Erfahrungsbericht von mima007
Udo Lindenberg: *Zeitreise*: Der deutsche David Bowie? Starporträt in Bildern
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
David Bowie war bekanntlich ein Chamäleon der Musikszene - und ist es vielleicht heute noch. Ständig schlüpfte er in neue Rollen: eine seine Masken war Ziggy Stardust, und das ist die Stelle, an der er sich mit Udo Lindenberg trifft.
Eines der Fotos, die Udos Leib- und Magenfotograf Michael von Gimbut gemacht und in diesem Band abgedruckt hat, zeigt uns Udo als "Siggi Stardust", sozusagen als Außerirdischen, der uns den Spiegel vorhält. Das war wohl in den verspielten Siebzigern.
Noch in viele andere Rollen schlüpfte Showman Lindenberg, seit er sich anno 1973 für die Rockmusik entschied, die deutschsprachige zumal. Er ist Jonny Gigolo, Detektiv Coolman, Panik Panther, Votan Wahnwitz und sowieso der Käptn der 'Andrea Doria'. Schon die alten Lateiner wussten: Abwechslung ist die Essenz der Unterhaltung ("varietas delectat").
Und so zeigen uns die Fotos nicht nur das stets 'wohlbehütete' Chamäleon je nach Tourmotto ("Catch as catch can", "Sonderzug nach Pankow", "Belcanto-Tour"), sondern auch im Spiegel der Zeit.
Da sind die diversen Künstler zu sehen: Otto Waalkes, Marius Müller-Westernhagen, Harry Belafonte, Nina Hagen und andere.
Auffallend ist auch, dass sich Udo hier mit zahlreichen Vertretern der sozialdemokratischen Internationale - Gerhard Schröder, Olof Palme - bzw. der sozialistischen zeigt: Honnecker, Gorbatschow... Udo, der die Völker (und Genossen) verbindet.
Diese Reise durch die Zeit scheint auch die relevanten Ereignisse zu touchieren: Berlin vor und nach dem Mauerfall; 1987 das einzige Konzert in der DDR, im "Palazzo Prozzo", um die gleiche Zeit in Moskau (ach ja: Perestroika!) und schließlich der Wald der Kräne über der Friedrichsstraße und dem Potsdamer Platz.
Rosige Aussichten? Wie Udo im Vorwort sagt: Wir sind in der "Bunten Republik Deutschland" angelangt. Sollten wir zumindest, wenn da nicht die alte Rechte wäre, die ewig unverbesserliche. Der Kampf geht weiter, oder, wie es im Lied heißt: La lotta continua.
Folgende Liedtexte sind abgedruckt:
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Alles klar auf der Andrea Doria
Leider nur ein Vakuum
Radiosong
Das kann man ja auch mal so seh'n
Rudi Ratlos
Udo on the Rocks
Körper
Wo ich meinen Hut hinhäng'
Votan Wahnwitz
Elli Pyrelli
(Du spieltest) Cello
Baby, wenn ich down bin
Detektiv Coolman
Rock 'n' Roller
I love me selber
Wozu sind Kriege da?
Sonderzug nach Pankow
Bunte Republik Deutschland
Mister Nobody
Panik Panther
Phönix (von Heiner Müller, s.u.)
Romeo und Juliaaah
Wie'n alter Freund
Ich lieb' dich überhaupt nicht mehr
Horizont
Wenn du mein Kind wärst
Jonny Gigolo
Seid willkommen in Berlin
No future?
Kleine Zockerin
Illusions (im Bildhintergrund: Marlene Dietrich)
Piratenfreundin
(Ko-Texter: Anete Humpe, Ulla Meinecke, Charlotte Groenewold, Bea Reszat; Friedrich Hollaender.
Folgende Prominente sind mit Udo zu sehen:
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Romy Haag (Transvestit)
Ulla Meinecke (Sängerin, Texterin)
Otto Waalkes (komödiantischer Performer und Liedermacher)
Marius Müller-Westernhagen (Rocksänger)
Peter Zadek (Regisseur für die Erste Rock-Theater-Revue "Dröhnland-Symphonie" 1978)
Leata Galloway (1979)
Fritz Rau, "Die Raue Eminenz" (Veranstalter, 1979)
Joan Baez (Ikone der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, Liedermacherin)
Erich Honnecker, Johannes Rau (ca. 1987)
Alla Pugatschowa (russische Sängerin, 1987)
Gerhard Schröder (SPD, 1987)
Joseph Beuys (Künstler)
Olof Palme (Schwed. Ministerpräsident, ermordet)
Willy Brandt
Heiner Müller (Dichter aus der Ex-DDR)
Harry Belafonte (Ex-Sänger/Schauspieler und Bürgerrechtsaktivist)
Nina Hagen (Sängerin)
Die Prinzen (Ex-DDR-Gesangsgruppe, 1991)
Helge Schneider (Performer, Sänger, Schauspieler)
Burkard Driest (Autor, 1998)
Eddy Kante (1998)
Michael Gorbatschow (Letzter Chef der Sowjetunion)
Hermjo Klein
Tine Acke (2002)
Mein Eindruck
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Andere Künstler produzieren eine Best-of-CD, wenn sie wissen, dass sie von der Zeit überholt wurden und man nicht mehr auf sie hört. Soweit ich weiß, hat Udo keine solche LP, aber dafür dieses Fotoalbum produziert...
Immerhin gibt es von den wenigsten deutschen Künstlern - von Ausnahmen wie Marlene Dietrich mal abgesehen - einen Bildband, der 30 Jahre ihres Lebens und ihres Schaffens dokumentiert. "Zeitreise" ist auch eine dokumentarische Reise durchs Ende des 20. Jahrhunderts, eine Chronik. Der Chronist ist der Fotograf, und die Akteure auf der Weltbühne jene Gestirne, die die Sonne Lindenberg umkreisen.
Es ist auffallend, dass es kein einziges Foto in Farbe zu sehen gibt: alles schwarz, weiß, grau. Erinnerungen an Fotomeister wie Helmut Newton oder Georges Brassai kommen auf, auch an alte Wochenschaufilme aus den Dreißigern und Vierzigern. Und so sieht selbst die gestellteste Pose, die nackteste Schönheit wie ein Akteur im Zeitgeschehen aus: wie Fliegen in Bernstein, konserviert für die Nachwelt. Muss Udo jetzt den ewig schwarzen Hut abgeben? Ich hoffe nicht.
Unterm Strich
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Ein Gesamtkunstwerk aus Foto, Liedtext, O-Ton Udo - fehlt eigentlich nur die CD zum Zeitdokument. Angenehm dabei: Lindenberg, obwohl auf jedem Bild im Mittelpunkt stehend, stellt sich selbst textmäßig an den Rand: ins Vorwort, in die Credits - angenehm zurückhaltend. Ein Bild sagt sowieso mehr als 1000 Worte. Wozu also viel sagen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Goldmann 9/2002, München; ca. 170 Seiten, EU 24,90, ISBN 3-442-30997-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-25 17:51:28 mit dem Titel Dennis Lehane: *Streng vertraulich!* : Harte Action, coole Sprüche
Brisante Fotos bringen das Privatschnüfflerteam Kenzie und Gennaro schwer in die Bredouille: Sie geraten zwischen die Fronten eines Straßenbandenkrieges, und ihre Auftraggeber, zwei korrupte Politiker, wollen sie ebenfalls aufs Kreuz legen. Überlebens-Motto: Augen auf und durch!
Der Autor
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Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster. Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" (Bericht folgt demnächst). Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Seine Helden
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Bis auf den jüngsten Roman stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern \"Stirb langsam I + II\", und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat 12 Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in \"Spur der Wölfe\" untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in \"In tiefer Trauer\" erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn\'s drauf ankommt.
Handlung
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Kenzie und Gennaro werden von zwei hochrangigen Bostoner Senatoren beauftragt, ihre verschwundene Putzfrau Jenna wiederzufinden, die vertrauliche Dokumente entwendet haben soll. Als Kenzie/Gennaro Jenna endlich bei deren Schwester auf dem Lande aufgestöbert haben, geht Kenzie mit Jenna zu einem Bankschließfach, woraufhin sie ihm einen Umschlag mit einem brisanten Foto übergibt: Es zeigt einen der obigen Senatoren mit einem schwarzen Straßenbandenführer namens Socia. Pikant: Der Senator will Straßenbanden verbieten; über den Gesetzesvorschlag soll in Kürze abgestimmt werden. Noch pikanter: Socia ist Jennas Ehemann. Und wie Jenna sagt, gibt es noch 22 weitere Bilder von diesem Treffen.
Wenige Sekunden später wird Jenna vor der Bank auf offener Straße mit einer Uzi-Maschinenpistole niedergemäht. Kenzie gelingt es, den Angreifer, einen von Socias \"Soldaten\", niederzuschießen. Doch nun ist natürlich jeder hinter dem Foto und dem Leben seines derzeitigen Besitzers her.
