bartholomew findet er nach drei Jahren (also \'68) heraus, dass damals nicht ein Sohn, sondern eine Tochter namens Angel gezeugt wurde. Angel wächst nach dem Verkehrstod ihrer Mutter bei deren Schwester Celestina auf - beide sind Töchter des Erweckungspredigers Harrison White, der über Radio die Bartholomew-Legende im ganzen Westen populär gemacht hatte - was zu Bartys Namen und Cains Fluch führte.
Als Junior erneut in ihr Leben einzudringen versucht und Angels Pflegemutter erkennt, in welcher Gefahr sie beide schweben, flieht sie mit ihrer Tochter von Oregon nach Kalifornien und findet Obdach bei der gutherzigen Familie Lampion, die einen blinden Sohn hat. Er verfügt über außergewöhnliche Intelligenz und übersinnliche Fähigkeiten: Bartholomew.
Als Angel und Barty einander begegnen, erscheinen sie wie für einander bestimmt. Alle, die Barty begegnen, lieben ihn. Alle außer Junior Cain...
Mein Eindruck
Die Erzählweise
Die Erzählweise scheint auf den ersten Blick nicht aus dem Rahmen zu fallen. Hin und her springt der Blickwinkel zwischen den den Szenen mit dem durchgeknallten Junior Cain und denen, in denen Bartys Familie Lampion oder Angel White auftreten. Cain ist die Verkörperung des amoralischen Bösen, Barty und Angel sind die guten Wunderkinder.
Und dann gibt es gibt noch andere Akteure, wie etwa Tom Vanadium und seine Freunde. Sie spielen die Schutzengel der beiden Wunderkinder, verfügen wie Vanadium ebenfalls über ausgefallene Fähigkeiten. Und da dieser breit angelegte Roman zudem eine Familienchronik ist, nimmt der Hintergrund der Familien wie auch des jeweils aktuellen Weltgeschehens einen gewissen Raum ein: dieses Webmuster ist recht komplex. Doch es wird in gemächlichem Tempo ausgebreitet, so dass der Leser immer weiß, woran er mit wem ist.
Ein wunderbarer, ein lächerlicher Schurke
Was mich von Anfang an störte, waren die eindeutigen, \"sprechenden\" Namen: Vanadium ist eine der härtesten Werkzeuglegierungen. Lampion ist das frz. Wort für \"führende Leuchte\", etwa an einer Kutsche. \"Cain\" verweist auf den alttestamentarischen Mörder seines Bruders Abel. Dieses Stilmittel verweist \"Der Geblendete\" in das Genre der moralisierenden Chroniken, die mitunter auf biblischen Figuren wie etwa Judas oder Saulus/Paulus (vgl. Wunder von Damaskus) verweisen. Es gibt tatsächlich einen Freund der Familie Lampion, der Paul Damascus heißt! Für gute Literatur ist dies sicherlich reichlich platt.
Die schier unerträgliche Güte der Familien Lampion und White wird kontrastiert von Junior Cain, der weder Moral, Geschmack noch Gewissen kennt. Aber er hat Erfolg bei den Frauen und hält sich einiges darauf zugute - bis er von einem cleveren Transvestiten aufs Kreuz gelegt wird. Auch mit seinem Leben gemäß den Lehren von Caesar Zedd scheint Junior Erfolg zu haben. Doch wenn es darauf ankommt, sich zwischen Denken und handeln zu entscheiden, zeigt sich in Zedds Gedankengebäude ein Widerspruch - natürlich im ungünstigsten Moment.
Vollends zur Farce wird Juniors Leben durch seinen Kunstgeschmack. Gute Kunst ist für ihn jene, die ihn verunsichert und in Frage stellt. Celestina White hingegen malt wunderschöne Bilder mit Naturmotiven - Cain ist dieser \"Postkartenkitsch\" ein Gräuel. Während seine bevorzugte Kunst teure Augenwischerei ist, verkaufen sich Celestinas Gemälde praktisch von alleine. Wer hat nun Recht: die Kritik oder die Käufer? Symbolisch für Juniors Geschmack und Weltsicht steht seine wertvollste Skulptur: Die \"Industriefrau\" besteht aus Schrott und kostete ein Heidengeld - für ihn großartige Kunst.
