Erfahrungsbericht von mima007
Spannendes SF-Jugendabenteuer
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Eine spannende Mischung aus Detektivthriller, Familiensaga und Abenteuerexpedition - so kommt der Startband einer neuen Science Fiction-Trilogie von Altmeisterin Julian May daher. Die Mischung funktioniert, doch überfordert das Buch den jugendlichen Leser in keinster Weise. Wahrscheinlich unterfordert er sogar die meisten erwachsenen Leser.
Die Autorin
Julian May genießt unter den alteingesessenen Science Fiction-Autorinnen höchstes Ansehen. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die souverän ihr Handwerk versteht, sondern hat auch eine Menge Ahnung von dem, was sie an wissenschaftlichem Hintergrund in ihre Bücher hineinpackt.
Bei uns ist ihre komplette Pliozän-Saga bei Heyne erschienen, doch in den USA hat sie weitere vier Bände um die Familie Remillard veröffentlicht, die die Hauptrolle in der Pliozän-Saga spielt: mächtige Anwender von Psi-Kräften wie Telepathie, Telekinese und Zweitem Gesicht. Diese farbige Vorzeit-Opera hat mich endgültig für die Science Fiction begeistert.
Und so überrascht es nicht, dass auch der vorliegende Roman der Auftakt zu einer Familien-Saga ist. Die Fortsetzungen heißen \"Die Schulter des Orion\" und \"Der Sagittarius-Wirbel\". Sie sollen 2002/2003 erscheinen.
Handlung
Helmut Icicle (\'Eiszapfen\') lebt mehr schlecht als recht als Käptn in einem idyllischen Aussteigerparadies auf einem abgelegenen Touristenplaneten am Rande der von Menschen besiedelten Galaxis. Eines Tages wendet sich jedoch sein Schicksal. Nach einer Touristen-Fahrt mit seinem Tauchboot kehrt er nach Hause zurück, nur um mit ansehen zu müssen, wie selbiges Zuhause im Schlund eines Seeungeheuers der übelriechendsten Sorte verschwindet. Helly kommt die Sache jedoch spanisch vor und findet heraus, dass das Ungeheuer eigentlich ihn selbst hatte verschlingen sollen: ein Mordanschlag. Aber warum?
Natürlich ist Käptn Helly kein hundsgewöhnlicher Zeitgenosse, sonst würde sich ja eine Geschichte über ihn kaum lohnen. In Wahrheit heißt er Asahel Frost, ist der jüngste Spross einer Konzernfamilie und obendrein noch ein Ex-Polizist. Durch eine fiese Intrige der Konkurrenz seines Konzernhauses verlor Asahel \'Helly\' seine Bürgerrechte und wurde zum Ausgestoßenen.
Dank seiner Kombinationsgabe hat er bald herausgefunden, wer es auf ihn ab gesehen hatte: einer seiner Passagiere! Diesem Elgar Bronson jagt er in der schnittigen Raumjacht seines besten Freundes Mimo nach, nimmt auch Bronson gefangen - bis er sein blaues Wunder erlebt: Ein Raumschiff der Haluk-Alienrasse taucht aus dem Hyperraum auf und befreit Bronson. Auf einem Kometen ausgesetzt, kommt Helly dem Tode schon ziemlich nahe: Die radioaktive Strahlung des sich erwärmenden Haarsterns hat ihm beinahe den Garaus gemacht.
Nun ist Helly natürlich mächtig sauer. Und da er weiß, dass im seinem Konzernhaus, der Rampart Starcorp, etwas oberfaul ist, lässt er sich von seinem verknöcherten Vater Simon nur mit Generalvollmacht und bei höchster Geheimhaltung anheuern. Schon bald muss er zu seinem Leidwesen erfahren, dass das einzige seiner Geschwister, Schester Eve, verschwunden ist, wahrscheinlich entführt.
Nachdem er dem Verwaltungsrat von Rampart gehörig seine Bedingungen diktiert hat, eröffnet er die Untersuchung der mysteriösen Ereignisse, denen er und Eve auf die Spur gekommen sind: Offenbar haben die feindseligen Haluk mit der Konkurrenz Ramparts, Galapharma, gemeinsame Sache gemacht.
Auf dem Planeten Cravat, auf dem Eve verschwand, begibt sich Helly mit einigen Gefährten in den Dschungel, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Hier wird ein viruserzeugtes Molekül (ein \'Vektor\') erzeugt, mit dem sich das Erbgut verändern lässt - und Helly schwant Übles, was die Haluk damit vorhaben.