Socia, einer der Drogenbosse der Bostoner Unterwelt, hat einen Gegenspieler, seinen Sohn Roland, der ihm den Krieg erklärt, als Jenna, Rolands Mutter, zu Grabe getragen wird. Damit er Socia schaden kann, will natürlich auch Roland an das Foto herankommen: Kenzie /Gennaro stehen genau zwischen den Fronten. Weil die Polizei sehr ungern einen Krieg in ihrer Stadt duldet, will sie natürlich auch das Foto, das zum Zankapfel geworden ist. Und die Senatoren sowieso.
Doch das Foto ist Kenzies Lebensversicherung. Erst versucht er, in mehreren nervenaufreibenden Aktionen seine nackte Haut zu retten. Sein psychopathischer Freund Bubba Rogowski, ein Beirut-geschädigter Ex-Marine, hilft ihm mit diverser Artillerie. Als Kenzie auch an die übrigen Fotos herankommt, packt ihn die kalte Wut: Die Bilder zeigen den Senator, wie er es im Beisein Socia mit dessen Sohn Roland treibt. Purer Sprengstoff!
Der Showdown lässt nicht lange auf sich warten...
Mein Eindruck
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Der Originaltitel des Romans lautet \"A drink before the war\". Mit dem Krieg ist natürlich den stattfindende Bandenkrieg gemeint. Und den Drink nehmen Kenzie/Gennaro mit einem abgetakelten Polizisten namens Devine in einer Kneipe ein, der einzigen weißen in einem schwarzen Viertel. Natürlich kommt es dort zu einer recht hässlichen Szene mit den anderen Kneipenbesuchern.
Heiße Eisen
Der Autor packt mit dem Thema \"Rassismus\" ein heißes Eisen an. Aber als sei das noch nicht genug, kritisiert er die korrupten Politiker einen nach dem anderen, wobei sich einer von denen als Pädophiler und Unterweltfreund herausstellt. Der Autor stellt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Seite: sowohl Schwarze wie Weiße, Arbeiterklasse wie auch herrschende Klasse haben gleichermaßen Dreck am Stecken. Keiner kommt ungeschoren davon, nicht einmal Kenzie selbst. Und auch Gennaro, seine berufliche Partnerin, hat kein blütenreines Gewissen: Im Zorn bringt sie beinahe ihren gewalttätigen Ehemann Phil um.
Eine Stadt am Abgrund
Neben der actionreichen Handlung bleibt den abgehetzten Hauptfiguren noch genügend Zeit, sich über den Niedergang ihrer Stadt Gedanken zu machen. Im Grunde ist Boston noch wesentlich besser dran als etwa Washington, L.A. oder New York City, doch was seinen gesellschaftlichen Niedergang angeht, so ist auch dieser offenbar unabwendbar. Die wichtigsten Werte wie etwa Kinder- und Mutterliebe wurden bereits verraten, von Werten wie Schutz des Eigentums und des Lebens ganz abgesehen. Verlautbarungen von Politikern vergleicht der Autor mit Weihnachtsmärchen: Die Wähler wollen ja unbedingt daran glauben, um die deprimierende Realität, die das Märchen widerlegt, aushalten zu können.
\"Fear is the mother of violence\" (Peter Gabriel)
Dieser Roman spielt auf keinen Empfängen oder Parties - Kenzie/Gennaro halten das für etwas unangebracht, wenn sie mitten in einem Straßenkrieg versuchen, ihre nackte haut zu retten. Schauplätze sind in der Regel das heiße Pflaster, ausgebrannte Straßenzüge, irgendwelche Kneipen, Polizeireviere usw. Nicht gerade Beverly Hills.
Und doch: Als Kenzie seine Auftraggeber trifft, so findet das Gespräch in einer feinen Hotel-Lobby statt, aber was dort geredet wird, möchte man nicht in einer Klatschkolumne lesen. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Kaum wieder daheim, reißt sich Kenzie den elenden Anzug vom Leib und schlüpft in seine Jeans. Ist eben kein James Bond.
Cooler Humor
Ich musste beim Lesen mehrmals laut auflachen: Unsere beiden Helden lassen sich erstens von absolut gar nichts beeindrucken und führen zweitens ein geschliffenes Mundwerk, für das sie einen Waffenschein beantragen müssten. Selten so coole, harte Sprüche gelesen! Und das gilt auch für Miss Gennaro.
Unterm Strich
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Ein kleiner, aber feiner Hard-boiled-Krimi, der jedem Raymond Chandler oder Ross MacDonald Ehre gemacht hätte. (Stephen King brauchte diese Krimis angeblich zum Überleben - nun ja.) Für jeden Krimifan sind Lehanes Bücher Pflicht, auch wenn man bei Amazon.de anderes lesen kann. Leute mit zartem Gemüt sollen sich das neueste Schneewittchenabenteuer besorgen. (Obwohl Schneewittchen in der Urfassung auch ganz schön brutal ist!)
Film-Tipp: Lehanes neuester Roman \"Spur der Wölfe\" wird von Clint Eastwood verfilmt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: A drink before the war, 1994; Ullstein 317 Seiten, EU 7,95; ISBN 3-548-25200-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-27 09:50:49 mit dem Titel D. Lehane: *In tiefer Trauer*: Spannender Thriller, mit Slapstick-Einlagen
Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat - Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.
Der Autor
Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster. Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" (Bericht folgt demnächst). Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Seine Helden
Bis auf den jüngsten Roman stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern \"Stirb langsam I + II\", und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat 12 Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in \"Spur der Wölfe\" untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in \"In tiefer Trauer\" erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn\'s drauf ankommt.
Eigentlich sollte ich ja meine Lektüre nach \"Streng vertraulich!\" mit dem 2. Roman \"Absender unbekannt\" fortsetzen, aber ich fand, dass mir dieser Roman zu dick war und griff daher zu \"In tiefer Trauer\", dem 3. Roman in der Kenzie/Gennaro-Sequenz. In letzterem wird zu Anfang mehrmals auf Figuren und Ereignisse aus \"Absender unbekannt\" verwiesen, aber das hält sich in Grenzen. Es ist also sinnvoll und berechtigt, mit \"In tiefer Trauer\" fortzufahren.
Handlung
Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Bostoner, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag, obwohl sie sich nicht besonders gern entführen lässt, um ihren Auftraggeber zu treffen. Kenzie hat gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.
Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons. Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens Die Botschafter verbunden war. Beide geben vor, ihre \"Klienten\" zu therapieren, dienen aber nur dem zweck, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.
Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & trost bzw. Den Botschaftern. Price ließ 2 Mio. Dollar mitgehen. Doch seltsam: kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er - irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.
Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, soviel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietautos ausgestattet: Klarer Fall - bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul. In Nullkommanix büchsen sie aus, lachen sich einen schrottigen Toyota an und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand (wo sie ihren Krabbencocktail gegen einen gierigen Reiher namens Sandra verteidigen müssen). Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung...
Als sie Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von dem sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, weil Stones Leute ihn killen. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet - Ende des Falls?
Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder direkt nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finalen mit zahlreichen Überraschungen kommt.
Mein Eindruck
Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die Kenzie/Gennaro erzählt bekommen, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Diese ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker \"Rashomon\". Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.
Folglich dreht sich der Fall in Lehanes Buch dreimal: Zuerst glauben sie Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: \"Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden\" sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.
Schönheit, Wahrheit, Unschuld - alles Lüge?
Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?
Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und dies wiederum lässt trevor Stone wie eines ihrer Opfer aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.
Was Desiree so gefährlich macht (besonders für Kenzie), ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.
Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, \"ein Nichts\", wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm \"heilig\" - das drückt der Originaltitel des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.
Unterm Strich
Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seinen eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen - und die sogar einen Sinn ergibt.
\"In tiefer Trauer\" ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer \"ewiger Werte\" zum Thema. Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers - Kenzie überlegt einmal, wie sich Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage (Kenzie ist gerade von Kopf bis Fuß gefesselt und soll gleich über den Jordan geschickt werden) befreit hätten. Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Sacred, 1997; Ullstein, Berlin, 2001; 367 Seiten, EU 7,95; ISBN 3-548-25265-6.
P.S.: \"Spur der Wölfe\" wird zur Zeit von Client Eastwood verfilmt.
Wörter: 1296
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-27 10:40:10 mit dem Titel D. Lehane: *Die Spur der Wölfe*: Spannender Thriller, gute Milieustudie
Als Kinder waren sie Freunde - bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben - und ob einer von ihnen sterben wird.
Der Autor
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Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster (siehe meinen Bericht). Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" und wird zur Zeit von Clint Eastwood verfilmt. Dies ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Handlung
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Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.
Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel \"The Flats\", das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der \"besseren Leute\", The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.
Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point - er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Waise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy dranhängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.
Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.
Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus\' 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.
Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.
Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.
Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave - Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.
Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris\' Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um - was? - zu vergessen?
Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.
Mein Eindruck
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Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.
Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich - natürlich in seinen schizophrenen Alpträumen - und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.
Die Bedeutung des Mileus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen \"Helden\" empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt?
Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.
Unterm Strich
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Ich habe das Buch im Original in wenigen Tagen gelesen. Die handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet - war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder war es Mutwillen und Willkür?
