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Erfahrungsbericht von Libraia

The Firewall

Pro:

Abenteuer, Witz und Spannung

Kontra:

hat Längen

Empfehlung:

Ja

Henning Mankells lang erwarteter neuer Krimi ist endlich erschienen!
Auch wenn mir seine beiden Afrikaromane "Chronist der Winde" und "Die rote Antilope" gut gefallen hatten, habe ich mich doch sehr auf das neue Buch mit Kommissar Wallander gefreut.
Es heißt "Die Brandmauer" ,ist Zsolnay Verlag erschienen und kostet ca.25 Euro.

Nur ganz kurz für diejenigen, die Henning Mankell noch nicht kennen sollten:
Mankell ist ein schwedischer Schriftsteller, der sich schon vor Jahren mit seinen preisgekrönten Jugendbüchern einen Namen gemacht hatte. Seit seine Wallander-Krimis bei uns in Deutschland erschienen sind , hat er einen schon fast furchterregenden Verkaufserfolg; er gilt mittlerweile als "der" Krimiautor überhaupt (abgesehen von den klassischen wie A. Christie, Highsmith und Chandler).
Mankell lebt die Hälfte des Jahres in Maputo (Mozambique), wo er an einem Theater tätig ist. Seine Liebe zum Theater so wie sein intensiver Bezug zu Afrika wird in vielen seiner Bücher immer wieder deutlich.

Die Brandmauer ist sein 8. Wallander - Krimi - und endlich stimmt auch mal die chronologische Reihenfolge des Erscheinens, was bei den früheren Büchern ja manchmal Verwirrung stiftete (wenn er sich in eine Frau verliebt, von der er im vorher in Deutschland erschienenen Roman schon wieder getrennt war beispielsweise).
Nun ist es ja oft so, wenn man von einem Autor so begeistert ist - und all seine Bücher gelesen hat, irgendwann hat man genug. Oder man ist enttäuscht, weil er nachlässt, weil er sich wiederholt oder einfach unter zu starkem Erfolgszwang schreiben muss.
Ich habe hier schon Kritiken gelesen, die mich genau das auch bei der Brandmauer befürchten ließen.
Nun, da ich das Buch innerhalb von 2 Tagen ausgelesen - was heißt ausgelesen, eher müsste ich verschlungen sagen - habe, kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass die Brandmauer genauso spannend ist wie die Vorgänger.
Wer vorher schon Probleme mit Mankells Stil hatte, wird sie hier wieder haben.
Denn immer noch wird der Leser eingehend informiert über Wallanders Gesundheitszustand (hat sich gebessert), über sein Liebesleben (findet immer noch zu wenig statt) und über die manchmal quälend langsam voranschreitenden Ermittlungen in den Mordprozessen.
Wer also Krimis liebt mit viel Action, rasanten Abläufen und einer Handlung, die den Leser nur so vor sich hertreibt, mag hier ein bisschen falsch liegen.
Wer es aber liebt, psychologische Hintergründen nachzuspüren, wer Krimis ohne Einbettung in die Gesellschaft und die sozialen Umstände nicht mag und wer bereit ist, sich auf die manchmal umständlichen und verquer erscheinenden, aber immer interessanten Gedankengänge des Kommissars einzulassen, dem empfehle ich, nicht nur meinen Bericht hier weiterzulesen, sondern auch das Buch.

Zwei sehr junge Mädchen ermorden einen Taxifahrer und behaupten anschließend, sie hätten halt Geld gebraucht. Weitere Motive sind erst mal nicht erkennbar. Gleichzeitig wird ein Mann tot vor einem Geldautomaten aufgefunden; war es wirklich ein Herzinfarkt? Der Hausarzt und seine Exfrau bezweifeln das.
Ein paar Tage später fällt der Strom in einem großen Teil Schonens ( Region in Südschweden, in der alle diese Krimis spielen) aus. Der Grund für den Stromausfall ist ein völlig verkohlter menschlicher Körper, der in einem Haupttransformator gefunden wurde. Gefangene verschwinden aus dem Polizeipräsidium, Leichen verschwinden aus dem Kühlhaus und tauchen später verstümmelt an anderer Stelle wieder auf .
Als ob das nicht schon genug Turbulenzen wären, ohrfeigt Wallander auch noch eine junge Verdächtige und wird dabei fotografiert, was ihm verständlicherweise viel Ärger einbringt.
Wer ist aber eigentlich der geheimnisvolle Asiat, der immer wieder, sei es auf Fotos, sei es an Nebentischen im Restaurant oder an anderen Stellen auftaucht?
Und - wie schafft es Wallander, mittendrin in dieser nervenaufreibenden, zähen Ermittlung auch noch eine Kontaktanzeige aufzugeben und sich mit einer attraktiven Fremden zu treffen?

