Erfahrungsbericht von audicla
Kaminski, André: Nächstes Jahr in Jerusalem - Wie 11 Revolutionäre zum Fußbal
Pro:
flott und amüsant geschrieben, intelligent, super zu lesen
Kontra:
--
Empfehlung:
Nein
Wieso 11 Revolutionäre zum Fußball-Team werden
Bei dem Buch, über welches ich im folgenden berichten möchte, handelt es sich um einen zufälligen Flohmarkt-Fund. Da ich gerne in Sachen Literatur mal etwas neues entdecke und mich überraschen lasse, habe ich nach Klappentext und Titel geurteilt, dass dies ein Buch für mich sein könnte. Damit lag ich keinesfalls daneben. Zudem ist das Buch: „Nächstes Jahr in Jerusalem“ von André Kaminski im Suhrkamp Verlag erschienen, welches für mich meist ein Indiz sowohl für gute Qualität als auch Lesegenuss darstellt.
Als kurze Überschrift könnte man diesen Roman als einen jüdischen Schelmenroman bezeichnen, wobei er als Familienchronik geschrieben wurde. Der Autor André Kaminski beschreibt den Roman so, als würde es sich um die Geschichte seiner Eltern und deren Vorfahren handeln. Im kurzen Schlusswort jedoch weist er auf eine Grabinschrift von einem seiner angeblichen Vorfahren hin, die lautet: „Die Wahrheit ist das kostbarste aller Güter und soll gehandhabt werden mit Sparsamkeit und Zurückhaltung“. Ein kleiner Fingerzeig oder mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl ist es wohl, dass in dieser Geschichte wenn überhaupt nur ein ganz kleiner Kern Wahrheit zu finden ist.
Dies tut dem amüsanten Roman jedoch keinen Abbruch. Denn was Kaminski das so flott erzählt und die Fäden, die er zusammenspinnt, sind auch nicht wirklich so beschaffen, dass man meint sie hätten sich derart zugetragen.
Doch jetzt noch mal im Klartext zum Inhalt:
Der Roman spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit des ersten Weltkriegs und die erste Zeit dach. Er endet mit der Geburt des Autors im Jahr 1923 in der Schweiz.
Beginnend mit der Geschichte des Großonkel Henner Rosenbach, der lebenslang bis zu seinem Tod die Farbfotografie erfinden will und dabei lügt, aufschneidet und betrügt, was das Zeug hält über seinen Großvater Leo Rosenbach, ein zwergwüchsiger Fotograf, der nach einer kurzen Hochzeit als Hoffotograf von Ludwig des Zweiten von Bayern, später nur noch mittelmäßig erfolgreich sein wird und sich mit einer Schönheit, nämlich Jana verheiratet, die leider nie ihn sondern viel mehr seinen Bruder lieben wird, geht es weiter zu deren Tochter Malwa – ebenfalls einer Schönheit -, die später Kaminskis Mutter werden wird. Malwas Herz wiederum schlägt nicht für reiche erfolgreiche Männer, sondern für die Revolutionäre mit hehren Idealen. Daneben ist sie intelligent, schlagfertig und wird später einmal als eine der ersten Frauen Pharmazie studieren.
Parallel wird nun die Geschichte der Kaminskis erzählt. Jankl Kaminski, Vater von elf Söhnen und 5 Töchtern und erfolgreicher Textil-Unternehmer, hat das Pech, dass alle seine elf Söhne unter den Aufständischen in Warschau aktiv sind. Als sie festgenommen werden, zahlt er eine horrende Summe, um sie auszulösen. Nachdem aber alle elf wie vorher weitermachen und schließlich wieder festgenommen werden weigert er sich ein zweites Mal zu zahlen, obwohl er weiß, dass sie nach Sibirien in den sicheren Tod geschickt werden sollen.
Durch Glück überleben aber alle elf und landen schließlich in Amerika, wo sie sich an einen reichen Onkel wenden. Dieser, ebenfalls ein gestandener Kapitalist, versucht aus ihnen Kapital zu schlagen, indem er sie zu einer Fußball-Elf umfunktioniert. Zunächst klappt dies auch, doch später zerstreuen sie sich.
Mittlerweile ist die Familie Rosenbach durch Not und Miseren nach Wien verschlagen worden, wo schließlich auch Herschele Kaminski, der sich mittlerweile Henryk nennt, und welcher der schönste und verrückteste der elf Brüder ist, landet.