\"Spur der Wölfe\", so hat die amerikanische kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerdings wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht - keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.
Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch \"Die Gangs von New York\" von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde (und das möglicherweise im Januar in unsere Kinos kommt). Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren - ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Mystic River, 2001; Ullstein, Berlin 2002; 480 Seiten, EU 22,00; ISBN 3550083629. (Original: 0-06-009310-2)
Grundlage dieses Berichts bildet die Originalausgabe.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-30 12:32:54 mit dem Titel U. Le Guin: *Das Wunschtal*: Hand in Hand durch Wunderland
\"Wunschtal\" ist ein relativ früher Fantasyroman der Autorin aus dem Jahr 1980, doch auch hier findet man die gleiche hohe Qualität des Erzählens wie in den Erdsee-Romanen. Allerdings ist die Geschichte selbst wenig bewegend.
Heyne hat den Roman im Zuge seines Le-Guin-Revivals wiederaufgelegt, wohl in der Hoffnung, ein Abglanz des Ruhmes der Autorin würde auch dieses kleine Werk für Heranwachsende verkaufen helfen.
Handlung
Die Geschichte beginnt in der amerikanischen Gegenwart, tritt dann über in ein Fantasyland und kehrt wieder zurück. Ganz einfach, denkt man.
Es geht um zwei junge Heranwachsende. Der schüchterne Hugh fühlt sich bei seiner Arbeit im Supermarkt und in seinem freudlosen Heim, wo er mit seiner Mutter in einer anonymen Straße einer anonymen Betonstadt lebt, nicht wohl und sucht etwas Neues: das Abenteuer.
Er stößt auf einen noch nicht einbetonierten Bachlauf, den ein Auwald säumt. Er erkundet das geheimnisvolle Zwielicht, das den Übergang in ein anderes Land bietet - bis er eines Tages auf einen anderen Gast dieser Randzone stößt: Irene.
Zunächst will natürlich der eine den anderen von seinem vermeintlich angestammten Platz vertreiben, doch dann raufen sie sich zusammen, als Irene ihr Geheimnis preisgibt: Sie hat einen Weg in eine andere Dimension gefunden. Jenes Land Ain betreten sie gemeinsam. Und wie es scheint, wartet dort eine schwierige Aufgabe auf sie. Denn Ain, das Land der klaren Flüsse und unberührten Wälder, stirbt.
Sie gelangen nach einem mühevollen Aufstieg in die Stadt Tembreabrezi, die auf dem Gipfel eines breiten Berges liegt. Dies scheint ein Ort des Friedens zu sein, an dem sie sich niederlassen können. Doch der Schein trügt: Ein unheimliches Wesen (über das ich nicht mehr verraten möchte) sucht die Menschen Ains heim und verwüstet das Land.
Die Bewohner Tembreabrezis übertragen den beiden \"Ausländern\" eine Aufgabe, die diese erschreckt: Die Wahl zwischen der gefahrvollen Rettung des perfekten Landes und der Aufgabe ihres eigenen bisherigen Lebens, ja vielleicht sogar ihres Lebens an sich, erfüllt Hugh und Irene mit Furcht und Entsetzen.
Doch natürlich tun sie, was getan werden muss. Alles andere würde den Verrat ihrer eigenen Träume und Sehnsüchte bedeuten. Und schließlich gibt es so etwas wie Verantwortung. Und diese gilt nicht nur dem Land Ain, sondern auch ihnen beiden: Sie sind jetzt ein Team, und vielleicht sogar mehr...
Mein Eindruck
\"Wunschtal\" (The beginning place) ist eine Mischung aus ökologischem Gedankengut, dem klassischen Übergang ins Feenland und der klassischen Heldentat - nur dass diesmal die Helden ganz gewöhnliche Jugendliche aus unserer Zeit sind und nicht irgendein heroischer König Artus. Le Guin machte damit vor, was Barbara Hambly, Marion Zimmer Bradley und Legionen von AutorInnen nach ihnen nachahmten: Der Übergang vom Hier und jetzt in eine andere Dimension, wo es gilt, sich zu bewähren, zu transformieren und möglichst viele Abenteuer zu bestehen.
Hugh und Irene bestehen nur ein Abenteuer, und auch das nur mit knapper Not. Zurückgekehrt in die hiesige Dimension sind sie zu etwas anderem verwandelt: Nicht mehr Einzelwesen, sondern ein Paar. Helden zwar, doch nicht in unserer Welt. Eine beglückende Erfahrung: Sie habe nicht nur ihre Träume und Wünsche verteidigt, sondern dabei etwas ganz Neues und Unerwartetes hinzugewonnen: Liebe zueinander und Wertschätzung. Das Land Ain ist also wirklich ein \"beginning place\": Ein Ort des Anfangs.
Auf die Ökologie übertragen bedeutet dies: Wer das perfekte Land der klaren Flüsse und unberührten Wälder (Gaia) erhalten und retten will, muss auch bereit sein, Opfer dafür zu bringen, bis hin zum letzten, größten Opfer: dem eigenen Leben. Dann aber erwirbt man auch das Recht, dort zu leben.
Unterm Strich
Jeder Heranwachsende zwischen 10 und 15 Jahren dürfte dieses schön erzählte Abenteuer gerne lesen. Die Autorin legt dabei weitaus mehr Gewicht auf die Schilderung, wie sich die Beziehung zwischen den Hauptfiguren verändert, als auf die Darstellung des anderen Landes. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, blieb Ain seltsam blass in meiner Erinnerung, und selbst an den Höhepunkt kann ich mich kaum noch erinnern.
Großartige Heldenaction darf man hier jedenfalls nicht erwarten, und Ströme von Blut schon gleich gar nicht. Le Guin, so mein Verdacht, war noch nie ein Fan von Jump-and-Run-Games. Nicht von ungefähr steht dem Buch ein Zitat des großen argentinischen Phantasten Jorge Luis Borges voran.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The beginning place, 1980; Heyne 2002, München; 206 Seiten, EU 6,95, aus dem US-Englischen übertragen von Hilde Linnert; ISBN 3-453-21385-8; das Buch erschien zuerst zuerst auf deutsch im Jahr 1984.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-31 15:38:11 mit dem Titel St. Lem: *Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen*: Stoff für Widerspruch
Mit diesem Buch veröffentlichte der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem den 3. Band seiner Essays. Wie schon in Band 1, \"Sade und die Spieltheorie\" (st 1304), versammelt das Buch Lems Nach- und Vorworte zu diversen Werken der phantastischen Literatur, die diesmal v.a. aus Polen stammt. Rezensionen von populärwissenschaftlichen oder spekulativen Sachbüchern und von Romanen beschließen den band. Eine Lebensbeschreibung und eine \"Art Credo\" den Reigen der Essays eröffnet.
Die Huren der Verleger
Zu deren Kernstücken gehört zweifellos jener, der dem Buch seinen Titel geliehen hat. In dieser Streitschrift aus dem Jahr 1972 (das ist zu beachten) setzt sich Lem kritisch mit dem von ihm verachteten Genre der \"science-fiction\" auseinander. Da für ihn unter dem Etikett Science Fiction nur die wissenschaftliche Phantastik, wie sie v.a. in Osteuropa gepflegt wurde, literarische Gültigkeit besitzt, d.h. einem Erkenntnisinteresse dient, besteht Science Fiction anglo-amerikanischer Provenienz zuallererst aus Kitsch - zumal sie einen Massenkonsumartikel darstellt, an den man die Maßstäbe, die für eine Kritik der Werke des \"oberen Reiches\" der Literatur gelten, besser gar nicht anlegt.
Science Fiction sei zumeist schwachsinnige Spielerei, und darin stehe ihr die amateurhafte Kritik nicht nach. Die Science Fiction-Autoren seien die Huren ihrer Verleger, nur bemäntelten sie dieses Verhältnis mit höheren Ansprüchen.
Die Ausnahmen
Doch wie der Titel sagt, gibt es laut Lem auch Ausnahmen. Diese werden am Werk Philip K. Dicks exemplarisch dargestellt. Lem charakterisiert die Romane dieses herausragenden Autors dahingehend, dass Dick unter einer trivialen, Science Fiction-gerechten Oberfläche zumeist gekonnt philosophische (z.B. erekenntistheoretische) etc. Problemstellungen darzustellen vermag, wenn er auch viel Zweitrangiges geschrieben habe.
AutorInnen wie Ursula K. Le Guin kennt Lem offenbar nicht (sie fing damals gerade erst zu publizieren an). Daher kann es nicht verwundern, dass ihn von seinem verdammenden Urteil über die Science Fiction auch die These Darko Suvins (in \"Poetik der Science Fiction\", 1977) nicht abbringen konnte, die lautet, dass gute Science Fiction erkenntnisbezogene Verfremdung der Wirklichkeit betreibe und daher positiv zu bewerten sei. Leider umfasst auch die so definierte Science Fiction nur ein bis zwei Prozent des gesamten Ausstoßes der relevanten Verlage (in den letzten jahren wohl noch weniger).