Trotz seiner vielbeschworenen Rationalität und Selbsthilfe-Psychologie ist Junior immer noch ein Kind: Er glaubt am Schluss an Schwarze Magie, Reinkarnation (\"Bist du da drinnen, Naomi?\" fragt er Angel) und Transzendentale Meditation. Mit der Figur des Cain hat Dean Koontz das Motiv des Scharlatans weiterentwickelt: War es in \"Stimmen der Angst\" noch der Psychiater selbst, der als Schurke seine Opfer zur Strecke brachte, so ist es nun der Jünger des Scharlatans Caesar Zedd, der stellvertretend Opfer fordert. Hier bringt Koontz wieder mal deutliche Kritik an Missständen der amerikanischen Kultur und ihren Medien (in jedem Wortsinne!) an.
Die \"unerträglichen\" Guten
Der Kern der Familie Lampion, den eigentlichen Guten, bilden Bartys Mutter Agnes und ihre beiden Brüder Edom und Jacob. Alle drei hatten als Kinder unter der gewalttätigen Erziehung ihres Vaters zu leiden. Agnes\' Rücken ist für immer von Narben entstellt. Jacob und Edom glauben heute nur noch an den Gott, der entweder menschliche (Jacob) oder natürliche (Edom) Katastrophen schickt, um die Menschen zu züchtigen. Diesem Pessimismus steht einzig und allein Agnes entgegen: Sie ist die Kuchenfee, denn in ihrer Nachbarschaft verschenkt sie selbstgebackenen Kuchen. Als Gegenleistung erhält sie Liebe und natürlich Geschenke.
Dass diesen Gutmenschen früher oder später etwas von Junior Cain angetan wird, erscheint von Anfang an unausweichlich. Doch warum muss Cain die ausführende Hand sein? Er kennt ja lediglich einen einzigen Namen: Bartholomew, sonst nichts. Er hat noch nie von den Lampions gehört. Und daher muss ich nun auf das tiefere Wirkprinzip im Handlungsverlauf zu sprechen kommen.
Zufall oder Quantenmechanik?
Gibt es Gott oder gibt es den Zufall? Das ist die grundlegende Frage für einen Menschen, der sich wie Koontz mit Glaube und moralischen Fragen von Gut und Böse befasst. Wenn es Gott gibt, dann gibt es auch von ihm abgeleitete moralische Werte. Sie sind in den Lampions und Whites verkörpert. Gibt es ihn nicht, sondern nur den puren Zufall, dann gibt es keine Werte, da alles relativ ist und somit keinen Vorrang einnimmt, der moralisches Handeln erlauben würde. Für diese Weltsicht steht Junior Cain, der Serienkiller. Hier treten wiedersprüchliche Selbsthilfe-Leitsprüche an die Stelle der 10 Gebote.
Doch was wäre, wenn der Zufall aufgrund der modernen Theorie der Quantenmechanik ein Werkzeug der Natur - und mithin eines lenkenden Gottes - wäre? Dann wäre auch Junior Cain ein notwendiger Bestandteil des göttlichen Plans und das Zusammentreffen mit den Lampions vorherbestimmt.
Das mit der Quantenmechanik ist natürlich eine wackelige Sache, und Koontz lässt Tom Vanadium die Theorie nur sehr verkürzt vortragen und erklären - um nicht zu langweilen. Laut Quantenmechanik existieren unendliche viele Paralleluniversen, und alle Teilchen sind auf subatomarer Ebene miteinander - auch kausal - verbunden. Quod erat demonstrandum: Barty geht bei Regen da, wo es keinen Regen gibt und wird nicht nass. Angel sieht interessante Farben und Wesen aus anderen Dimensionen. Und ihrer beider Tochter Mary kann sogar zwischen den Dimensionen wechseln: Now you see her, now you don\'t.