Da es schwierig ist, etwas über den Inhalt zu erzählen ohne den lesewilligen unter euch die Spannung zu nehmen, möchte ich jetzt gar nicht weiter auf den Handlungsablauf eingehen.
Wichtig erscheint mir aber, die Thematik, um die es sich dreht, kurz anzureißen.
Mankell hat ja in fast jedem seiner Romane eine grobe Hintergrundproblematik, die sozusagen den Rahmen für die eigentliche Krimihandlung abgibt. So war es beim "Mann der lächelte" etwa die Wirtschaftskriminalität, beim "Mörder ohne Gesicht" die Ausländerfeindlichkeit , bei den "Hunden von Riga" die politische Lage der baltischen Staaten oder bei der "weißen Löwin" das Thema Südafrika unter der Mandela/deKlerk -Regierungszeit.
Hier geht es um Globalisierung im weitesten Sinne und speziell um die Anfälligkeit der Gesellschaft durch die zunehmende Vernetzung durch Computer und Internet. Hacker kommen vor, die Weltbank, der IWF und die globale Ungerechtigkeit.
Menschen, die ursprünglich Gutes wollten, sich politisierten und dann, irgendwann zu gefährlichen Fanatikern wurden.
Ein hochaktuelles Thema also.
Bei der "Brandmauer" fiel mir noch mehr als bei seinen anderen Büchern auf, dass es unzählige Spuren gibt, von denen die wenigstens zusammen zu passen scheinen.
Was hat das sonderbar kalte Verhalten der jungen Taximörderin ausgelöst und was hat sie mit dem auf einem Fährschiff nach Polen verschwundenen jungen Mann zu tun? Warum betet ein Computerfan sich selbst auf einem Altar, den er immer wenn er am Computer sitzt, anblickt an und tut er das überhaupt?
Die Spuren führen nach Angola, nach Asien und nach Malmö...
Irgendwann wird es selbst Wallander, der ein eher distanziertes Verhältnis zu Computern und zum Internet hat, klar, dass es mittlerweile egal ist, wo man wohnt, die Welt ist immer auch da, wo man selbst gerade am Rechner sitzt. Begriffe wie Weltraum und Brandmauer gewinnen eine neue Bedeutung.

Fazit: ich fand die Brandmauern sehr spannend, Mankell schreibt hier klar und einfach (also keine hohe Literatur!), wie sagt man so schön: "das Buch liest sich gut"
Die Rahmenthematik ist aktuell und interessant, die Auflösung des Falls ist wie immer etwas zäh (was mich aber nicht stört, sondern es kommt mir so "wahrer" vor und authentischer).
Gestört hat mich, mit welcher Selbstverständlichkeit Wallander davon ausgeht, dass seine Kollegen und seine Chefin bei der Geschichte mit der Ohrfeige hinter ihm stehen müssten und dass das im Roman gar nicht kritisch hinterfragt wird.
Ebenfalls könnte man bemängeln, dass einige der vielen Spuren und Fäden, die ausgelegt wurden, am Ende gar nicht geklärt wurden. O.k., man kann natürlich sagen, so hat der Leser noch was zum Nachdenken, aber das ist ein recht schwacher Trost.
Vielleicht gerade weil ich das Thema Globalisierung, IWF und die ungerechte Verteilung von Ressourcen auf der Welt selbst als so relevant empfinde, bleibt ein kleiner bitterer Nachgeschmack, denn: Mankell streift das alles nur, er benutzt es lediglich als background für seine Story.
Das kann ich schon verzeihen, aber im Grunde wünsche ich mir einen intensiveren und ernsteren Umgang mit diesen Problemen, wenn man sie dennoch anspricht.
Aber das ist nur eine kleine Randbemerkung meinerseits.