Meine Meinung
Die Kritik Lems an der Science Fiction als Kitsch-Literatur ist überspitzt. Lem beachtet nicht, dass vieles in dieser Unterhaltungsliteratur dem (Gedanken-) Spiel und dem zeitvertreib dient und daher politisch nicht anders als affirmativ, also konservativ wirken kann.
Er missachtet, dass die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, die er so rigide zieht, fließend verlaufen, wie dies auch schon 1971 Schulte-Sasse in \"Die Kritik der Trivialliteratur seit der Aufklärung\" dargelegt hat. Lem stellt sich also quasi als bester Science Fiction-Schreiber und (!) -Kritiker auf die Spitze eines Berges und fordert die totale Umorientierung von Science Fiction-Autoren und der Kritik.
Ich wage zu behaupten, dass Lem damit auf verlorenem Posten stand und noch steht; das hat die Entwicklung des Genres inzwischen gezeigt. Doch für jeden Autoren und jeden Kritiker sind seine Ergebnisse und Forderungen äußerst bedenkenswert.
Unterm Strich
Nicht nur aufgrund dieses einen Aufsatzes, sondern wegen der vielen Einblicke in Lems Denken und Arbeiten ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der sich kritisch mit der Science Fiction als Kulturphänomen auseinandersetzt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Suhrkamp 1987, Nr. st 1439, Frankfurt/M.; 223 Seiten, DM 12,00, aus dem Polnischen übertragen von verschiedenen Übersetzern
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-28 16:51:42 mit dem Titel U. K. Le Guin: *Planet der Habenichtse*: Preisgekrönte SF-Utopie
Gesellschaftliche Utopien sind ja sowas von OUT. Denkt man. Aber dann läuft einem ein Buch über den Weg, das den Blick für solche Ideen öffnet und von überzeugender Wirkung ist. Ein solches Buch ist das schon knapp 30 Jahre alte \"The Dispossessed\", zu deutsch \"Planet der Habenichtse\".
Das Buch wurde mit den wichtigsten Preisen des Science Fiction-Genres ausgezeichnet: mit dem Nebula und dem Hugo Gernsback Award. Ursula LeGuin wurde v.a. für ihre Erdsee-Saga bekannt, hat aber auch einige der besten SF-Romane überhaupt geschrieben, so etwa \"Die linke Hand der Dunkelheit\".
Handlung
Der recht wichtige Hintergrund für diese Geschichte ist der gleiche wie für das ebenfalls ausgezeichnete Buch \"Die linke Hand der Dunkelheit\" (Heyne, 2000). Vor Urzeiten wurden verschiedene Welten von einer Spezies namens Hainish besiedelt, darunter auch die Erde, obwohl uns dies nicht bewusst ist. Einer dieser Planeten ist Urras, der um die Sonne Tau Ceti kreist.
Die Geschichte ereignet sich Hunderte von Jahren in der Zukunft, wenn die Hainish wieder Kontakt mit ihren früheren Kolonien aufnehmen. Sie sind dabei, eine friedvolle Gemeinschaft von Welten aufzubauen, aus der sich die sogenannte \"Ekumen\" entwickelt, auf die wir schon in \"Die linke Hand der Dunkelheit\" gestoßen sind. Dieser Hintergrund ist insofern von Bedeutung, weil dadurch erklärt wird, dass die Aliens auf diesen Fremden so sehr wie Menschen wirken, so dass wir uns mit ihnen identifizieren können.
160 Jahre vor dem Beginn der Handlung gab es in einem kapitalistischen Staat auf Urras, dem reichen, fruchtbaren Planeten von Tau Ceti, einen Aufstand von Anarchisten. Er war zu umfangreich, als dass man ihn hätte niederschlagen können, aber zu schwach, um die Revolution herbeizuführen. Man fand einen Kompromiss: Es wurde den Odoniern, wie sich die Rebellen nach ihrer Anführerin Odo nannten, gestattet, zum Schwesterplaneten Anarres auszuwandern, einer kargen, knochentrockenen, menschenfeindlichen Welt: Hier konnten sie eine freie, klassenlose Gesellschaft gründen.
Die Habenichtse des Titels sind also ohne Heimatplanet, aber auch ohne den Begriff von Besitz und Eigentum: Alles wird mit allen geteilt. Das geht so weit, dass besitzanzeigende Fürwörter in der Anarres-Sprache Pravic komplett ausgemerzt wurden: Nun heißt es nicht \"Das ist mein Stuhl, und das ist dein Tisch\", sondern \"ich benutze den Stuhl, und du benutzt den Tisch\". Das anarchistische Utopia geht so weit, dass Anarres ohne Regierung, ohne Geld und ohne Gefängnisse auskommt, aber auch keine Ehe kennt, denn niemand kann einen anderen sein Eigen nennen. Jeder tut das, wozu er oder sie sich am besten eignet.
Dieses Utopia ist sehr detailliert geschildert, denn die Autorin hat die entsprechenden Philosophen wie etwa Bakunin genau gelesen und analysiert. Wir glauben ihr, dass dieses Utopia funktioniert. Nach 160 Jahren existiert diese Gesellschaft allen Voraussagen zum Trotz noch immer. Aber lebt sie noch gemäß ihren alten Idealen?
Als Shevek, der geniale Physiker und Mathematiker, sich entschließt, seiner Heimat Anarres den Rücken zu kehren und nach Urras zu gehen, gilt er für seine Genossen natürlich als Verräter, obwohl er fest an die Lehrsätze Odos glaubt. Er hat ein Werk mit Titel \"Prinzipien der Simultaneität\" geschrieben. Er kommt zwar mit leeren Händen nach Urras, doch er hat eine Idee im Kopf, die den Durchbruch in der interstellaren Raumfahrt bedeuten würde und von der die Kapitalisten profitieren würden. Daher bereitet man ihm auf Urras einen begeisterten Empfang. Allerdings ist er nicht in der Lage, die Klassenstruktur der Gesellschaft von Urras zu akzeptieren.
Doch einen Odonier, einen Habenichts, kann man nicht kaufen, denn die grundlegende Idee seines Daseins ist: stets alles mit allen zu teilen. In einer kapitalistischen Gesellschaft bedeutet dies freilich, in einer Munitionsfabrik ein Streichholz anzuzünden. Er wird in eine Arbeiterrevolte verwickelt und muss in der terranischen Botschaft um Asyl bitten. Von dort kann er sichere passage zurück nach Anarres erlangen.
Inzwischen hat er seine Allgemeine Zeittheorie aufgestellt, die zur Entwicklung augenblicklicher Kommunikation zwischen den Welten führen wird, zu einem Gerät, das die Ekumen unter der Bezeichnung \"Ansible\" einsetzen wird. Durch den terranischen Botschafter gibt er seine Zeittheorie an die gesamte Menschheit weiter, statt sie nur seinen urranischen Zahlmeistern zur profitablen Verwertung zu überlassen.
Mein Eindruck
Diese sozialutopische Science Fiction ist ein ehrgeiziges Buch, aber auch ein zutiefst humaner Roman. Dies ist Ideen-Science Fiction und es bleibt dem Leser überlassen, welche Idee er für sich akzeptiert.
Mag sich das Buch notgedrungen - Utopien sind so didaktisch - etwas trocken lesen, so berührt einen doch das Schicksal des Helden der Erzählung, eines anarchistischen Wissenschaftlers, der sich entscheiden muss, wem bzw. welcher Gesellschaftsform er seine Entdeckung anvertraut.
\"Planet der Habenichtse\" ist der bis zum Jahr 1974 ehrgeizigste und wohl auch gelungenste utopische Roman der Autorin, in der Politik und Zukunftsroman aufeinandertreffen. Diese Utopie steht in der Tradition von H.G. Wells (\"Menschen, Göttern gleich\" etc.) und Olaf Stapledon (\"Der Sternenschöpfer\"), von George Orwell (\"Animal Farm\", \"1984\") und Aldous Huxley (\"Brave new world\"). Das Buch stellt unter Beweis, was die beste Science Fiction sein und was sie leisten kann, um zum Selbstverständnis des Menschen und der Gesellschaft beizutragen. Le Guin verbindet hier Intellekt und Feinfühligkeit.
Jeder Leser dürfte davon beeindruckt sein, doch hat das Buch auch einen Mangel - wie könnte es anders sein. Es liest sich wie ein philosophisches Werk aus dem 19. Jahrhundert. Das liegt nach Meinung von David Pringle zum teil an dem Umstand, dass Anarres seine Utopie auf Armut gegründet hat.
\"Es wäre\", so Pringle, \"für Le Guin ein weitaus eindrucksvolleres Kunststück gewesen, ein Utopia des Überflusses zu schildern, zu der Urras oder die Erde hätten werden können, wären sie ebenfals durch die Odonische Revolution transformiert worden.\" Man kann eben nicht alles haben.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: The Dispossessed, 1974; Heyne 1979, München; 351 Seiten, DM 5,80, aus dem US-Englischen übertragen von Gisela Stege; ISBN 3-453-30395-4; Ausgabe des Argument-Verlags, Hamburg: 300 Seiten - April 2002; 2. Auflage; ISBN: 3886199436.