Mein Eindruck
Gekonnt führt die Autorin den Leser in ein neues Universum ein, das der von Menschen besiedelte Gebiet am Rande der Galaxis. Vom Touristenplanet geht es zu den Kometen hinaus, dann zu der Hauptwelt des Rampart-Konzern, schließlich weiter zum ersten ernsthaften Einsatz, auf einer Dschungelwelt namens Cravat. Die Erde, die zu dieser Zeit immer noch existiert, wird wohl für die späteren Bände aufbewahrt. Sie steht im Mittelpunkt der geschilderten Wirtschaftskriege.
Während die Handlung recht konventionell ist und die Ansprüche an einen Abenteuerroman erfüllt, ist doch die Charakterbeschreibung der meisten Hauptpersonen etwas ungewöhnlich: Sie könnte von Shakespeare stammen. Helly kann man noch gut verstehen: Er ist der Prinz in der Verbannung, sein Vater der strenge, verbitterte König Lear. Eve ist die entführte Prinzessin, und des Prinzen Liebste zunächst höchst spröde, später jedoch ihm umso mehr zugetan. Der Schurke steckt voller Überraschungen, mit Helfern in den Reihen \'König Lears\'. Er setzt dem edlen Prinzen bei seiner Befreiungsaktion gehörig zu. Doch es gibt auch verblendete Wissenschaftler, die es gut mit den Alien meinen und sich von diesen blenden und korrumpieren ließen, bis zur Selbstaufgabe.
Man merkt schon nach wenigen Seiten, dass in diesem Roman eine Menge Ironie steckt. Allein schon die Idee, Hellys Haus auffressen zu lassen, ist köstlich. \"My home is my castle\" heißt es nicht umsonst in angelsächsischen Landen, und dieses Verbrechen muss gesühnt werden. Dass Helly dabei vom Regen in die Traufe kommt, ist nicht weiter überraschend: Er ist zu unerfahren und draufgängerisch, daher braucht er die richtigen Freunde. Käptn Mimo ist der beste Freund, doch leider agiert er nicht ganz auf der legalen Seite des Gesetzes. Er ist Schmuggler und erinnert so an Humphrey Bogarts schöne Florida-Ballade \"Key West\". Die Ortsnamen erinnern an Lewis Carrols Nonsens-Dichtung \"Jabberwocky\".
Dass romantische Liebe & Sex in diesem Cocktail aus ironisch verwendeten Themen und Motiven nicht fehlen dürfen, freut sicher so manchen jugendlichen Leser. Etwas ungewöhnlich ist hingegen der Umstand, dass Helly hin und wieder einen Blackout hat und sich in seine Kindheit und Jugend zurückversetzt fühlt. Diese Rückblende kommen recht unvermittelt - so etwas habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen. (Ein weiteres Indiz dafür, wie gewöhnlich und normgerecht amerikanische Science Fiction inzwischen geworden ist.)
Die Übersetzung
Die deutsche Übersetzung ist erstaunlich ansprechend. Sie schwankt zwischen literarischer Sprache und normaler deutscher Umgangssprache, so dass ie ohne weiteres verständlich ist und sich leicht lesen lässt. Das große, für Omas geeignete Schriftbild tut ein Übriges.
Unterm Strich
Ein flott und manchmal sogar amüsant zu lesendes Abenteuer für junge und jung gebliebene Science Fiction-Leser, das aber keine höheren Ansprüche stellt, es sei denn an die Kombinationsgabe angehender Detektive und Gentechniker.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Perseus Spur, 1998; Bastei-Lübbe 2001, Nr. 24294, Bergisch Gladbach; 540 Seiten, DM 16,90/8,45 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Ulf Ritgen; ISBN 3-404-24294-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-20 11:44:34 mit dem Titel Patricia McKillip: *Das Lied des Basilisken*: Poetische Fantasy
Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte eines Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.
Dieses Buch sowie \"Schatten über Ombria\" wird der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.
Handlung
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Der Roman beginnt mit einem echten Schocker. Ich zitiere den Verlag: \"Schwarzer Rauch steht über dem zerstörten Schloß des Hauses Tourmalyne. Die Leibgarde liegt hingemetzelt vor der Tür zum Großen Saal. Ein Anblick der Verwüstung. Da regt sich etwas in der Asche des geborstenen Kamins - ein Kind. Die Männer, die es finden, nehmen es in ihre Obhut. Sie nennen es Rook, den Raben, wegen seiner ungewöhnlichen schwarzen Augen.\" Rook hat alle Erinnerung an den Überfall verloren, bei dem seine Familie ausgelöscht und sein Besitz zerstört wurden. Erst als er ein bestimmtes Musikinstrument spielt, kommt die Erinnerung wieder, daran und an den feurigen, starren Blick des Basilisken.