Insgesamt kann ich das Buch als gutgemachten soliden Krimi guten Gewissens weiter empfehlen.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-01 19:58:05 mit dem Titel Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers - diesmal ohne Kommissar Wallander

Nun ist es für einen Weihnachtsgeschenktipp zu spät, aber gerade wegen des Weihnachtsgeschäfts, das zumindest in der Buchhandlung, in der ich arbeite, noch recht gut lief, bin ich bisher nicht dazu gekommen, eine Rezension zu schreiben. Wer aber auch im neuen Jahr noch einen guten Krimi auch verschenken möchte, dem kann ich ja vielleicht doch noch helfen. Ach ja, man kann den neuen Mankell natürlich auch selbst lesen, man muss ihn ja nicht unbedingt verschenken…
Leute, die mich hier in diesem Forum schon länger kennen, werden wissen, dass ich die Romane (nicht nur die Krimis) von Henning Mankell sehr gerne lese. Ich lernte ihn als Autor guter und anspruchsvoller Jugend- und Kinderromane kennen, verschlang dann alle seine Krimis nacheinander (wenn auch in der falschen Reihenfolge) und schätze besonders seinen Roman „Chronist der Winde“.

Man mag gerne einwenden, dass ich als „Fan“ deshalb voreingenommen, nicht objektiv, über sein neues Buch urteile. An diesem Vorwurf könnte dann sogar etwas dran sein, denn ich freute mich tatsächlich schon sehr auf diesen neuen Krimi, dennoch war ich auch etwas misstrauisch, denn bisher spielte der brummige und etwas sperrige Kommissar Wallander immer die Hauptrolle, nun taucht zum ersten Mal neues „Personal“ auf.

Zum Autor:
Henning Mankell wurde 1948 in Härjedalen geboren, arbeitete lange am Theater und wurde später Schriftsteller. Die Hälfte des Jahres verbringt er in Afrika, genauer gesagt in Mosambik, die andere in Schweden. Seine Liebe zur Schriftstellerei, zum Theater und zu Afrika begleiten ihn schon sein Leben lang
Er gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Krimischriftstellern in Europa, auch seine Jugendbücher (gerade neu erschienen „Das Rätsel des Feuers) gehören mit zu den „besseren“. Wer noch mehr über den Autor wissen möchte, kann entweder in meinen alten Berichten über seine Bücher nachlesen oder auf die Seite des Verlages www.zsolnay.at gehen.

Zum Inhalt:

In die „Rückkehr des Tanzlehrers“ stellt Mankell einen neuen Kommissar vor. Er heißt Stefan Lindmann, ist 37 Jahre alt und scheint ein recht unscheinbarer Mensch zu sein. Seine Kindheit, warum er den Beruf des Polizisten ergriff, sein eher farbloses Liebesleben, all das erzählt Mankell ein bisschen wie nebenbei, richtig „warm“ wird man nicht mit Stefan Lindmann. Nun, ich kann mich erinnern, dass das auch bei Wallander ein bisschen dauerte. Also gebe ich erstmal nicht auf und lese weiter…
Die Handlung beginnt mit einer Katastrophenmeldung für Lindmann: seine Ärztin diagnostiziert Zungenkrebs bei ihm, bösartig und lebensgefährlich. Er wird krankgeschrieben und überlegt, nach Mallorca zu fliegen, um sich abzulenken.
Doch da erfährt er von dem absolut brutalen, um nicht zu sagen bestialischen Mord an seinem früheren Kollegen Herbert Molin, der nach seiner Pensionierung völlig zurückgezogen gelebt hatte. Er beschließt spontan, zum Ort des Mordes zu fahren und mietet sich dort in einer kleinen Pension ein. Seine Nachforschungen, Gespräche mit Nachbarn kommen zwar nicht bei allen beteiligten Ortspolizisten gut an, der zuständige Beamte mit dem sehr unschwedischen Namen Guiseppe ist jedoch froh über Lindmanns Hilfe, die beiden kommen sehr gut miteinander aus und werden im Laufe des Romans zu Freunden.
Was genau ist jedoch geschehen?

Herbert Molin wurde vor seiner Tötung nicht nur gefoltert – offensichtlich lange- sondern sein Tod war eindeutig eine Art Hinrichtung. Besonders auffällig und ungewöhnlich ist außerdem die Tatsache, dass sein Mörder mit dem blutigen Opfer einen Tango getanzt hatte. Das ließ sich anhand der Blutspuren und Fußabdrücke feststellen. Wer tut so etwas?