Eines der Fotos, die Udos Leib- und Magenfotograf Michael von Gimbut gemacht und in diesem Band abgedruckt hat, zeigt uns Udo als "Siggi Stardust", sozusagen als Außerirdischen, der uns den Spiegel vorhält. Das war wohl in den verspielten Siebzigern.
Noch in viele andere Rollen schlüpfte Showman Lindenberg, seit er sich anno 1973 für die Rockmusik entschied, die deutschsprachige zumal. Er ist Jonny Gigolo, Detektiv Coolman, Panik Panther, Votan Wahnwitz und sowieso der Käptn der 'Andrea Doria'. Schon die alten Lateiner wussten: Abwechslung ist die Essenz der Unterhaltung ("varietas delectat").
Und so zeigen uns die Fotos nicht nur das stets 'wohlbehütete' Chamäleon je nach Tourmotto ("Catch as catch can", "Sonderzug nach Pankow", "Belcanto-Tour"), sondern auch im Spiegel der Zeit.
Da sind die diversen Künstler zu sehen: Otto Waalkes, Marius Müller-Westernhagen, Harry Belafonte, Nina Hagen und andere.
Auffallend ist auch, dass sich Udo hier mit zahlreichen Vertretern der sozialdemokratischen Internationale - Gerhard Schröder, Olof Palme - bzw. der sozialistischen zeigt: Honnecker, Gorbatschow... Udo, der die Völker (und Genossen) verbindet.
Diese Reise durch die Zeit scheint auch die relevanten Ereignisse zu touchieren: Berlin vor und nach dem Mauerfall; 1987 das einzige Konzert in der DDR, im "Palazzo Prozzo", um die gleiche Zeit in Moskau (ach ja: Perestroika!) und schließlich der Wald der Kräne über der Friedrichsstraße und dem Potsdamer Platz.
Rosige Aussichten? Wie Udo im Vorwort sagt: Wir sind in der "Bunten Republik Deutschland" angelangt. Sollten wir zumindest, wenn da nicht die alte Rechte wäre, die ewig unverbesserliche. Der Kampf geht weiter, oder, wie es im Lied heißt: La lotta continua.
Folgende Liedtexte sind abgedruckt:
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Alles klar auf der Andrea Doria
Leider nur ein Vakuum
Radiosong
Das kann man ja auch mal so seh'n
Rudi Ratlos
Udo on the Rocks
Körper
Wo ich meinen Hut hinhäng'
Votan Wahnwitz
Elli Pyrelli
(Du spieltest) Cello
Baby, wenn ich down bin
Detektiv Coolman
Rock 'n' Roller
I love me selber
Wozu sind Kriege da?
Sonderzug nach Pankow
Bunte Republik Deutschland
Mister Nobody
Panik Panther
Phönix (von Heiner Müller, s.u.)
Romeo und Juliaaah
Wie'n alter Freund
Ich lieb' dich überhaupt nicht mehr
Horizont
Wenn du mein Kind wärst
Jonny Gigolo
Seid willkommen in Berlin
No future?
Kleine Zockerin
Illusions (im Bildhintergrund: Marlene Dietrich)
Piratenfreundin
(Ko-Texter: Anete Humpe, Ulla Meinecke, Charlotte Groenewold, Bea Reszat; Friedrich Hollaender.
Folgende Prominente sind mit Udo zu sehen:
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Romy Haag (Transvestit)
Ulla Meinecke (Sängerin, Texterin)
Otto Waalkes (komödiantischer Performer und Liedermacher)
Marius Müller-Westernhagen (Rocksänger)
Peter Zadek (Regisseur für die Erste Rock-Theater-Revue "Dröhnland-Symphonie" 1978)
Leata Galloway (1979)
Fritz Rau, "Die Raue Eminenz" (Veranstalter, 1979)
Joan Baez (Ikone der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, Liedermacherin)
Erich Honnecker, Johannes Rau (ca. 1987)
Alla Pugatschowa (russische Sängerin, 1987)
Gerhard Schröder (SPD, 1987)
Joseph Beuys (Künstler)
Olof Palme (Schwed. Ministerpräsident, ermordet)
Willy Brandt
Heiner Müller (Dichter aus der Ex-DDR)
Harry Belafonte (Ex-Sänger/Schauspieler und Bürgerrechtsaktivist)
Nina Hagen (Sängerin)
Die Prinzen (Ex-DDR-Gesangsgruppe, 1991)
Helge Schneider (Performer, Sänger, Schauspieler)
Burkard Driest (Autor, 1998)
Eddy Kante (1998)
Michael Gorbatschow (Letzter Chef der Sowjetunion)
Hermjo Klein
Tine Acke (2002)
Mein Eindruck
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Andere Künstler produzieren eine Best-of-CD, wenn sie wissen, dass sie von der Zeit überholt wurden und man nicht mehr auf sie hört. Soweit ich weiß, hat Udo keine solche LP, aber dafür dieses Fotoalbum produziert...
Immerhin gibt es von den wenigsten deutschen Künstlern - von Ausnahmen wie Marlene Dietrich mal abgesehen - einen Bildband, der 30 Jahre ihres Lebens und ihres Schaffens dokumentiert. "Zeitreise" ist auch eine dokumentarische Reise durchs Ende des 20. Jahrhunderts, eine Chronik. Der Chronist ist der Fotograf, und die Akteure auf der Weltbühne jene Gestirne, die die Sonne Lindenberg umkreisen.
Es ist auffallend, dass es kein einziges Foto in Farbe zu sehen gibt: alles schwarz, weiß, grau. Erinnerungen an Fotomeister wie Helmut Newton oder Georges Brassai kommen auf, auch an alte Wochenschaufilme aus den Dreißigern und Vierzigern. Und so sieht selbst die gestellteste Pose, die nackteste Schönheit wie ein Akteur im Zeitgeschehen aus: wie Fliegen in Bernstein, konserviert für die Nachwelt. Muss Udo jetzt den ewig schwarzen Hut abgeben? Ich hoffe nicht.
Unterm Strich
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Ein Gesamtkunstwerk aus Foto, Liedtext, O-Ton Udo - fehlt eigentlich nur die CD zum Zeitdokument. Angenehm dabei: Lindenberg, obwohl auf jedem Bild im Mittelpunkt stehend, stellt sich selbst textmäßig an den Rand: ins Vorwort, in die Credits - angenehm zurückhaltend. Ein Bild sagt sowieso mehr als 1000 Worte. Wozu also viel sagen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Goldmann 9/2002, München; ca. 170 Seiten, EU 24,90, ISBN 3-442-30997-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-25 17:51:28 mit dem Titel Dennis Lehane: *Streng vertraulich!* : Harte Action, coole Sprüche
Brisante Fotos bringen das Privatschnüfflerteam Kenzie und Gennaro schwer in die Bredouille: Sie geraten zwischen die Fronten eines Straßenbandenkrieges, und ihre Auftraggeber, zwei korrupte Politiker, wollen sie ebenfalls aufs Kreuz legen. Überlebens-Motto: Augen auf und durch!
Der Autor
°°°°°°°°°
Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster. Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" (Bericht folgt demnächst). Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Seine Helden
°°°°°°°°°°°°
Bis auf den jüngsten Roman stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern \"Stirb langsam I + II\", und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat 12 Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in \"Spur der Wölfe\" untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in \"In tiefer Trauer\" erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn\'s drauf ankommt.
Handlung
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Kenzie und Gennaro werden von zwei hochrangigen Bostoner Senatoren beauftragt, ihre verschwundene Putzfrau Jenna wiederzufinden, die vertrauliche Dokumente entwendet haben soll. Als Kenzie/Gennaro Jenna endlich bei deren Schwester auf dem Lande aufgestöbert haben, geht Kenzie mit Jenna zu einem Bankschließfach, woraufhin sie ihm einen Umschlag mit einem brisanten Foto übergibt: Es zeigt einen der obigen Senatoren mit einem schwarzen Straßenbandenführer namens Socia. Pikant: Der Senator will Straßenbanden verbieten; über den Gesetzesvorschlag soll in Kürze abgestimmt werden. Noch pikanter: Socia ist Jennas Ehemann. Und wie Jenna sagt, gibt es noch 22 weitere Bilder von diesem Treffen.
Wenige Sekunden später wird Jenna vor der Bank auf offener Straße mit einer Uzi-Maschinenpistole niedergemäht. Kenzie gelingt es, den Angreifer, einen von Socias \"Soldaten\", niederzuschießen. Doch nun ist natürlich jeder hinter dem Foto und dem Leben seines derzeitigen Besitzers her.
Socia, einer der Drogenbosse der Bostoner Unterwelt, hat einen Gegenspieler, seinen Sohn Roland, der ihm den Krieg erklärt, als Jenna, Rolands Mutter, zu Grabe getragen wird. Damit er Socia schaden kann, will natürlich auch Roland an das Foto herankommen: Kenzie /Gennaro stehen genau zwischen den Fronten. Weil die Polizei sehr ungern einen Krieg in ihrer Stadt duldet, will sie natürlich auch das Foto, das zum Zankapfel geworden ist. Und die Senatoren sowieso.