Was bedeutet dies für die beiden Seiten? Für Junior rein gar nichts, denn er hat davon keinen Schimmer und lässt sich von Zedds Leitsprüchen ebenso irreleiten wie von seinem Aberglauben. Er wird immer wieder Opfer des \"Zufalls\", denn er weigert sich - gemäß den Lehren Zedds - aus der Vergangenheit zu lernen. Für die Lampions und Whites hingegen ist die Entdeckung der Paralleldimensionen und der Fähigkeit, damit etwas anzustellen, ein zunächst beängstigendes Wunder, das sie aber in ihr Weltbild und ihren Glauben integrieren können. (Redet die Bibel nicht die ganze Zeit von Wundern?)
Fazit
Zunächst erfordert \"Der Geblendete\" eine Umgewöhnung bei den Koontz-Fans. Dieser Roman ist noch breiter angelegt als \"Stimmen der Angst\" und beschäftigt sich noch intensiver mit den Fragen der Religion, der Scharlatanerie und der moralischen Wertung. Bei bibelfesten US-Lesern dürfte er damit offene Türen einrennen.
Auch der Schurke im Stück ist gewöhnungsbedürftig: einen derart teuflischen, amoralischen Schwachkopf wie Junior Cain hat man bei Koontz - und allgemein im Horrorgenre - noch nicht gesehen. (Vanadium lässt zu Cain ein paar erhellende Worte fallen.)
Zum anderen ist der Roman, genau wie ein realistischer Roman, eine Chronik der Epoche, in der seine Handlung spielt: die Zeit von 1965 bis 1968 war wohl eine der aufregendsten Phasen in der Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Als Abspann empfindet man dann die Weiterführung der Chronik bis ins Jahr 2000, vorgeführt anhand der Familie Lampion & Co.
Fans des traditionellen Koontz werden noch mehr Probleme mit diesem Roman haben, als sie schon mit \"Stimmen der Angst\" hatten. Positiv denken: Dieser Autor entwickelt sich wenigstens weiter, im Gegensatz zu so manchem Kollegen. Und er verfügt über eine feinen, vielseitigen Humor - diesen bringt der Übersetzer gut ins Deutsche (mal abgesehen von den vielen Druckfehlern).
What the Dickens?**
In den USA und GB hat Koontz bereits seinen nächsten Schmöker (760 Seiten) veröffentlicht: \"One door away from heaven\". Zusammen mit \"Der Geblendete\" und \"Stimmen der Angst\" bildet dieses Buch ein Trio in Koontz\' Spätwerk, das in seiner epischen Breite und seinem moralischen Engagement an Charles Dickens erinnert.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: From the corner of his eye, 2000; Heyne 05/2002, München; Nr. 43/213; 888 Seiten, EU 24,00, aus dem US-Englischen übertragen von Waltraud Götting; ISBN 3-453-21405-6
**: Zu deutsch soviel wie \"Was zum Geier?\"
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-16 19:32:22 mit dem Titel Don & Petie Kladstrup: *Wein & Krieg*: Die Schlacht um den besonderen Saft
Frankreich und Wein: das ist ein und dasselbe. Wenn man den Franzosen den Wein nehmen würde, so hätte das tiefgreifende Folgen für ihr Leben. Wer das nicht glauben mag, sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Das Buch erzählt kenntnisreich und höchst bewegend von den Schicksalen, die mit Frankreichs größtem Reichtum, dem Wein und seinem Anbau, verbunden waren - ein noch nie erzähltes Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte.
Die Autoren
°°°°°°°°°°°
Don und Petie Kladstrup sind Weinliebhaber und Weinkenner, denen es immer wieder gelingt, über die geschichte und Kultur des französischen Weins spannend, informativ und erfolgreich in Publikationen in Frankreich wie auch in der Welt zu veröffentlichen (u.a. \\\"The Wine Spectator\\\"). Sie leben in der Normandie und Paris. Für ihre Reportagen und Dokumentationen wurden sie bereits mehrfach ausgezeichnet.
Für dieses Buch haben sie Winzer und ehemalige Widerstandskämpfer ausfindig gemacht. Nicht alle wollten über die schlechte Zeit 1940 bis \\\'44 sprechen. Aber manche konnten sie veranlassen, ihre geschichte authentisch, ungeschminkt und phantasievoll zu erzählen. Manche Episoden klingen unglaublich, entsprechen aber völlig der Wahrheit.