Vier Jahrhunderte lang herrschte das Haus Tournalyne über die mauernumringte Stadt Berylon, bis das rivalisierende Haus Pellior, das von einem Fürsten, den man nach seinem Wappentier den \"Basilisken\" nannte, sich erhob und die drei anderen Häuser angriff, um die Stadt zu übernehmen. Als einziger Nachkomme der Tourmalynes überlebt Rook das Massaker an seiner Familie. Damit der Angreifer mit den magischen Kräften ihn nicht findet, verwandelt er alle seine Gedanken zu Asche, denn in Asche hat er sich versteckt.
Nach seiner Rettung nennt er sich Caladrius, nach jenem Vogel, der am Sterbebett eines Königs singt. Er wird zur Insel Luly gebracht, einer entfernten Bardenschule in den Ländern des Nordens, am Rand der Welt. Dort verbringt er 37 Jahre, und mit der schönen Sirina hat er einen Sohn, Hollis.
Rook lernt auf der Bardeninsel die Magie der Musik: Eine bestimmte Tonfolge gespielt auf einer bestimmten Flöte läßt das Getreide wachsen, eine andere vermag Wunden zu heilen. Und eine unscheinbare Knochenflöte bringt, wenn sie gespielt wird, den Tod. Die Harfe meidet er, denn sie bringt Erinnerungen zurück. Doch ohne Harfe kann er kein Barde werden, nur Lehrer.
Doch als ein Abkömmling der Tourmalyne nach Luly kommt, um die unterstellte Mgie eines Barden zu erlangen, wird in Caladrius\' Mauer des Vergessens eine Bresche geschlagen. Als er in die Wildnis reist, träumt er von Feuer, erinnert sich an seine geheime Identität: Er sieht wieder, wie die Schlächter des Basilisken den Palast seines Vaters überfallen, wie sie Feuer legen und die Schätze plündern. Sein Entschluß steht fest: Er wird den machtgeilen Fürsten mit dem Basilisken im Wappen töten, er wird seine Eltern rächen, er wird die stumme Flöte ihr Todeslied singen lassen.
(Die Darstellung dieses Entschlusses erfolgt sehr poetisch: die Vision eines mythischen Untiers, das wie ein Drache aussieht und zu Caldrius sagt, es werde stets bei ihm sein, besonders dann, wenn er die Feuerbeinflöte spielt.)
Seine Geschichte wird abwechselnd mit der Giulias und ihres Freundes Justin erzählt. Die beiden leben in Berylon, gehören aber der Seite der im Grunde arbeitenden Rebellen an. Giulia unterrichtet an der übrig gebliebenen Musikschule der Tourmalyne und bereitet bei Hofe die Geburtagsoper des Fürsten vor.
Bei Hofe geht es zu wie während der italienischen Renaissance, mit allen Gefahren, die dort für Ruf, Leib und Leben besteht. Der Basilisk ist kein gnädiger Tyrann, und seine Tochter Luna beherrscht die Schliche von Magie und Gift ebenso gut wie er. Ihr Spion Brio kommt Caladrius schließlich auf die Schliche.
Als Caladrius in Berylon eintrifft, folgt ihm Hollis, der sich dem Untergrund anschließt. Caladrius wird Bibliothekar bei Hofe. Doch verliebt sich die egozentrische Tochter des Fürsten in ihn: Nur für ihn will sie in der Oper singen. Diese Szenen sind die komischsten des ganzen Buches. Denn natürlich kann Damiet und wählt Musik nach der Farbe ihrer Kleider aus (\"das malvenfarbene Lied\").
Als er von einer befreundeten Adligen einer Feuerbeinflöte erhält, hat Caladrius alles, um bei der Aufführung der ebenso lächerlichen wie verhängnisvollen Oper seinen Anschlag auszuführen. Doch er hat weder mit den Rebellen, noch mit Brio und seinem Sohn gerechnet. Es kommt alles ganz anders als geplant.
Mein Eindruck
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Obwohl diese Geschichte wie so oft bei McKillip eine Geschichte von Vergeltung ist, geht es doch im wesentlichen nicht darum, sondern um Liebe, Verwandlung und Macht. Diese Macht ist die Kraft von Erinnerung, Hass, Vergebung, der Familie, der eigenen Identität und immer wieder die Kraft der Musik. Dies deutet ja bereits der Titel an.
Das Leitmotiv
Musik ist das zentrale Leitmotiv der Geschichte: die mystische Musik der Barden von Luly, die Musik des Meeres und der übrigen Welt, die wilde Musik der Hinterland-Wildnis, die wohlgeordnete, höfische Musik der Magister von Berylon. Nur der Basilisk und seine Tochter machen keine Musik: Sie ordnen sie an.