Doch das Foto ist Kenzies Lebensversicherung. Erst versucht er, in mehreren nervenaufreibenden Aktionen seine nackte Haut zu retten. Sein psychopathischer Freund Bubba Rogowski, ein Beirut-geschädigter Ex-Marine, hilft ihm mit diverser Artillerie. Als Kenzie auch an die übrigen Fotos herankommt, packt ihn die kalte Wut: Die Bilder zeigen den Senator, wie er es im Beisein Socia mit dessen Sohn Roland treibt. Purer Sprengstoff!
Der Showdown lässt nicht lange auf sich warten...
Mein Eindruck
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Der Originaltitel des Romans lautet \"A drink before the war\". Mit dem Krieg ist natürlich den stattfindende Bandenkrieg gemeint. Und den Drink nehmen Kenzie/Gennaro mit einem abgetakelten Polizisten namens Devine in einer Kneipe ein, der einzigen weißen in einem schwarzen Viertel. Natürlich kommt es dort zu einer recht hässlichen Szene mit den anderen Kneipenbesuchern.
Heiße Eisen
Der Autor packt mit dem Thema \"Rassismus\" ein heißes Eisen an. Aber als sei das noch nicht genug, kritisiert er die korrupten Politiker einen nach dem anderen, wobei sich einer von denen als Pädophiler und Unterweltfreund herausstellt. Der Autor stellt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Seite: sowohl Schwarze wie Weiße, Arbeiterklasse wie auch herrschende Klasse haben gleichermaßen Dreck am Stecken. Keiner kommt ungeschoren davon, nicht einmal Kenzie selbst. Und auch Gennaro, seine berufliche Partnerin, hat kein blütenreines Gewissen: Im Zorn bringt sie beinahe ihren gewalttätigen Ehemann Phil um.
Eine Stadt am Abgrund
Neben der actionreichen Handlung bleibt den abgehetzten Hauptfiguren noch genügend Zeit, sich über den Niedergang ihrer Stadt Gedanken zu machen. Im Grunde ist Boston noch wesentlich besser dran als etwa Washington, L.A. oder New York City, doch was seinen gesellschaftlichen Niedergang angeht, so ist auch dieser offenbar unabwendbar. Die wichtigsten Werte wie etwa Kinder- und Mutterliebe wurden bereits verraten, von Werten wie Schutz des Eigentums und des Lebens ganz abgesehen. Verlautbarungen von Politikern vergleicht der Autor mit Weihnachtsmärchen: Die Wähler wollen ja unbedingt daran glauben, um die deprimierende Realität, die das Märchen widerlegt, aushalten zu können.
\"Fear is the mother of violence\" (Peter Gabriel)
Dieser Roman spielt auf keinen Empfängen oder Parties - Kenzie/Gennaro halten das für etwas unangebracht, wenn sie mitten in einem Straßenkrieg versuchen, ihre nackte haut zu retten. Schauplätze sind in der Regel das heiße Pflaster, ausgebrannte Straßenzüge, irgendwelche Kneipen, Polizeireviere usw. Nicht gerade Beverly Hills.
Und doch: Als Kenzie seine Auftraggeber trifft, so findet das Gespräch in einer feinen Hotel-Lobby statt, aber was dort geredet wird, möchte man nicht in einer Klatschkolumne lesen. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Kaum wieder daheim, reißt sich Kenzie den elenden Anzug vom Leib und schlüpft in seine Jeans. Ist eben kein James Bond.
Cooler Humor
Ich musste beim Lesen mehrmals laut auflachen: Unsere beiden Helden lassen sich erstens von absolut gar nichts beeindrucken und führen zweitens ein geschliffenes Mundwerk, für das sie einen Waffenschein beantragen müssten. Selten so coole, harte Sprüche gelesen! Und das gilt auch für Miss Gennaro.
Unterm Strich
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Ein kleiner, aber feiner Hard-boiled-Krimi, der jedem Raymond Chandler oder Ross MacDonald Ehre gemacht hätte. (Stephen King brauchte diese Krimis angeblich zum Überleben - nun ja.) Für jeden Krimifan sind Lehanes Bücher Pflicht, auch wenn man bei Amazon.de anderes lesen kann. Leute mit zartem Gemüt sollen sich das neueste Schneewittchenabenteuer besorgen. (Obwohl Schneewittchen in der Urfassung auch ganz schön brutal ist!)
Film-Tipp: Lehanes neuester Roman \"Spur der Wölfe\" wird von Clint Eastwood verfilmt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: A drink before the war, 1994; Ullstein 317 Seiten, EU 7,95; ISBN 3-548-25200-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-27 09:50:49 mit dem Titel D. Lehane: *In tiefer Trauer*: Spannender Thriller, mit Slapstick-Einlagen
Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat - Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.
Der Autor
Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster. Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" (Bericht folgt demnächst). Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Seine Helden
Bis auf den jüngsten Roman stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern \"Stirb langsam I + II\", und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat 12 Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.
Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in \"Spur der Wölfe\" untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in \"In tiefer Trauer\" erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn\'s drauf ankommt.
Eigentlich sollte ich ja meine Lektüre nach \"Streng vertraulich!\" mit dem 2. Roman \"Absender unbekannt\" fortsetzen, aber ich fand, dass mir dieser Roman zu dick war und griff daher zu \"In tiefer Trauer\", dem 3. Roman in der Kenzie/Gennaro-Sequenz. In letzterem wird zu Anfang mehrmals auf Figuren und Ereignisse aus \"Absender unbekannt\" verwiesen, aber das hält sich in Grenzen. Es ist also sinnvoll und berechtigt, mit \"In tiefer Trauer\" fortzufahren.
Handlung
Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Bostoner, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag, obwohl sie sich nicht besonders gern entführen lässt, um ihren Auftraggeber zu treffen. Kenzie hat gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.
Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons. Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens Die Botschafter verbunden war. Beide geben vor, ihre \"Klienten\" zu therapieren, dienen aber nur dem zweck, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.
Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & trost bzw. Den Botschaftern. Price ließ 2 Mio. Dollar mitgehen. Doch seltsam: kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er - irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.
Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, soviel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietautos ausgestattet: Klarer Fall - bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul. In Nullkommanix büchsen sie aus, lachen sich einen schrottigen Toyota an und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand (wo sie ihren Krabbencocktail gegen einen gierigen Reiher namens Sandra verteidigen müssen). Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung...
Als sie Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von dem sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, weil Stones Leute ihn killen. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet - Ende des Falls?
Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder direkt nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finalen mit zahlreichen Überraschungen kommt.
Mein Eindruck
Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die Kenzie/Gennaro erzählt bekommen, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Diese ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker \"Rashomon\". Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.
Folglich dreht sich der Fall in Lehanes Buch dreimal: Zuerst glauben sie Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: \"Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden\" sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.
Schönheit, Wahrheit, Unschuld - alles Lüge?
Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?
Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und dies wiederum lässt trevor Stone wie eines ihrer Opfer aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.
Was Desiree so gefährlich macht (besonders für Kenzie), ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.
Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, \"ein Nichts\", wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm \"heilig\" - das drückt der Originaltitel des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.
Unterm Strich
Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seinen eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen - und die sogar einen Sinn ergibt.
\"In tiefer Trauer\" ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer \"ewiger Werte\" zum Thema. Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers - Kenzie überlegt einmal, wie sich Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage (Kenzie ist gerade von Kopf bis Fuß gefesselt und soll gleich über den Jordan geschickt werden) befreit hätten. Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Sacred, 1997; Ullstein, Berlin, 2001; 367 Seiten, EU 7,95; ISBN 3-548-25265-6.
P.S.: \"Spur der Wölfe\" wird zur Zeit von Client Eastwood verfilmt.
Wörter: 1296
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-27 10:40:10 mit dem Titel D. Lehane: *Die Spur der Wölfe*: Spannender Thriller, gute Milieustudie
Als Kinder waren sie Freunde - bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben - und ob einer von ihnen sterben wird.
Der Autor
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Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. \"Streng vertraulich!\" war sein erster (siehe meinen Bericht). Sein jüngster trägt den Titel \"Spur der Wölfe\" und wird zur Zeit von Clint Eastwood verfilmt. Dies ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein, das zum Springer-Verlagsimperium gehört.
Handlung
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Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.
Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel \"The Flats\", das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der \"besseren Leute\", The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.
Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point - er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Waise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy dranhängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.
Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.
Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus\' 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.
Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.
Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.
Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave - Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.
Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris\' Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um - was? - zu vergessen?
Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.
Mein Eindruck
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Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.
Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich - natürlich in seinen schizophrenen Alpträumen - und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.
Die Bedeutung des Mileus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen \"Helden\" empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt?
Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.
Unterm Strich
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Ich habe das Buch im Original in wenigen Tagen gelesen. Die handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet - war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder war es Mutwillen und Willkür?
\"Spur der Wölfe\", so hat die amerikanische kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerdings wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht - keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.
Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch \"Die Gangs von New York\" von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde (und das möglicherweise im Januar in unsere Kinos kommt). Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren - ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Mystic River, 2001; Ullstein, Berlin 2002; 480 Seiten, EU 22,00; ISBN 3550083629. (Original: 0-06-009310-2)
Grundlage dieses Berichts bildet die Originalausgabe.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-30 12:32:54 mit dem Titel U. Le Guin: *Das Wunschtal*: Hand in Hand durch Wunderland
\"Wunschtal\" ist ein relativ früher Fantasyroman der Autorin aus dem Jahr 1980, doch auch hier findet man die gleiche hohe Qualität des Erzählens wie in den Erdsee-Romanen. Allerdings ist die Geschichte selbst wenig bewegend.
Heyne hat den Roman im Zuge seines Le-Guin-Revivals wiederaufgelegt, wohl in der Hoffnung, ein Abglanz des Ruhmes der Autorin würde auch dieses kleine Werk für Heranwachsende verkaufen helfen.
Handlung
Die Geschichte beginnt in der amerikanischen Gegenwart, tritt dann über in ein Fantasyland und kehrt wieder zurück. Ganz einfach, denkt man.
Es geht um zwei junge Heranwachsende. Der schüchterne Hugh fühlt sich bei seiner Arbeit im Supermarkt und in seinem freudlosen Heim, wo er mit seiner Mutter in einer anonymen Straße einer anonymen Betonstadt lebt, nicht wohl und sucht etwas Neues: das Abenteuer.
Er stößt auf einen noch nicht einbetonierten Bachlauf, den ein Auwald säumt. Er erkundet das geheimnisvolle Zwielicht, das den Übergang in ein anderes Land bietet - bis er eines Tages auf einen anderen Gast dieser Randzone stößt: Irene.
Zunächst will natürlich der eine den anderen von seinem vermeintlich angestammten Platz vertreiben, doch dann raufen sie sich zusammen, als Irene ihr Geheimnis preisgibt: Sie hat einen Weg in eine andere Dimension gefunden. Jenes Land Ain betreten sie gemeinsam. Und wie es scheint, wartet dort eine schwierige Aufgabe auf sie. Denn Ain, das Land der klaren Flüsse und unberührten Wälder, stirbt.
Sie gelangen nach einem mühevollen Aufstieg in die Stadt Tembreabrezi, die auf dem Gipfel eines breiten Berges liegt. Dies scheint ein Ort des Friedens zu sein, an dem sie sich niederlassen können. Doch der Schein trügt: Ein unheimliches Wesen (über das ich nicht mehr verraten möchte) sucht die Menschen Ains heim und verwüstet das Land.
Die Bewohner Tembreabrezis übertragen den beiden \"Ausländern\" eine Aufgabe, die diese erschreckt: Die Wahl zwischen der gefahrvollen Rettung des perfekten Landes und der Aufgabe ihres eigenen bisherigen Lebens, ja vielleicht sogar ihres Lebens an sich, erfüllt Hugh und Irene mit Furcht und Entsetzen.
Doch natürlich tun sie, was getan werden muss. Alles andere würde den Verrat ihrer eigenen Träume und Sehnsüchte bedeuten. Und schließlich gibt es so etwas wie Verantwortung. Und diese gilt nicht nur dem Land Ain, sondern auch ihnen beiden: Sie sind jetzt ein Team, und vielleicht sogar mehr...
Mein Eindruck
\"Wunschtal\" (The beginning place) ist eine Mischung aus ökologischem Gedankengut, dem klassischen Übergang ins Feenland und der klassischen Heldentat - nur dass diesmal die Helden ganz gewöhnliche Jugendliche aus unserer Zeit sind und nicht irgendein heroischer König Artus. Le Guin machte damit vor, was Barbara Hambly, Marion Zimmer Bradley und Legionen von AutorInnen nach ihnen nachahmten: Der Übergang vom Hier und jetzt in eine andere Dimension, wo es gilt, sich zu bewähren, zu transformieren und möglichst viele Abenteuer zu bestehen.
Hugh und Irene bestehen nur ein Abenteuer, und auch das nur mit knapper Not. Zurückgekehrt in die hiesige Dimension sind sie zu etwas anderem verwandelt: Nicht mehr Einzelwesen, sondern ein Paar. Helden zwar, doch nicht in unserer Welt. Eine beglückende Erfahrung: Sie habe nicht nur ihre Träume und Wünsche verteidigt, sondern dabei etwas ganz Neues und Unerwartetes hinzugewonnen: Liebe zueinander und Wertschätzung. Das Land Ain ist also wirklich ein \"beginning place\": Ein Ort des Anfangs.
Auf die Ökologie übertragen bedeutet dies: Wer das perfekte Land der klaren Flüsse und unberührten Wälder (Gaia) erhalten und retten will, muss auch bereit sein, Opfer dafür zu bringen, bis hin zum letzten, größten Opfer: dem eigenen Leben. Dann aber erwirbt man auch das Recht, dort zu leben.
Unterm Strich
Jeder Heranwachsende zwischen 10 und 15 Jahren dürfte dieses schön erzählte Abenteuer gerne lesen. Die Autorin legt dabei weitaus mehr Gewicht auf die Schilderung, wie sich die Beziehung zwischen den Hauptfiguren verändert, als auf die Darstellung des anderen Landes. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, blieb Ain seltsam blass in meiner Erinnerung, und selbst an den Höhepunkt kann ich mich kaum noch erinnern.
Großartige Heldenaction darf man hier jedenfalls nicht erwarten, und Ströme von Blut schon gleich gar nicht. Le Guin, so mein Verdacht, war noch nie ein Fan von Jump-and-Run-Games. Nicht von ungefähr steht dem Buch ein Zitat des großen argentinischen Phantasten Jorge Luis Borges voran.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The beginning place, 1980; Heyne 2002, München; 206 Seiten, EU 6,95, aus dem US-Englischen übertragen von Hilde Linnert; ISBN 3-453-21385-8; das Buch erschien zuerst zuerst auf deutsch im Jahr 1984.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-31 15:38:11 mit dem Titel St. Lem: *Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen*: Stoff für Widerspruch
Mit diesem Buch veröffentlichte der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem den 3. Band seiner Essays. Wie schon in Band 1, \"Sade und die Spieltheorie\" (st 1304), versammelt das Buch Lems Nach- und Vorworte zu diversen Werken der phantastischen Literatur, die diesmal v.a. aus Polen stammt. Rezensionen von populärwissenschaftlichen oder spekulativen Sachbüchern und von Romanen beschließen den band. Eine Lebensbeschreibung und eine \"Art Credo\" den Reigen der Essays eröffnet.
Die Huren der Verleger
Zu deren Kernstücken gehört zweifellos jener, der dem Buch seinen Titel geliehen hat. In dieser Streitschrift aus dem Jahr 1972 (das ist zu beachten) setzt sich Lem kritisch mit dem von ihm verachteten Genre der \"science-fiction\" auseinander. Da für ihn unter dem Etikett Science Fiction nur die wissenschaftliche Phantastik, wie sie v.a. in Osteuropa gepflegt wurde, literarische Gültigkeit besitzt, d.h. einem Erkenntnisinteresse dient, besteht Science Fiction anglo-amerikanischer Provenienz zuallererst aus Kitsch - zumal sie einen Massenkonsumartikel darstellt, an den man die Maßstäbe, die für eine Kritik der Werke des \"oberen Reiches\" der Literatur gelten, besser gar nicht anlegt.
Science Fiction sei zumeist schwachsinnige Spielerei, und darin stehe ihr die amateurhafte Kritik nicht nach. Die Science Fiction-Autoren seien die Huren ihrer Verleger, nur bemäntelten sie dieses Verhältnis mit höheren Ansprüchen.
Die Ausnahmen
Doch wie der Titel sagt, gibt es laut Lem auch Ausnahmen. Diese werden am Werk Philip K. Dicks exemplarisch dargestellt. Lem charakterisiert die Romane dieses herausragenden Autors dahingehend, dass Dick unter einer trivialen, Science Fiction-gerechten Oberfläche zumeist gekonnt philosophische (z.B. erekenntistheoretische) etc. Problemstellungen darzustellen vermag, wenn er auch viel Zweitrangiges geschrieben habe.
AutorInnen wie Ursula K. Le Guin kennt Lem offenbar nicht (sie fing damals gerade erst zu publizieren an). Daher kann es nicht verwundern, dass ihn von seinem verdammenden Urteil über die Science Fiction auch die These Darko Suvins (in \"Poetik der Science Fiction\", 1977) nicht abbringen konnte, die lautet, dass gute Science Fiction erkenntnisbezogene Verfremdung der Wirklichkeit betreibe und daher positiv zu bewerten sei. Leider umfasst auch die so definierte Science Fiction nur ein bis zwei Prozent des gesamten Ausstoßes der relevanten Verlage (in den letzten jahren wohl noch weniger).