Stefan Lindmann erinnert sich, dass er zwar nie an Herbert Molin „herankam“, dieser nie persönliche Beziehungen zu seinen Kollegen aufgenommen hatte und er wenig über dessen Gefühle kannte, aber eine bestimmte Situation geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Eine Situation, in der deutlich wurde, dass Molin unheimliche Angst hatte vor irgend etwas, vor irgend jemandem. Auch der Umstand, dass er sich nach seiner Pensionierung tief in den Wäldern verkroch, nahezu keine Kontakte mehr hatte, deutet stark auf Angst und Vorsicht hin.
Warum also dieser Hass des Mörders, warum die übergroße Angst Molins?

Die Spuren führen tief in die Vergangenheit, Lindmann bekommt heraus, dass Molin Angehöriger der SS gewesen war, ob es da wohl einen Zusammenhang gibt? Er trifft sich öfter mit Molins Tochter, die zur Beerdigung angereist war und spricht mit ihr über die Vergangenheit ihres Vaters. Auf den Spuren in die dunkle Nazivergangenheit werden ihm noch einige Überraschungen begegnen. Nicht nur die „Überraschung“, dass es leider nicht nur um die Vergangenheit geht, sondern um die Gegenwart und – in den Augen gar nicht so weniger auch junger Menschen – um die Zukunft. Auch Stefan Lindmann muss seine eigene Biografie neu überdenken, denn verstört muss er feststellen, dass sein eigener Vater ebenfalls in diesem braunen Sumpf verstrickt gewesen war.

Mankell gibt uns immer wieder in eingestreuten Kapiteln auch Einblicke auf die Sicht des Mörders, auf dessen Gedanken und seine Sichtweise.
Daraus, nicht aus dem „Whodunit“ entsteht die eigentümliche Spannung dieses Krimis. Wir als Leser wissen ja schon lange, wer es war und bald wird auch klar, warum die grausige Bluttat begangen wurde. Was wir jedoch nicht wissen, das sind die inneren Zusammenhänge, das genaue Motiv und warum es keinen anderen Weg zu geben schien.
Ich könnte jetzt natürlich noch berichten von dem Mord an dem einzigen Nachbarn Molins (wie hängt das wohl zusammen, gibt es überhaupt einen Zusammenhang?), von der einzigen Frau, mit der Molin noch Kontakt hatte im Ort, davon, dass Lindmann sich in Molins Tochter verguckt hat, obwohl er doch seiner Freundin, einer älteren Polin, treu bleiben möchte. Ach, es gäbe noch so vieles: wie kommt Lindmann mit seiner Krankheit klar, was hat es mit der Freundschaft zu dem Polizisten Guiseppe auf sich, warum schaut die Frau an der Rezeption im Hotel immer so traurig???

Da ich jedoch der Meinung bin, dass es sich lohnt, den neuen Mankell zu lesen, lasse ich das lieber bleiben und gehe über zu

Meine Meinung:

Trotz aller Befürchtungen, dass ohne Wallander ein Mankell nicht mehr richtig gut sein kann, bin ich wieder sehr angetan von diesem Krimi. Die Schwierigkeiten, die man als Leser haben kann ob der Sprödigkeit der Hauptpersonen, ob der Langsamkeit und der Melancholie, die vorherrscht, die konnte man auch schon früher haben bei diesem Autor. (einige von euch haben sie ja offensichtlich auch). Stefan Lindmann ist keine Romanfigur, die einem sofort zusagt, sein Charakter entwickelt sich erst langsam; doch gerade das gefiel mir gut.
Die Handlung ist – auch das kennt man schon – zwar sehr brutal, da sich der Autor aber nicht genüsslich weidet an detaillierten Beschreibungen, komme ich damit gut klar.
Die Story an sich, das Graben in der SS- Vergangenheit des Opfers fand ich wesentlich interessanter als manche andere vorher. Spannung, Einbettung in Politik und Zeitgeschichte, persönliche Schicksale und sogar ein bisschen Liebe – all das findet man hier.

Fazit:
Wieder ein richtig guter Krimi, den ich mit Genuss gelesen habe!

P.S. kurze Erklärung meinerseits: wenn ich die höchste Punktzahl vergebe, dann heißt das natürlich n i c h t, dass ich Mankell für einen begnadeten Schriftsteller halte oder dass ich denke, man m u s s dieses Buch gelesen haben. Ich will damit nur sagen, dass ich es für einen sehr guten Krimi halte, den man prima lesen kann, ohne sich anstrengen zu müssen – der andererseits aber das Niveau, an dem er gemessen wird, halten kann.