Musik versetzt Caladrius in die Lage, seine Vergangenheit zu vergessen und weckt dann wieder seine Erinnerung. Sie ist die Form der Rache, die er wählt (die Knochenflöte). Musik ist die reinste Form des Gefühlsausdrucks: Im ganzen Buch drücken die Figuren ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre unerwiderte Liebe durch das bäuerliche Saiteninstrument des Picochets aus, das als Instrument der wilden Hinterlande mit den Kräften der Erde verbunden ist - sehr unhöfisch. Als die dämliche Damiet es spielt, erregt sie damit erheblichen Anstoß.
Caladrius\' Reise im Namen von Vergeltung und Erlösung ist - obwohl er es nicht weiß - auch eine Queste, um endlich jener Barde zu werden, zu dem er bestimmt war: Er muss lediglich die seelische Kraft freisetzen, die durch bitteren Verlust und die Furcht vor dem Basilisken weggesperrt worden war.
Der Erzählstil
Gleich auf den ersten Seiten fällt dem Leser der bemerkenswerte Erzählstil auf, den die Autorin einsetzt. Sie erzielt damit ganz bestimmte Wirkungen. Diese Prosa singt, als wäre sie Poesie - oder Musik. Die Vergleiche sind keine Vergleiche mehr, sondern Gleichsetzungen: Metaphern. Caladrius ist nicht wie ein Vogel, sondern ist dies. Sein Rachedurst ist nicht wie ein wildes Tier, es ist wahrhaftig ein Monster. Seine Erinnerungen sind in Raben verkörpert, sein Kummer in Asche. Nur in diesen Metaphern wird uns sein Innenleben enthüllt - dies gilt in gleichem Maße für viele weitere Figuren, aber für ihn am häufigsten und intensivsten.
Diese intensive Wortmusik kann mehr als einmal übertrieben wirken und lässt viel an Zwischentönen anklingen. Sie beschreibt weniger, sondern evoziert mehr. Da dies viel Platz für Deutung lässt, kann bzw. sollte man eine komplexe Szene durchaus mehrmals lesen, so etwa, als Caladrius schließlich auf den Spion Brio stößt. Der Dialog der beiden ist auf den ersten Blick mehr als seltsam, denn Logik spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Lücken und Sprünge zeigen sich, die der Leser auszufüllen hat.
Anders als im realistischen psychologischen Roman werden die Ereignisse außerhalb der Figuren erzählt, doch besonders Naturmotive machen deren Innenleben deutlich. (Und natürlich Musik.) Dieser etwas distanziert erscheindende Stil fiel mir immer wieder auf. Manche Szenen mit den Rebellen lassen sich wie Filmszenen betrachten. Andere Szenen wiederum eröffnen einen kurzen Blick auf das Gefühlsleben, dass es einem das Herz umdreht. Andere wiederum veranlassen einen zum Loslachen, besonders Szenen mit der gräßlichen Damiet, die ihre Lehrerin Giulia zur Verzweiflung treibt.
Zwei Bedeutungsschichten
Der Eindruck könnte entstehen, als sei \"Lied für den Basilisken\" anstrengende Lektüre. Das Gegenteil ist der Fall. Die lebhafte Schönheit der Beschreibungen, die ungewöhnliche Poesie in den Handlungen der detailliert charakterisierten Figuren und ihren Szenen, die Spannung, die im Anschlag auf das Leben des Fürsten liegt - all dies verleitet zu einer geradezu gierigen, angespannten Leseweise, als könnte man sich an dieser Geschichte betrinken: die Freude am Märchen.
Ich nenne dies die obere Schicht des Buches, die leicht zugängliche Schicht. Darunter liegt, wie bereits angedeutet, eine weitere Schicht: ein dichtes Geflecht von Symbolen, Leitmotiven und Querverweisen. Ein einfaches Beispiel ist die Szene, in der der Spion Brio den Magister Caladrius verfolgt, dann aber plötzlich von Raben angegriffen wird und verschwinden muss. Beide Figuren zeigen sich nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Auch die Raben sind, wie wir nun wissen, nicht einfach nur Raben - sie sind Caladrius\' Symbole für die Erinnerung an das gestürzte Haus Tourmalyne und Vorboten seiner Rache. Wie mag er sie wohl herbeigerufen haben? Natürlich mit einer magischen Flöte.
Die Fantasy von McKillip hat also durchaus literarische Qualitäten. Es würde sich lohnen, sie näher unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt vieles darin zu entdecken, das den Entdecker bereichert.