Meine Meinung
Die Kritik Lems an der Science Fiction als Kitsch-Literatur ist überspitzt. Lem beachtet nicht, dass vieles in dieser Unterhaltungsliteratur dem (Gedanken-) Spiel und dem zeitvertreib dient und daher politisch nicht anders als affirmativ, also konservativ wirken kann.
Er missachtet, dass die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, die er so rigide zieht, fließend verlaufen, wie dies auch schon 1971 Schulte-Sasse in \"Die Kritik der Trivialliteratur seit der Aufklärung\" dargelegt hat. Lem stellt sich also quasi als bester Science Fiction-Schreiber und (!) -Kritiker auf die Spitze eines Berges und fordert die totale Umorientierung von Science Fiction-Autoren und der Kritik.
Ich wage zu behaupten, dass Lem damit auf verlorenem Posten stand und noch steht; das hat die Entwicklung des Genres inzwischen gezeigt. Doch für jeden Autoren und jeden Kritiker sind seine Ergebnisse und Forderungen äußerst bedenkenswert.
Unterm Strich
Nicht nur aufgrund dieses einen Aufsatzes, sondern wegen der vielen Einblicke in Lems Denken und Arbeiten ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der sich kritisch mit der Science Fiction als Kulturphänomen auseinandersetzt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Suhrkamp 1987, Nr. st 1439, Frankfurt/M.; 223 Seiten, DM 12,00, aus dem Polnischen übertragen von verschiedenen Übersetzern
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-28 16:51:42 mit dem Titel U. K. Le Guin: *Planet der Habenichtse*: Preisgekrönte SF-Utopie
Gesellschaftliche Utopien sind ja sowas von OUT. Denkt man. Aber dann läuft einem ein Buch über den Weg, das den Blick für solche Ideen öffnet und von überzeugender Wirkung ist. Ein solches Buch ist das schon knapp 30 Jahre alte \"The Dispossessed\", zu deutsch \"Planet der Habenichtse\".
Das Buch wurde mit den wichtigsten Preisen des Science Fiction-Genres ausgezeichnet: mit dem Nebula und dem Hugo Gernsback Award. Ursula LeGuin wurde v.a. für ihre Erdsee-Saga bekannt, hat aber auch einige der besten SF-Romane überhaupt geschrieben, so etwa \"Die linke Hand der Dunkelheit\".
Handlung
Der recht wichtige Hintergrund für diese Geschichte ist der gleiche wie für das ebenfalls ausgezeichnete Buch \"Die linke Hand der Dunkelheit\" (Heyne, 2000). Vor Urzeiten wurden verschiedene Welten von einer Spezies namens Hainish besiedelt, darunter auch die Erde, obwohl uns dies nicht bewusst ist. Einer dieser Planeten ist Urras, der um die Sonne Tau Ceti kreist.
Die Geschichte ereignet sich Hunderte von Jahren in der Zukunft, wenn die Hainish wieder Kontakt mit ihren früheren Kolonien aufnehmen. Sie sind dabei, eine friedvolle Gemeinschaft von Welten aufzubauen, aus der sich die sogenannte \"Ekumen\" entwickelt, auf die wir schon in \"Die linke Hand der Dunkelheit\" gestoßen sind. Dieser Hintergrund ist insofern von Bedeutung, weil dadurch erklärt wird, dass die Aliens auf diesen Fremden so sehr wie Menschen wirken, so dass wir uns mit ihnen identifizieren können.
160 Jahre vor dem Beginn der Handlung gab es in einem kapitalistischen Staat auf Urras, dem reichen, fruchtbaren Planeten von Tau Ceti, einen Aufstand von Anarchisten. Er war zu umfangreich, als dass man ihn hätte niederschlagen können, aber zu schwach, um die Revolution herbeizuführen. Man fand einen Kompromiss: Es wurde den Odoniern, wie sich die Rebellen nach ihrer Anführerin Odo nannten, gestattet, zum Schwesterplaneten Anarres auszuwandern, einer kargen, knochentrockenen, menschenfeindlichen Welt: Hier konnten sie eine freie, klassenlose Gesellschaft gründen.
Die Habenichtse des Titels sind also ohne Heimatplanet, aber auch ohne den Begriff von Besitz und Eigentum: Alles wird mit allen geteilt. Das geht so weit, dass besitzanzeigende Fürwörter in der Anarres-Sprache Pravic komplett ausgemerzt wurden: Nun heißt es nicht \"Das ist mein Stuhl, und das ist dein Tisch\", sondern \"ich benutze den Stuhl, und du benutzt den Tisch\". Das anarchistische Utopia geht so weit, dass Anarres ohne Regierung, ohne Geld und ohne Gefängnisse auskommt, aber auch keine Ehe kennt, denn niemand kann einen anderen sein Eigen nennen. Jeder tut das, wozu er oder sie sich am besten eignet.
Dieses Utopia ist sehr detailliert geschildert, denn die Autorin hat die entsprechenden Philosophen wie etwa Bakunin genau gelesen und analysiert. Wir glauben ihr, dass dieses Utopia funktioniert. Nach 160 Jahren existiert diese Gesellschaft allen Voraussagen zum Trotz noch immer. Aber lebt sie noch gemäß ihren alten Idealen?
Als Shevek, der geniale Physiker und Mathematiker, sich entschließt, seiner Heimat Anarres den Rücken zu kehren und nach Urras zu gehen, gilt er für seine Genossen natürlich als Verräter, obwohl er fest an die Lehrsätze Odos glaubt. Er hat ein Werk mit Titel \"Prinzipien der Simultaneität\" geschrieben. Er kommt zwar mit leeren Händen nach Urras, doch er hat eine Idee im Kopf, die den Durchbruch in der interstellaren Raumfahrt bedeuten würde und von der die Kapitalisten profitieren würden. Daher bereitet man ihm auf Urras einen begeisterten Empfang. Allerdings ist er nicht in der Lage, die Klassenstruktur der Gesellschaft von Urras zu akzeptieren.
Doch einen Odonier, einen Habenichts, kann man nicht kaufen, denn die grundlegende Idee seines Daseins ist: stets alles mit allen zu teilen. In einer kapitalistischen Gesellschaft bedeutet dies freilich, in einer Munitionsfabrik ein Streichholz anzuzünden. Er wird in eine Arbeiterrevolte verwickelt und muss in der terranischen Botschaft um Asyl bitten. Von dort kann er sichere passage zurück nach Anarres erlangen.
Inzwischen hat er seine Allgemeine Zeittheorie aufgestellt, die zur Entwicklung augenblicklicher Kommunikation zwischen den Welten führen wird, zu einem Gerät, das die Ekumen unter der Bezeichnung \"Ansible\" einsetzen wird. Durch den terranischen Botschafter gibt er seine Zeittheorie an die gesamte Menschheit weiter, statt sie nur seinen urranischen Zahlmeistern zur profitablen Verwertung zu überlassen.
Mein Eindruck
Diese sozialutopische Science Fiction ist ein ehrgeiziges Buch, aber auch ein zutiefst humaner Roman. Dies ist Ideen-Science Fiction und es bleibt dem Leser überlassen, welche Idee er für sich akzeptiert.
Mag sich das Buch notgedrungen - Utopien sind so didaktisch - etwas trocken lesen, so berührt einen doch das Schicksal des Helden der Erzählung, eines anarchistischen Wissenschaftlers, der sich entscheiden muss, wem bzw. welcher Gesellschaftsform er seine Entdeckung anvertraut.
\"Planet der Habenichtse\" ist der bis zum Jahr 1974 ehrgeizigste und wohl auch gelungenste utopische Roman der Autorin, in der Politik und Zukunftsroman aufeinandertreffen. Diese Utopie steht in der Tradition von H.G. Wells (\"Menschen, Göttern gleich\" etc.) und Olaf Stapledon (\"Der Sternenschöpfer\"), von George Orwell (\"Animal Farm\", \"1984\") und Aldous Huxley (\"Brave new world\"). Das Buch stellt unter Beweis, was die beste Science Fiction sein und was sie leisten kann, um zum Selbstverständnis des Menschen und der Gesellschaft beizutragen. Le Guin verbindet hier Intellekt und Feinfühligkeit.
Jeder Leser dürfte davon beeindruckt sein, doch hat das Buch auch einen Mangel - wie könnte es anders sein. Es liest sich wie ein philosophisches Werk aus dem 19. Jahrhundert. Das liegt nach Meinung von David Pringle zum teil an dem Umstand, dass Anarres seine Utopie auf Armut gegründet hat.
\"Es wäre\", so Pringle, \"für Le Guin ein weitaus eindrucksvolleres Kunststück gewesen, ein Utopia des Überflusses zu schildern, zu der Urras oder die Erde hätten werden können, wären sie ebenfals durch die Odonische Revolution transformiert worden.\" Man kann eben nicht alles haben.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: The Dispossessed, 1974; Heyne 1979, München; 351 Seiten, DM 5,80, aus dem US-Englischen übertragen von Gisela Stege; ISBN 3-453-30395-4; Ausgabe des Argument-Verlags, Hamburg: 300 Seiten - April 2002; 2. Auflage; ISBN: 3886199436.
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