Inhalte
°°°°°°°
Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurden Millionen Flaschen Wein, Champagner und andere wertvolle Spirituosen auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers ins Deutsche Reich abtransportiert - die größten Schätze z.B. reservierte der \\\"Führer\\\" für sich und lagerte sie bei Berchtesgaden unter einem Berggipfel ein; französische Truppen konnten sie 1945 unversehrt wieder retten: eine Großtat von nationalem Rang. So beginnt das Buch.
Wir erfahren, wie nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der SS zuerst die Champagner- und Weinkeller (sowie berühmte Restaurants in Paris) geplündert und später der Weinexport durch die Deutschen organisiert wurden. Dies erfolgte durch sogenannte \\\"Weinführer\\\". Frankreich als Nation sollte ebenso gedemütigt werden wie die Franzosen als lebensfrohe Individualisten.
Aber der Befehl Hitlers zum Abtransport der besten Spirituosen aus Frankreich trieb die Winzer auf die Seite der Résistance. Sie kämpften, gewährten Unterschlupf in den mitunter kilometerlangen Kellern und teilten die Bestimmungsorte der großen Champagner-Bestellungen mit, aus denen sich die deutschen Truppenbewegungen voraussagen ließen.
Lebendig schildern die beiden Autoren das Schicksal der französischen Winzer. Als Beispiele dient das Leben eines halben Dutzends Familien: aus dem Elsass, aus der Champagne, dem Loiretal, aus Burgund und dem Bordelais (um Bordeaux). Stets sind die Familienmitglieder bedroht, von 1940 bis zur Befreiung 1944. Sie müssen fürchten, ihren Besitz, ihre Weine und Champagner, ihre Gesundheit und nicht zuletzt auch ihr Leben zu verlieren (von der Freiheit ganz zu schweigen).
Doch ihnen wird später, nach Befreiung und Kriegsende, vorgeworfen, mit den deutschen Besatzern kollaboriert zu haben. Daher bleiben die damaligen Ereignisse und Schicksale weitgehend unbekannt, aus Furcht vor Vergeltung und Repressalien. Warum aber gehörten viele Winzer zu den wichtigsten Helfern der Résistance?
Und wie gelang es Pierre Taittinger, dem Bürgermeister von Paris und einem der führenden Champagnerhersteller der Welt, General von Chlotitz zu überzeugen, die Seinemetropole nicht dem Erdboden gleichzumachen, wie Hitler befohlen hatte? Und warum wurde der Hafen von Bordeaux, wo Millionen wertvoller Weinflaschen lagerten, bei Abzug der deutschen Truppen nicht in die Luft gesprengt, wie es befohlen worden war?
Beispiele
°°°°°°°°°
Mit Mut und Einfallsreichtum retteten die Franzosen ihr \\\"wertvollstes Juwel\\\" vor dem Zugriff der deutschen Besatzer: Eisenbahner ließen ganze Züge mit Weinlieferungen im Nirgendwo der Provinz verschwinden. Eine Teppichreinigung versorgte die Pariser Weinrestaurants mit echtem Staub, um jungen Wein als uralte Raritäten den deutschen \\\"Gästen\\\" servieren zu können.
Für Goebbels, Göring und andere Nazi-Größen (Hitler gab sich als Anti-Alkoholiker, raubte aber wie ein Weltmeister) ließ man falsch etikettierten Mouton-Rothschild liefern; aus der Champagne kam \\\"sprudelndes Spülwasser\\\", wofür Pierre Taittinger (s.o.) ins Gefängnis wanderte.
Hart muss es wohl auch jenen Winzer getroffen haben, der Tausende von Flaschen in einem nahen Teich versenken ließ. Leider fielen am anderen Morgen die zahlreichen Flaschenetiketten auf der Teichoberfläche den falschen Leuten auf.
Die Anhänge
°°°°°°°°°°°
Auf rund 60 Seiten liefert das Buch so viele ergänzende Angaben, dass sie es praktisch in den rang der Wissenschaftlichkeit erheben: Landkarte, Fotos, Glossar; Anmerkungen (Zitatbelege); Bibliographie; Verzeichnis der Abbildungen; Danksagungen; Wein- und Champagnerregister, Namenregister, Sach- und Ortsregister.
