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Erfahrungsbericht von CoraLee

Pausbäckig

Pro:

witzig, tabulos, unterhaltsam, berührend

Kontra:

Übersetzung nicht ganz einwandfrei

Empfehlung:

Nein

Hanif Kureishi habe ich, wie viele andere lesenswerte Schriftsteller, leider erst an der Uni kennen gelernt. Zu Beginn meines Studiums legte man mir in einer Abschlussklausur des Seminars „Übersetzen literarischer Texte Englisch-Deutsch“ einen Ausschnitt seiner Erzählung „Intimacy“ (zu deutsch: „Rastlose Nähe“ – hier haben die Titelübersetzer bei rororo mal wieder ganze Arbeit geleistet...) vor, der mich irgendwann später dazu veranlasste, das ganze Buch zu lesen. Allerdings in der deutschen Übersetzung, wie ich gestehen muss, und vielleicht war das ja der Grund für meine sich in Grenzen haltende Begeisterung.

Nichtsdestotrotz ersteigerte ich wenige Wochen später den „Buddha aus der Vorstadt“, denn im vierten Semester hatten wir an der Uni einige vielversprechende Ausschnitte aus diesem Roman übersetzt.

„Der Buddha aus der Vorstadt“ ist Hanif Kureishis erster Roman und erschien 1990 unter dem Titel „The buddha of suburbia“. Salman Rushdie nennt den Roman „absolut respektlos, wild und unanständig, aber auch tief berührend“ und diese zielsichere Einschätzung ist ein weiterer Grund für mich, endlich auch mal ein Buch von Herrn Rushdie zu lesen. Er hat nämlich recht: genau so ist Kureishis „Buddha“.

Der Erzähler heißt Karim Amir. Er ist (wie der Autor) der Sohn eines indischen Vaters und einer englischen Mutter und wächst in den Vororten Londons auf. Die Geschichte, die er uns auf über vierhundert Seiten in meist schnörkelloser Sprache erzählt, handelt vom Erwachsenwerden, von Träumen, Rassismus, Vorurteilen, Bisexualität, Idolen und vielem mehr. Er erzählt sehr lebendig, einfach und voller (schwarzem) Humor.

Diesem Roman zu folgen verlangt keine besondere Konzentration, man kann ihn ohne Weiteres an einem oder zwei Tagen lesen, man ist hinterher wahrscheinlich nicht klüger als zuvor und doch wird man vermutlich nach der Lektüre ein wenig grübeln müssen, was den Reiz dieses Werkes ausmacht. Denn Kureishi versteht zu gefallen. Manchmal erscheinen seine Zeilen ein wenig trivial, Karims Erkenntnisse etwas belanglos und seine Wortwahl allzu anstößig. Und doch ist der „Buddha“ sehr empfehlenswert, zeigt er uns doch auf gewisse Weise, dass wir selbst erwachsen(er) sind, weniger orientierungslos als der Protagonist, dass wir einiges bereits verstanden haben, das Karim erst noch lernen muss.

Außerdem zeichnet Kureishi ein sehr eindrucksvolles und atmosphärisches Bild vom Leben in den Londoner Vorstädten, speziell vom Leben der indischen Immigranten und deren Kindern. Der Umgangston ist schroff, ständig lesen wir, wie Karim verspottet und beleidigt wird, das Wort „Nigger“ wirkt schon nach wenigen Seiten vergleichsweise harmlos und wenn zum dreizehnten Mal von „ficken“ die Rede ist, geben wir es auf, uns über das Vokabular zu wundern.

Karims Vater verlässt zu Beginn des ersten Teils die Familie und zieht zu seiner Geliebten, die der heranwachsende Karim ebenfalls zu begehren scheint. Jedoch entsteht der Eindruck, dass Karim selbst gerade in emotionalen und sexuellen Dingen völlig verloren ist, und dass Karim sich zur Geliebten seines Vaters hingezogen fühlt, wird nur ganz subtil vermittelt. Das ist fein, denn so können wir uns als Leser selbst lobend auf die Schulter klopfen und uns freuen, etwas bemerkt zu haben, dass nicht einmal unser Erzähler weiß.

Ich glaube, wer den „Buddha“ liest, der spielt irgendwann im Laufe der Lektüre wenigstens ein Mal mit dem Gedanken, Theaterschauspieler zu werden. Oder meinetwegen Rockstar. Kureishi schildert das Schauspieler-Leben zwar nicht gänzlich positiv - nicht immer ist Karims Metier schillernd und voller Ruhm und Applaus – aber dennoch erzählt er uns so ausführlich, eindringlich und überzeugend von diesem abwechslungsreichen, kreativen Beruf, das einem alles andere völlig nebensächlich erscheinen kann.

Mich hatte der „Buddha“ schon für sich gewonnen, als klar wurde, dass er von einem häufig ziellos durch die Stadt irrenden Menschen erzählt. Ich liebe Geschichten, deren Protagonisten wenigstens ein Mal (aber dann ausgiebigst!) durch eine Großstadt irren. Seien es Siri Hustvedts großartige Romane „Die unsichtbare Frau“ und „Die Verzauberung der Lily Dahl“ oder Sibylle Bergs „Amerika“ oder Lily Bretts „Einfach so“ oder Paul Austers „Mr. Vertigo“ – ich liebe sie. Alle. Vielleicht ist dieses Herumlaufen aber einfach nur zwingend ein Merkmal postmoderner, englischsprachiger Romane?

Bernhard Robben, der das Buch ins Deutsche übertragen hat, ist hier eine ganz solide Übersetzung gelungen. Sie ist bestimmt nicht einwandfrei, lässt sich aber relativ problemlos lesen. Und wie schwierig es ist, diesen jugendlichen Slang adäquat ins Deutsche zu bringen, weiß ich selbst, deshalb will ich ihm mal einige Fehltritte nachsehen.

Neben Karim ist Haroon, sein Vater, sicherlich die eine der interessantesten Figuren. Er ist der Buddha des Titels und völlig ambivalent. Karims Schilderungen seiner verrückten Einfälle sind einfach zu köstlich, manchmal zu naiv, um sie nicht zu mögen. Unvergessen die etwas skurille Szene, in der Haroon einen Kopfstand macht, um (wie er vorgibt) für die Yoga-Olympiade zu üben. „Er stand jetzt in perfekter Haltung auf dem Kopf. Sein Bauch sackte nach unten, Eier und Schwanz fielen ihm aus der Unterhose.“ [meiner Meinung nach nicht ganz einwandfrei übersetzt]

Das ist Hanif Kureishi. Bestimmt kein Ästhet, sondern bewusst provozierend, manchmal schockierend „und wirklich sehr lustig“ (S. Rushdie).
Nur vier Sterne, weil man ja einen Qualitätsunterschied zu ungleich grandioseren Romanen einer Frau Brett oder eines Herrn Kohout irgendwie markieren muss...

Ich habe bei ebay 3€ für die gebundene Ausgabe bezahlt, als Taschenbuch liegt der „Buddha“ von Droemer/Knaur für 8,90€ vor (Amazon-Preis).

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