----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-05-20 23:20:39 mit dem Titel Martel, Schiffbruch mit Tiger

Nachdem ich vor Jahren das Buch von Garcia Marquez „Bericht eines Schiffbrüchigen“ (ziemlich gutes Buch nebenbei bemerkt) gelesen hatte und vor noch viel mehr Jahren – wie nahezu jedes Kind meiner Zeit - die Abenteuer von Robinson Crusoe, dachte ich eigentlich, dass ich nun bis an mein Lebensende genug von Schiffsbrüchen gelesen hätte. Besonders auch deshalb, weil mich das Thema Schiffsbruch nicht mehr interessiert als den Durchschnittsbürger. Bei Flugzeugunglücken wäre das schon etwas anders, da ich ja unter großer Flugangst leide, aber das ist ein gänzlich anderes Kapitel…
Weshalb ich nun doch wieder bei einem Schiffbruch gelandet bin, hat drei simple Gründe: Der mir bis dato unbekannte Schriftsteller Yann Martel hat für seinen Roman „Schiffbruch mit Tiger“ im Jahr 2002 den wichtigen Booker – Literaturpreis erhalten; außerdem hat der Fischerverlag freundlicherweise den Buchhändlern ein kostenloses Leseexemplar zukommen lassen und drittens schwärmte mir mein Kollege in höchsten Tönen von dem Roman vor. Auch der witzige und ansprechende Buchumschlag machte mir die Entscheidung noch etwas leichter.
Wie dem auch sei: wieder mal ein Schiffbruch für mich!

Über den Autor:

Der 1963 in Spanien geborene Sohn einer Diplomatenfamilie Yann Martel lebte zwischenzeitlich in so vielen verschiedenen Ländern (ist ja nicht ungewöhnlich für Diplomatenkinder), dass man sie sich fast nicht merken kann: Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska, Kanada, Türkei und Indien. Er studierte Philosophie und lebt heute in Montreal, Kanada. „Schiffbruch mit Tiger“ ist sein dritter Roman, ein anderer war „Selbst“, wie der erste (oder zweite) hieß, konnte ich leider nicht herausfinden.
Begeisterte Rezensionen von Literaturkritikern, großes Lob von Schriftstellerkollegen und ziemlich gute Verkaufszahlen – da muss doch was dran sein – oder doch nicht?
Ein bisschen vorsichtig war ich doch, denn in der Zeit (aber ich kann nicht beschwören, dass ich es da gelesen habe) stand auch ein Verriss: noch nie hätte ein dermaßen dilettantisches Buch den Bookerpreis erhalten. Aber so etwas weckt ja bekanntlich meine Neugierde erst recht.

Zum Inhalt:

Es geht um den indischen Teenager Pi, eigentlich Piscine Molitor Patel. Er hat es allerdings satt, dass sein Name, wenn man ihn nuschelnd schnell ausspricht sich wie „Pisser“ anhört, deshalb nimmt er die Chance eines Schulwechsels wahr und nennt sich fortan „Pi“ so wie die schöne Zahl 3,14 (o.k. alle die Mathe so hassen wie ich es tat, werden auch nicht mehr genau wissen, was das bedeutet aber besser als Pisser ist es allemal).
Pi lebt glücklich und zufrieden zusammen mit seiner Familie bestehend aus Vater, Mutter und großem Bruder Ravi in Pondicherry in Indien. Seine Eltern besitzen einen Zoo. Pi wächst heran mit einem großen Wissen über Tiere und mit dem Hintergrund einer stabilen und glücklichen Familie. Seine Eltern – nominell sind sie Hindus – interessieren sich nicht die Spur für Religion, Pi jedoch um so mehr. Er schafft es mit voller Begeisterung gleichzeitig Hindu, Moslem und Christ zu werden. Jede der Religionen hat etwas ganz Besonderes, was die anderen nicht bieten können. Klar, dass irgendwann einmal Konflikte und Überschneidungen entstehen müssen, denn er lebt ja nicht allein auf der Welt.

Zu dem Zeitpunkt, als Pi, mittlerweile erwachsen, verheiratet und Vater zweier Kinder, nach einem Studium der Zoologie und vergleichender Religionswissenschaftler, seine Lebensgeschichte erzählt, erscheinen die damaligen Konflikte in Pondicherry nur noch klein, witzig und nicht besonders wesentlich. Denn in Pis Leben gab es ein einschneidendes Erlebnis, das alles andere in den Schatten stellen sollte. Eine Geschichte, die den Zuhörer oder Leser dazu bringen solle, wieder an Gott zu glauben, so zumindest drückt sich Pi dem Autor, also dem Ich-Erzähler gegenüber aus.