Die Autorin
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Die 1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie ist noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Schatten über Ombria\" (Klett-Cotta) als neuestes Buch auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Song for the basilisk, 1998; Klett-Cotta 2001, Stuttgart; 318 Seiten, 20,00 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93221-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-29 13:02:49 mit dem Titel Patricia McKillip: *Schatten über Ombria*: Sprachgewaltiger Fantasyroman
Der König ist tot, lang lebe der König - doch wie lange noch? Unter dem wachsenden Schatten der zaubermächtigen Regentin muss der junge Thronerbe überleben, oder die Stadt wird untergehen. Die Freunde, die Kyel lieben, beschließen ihn unter Lebensgefahr zu retten, doch sie haben nicht mit der Macht der Regentin gerechnet.
Die Autorin Patricia McKillip zählt mittlerweile zu den wichtigsten Fantasyautorinnen der Gegenwart, sie wird bereits auf eine Stufe mit Ursula K. Le Guin (Erdsee-Zyklus) gestellt.
Handlung
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Die Handlung hat keine Hauptfigur, mit der sich der Leser identifizieren könnte - das ist eines der Mankos dieses Buches. In \"Das Lied des Basilisken\" gab es einen Musiker, dessen Kunst zugleich Magie war, und wir folgten seinem Werdegang und schlussendlichen Erfolg. In \"Schatten über Ombria\" entwickeln sich mehrere Figuren, und wir sind gezwungen, uns ihre Erlebnisse und ihr Zusammenspiel einzuprägen. Aber auch die Stadt Ombria selbst spielt eine eminent wichtige Rolle. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Monate.
Da alle positiven wie negativen Wechselwirkungen in diesem Buch auf gegensätzlichen Paaren aufgebaut sind, versuche ich die Figuren in zwei Lager einzuordnen.
Die Geschichte beginnt zünftig mit einer Verstoßung aus dem Stand der Unschuld und des Wohlbefindens: Lydea, die Tochter eines Schankwirts, war jahrelang die geliebte Konkubine des nun sterbenden Fürsten von Ombria, Royce. Noch während während Royce Greve auf dem Sterbelager liegt, verstößt die boshafte neue Regentin Domina Perle, genannt die Schwarze Perle, Lydea aus dem Palast. Man sagt, die Regentin wisse mit Gift und schwarzer Magie umzugehen...
Lydea muss in ihrer schönen Kleidung, in ihren teuren Schuhen durch die verkommenen Gassen des düsteren Hafenviertels außerhalb des Palastes fliehen. Nur weil ihr jemand hilft, sich zu verstecken, entkommt sie Banditen und Dieben, um sich schließlich bei ihrem Vater als Scheuermagd und Schankmädchen zu verdingen. So schnell kann\'s gehen.
Doch geholfen wurde ihr von einem ganz besonderen Mädchen: Mag ist der \"Wachsling\", das möglicherweise aus Wachs geformte Dienstmädchen, einer weiteren mächtigen Zauberin, Faey. Doch Faey ist wie Domina Perle keineswegs menschlich. Die heilkundige Hexe scheint in einer anderen Dimension Ombrias zu leben, zumindest in der Unterstadt. Hier gibt es Geister, viele Schatten und nutzbare Magie. Faey lässt sich die Nutzung ihrer Magie gut bezahlen. Und so kommt es, dass sie eines Tages einen Auftrag Domina Perles annimmt: Sie soll den unerwünschten Neffen des mittlerweile verstorbenen Fürsten vergiften. Sie muss sich also in die Staatsangelegenheiten einmischen.
Dieser Neffe, Ducon, ist ein Bastard, der wie ein Albino aussieht und offenbar, wie Mag, die Fähigkeit besitzt, beide Seiten Ombrias zu sehen: die des Lichts und die der Schatten, die des Palasts und die der Unterstadt, wo die Geister leben (darunter auch sein verstorbener Vater). Ursprünglich als Erzieher des Nachfolgers des Fürsten, des neunjährigen Kyel Greve angestellt, streunt Ducon Greve zunehmend durch die Gassen und Schänken des düsteren Hafenviertels, um den Zugang zu Unterstadt zu finden. Dabei zeichnet er unablässig, was er sieht. Diese Zeichenkohle ist es, die Faey vergiftet. Ducon gerät ins Delirium, bis er schließlich zusammenbricht und in die Unterstadt stürzt.
Es ist nur Mag zu verdanken, dass Ducon nicht getötet wird. Denn sie hat inzwischen von ihrer Freundin Lydea erfahren, dass Ducon die letzte Hoffnung Ombrias auf Rettung ist, denn die Hexe im Palast will Kyel Greve ebenso töten wie Ducon, um danach Alleinherrscherin (und Piratin) zu sein.