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Ich habe dieses Buch binnen drei Tagen verschlungen, denn es liest sich wie ein spannender Kriminalroman. An mehreren Stellen war ich zu bewegt, um meine Tränen zurückhalten zu können - von zu viel menschliches Leid musste ich lesen. Aber dennoch sind die Geschehnisse zu wichtig und zu spannend dargestellt, um mit Lesen aufhören zu können.
Die lebendigen Schilderungen werden dem Thema ebenso gerecht wie die zahlreichen und exakten Hintergrundinformationen: eine wahre Goldgrube von Einzelheiten, die das Buch aus dem Reich der Erlebnisliteratur in den Rang einer authentischen, nachprüfbaren Dokumentation heben.
Ich kann mich nicht an viel Humor in diesem Buch über ein ernstes Thema erinnern. Doch was an Humor vorhandenn ist, besteht oftmals in Ironie und Situationskomik. So etwa, wenn die amerikanischen Befreier bei ihrem Vormarsch in der Normandie etc. auf vergrabene Weinflaschen stoßen, ob sie nur einen Schützengraben ausheben wollten. Oder der missglückte Versuch, Weinflaschen im Teich zu verstecken. Oder die zahlreichen Meldungen eines Bahnhofswärters, in denen sich zahlreiche gründe finden, warum dieser oder jener Zug mit Wein verschwand.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°
Die umfangreiche, einmalige Dokumentation erzählt ein bislang wenig beachtetes Kriegskapitel: der organisierte und fortgesetzte Raub des eigentlichen Reichtums Frankreichs: Weine und Champagner. Die menschlichen Schicksale, die mit diesen Raubzügen in Verbindung stehen, erschüttern selbst hartgesottene Leser. Ein umfangreicher Anhang überzeugt von der Authentizität des Geschehens und liefert zahlreiche hilfreiche Hinweise.
Natürlich sollte man schon mal etwas von Rothschild, Taittinger oder Bordeaux gehört haben - nur so kann man wohl dem Thema etwas abgewinnen. Doch nur die wenigsten von uns haben diese Schätze jemals gekostet. Das ist eigentlich sehr schade, denn erst, wenn man einmal einen wirklich guten Wein gekostet hat, weiß man Qualität in dieser Hinsicht zu würdigen: Ein edler Tropfen ist wie eine Offenbarung. Und dann weiß man auch, was der Verlust eines guten Jahrgangs im Grunde bedeutet.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Wine and war - The French, the Nazis and the battle for France\\\'s greatest treasure, 2001; Klett-Cotta 07/2002, Stuttgart; 380 Seiten, EU 24,00, aus dem Englischen übertragen von Dietmar Zimmer; ISBN 3-608-93511-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-12-15 15:56:19 mit dem Titel J. Krakauer: *In eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest.*: Packend, aber nicht fehlerfrei
Krakauers Bericht über die Everest-Katastrophe von 1996 ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.
Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für einen Hollywoodfilm. Aber Buch und Film unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt.
Der Autor
Jon Krakauer war schon um die Vierzig, als er 1996 nach Nepal flog. In seiner Jugend hatte er zahlreiche Bergtouren gemacht, die er in seinen Reportagen unter dem Titel \"Auf den Gipfeln der Welt\" (Eiger Dreams\") beschrieben hat. Als Journalist ließ er sich mit seiner Lebensgefährtin Linda in Seattle nieder, wo er als Redakteur des Magazins \"Outside\" - nicht zu verwechseln mit \"Outside Online\" - arbeitet.
1996 erschien sein erster Bestseller \"In die Wildnis\" (\"Into the Wild\") über einen jungen Aussteiger, der in Alaska umgekommen war. Auch darin ging es um das Scheitern von Träumen und Ambitionen an den harten Bedingungen der Realität, sei es in der Wildnis oder in den Bergen.