Nun endlich können Malwa und Herschele sich begegnen, verlieben und schließlich heiraten. Viel später wird in der Nähe von Zürich schließlich André Kaminski geboren, um dessen Vornamen es noch ein großes Spektakel geben soll.
Soviel zum Inhalt:
Hinter dem historischen Hintergrund von verschiedenen europäischen Ländern und Amerika zu Beginn des Jahrhunderts, zunehmendem Antisemitismus und Beginn des ersten Weltkrieges sowie der russischen Revolution, die auch in Polen Einzug hält, gelingt es dem Autoren wunderbar, verschiedene Geschichten und Lebensläufe sowohl amüsant als auch geschickt zu verquicken.
Der ganze Roman ist in einem ausgesprochen flotten Erzählstil geschrieben und die einzelnen Personen sind karikiert überzogen, aber ebenso liebenswert geschildert. Kaminski gelingt es gut auch traurige und erschreckende Dinge wie den Antisemitismus oder den Weltkrieg sowie die bitteren Auswüchse, die die Revolution mit sich bringt, so komisch zu erzählen, dass man immer wieder herzhaft lachen muss. Politischer Idealismus, okkulter Glaube, Religion und Kapitalismus werden wunderbar auf die Schippe genommen und die menschliche Faulheit und Eitelkeit entlarvt. Niemals aber um jemanden bloß zu stellen. Im Gegenteil: Bar dieser Dinge erscheinen sie uns nur menschlicher und sympathischer.
Eine wunderschöne leicht und mit Lust zu lesenden Geschichte, die ein kleines Stück Zeitgeschichte gekonnt mit verarbeitet. Es hat mir viel Spaß bereitet sie zu lesen und ich freue mich im Nachhinein noch über diesen Zufallsfund.
Das Buch hat knapp 400 Seiten. Es ist als Taschenbuch bei Suhrkamp unter der ISBN-Nr. 3-518-38019-2 erschienen und kam erstmalig 1986 heraus. Mein altes Exemplar kostet damals noch 16,00 DM, mittlerweile kostet es 9,50 Euro.
Der Autor André Kaminski wurde 1923 in Genf geboren. Er war Erzähler, Stückeschreiber, Dramaturg und Reporter. Von 1945 bis zu seiner Ausbürgerung 1968 lebte und arbeitete er in Polen, später in Israel, Afrika und zuletzt wieder in der Schweiz, wo er 1991 verstarb.
Bei dem Buch, über welches ich im folgenden berichten möchte, handelt es sich um einen zufälligen Flohmarkt-Fund. Da ich gerne in Sachen Literatur mal etwas neues entdecke und mich überraschen lasse, habe ich nach Klappentext und Titel geurteilt, dass dies ein Buch für mich sein könnte. Damit lag ich keinesfalls daneben. Zudem ist das Buch: „Nächstes Jahr in Jerusalem“ von André Kaminski im Suhrkamp Verlag erschienen, welches für mich meist ein Indiz sowohl für gute Qualität als auch Lesegenuss darstellt.
Als kurze Überschrift könnte man diesen Roman als einen jüdischen Schelmenroman bezeichnen, wobei er als Familienchronik geschrieben wurde. Der Autor André Kaminski beschreibt den Roman so, als würde es sich um die Geschichte seiner Eltern und deren Vorfahren handeln. Im kurzen Schlusswort jedoch weist er auf eine Grabinschrift von einem seiner angeblichen Vorfahren hin, die lautet: „Die Wahrheit ist das kostbarste aller Güter und soll gehandhabt werden mit Sparsamkeit und Zurückhaltung“. Ein kleiner Fingerzeig oder mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl ist es wohl, dass in dieser Geschichte wenn überhaupt nur ein ganz kleiner Kern Wahrheit zu finden ist.
Dies tut dem amüsanten Roman jedoch keinen Abbruch. Denn was Kaminski das so flott erzählt und die Fäden, die er zusammenspinnt, sind auch nicht wirklich so beschaffen, dass man meint sie hätten sich derart zugetragen.
Doch jetzt noch mal im Klartext zum Inhalt:
Der Roman spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit des ersten Weltkriegs und die erste Zeit dach. Er endet mit der Geburt des Autors im Jahr 1923 in der Schweiz.