Nun kann Mag, die an Tochterstelle adoptierte Dienstmagd, Faey (die eigentlich unparteiisch bleiben will) davon abhalten, Ducon zu töten. Vielmehr beschließen Mag, Lydea und Ducon, unter Lebensgefahr in den Palast zurückzukehren, um den kleinen Kyel Greve zu retten und die Regentin zu stürzen. (Man sieht, sie alle haben sich mittlerweile gewaltig verändert.) Von der mächtigen Zauberin maskiert, wagen sie es, direkt unter der Nase der Schwarzen Perle gegen sie zu intrigieren und Kyel Mut zu machen.
Das kann natürlich nicht lange gutgehen. Als Mag der Regentin in die Hände fällt, muss Faey reagieren. Ihr Gegenangriff erschüttert die Grundmauern des Palastes und verändert die gespaltene Stadt für immer. Was mit einer Verstoßung begann, endet mit einer Wiedergeburt.
Mein Eindruck
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Drei Symbole
McKillip ist viel zu sehr Künstlerin, um es für nötig zu halten, irgendetwas davon lgisch zu erklären. Stattdessen beobachtet sie lediglich, dringt dabei aber in eine Tiefe vor, die anderen AutorInnen des Fantasy-Genres verwehrt zu sein scheint (eine Ausnahme gibt: Ursula K. Le Guin). Das bedeutet, dass sich der junge oder erwachsene Leser seinen eigenen Reim auf die Gründe des Geschehens machen muss. Hier spielt Logik des Verstandes keine Rolle, sondern vielmehr ein Ursache-Wirkung-Prinzip, das auf der Wechselwirkung von Emotionen beruht.
Wie schon angedeutet, spielen Dualismen eine große Rolle. Die zentralen Metaphern dafür sind der Spiegel, das Zeichnen und Passagen.
A) Spiegel
Wie mit Monitoren überwacht Domina (\"die Herrin\") Perle mit Hilfe zahlreicher Zauberspiegel ihr Herrschaftsgebiet. Statt Schönheit zu reflektieren, dienen ihre Spiegel nur ihrer Machtausübung. Domina und die Spiegel sind Teil des Schattens, der über Ombria liegt. Doch ihr Blick reicht nicht bis in die Unterstadt der Geister, wo die Zauberin Faey herrscht und Mag sich versteckt. Hier, im Zwielicht der Geister und der Magie, erwächst eine Gegenkraft zu Dominas Herrschaft. (McKillip beschreibt Ombria, als handelte es sich um eine menschliche Figur, mit allen Schichten und Aspekten.)
B) Zeichnungen
Ducons Zeichnungen sind eine weitere wichtige Metapher. Wie der Fotograf in Antonionis \"Blow-up\" ist er besessen vom Gesehenen, denn sein Blick dringt tiefer als das Auge gewöhnlicher Menschen. Ducon gelingt der Durchbruch zur Geisterdimension. Schließlich sind seine Zeichnungen nicht mehr tot, sondern können auf magische Weise - im Zwischenreich des Möglichen - das Gezeichnete zum Leben erwecken, so etwa seinen Vater. Dieser ist eine Verbindung mit der Vergangenheit, die Ombria einen weiteren Aspekt hinzufügt: Die Stadt entwickelt sich in wiederkehrenden Zyklen, die Untergang und Wiedergeburt durchlaufen. Das Herrschergeschlecht Greve pflanzt sich daher nicht linear und ungebrochen fort, sondern weitverzweigt in obskuren Verästelungen: Ducon ist eine davon, doch die vielversprechendste.
C) Passagen
Durchgänge sind das dritte zentrale Symbol. Neben dem Durchbruch zur Unterstadt sind hier vor allem Lydeas Verstoßung aus der Palasttür aufzuführen und die unzähligen Geheimtüren im ausgedehnten Palast. Wie in einem italienischen Renaissancepalast gehen Diener und Intriganten durch unsichtbare Tapetentüren ein und aus, um ihre Herrschaft oder ihre Mitverschwörer zu treffen. Es handelt sich um einen Palast im Palast, eine Schachtel in einer größeren Schachtel und so weiter. Das erinnerte mich an Mervyn Peakes Schloss Gormenghast.
Nach Royces Tod machen sich auch die Ex-Minister und Ducons Vettern Hoffnungen auf den Thron, doch zuvor muss der junge Erbe sterben. Daher spielt Ducon (und später Lydea und Mag) ein riskantes Doppelspiel mit Kyles Gegnern: Prompt werden Attentate auf ihn verübt.