Inhalte bzw. \"Handlung\"
Jon Krakauer wollte als Journalist, also als Beobachter an einer Expedition auf den höchsten Berg der Welt teilnehmen, um für das \"Outside\"-Magazin darüber zu schreiben: Der ungewöhnlich lange Artikel erschien in der Septemberausgabe 1996 und wirbelte viel Staub auf, enthielt aber einige falsche Darstellungen. Die Reaktionen und notwendigen Korrekturen flossen in dieses Buch ein. Man kann die Einschränkungen etc. an den zahlreichen Fußnoten ablesen.
Es war eine der geschäftigsten Saisons am Everest überhaupt, als Krakauer im April bereits angeschlagen im Basislager ankam. Es folgten vier Akklimatisierung unter den fast ein Dutzend Expeditionsteams, von denen einige unter höchst dubiosen Umständen zustandegekommen waren. Laut Krakauers Darstellung war das Team des Bergführers Rob Hall eines der am besten geführten. Man fühlte sich sicher. Und doch sollte ausgerechnet Rob Hall auf dem Berg sterben.
Als Jon Krakauer den Gipfel am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996 erreichte, hatte er bereits 57 Stunden lang nicht geschlafen, kaum etwas essen können und litt unter dem massiven, anhaltenden Sauerstoffmangel - trotz des künstlichen Sauerstoffs, den alle außer den stärksten Bergstiegern atmen mussten. Die Luftdichte in 9000 Metern Höhe entspricht einem Drittel derer auf Meereshöhe.
Als er wieder absteigen wollte, bemerkte er zweierlei: merkwürdige Quellwolken, die das Tal heraufzogen, und mehr als 20 Bergsteiger, die seinen Weg blockierten. Die resultierende Verzögerung führte fast zu seinem eigenen Tod, denn als sich die heraufziehenden Wolken zu einem tobenden Schneesturm ausgewachsen hatte, sah Krakauer kaum die anderen Bergsteiger auf dem Südsattel oder die Zelte im darunter liegenden Lager IV.
Doch der Sturm wurde noch stärker, während sich noch fast 20 Kletterer auf dem Südwestgrat aufhielten. Am Ende des Tages waren fünf Teilnehmer der verschiedenen Expeditionen in Eis und Kälte umgekommen. Am Endes Tages waren 8 Menschen tot, am Ende der Saison zwölf - ein hoher Tribut an Leben, wie ihn der Everest selten erlebt hat.
Der Tod von Bergführer Andy Harris ließe sich direkt auf Krakauers Mangel an geistiger Präsenz zurückführen, denn Krakauers hätte sonst bemerkt, dass Harris selbst bereits massiv unter der Höhenkrankheit litt, als er ihn zuletzt sah. Krakauer hätte etwas unternehmen können. Doch so muss er heute mit Harris\' Tod auf dem Berg leben.
Durch den Einsatz des kasachischen Bergführers Anatoli Boukreev (der selbst ein Buch darüber geschrieben hat) gelang die Rettung von an die fünf Expeditionsmitgliedern. Leider spielt dies Krakauer einigermaßen herunter, was wohl nicht ganz fair erscheint.
Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°
Das Buch packt einen schon vom Kapitel an, als der Autor den Moment auf dem Gipfel des Everest beschreibt und sich das Verhängnis bereits anbahnt, das zur Katastrophe führen soll. Davor stehen die Einleitung und eine mehrseitige Liste der Teilnehmer an den verschiedenen Expeditionen.
Immer wieder schiebt der Autor historische Rückblicke ein, um den Leser mit dem Berg und seinen erfolgreichen und erfolglosen Bezwingern bekannt zu machen. Krakauer gibt die Geschichte und die Abenteuer großer Everest-Pioniere wieder, darunter Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die zwei Männer, die den Gipfel als erste erreicht hatten.
Einen großen Einschnitt bedeutete die Besteigung durch einen Amateur, der lediglich einen Haufen Geld bezahlt hatte. Nach dem Jahr 1988 setzte eine Art Massentourismus ein, und die Teilnahmegebühr erhöhte sich von 10.000 auf 65.000 Dollar.