Nun, ob man nach Lesen des Romans wirklich an Gott glaubt, wenn man es vorher nicht tat, mag dahin gestellt bleiben, auf alle Fälle handelt es sich doch tatsächlich um eine Geschichte angefüllt mit Unwahrscheinlichkeiten, Abenteuern und voller Wunder.

Pis Eltern beschließen nämlich ihren Zoo zu verkaufen und nach Kanada auszuwandern. Gemeinsam mit vielen Tieren schiffen sie sich auf dem japanischen Frachter „Tsimtsum“ ein und bereiten sich mit gemischten Gefühlen auf ihr neues Leben in Toronto vor. Weit kommen sie jedoch nicht, denn nach einer Explosion mitten in der Nacht sinkt das Schiff unglaublich schnell, Pi schafft es gerade noch auf ein Rettungsboot, das er – wie er bald feststellt – mit einem Zebra, einem Orang-Utanweibchen, einer Tüpfelhyäne und dem Tiger Richard Parker teilt. Allzu lange dauert es jedoch nicht bis nur noch Pi und Richard Parker übrig sind.

Keine Angst: ich werde jetzt nichts weiter schreiben über die Unbilden eines Schiffbrüchigen, nichts über die Gefahren, über die Ängste, über die Verzweiflung und auch Trauer. Auch über die teilweise unglaublichen Begegnungen und Ereignisse, die sich während der insgesamt 227 Tage zutrugen werde ich schweigen. Nicht weil es wenig darüber zu sagen gäbe, sondern weil ich niemanden von euch abhalten möchte, das Buch selbst zu lesen.
Immerhin wisst ihr ja schon, dass es gut ausgeht: Pi Patel hat nicht nur überlebt, sondern er hat es auch „geschafft“ in Kanada.

Zum Stil:

Yann Martel ist ein großartiger Erzähler, ob er ein großartiger Schriftsteller ist, mag dahingestellt bleiben.
Was meine ich damit? Nur, dass man sein Buch mit großem Genuss und einer Art kindlicher Freude lesen kann ohne sich am Schreibstil all zu sehr aufzuhalten, weder im positiven und schon gar nicht im negativen Sinne. Es liest sich gut und einfach, fast scheint es, man hätte ein gutes Jugendbuch vor sich. Tatsächlich habe ich es nahezu wie einen Jugendroman empfunden, was zwar sicher auch mit dem jugendlichen Alter des Helden zu tun hat, aber nicht nur (auch die „Selbstmordschwestern“ haben ja Teenager als Hauptpersonen, dennoch hatte ich da nicht dieses Gefühl) damit. Wenn ich den Ausdruck „großartig“ benutze, ist das dennoch nicht übertrieben, denn Martel kann wirklich toll erzählen und seine Sprache lässt sich in eindrucksvolle Bilder umsetzen. Ich kann mir diese Geschichte auch ganz wunderbar als Hörbuch (das gibt es bereits, aber ich kenne es nicht selbst) vorstellen.

Meine Meinung:

Ein gutes und lesenswertes Buch, das an manchen Stellen richtig begeistern kann. Sehr schön fand ich die Beschreibung seiner Kindheit in Indien, sein Ringen um die „richtige“ Religion, auch die unsentimentale Herangehensweise an das Leben und die Verhaltensweisen von Tieren bewunderte ich. Gegen Ende des Buches wartet er dann auch noch mit großer Phantasie und überraschenden Wendungen auf. Also, was will man mehr?
Ein bisschen mehr hätte ich dennoch gewollt: das Buch hat auch Längen, oftmals hatte ich das Gefühl (gerade in der Mitte) dass es jetzt langsam reicht mit den Schilderungen, dass ich mir nun schon vorstellen kann, wie sich ein Schiffbrüchiger mit Tiger fühlt. Ein wenig kürzer wäre besser gewesen. Zugegeben: viele solcher eher langweiliger Stellen fand ich aber nicht.

Fazit:

Ich schwanke stark zwischen 4 und 5 Sternen und bin vielleicht ungerecht, wenn ich diesem schönen Buch – das ich dennoch empfehlen möchte – nicht die höchste Punktzahl zugestehe. Mag sein, dass es am Bookerprize liegt, da erwarte ich einfach ein klein bisschen mehr an literarischer Qualität.

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