Beginnend mit der Geschichte des Großonkel Henner Rosenbach, der lebenslang bis zu seinem Tod die Farbfotografie erfinden will und dabei lügt, aufschneidet und betrügt, was das Zeug hält über seinen Großvater Leo Rosenbach, ein zwergwüchsiger Fotograf, der nach einer kurzen Hochzeit als Hoffotograf von Ludwig des Zweiten von Bayern, später nur noch mittelmäßig erfolgreich sein wird und sich mit einer Schönheit, nämlich Jana verheiratet, die leider nie ihn sondern viel mehr seinen Bruder lieben wird, geht es weiter zu deren Tochter Malwa – ebenfalls einer Schönheit -, die später Kaminskis Mutter werden wird. Malwas Herz wiederum schlägt nicht für reiche erfolgreiche Männer, sondern für die Revolutionäre mit hehren Idealen. Daneben ist sie intelligent, schlagfertig und wird später einmal als eine der ersten Frauen Pharmazie studieren.
Parallel wird nun die Geschichte der Kaminskis erzählt. Jankl Kaminski, Vater von elf Söhnen und 5 Töchtern und erfolgreicher Textil-Unternehmer, hat das Pech, dass alle seine elf Söhne unter den Aufständischen in Warschau aktiv sind. Als sie festgenommen werden, zahlt er eine horrende Summe, um sie auszulösen. Nachdem aber alle elf wie vorher weitermachen und schließlich wieder festgenommen werden weigert er sich ein zweites Mal zu zahlen, obwohl er weiß, dass sie nach Sibirien in den sicheren Tod geschickt werden sollen.
Durch Glück überleben aber alle elf und landen schließlich in Amerika, wo sie sich an einen reichen Onkel wenden. Dieser, ebenfalls ein gestandener Kapitalist, versucht aus ihnen Kapital zu schlagen, indem er sie zu einer Fußball-Elf umfunktioniert. Zunächst klappt dies auch, doch später zerstreuen sie sich.
Mittlerweile ist die Familie Rosenbach durch Not und Miseren nach Wien verschlagen worden, wo schließlich auch Herschele Kaminski, der sich mittlerweile Henryk nennt, und welcher der schönste und verrückteste der elf Brüder ist, landet.
Nun endlich können Malwa und Herschele sich begegnen, verlieben und schließlich heiraten. Viel später wird in der Nähe von Zürich schließlich André Kaminski geboren, um dessen Vornamen es noch ein großes Spektakel geben soll.
Soviel zum Inhalt:
Hinter dem historischen Hintergrund von verschiedenen europäischen Ländern und Amerika zu Beginn des Jahrhunderts, zunehmendem Antisemitismus und Beginn des ersten Weltkrieges sowie der russischen Revolution, die auch in Polen Einzug hält, gelingt es dem Autoren wunderbar, verschiedene Geschichten und Lebensläufe sowohl amüsant als auch geschickt zu verquicken.
Der ganze Roman ist in einem ausgesprochen flotten Erzählstil geschrieben und die einzelnen Personen sind karikiert überzogen, aber ebenso liebenswert geschildert. Kaminski gelingt es gut auch traurige und erschreckende Dinge wie den Antisemitismus oder den Weltkrieg sowie die bitteren Auswüchse, die die Revolution mit sich bringt, so komisch zu erzählen, dass man immer wieder herzhaft lachen muss. Politischer Idealismus, okkulter Glaube, Religion und Kapitalismus werden wunderbar auf die Schippe genommen und die menschliche Faulheit und Eitelkeit entlarvt. Niemals aber um jemanden bloß zu stellen. Im Gegenteil: Bar dieser Dinge erscheinen sie uns nur menschlicher und sympathischer.
Eine wunderschöne leicht und mit Lust zu lesenden Geschichte, die ein kleines Stück Zeitgeschichte gekonnt mit verarbeitet. Es hat mir viel Spaß bereitet sie zu lesen und ich freue mich im Nachhinein noch über diesen Zufallsfund.
Das Buch hat knapp 400 Seiten. Es ist als Taschenbuch bei Suhrkamp unter der ISBN-Nr. 3-518-38019-2 erschienen und kam erstmalig 1986 heraus. Mein altes Exemplar kostet damals noch 16,00 DM, mittlerweile kostet es 9,50 Euro.
Der Autor André Kaminski wurde 1923 in Genf geboren. Er war Erzähler, Stückeschreiber, Dramaturg und Reporter. Von 1945 bis zu seiner Ausbürgerung 1968 lebte und arbeitete er in Polen, später in Israel, Afrika und zuletzt wieder in der Schweiz, wo er 1991 verstarb.
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