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Erfahrungsbericht von LosGatos

Ildikó v. Kürthy: Mondscheintarif - Ruf doch mal an...

Pro:

sehr amüsant

Kontra:

kurzes Vergnügen

Empfehlung:

Nein

Bei meiner letzten Bestellung bei Amazon landete ein Buch aus der Top-Seller-Liste in meinem Einkaufskorb: Mondscheintarif von Ildikó von Kürthy. Das Buch nennt sich Roman, ist aber mit 142 Seiten eher eine (zum Glück) etwas zu lang gewordene Kurzgeschichte. Die richtige Lektüre für eine längere Bahnfahrt. Der schnelle Leser läuft aber Gefahr, daß das Buch nach 2 Stunden zu Ende ist, denn Ildikó von Kürthy macht es einem schwer, sich eine Pause zu gönnen.


DIE STORY

Cora Hübsch ist eine 33-jährige Single-Frau. Statt ‘Nomen est omen‘ nerven neue Bekanntschaften oder Gesprächspartner am Telefon sie häufig mit der Floskel ‘Ach, wie hübsch’. Das Buch stellt sozusagen das Protokoll eines Samstag Abends dar, wo sie auf den Anruf eines Mannes wartet, obwohl sie mit ihm gar nicht verabredet ist und auch gar keine Abmachung darüber besteht, sich zu diesem Termin zusammenzurufen. Wieso wartet sie also, statt am Wochenende auf eigene Faust oder mit einer Freundin etwas zu unternehmen? Nun, der Mann auf den sie wartet, ist nicht irgendwer, sondern einer, mit dem sie ein paar Tage vorher erstmals Sex hatte. Um nicht den Eindruck zu erwecken, sie hätte ihn (und den Sex) bitter nötig, kommt es für sie außer Betracht, sich selbst bei ihm wieder zu melden. Jedenfalls nicht so schnell. Andererseits soll man seine Suppe essen, solange sie heiß ist. Mit anderen Worten, zu lange darf die Funkstille auch nicht dauern. Auch mit Hilfe von Bekannten entwickelt sie eine Theorie, wann Daniel (so heißt der Angebetete) sich spätestens bei ihr melden muß, sollte er weiter Interesse an Cora haben. Es kann nur dieser Samstag Abend sein! Danach bestünde keine Hoffnung mehr. Deshalb muß sie stundenlang regelrecht auf einen Anruf lauern und aus diesem Grunde darf die Leitung auch nicht besetzt sein. Außerdem ist da noch eine vermeintliche Nebenbuhlerin, die sie zu gerne ausstechen würde, bei der sie aber auch nicht weiß, wie hoch deren Stellenwert bei Daniel überhaupt ist. Es ist klar, daß bei so viel Verunsicherung hinsichtlich der nahen Zukunft Cora im Laufe des Abends von so manchem Selbstzweifel geplagt wird. Das geht schon mit den Füßen los, einer „weitgehend unerschlossenen weiblichen Problemzone“.
Das Protokoll dieses Abends, dargestellt durch Notizen, die hinter der Uhrzeit zwischen 17 Uhr und Mitternacht angefertigt wurden, wird immer wieder durch Rückblicke unterbrochen, die die Entstehungsgeschichte der Bekanntschaft erzählen. Unterbrochen wird das Verharren vor dem Telefon auch durch Besuche der Nachbarn, die ihre Beziehungsprobleme abladen wollen, oder durch Coras Entschluß, endlich ihren Weihnachtsbaum zu entsorgen. Zu später Stunde telefoniert man (frau) schließlich zum Mondscheintarif.
Kennengelernt hat sie Daniel auf äußerst peinliche Art, wiedergetroffen hat sie ihn dann rein zufällig. Ein weiteres Wiedersehen hätte Cora um ein Haar durch eigene Schusseligkeit verpatzt. Dennoch nahm die Geschichte langsam ihren Lauf....


MEINE MEINUNG

Die Story ist im Grunde genommen nur ein Aufhänger für die überaus witzigen Gedankengänge Coras und den einmaligen Schreibstil der Autorin. Wenn die Hamburger Morgenpost geschrieben hat, jeder Satz sei eine Pointe, ist das keinesfalls übertrieben. Man kommt wirklich nie aus dem Lachen heraus. Dabei handelt es sich keinesfalls an die Aneinanderreihung von Kalauern, sondern viel mehr um die permanente Präsenz von Esprit, jener höherwertigen Form von plumpem Witz.
Gilt das Verhalten Coras nun für typisch weiblich (siehe Leseprobe 1)? Nun, wenn ich (LosGatos) selbst etwas zurückdenke, so kann ich mich erinnern, daß ich vor 20-25 Jahren mehr als 5mal zum Briefkasten gerannt bin, um nachzusehen, ob der Briefträger nicht vielleicht doch eine Sympathiebekundung einer jungen Dame vorbeigebracht hat. Und auf einen (allerdings versprochenen) Anruf, der nie kam, habe ich auch schon mal gewartet und mich kaum getraut, zwischendurch aufs Klo zu gehen. Heute wäre vieles einfacher. Eine e-mail oder Short Message ist sogar wesentlich unaufdringlicher als ein Anruf und stört garantiert nicht in unpassender Situation.
Auf jeden Fall gibt das Buch einen herrlichen Einblick in weibliche Logik, wobei keineswegs nur Männer ihr Fett abbekommen. Auch wenn es schwer fällt, empfehle ich (LosGatos) für das Buch ‘Lies langsam’, denn meine Lieblingsspeisen schlinge ich auch nicht hinunter, köstlichen Champagner trinke ich nicht, um meinen Durst zu löschen.