Kurz vor Schluss führt eine Tür in das verhängnisvolle Schlafzimmer der Schwarzen Perle. In diesem Zentrum der Schwarzen Magie erwartet die angekettete Mag und und Ducon Greve ihr Schicksal.
Dieser Raum hat sein Gegenstück in Faeys Haus. Hier wird betäubender Tee serviert und Gift gebraut, Geister sprechen, und magische Amulette finden sich in seinen Winkeln. Es es wichtig, daran zu denken, dass die Bewohnerin dieses Hauses kein Mensch ist, sondern ein Wesen, das älter ist als Ombria selbst. Wir erfahren nicht, was Faey ist, genau wie so vieles andere der Erforschung durch die Vorstellungskraft überlassen bleibt.
Dass diese dualen Konflikte sich am Schluss nicht alle in Wohlgefallen auflösen, dürfte einleuchten. Der Sieg des Guten ist wieder einmal bittersüß und überschattet von Opfern.
Die Sprache
Der Ton dieser Handlung und für diese Art von zwielichtiger Welt ist nicht der von Allerwelts-Fantasy à la Raymond Feist oder Robert Jordan (obwohl die auch ihre Qualitäten haben). Die Sprache nähert sich vielmehr dem Gothic Horror eines Edgar Allan Poe an, nur dass dessen Melodramatik fehlt. Wer \"The Cask of Amontillado\" oder \"Morella\" und \"Ligeia\" gelesen hat, weiß, wovon ich rede.
McKillips Prosa ist an Poesie geschult und führt so zuweilen zu ungewöhnlichen Fügungen, um eine Empfindung oder eine Figur zu beschreiben. Sie ermöglicht sogar leise Ironie. Dies ist keine anspruchslose Sprache, wie man sich denken kann. Tatsächlich konnte ich daher immer nur wenige Kapitel (alle sind zwischen 9 und 12 Seiten lang) auf einmal lesen. Ich brauchte zwei Monate für das 300-Seiten-Buch.
Die Sprache lebt in der deutschen Fassung natürlich von den Qualitäten des Übersetzers. Hans J. Schütz hat Tad Williams, H.P. Lovecraft und Peter S. Beagle übersetzt (neben vielen anderen). Er macht seine Sache sehr gut. Nur an manchen Stellen erschienen mir seine Fügungen und Wortwahl als zu gestelzt, zu geschraubt und mitunter antiquiert, aber das trifft wohl auch auf McKillips Sprache zu. Genervt haben mich lediglich seine vielen Tippfehler. Offenbar spart Klett-Cotta nun auch am Korrektor, um den Preis niedrig halten zu können: Dieses Buch kostet 2 Euro weniger als das bessere \"Lied des Basilisken\".
Die Autorin
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Die am 29.2.1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie sind noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Das Lied des Basilisken\" (Klett-Cotta) auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Unterm Strich
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Für diesen Fantasyroman mit Gothic-Horror-Elementen sollte man sich Zeit nehmen und ihn notfalls zweimal lesen. McKillip gelingt es, aus einer bedrückenden Atmosphäre heraus Gefühle der Hoffnung entstehen zu lassen, die zu Aktionen werden. Die Geschichte Ombrias ist eine zyklische Geschichte von Verstoßung, ständiger Bedrohung und Wiedergeburt. Die (anspruchsvolle) Sprache ist der Magie der Handlung ebenbürtig, ermöglicht sie im Grunde erst. Doch dass der Handlung eine Hauptfigur fehlt und sie auf drei bis fünf Figuren verteilt ist, macht es nicht einfach, ihr zu folgen. Auch auf die Druckfehler hätte ich verzichten können.
Das Buch eignet sich für Freunde guter phantasievoller Geschichten ab etwa 14 Jahren, die durchaus mal auf Action verzichten können.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Ombria in shadow, 2002; Klett-Cotta 3/2002, Stuttgart; 298 Seiten, EU 18,00, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93201-1
Mehr Info: www.klett-cotta.de/hobbitpresse (ohne Gewähr)
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-04 12:00:57 mit dem Titel Patricia McKillip: *Das Lied des Basilisken*: Ein Lied von Rache und Erlösung
Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte eines Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.
Dieses Buch sowie \"Schatten über Ombria\" wird der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.
Handlung
Der Roman beginnt mit einem echten Schocker. Ich zitiere den Verlag: \"Schwarzer Rauch steht über dem zerstörten Schloß des Hauses Tourmalyne. Die Leibgarde liegt hingemetzelt vor der Tür zum Großen Saal. Ein Anblick der Verwüstung. Da regt sich etwas in der Asche des geborstenen Kamins - ein Kind. Die Männer, die es finden, nehmen es in ihre Obhut. Sie nennen es Rook, den Raben, wegen seiner ungewöhnlichen schwarzen Augen.\" Rook hat alle Erinnerung an den Überfall verloren, bei dem seine Familie ausgelöscht und sein Besitz zerstört wurden. Erst als er ein bestimmtes Musikinstrument spielt, kommt die Erinnerung wieder, daran und an den feurigen, starren Blick des Basilisken.