Doch das schreckte etliche Leute nicht ab, die einfach nur ihre \"Sieben-Gipfel-Quote\" komplettieren wollten: die Liste der jeweils höchsten Berge auf den Kontinenten. Auch in Krakauers Team befand sich so jemand darunter: In Sandy Pittmans Sammlung fehlte noch der Everest. Er sollte sie beinahe umbringen.
Denn der Everest ist ein unversöhnlicher Berg. Er wird von den Sherpa als \"Muttergöttin der Welt\" (Sagarmatha) kultisch verehrt. Noch bevor es dem ersten Menschen gelang, einen Fuß auf den Gipfel zu setzen, hatte der Everest bereits 24 Menschen aus 15 verschiedenen Expeditionen das Leben gekostet.
Dabei ist es nicht einmal das Terrain selbst, dem die Menschen zum Opfer fallen. Häufig ist einfach die extreme Höhe: Ab 7000 Metern beginnt die \"Todeszone\", in der der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren: kein Essen, kein Schlaf. Große Gefahr droht von den durch die Höhe und dünne Luft ausgelösten Krankheiten: Lungen- und Gehirnödem, im Original HAPE und HACE genannt. Bei deren Auftreten hilft nur noch der rasche Abtransport in in tiefere Lagen oder die künstliche Herstellung einer entsprechenden Atmosphäre in einem Spezialzelt (Gamow-Zelt). Manchmal kommt auch diese Maßnahme zu spät.
In Rob Halls Expedition waren es nicht nur bergsteigerische oder gesundheitliche Unzulänglichkeiten, sondern einfach menschliche Fehler, die sich \"zu einer kritischen Masse summierten\": falscher Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, übersteigerte Personenverehrung oder einfach Geldgier. Am Ende fehlten Kraft und Zeit. Es kam zu einer kritischen Situation im Schneesturm, die direkt fünf Menschenleben forderte. Weitere folgten als indirekte Folge.
Die Unterschiede zum Film
Im Film, der um den 10.12.2002 gesendet wurde, wurde die Zahl der Teilnehmer radikal reduziert: Nur noch eine Handvoll Leute spielen eine Rolle, alle anderen sind Statisten. Das Drehbuch komprimiert auch in anderer Hinsicht: Zitate werden anderen Figuren in den Mund gelegt, nebensächliche Vorkommnisse erhalten eine herausragende Bedeutung. Als echtes Drama aber streicht der Film das lange Sterben von Rob Hall heraus, seine letzten Worte an seine schwangere Frau usw. - da wird die Tränendrüse gedrückt bis zum Gehtnichtmehr.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°
Krakauer liefert einen packenden, minuziös geschilderten Bericht, der trotz seiner persönlichen Sichtweise zu überzeugen weiß, weil er weder mit Hintergrundinformationen über Berge, Menschen und alpine Technik geizt, noch mit den Konsequenzen der Katastrophe nach seiner Rückkehr hinterm Berg hält.
Hinweise auf andere Quellen
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Man möchte sich seiner kritischen Sicht über die Auswüchse des modernen Alpinismus im Hochgbirge anschließen. Aber man sollte auch andere Quellen hinzuziehen, um auch andere Aspekte der Wahrheit zu erfahren: Sehr empfehlenswerte Bücher zu dieser Tragödie sind: \"Der Gipfel\", von Anatoli Boukreev und \"Die letzte Herausforderung\" von Lene Gammelgaard, einer Teilnehmerin an der Mountain Madness Expedition des damals umgekommenen Bergführers Scott Fischer.
Außerdem gibt es bei Amazon.de auch ein Buch des beiahe umgekommenen Kunden Beck Weathers - eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen, von der ich je gehört habe (und die im Film gehörig herausgestellt wird). Das Buch von Boukreev habe ich besprochen. Der Film, den David Breashears und Ed Viesturs von der gleichzeitig stattgefundenen IMAX-Epedition gedreht haben, ist ebenfalls informativ - von dem beeindruckenden IMAX-Breitwandfilm ganz zu schweigen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Into thin air, 1997; Piper 2000, München; ISBN 3492229700, Preis: EUR 9,90, gebraucht ab EUR 4,95 , broschiert - 389 Seiten
Bewerten / Kommentar schreiben