LESEPROBEN

Um meinen Lesern Kostproben zu präsentieren, kann ich wahllos irgendwelche Seiten aufschlagen, ein Treffer ist garantiert.

Beispiel 1 (Seite 9):
Das war Johanna, die wissen wollte, ob er schon angerufen hat. Johanna sagt, daß der grundlegende Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht, wie gemeinhin angenommen, darin besteht, daß Männer den Innenraum ihrer Autos sauber und sämtliche ‘Stirb langsam’-Filme für kulturell wertvoll halten.
Der wichtigste Unterschied zwischen Männern und Frauen ist, sagt Jo, daß Männer nicht auf die Anrufe von Frauen warten. Statt zu warten, tun Männer was anderes. Schauen ‘ran’, entwickeln ein Mittel gegen Aids, verabreden sich mit einer Blondine, lesen die Aktienkurse in der FAZ, machen Muskelaufbautraining. Oder so’n Zeug. Und das Wichtigste daran ist: Sie tun es nicht, um sich vom Warten abzulenken. Sondern sie tun es, weil sie es tun wollen. Sie vergessen dabei, daß sie eigentlich warten. Deswegen sind Männer nie beim ersten Klingeln am Telefon und klingen immer so, als hätte man sie bei etwas gestört.

Beispiel 2 (Seite 81):
Ich hatte aber keinen Einkaufszettel. Ich war nämlich gerade mal wieder auf Diät und wollte meinen Obsttag mit einer Kiwi beschließen. Eigentlich mag ich lieber Bananen. Aber Kiwis sind von ihrer Form her unverfänglicher. Ich habe immer den Eindruck, daß mein Gemüsetürke mich anzüglich angrinst, wenn ich eine Banane kaufe. So, als könnte ich mir keinen Vibrator leisten. Vielleicht tue ich dem Mann ja auch Unrecht, aber seither meide ich bestimmte Gemüsesorten, unter anderem auch Gurken und gutgebaute Möhren.


DIE AUTORIN

Die Autorin Ildikó von Kürthy wurde 1968 in Aachen geboren, lebt jedoch heute in Hamburg, wo sie als Redakteurin beim Stern tätig ist. ‘Mondscheintarif’ ist ihr Erstlingswerk, welches 1999 erstmals erschien. Inzwischen gibt es mit ‘Herzsprung’ ein Nachfolgewerk.


DAS BUCH

...ist als Taschenbuch bei Rowohlt unter ISBN 3 499 22637 5 erschienen und kostet 8.50 EURO. Es hat 142 Seiten. Als Kapitelüberschriften dienen Zeitangaben. Das Buch ist teilweise illustriert (Fotos von Jens Boldt). Es handelt sich aber keineswegs um ein Bilderbuch.


DER FILM

..zum Buch entstand letztes Jahr unter der Regie von Ralf Hüttner mit Gruschenka Stevens als Cora, Tim Bergmann als Daniel und Jasmin Tabatabai als Jo. Den Film habe ich (LosGatos) aber noch nicht gesehen.


FAZIT

Das Buch kann ich jedem empfehlen, der sich ein paar Stunden köstlich unterhalten möchte. Es wirkt garantiert sehr entkrampfend (es sei denn, man fängt sich beim Lesen einen Lachkrampf ein). Die 142 Seiten gehen zwar leider viel zu schnell vorbei, aber mit ‘Herzsprung’ gibt es ja ein Lesen danach....



Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 28.1.2002
Veröffentlicht bei CIAO, Dooyoo, eComments, YOPI, Vodafone

23 Bewertungen, 3 Kommentare

  • nikosternchen

    09.04.2002, 23:11 Uhr von nikosternchen
    Bewertung: sehr hilfreich

    ein wirklicher cuter bericht über das witzigeste buch was ich in der letzten zeit gelesen hab :o)..lg niko

  • JustOliver

    07.04.2002, 15:20 Uhr von JustOliver
    Bewertung: sehr hilfreich

    Freut mich zu lesen, dass du dieses Buch auch gelesen hast. Wurde von meinen Freunden schon schräg angeschaut, weil ich ein angebliches Frauenbuch gelesen habe. Schön, dich hier auch zu treffen, Oliver

  • Annna13

    07.04.2002, 15:19 Uhr von Annna13
    Bewertung: sehr hilfreich

    Dein Buchbericht gefällt mir ausgezeichnet. Gruß aus Sofia