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Erfahrungsbericht von Anachronistin

Gesammelte Vorurteile

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Gesammelte Vorurteile


Heute möchte ich einen Autor vorstellen, der wohl in Amerika etabliert, in Deutschland jedoch kaum bekannt ist. Ich entdeckte Henry Louis Mencken vor längerer Zeit, als mir einige Zitate von ihm in die Hände fielen. Wer ihn da wo zitierte, weiß ich nicht mehr zu sagen. Jedoch ist dies auch nicht weiter von Belang, denn jene Worte des Amerikaners genügten, um meine Aufmerksamkeit zu wecken.

Mich amüsierten Menckens Worte, die Trockenheit und Geradlinigkeit seiner Sprache, und nicht zuletzt seine schier gnadenlose Ehrlichkeit. Ich wollte mehr von ihm bzw. über ihn wissen, und wünschte mir eines seiner Bücher zu Weihnachten.

In „Gesammelte Vorurteile“ scheint H. L. Mencken mit allem aufzuräumen, was er als aufräumenswert erachtet. Und dabei nimmt er sich so wichtig, dass er ein Buch daraus macht. So beschreibt er etwa verschiedene Menschentypen, derer er gute 19 kennt! Zunächst mag es nicht weiter verwundern, Mencken wäre nicht der Erste, der sich mit Menschentypen auseinandersetzt. Wendet man sich jedoch seiner konkretisierten Aufschlüsselung zu, ahnt man bereits Fürchterliches. Es ist einfach zu herrlich, daher möchte ich sie an dieser Stelle nennen: Der Romantiker, der Skeptiker, der Gläubige, der Schaffer, der Arzt, der Wissenschaftler, der Geschäftsmann, der König, der Metaphysiker, der Durchschnittsmensch, der Wahrheitssucher, der Verwandte, der angeheiratete Verwandte, der Freund, der Philosoph, der Altruist, der Ikonoklast, der Junggeselle und der ewige Mann – sie alle werden mehr oder weniger tiefgreifend von Mencken beleuchtet.

Doch mit den Menschentypen ist es nicht genug, denn Mencken beschäftigt sich im vorgestellten Buch u. a. auch mit dem weiblichen Verstand und mit den Frauen als Realpolitikern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Ich war selbst, wie der Titel des Buches verheißt, bei diesem Kapitel voller Vorurteil. Doch ich wurde überrascht, wie gut die Frauen bei Mencken wegkommen.

In „Gesammelte Vorurteile“ werden auch Regierungstheorien nicht verschont, so ist „Demokratie“ in Menckens Aufzeichnungen eine „verzehrende Seuche“, weiter schreibt er, „Sie ist so unbeschreiblich töricht und deshalb unvergleichlich amüsant.“ Er untersucht des weiteren, ob „Gemeinheit“ eventuelle ein unverzichtbares Merkmal einer jeden Regierungsform sein müsste.

Doch eine Provokation folgt auf die nächste, wenn Mencken voller Spott zwei Seiten zum Thema Todesstrafe veröffentlicht, um im Anschluss noch schnell einige Worte über „das Erhängen“ und „den Selbstmord“ verliert. – Man liebt ihn auf der einen Seite und ist mindestens erstaunt auf der nächsten, vielleicht hasst man ihn auch mal für drei Seiten.
Mal überschlug ich mich herzlich lachend beim Lesen, fand mich selbst zwischen den Zeilen, und mal fragte ich mich, warum ich dieses Buch lesen würde. – Ich habe keine Antwort finden können. Aber ich kann wohl sagen, dass sich alle Aufregung um das Buch gelohnt hat.

Mencken bindet uns auf die Nase, was wir auch schon mal ähnlich dachten, oder auch nicht. Schlussendlich spielt es keine Rolle, ob man seine Ergüsse und Meinungen über „Gott und die Welt“ teilen will oder nicht. Dieses Buch verlangt nach dem Genuss seines temperamentvollen Stils, der plakativ, populistisch und provokant daherkommt, und sich selbst zum Narren hält. – Mencken selbst würde dies selbstredend bestreiten, wohl aber mit einem Augenzwinkern.


Henry Louis Mencken lebte übrigens von 1880 bis 1956 in Amerika.

Schließlich möchte ich Euch nicht verschonen mit meinen Lieblingszitaten von Mencken.

1. „Das Gewissen ist eine Schwiegermutter, deren Besuch nie endet.“ und
2. „Ein Pessimist ist ein Mensch, der sofort nach dem Sarg Ausschau hält, wenn er Blumen gerochen hat.“


Henry Louis Mencken (2000): Gesammelte Vorurteile
Insel Verlag
Preis: 17,80 €
ISBN: 345817040-5

27 Bewertungen, 1 Kommentar

  • sascha6525

    14.03.2006, 00:41 Uhr von sascha6525
    Bewertung: sehr hilfreich

    freu mich über Gegenlesungen. <br/>sh, Sascha6525