Vier Jahrhunderte lang herrschte das Haus Tournalyne über die mauernumringte Stadt Berylon, bis das rivalisierende Haus Pellior, das von einem Fürsten, den man nach seinem Wappentier den \"Basilisken\" nannte, sich erhob und die drei anderen Häuser angriff, um die Stadt zu übernehmen. Als einziger Nachkomme der Tourmalynes überlebt Rook das Massaker an seiner Familie. Damit der Angreifer mit den magischen Kräften ihn nicht findet, verwandelt er alle seine Gedanken zu Asche, denn in Asche hat er sich versteckt.
Nach seiner Rettung nennt er sich Caladrius, nach jenem Vogel, der am Sterbebett eines Königs singt. Er wird zur Insel Luly gebracht, einer entfernten Bardenschule in den Ländern des Nordens, am Rand der Welt. Dort verbringt er 37 Jahre, und mit der schönen Sirina hat er einen Sohn, Hollis.
Rook lernt auf der Bardeninsel die Magie der Musik: Eine bestimmte Tonfolge, gespielt auf einer bestimmten Flöte, läßt das Getreide wachsen, eine andere vermag Wunden zu heilen. Und eine unscheinbare Knochenflöte bringt, wenn sie gespielt wird, den Tod. Die Harfe meidet er, denn sie bringt Erinnerungen zurück. Doch ohne Harfe kann er kein Barde werden, nur Lehrer.
Als ein Abkömmling der Tourmalyne nach Luly kommt, um die unterstellte Mgie eines Barden zu erlangen, wird in Caladrius\' Mauer des Vergessens eine Bresche geschlagen. Als er in die Wildnis reist, träumt er von Feuer, erinnert sich an seine geheime Identität: Er sieht wieder, wie die Schlächter des Basilisken den Palast seines Vaters überfallen, wie sie Feuer legen und die Schätze plündern. Sein Entschluß steht fest: Er wird den machtgeilen Fürsten mit dem Basilisken im Wappen töten, er wird seine Eltern rächen, er wird die stumme Flöte ihr Todeslied singen lassen.
(Die Darstellung dieses Entschlusses erfolgt sehr poetisch: die Vision eines mythischen Untiers, das wie ein Drache aussieht und zu Caldrius sagt, es werde stets bei ihm sein, besonders dann, wenn er die Feuerbeinflöte spielt.)
Seine Geschichte wird abwechselnd mit der Giulias und ihres Freundes Justin erzählt. Die beiden leben in Berylon, gehören aber der Seite der im Untergrund wirkenden Rebellen an. Giulia unterrichtet an der übrig gebliebenen Musikschule der Tourmalyne und bereitet bei Hofe die Geburtagsoper des Fürsten vor.
Bei Hofe geht es zu wie während der italienischen Renaissance, mit allen Gefahren, die dort für Ruf, Leib und Leben besteht. Der \"Basilisk\" ist kein gnädiger Tyrann, und seine Tochter Luna beherrscht die Schliche von Magie und Gift ebenso gut wie er. Ihr Spion Brio kommt Caladrius schließlich auf die Schliche.
Als Caladrius in Berylon eintrifft, folgt ihm Hollis, der sich den Rebellen anschließt. Caladrius wird Bibliothekar bei Hofe. Dort verliebt sich die egozentrische Tochter des Fürsten in ihn: Nur für ihn will sie in der Oper singen. Diese Szenen sind die komischsten des ganzen Buches. Denn natürlich kann Damiet nicht singen und wählt Musik vielmehr nach der Farbe ihrer Kleider aus (\"das malvenfarbene Lied\").
Als er von einer befreundeten Adligen eine Feuerbeinflöte erhält, hat Caladrius alles, um bei der Aufführung der ebenso lächerlichen wie verhängnisvollen Oper seinen Anschlag auszuführen. Doch er hat weder mit den Rebellen, noch mit Brio und seinem Sohn gerechnet. Es kommt alles ganz anders als geplant.
Mein Eindruck
Obwohl diese Geschichte wie so oft bei McKillip eine Geschichte von Vergeltung ist, geht es doch im wesentlichen nicht darum, sondern um Liebe, Verwandlung und Macht. Diese Macht ist die Kraft von Erinnerung, Hass, Vergebung, der Familie, der eigenen Identität und immer wieder die Kraft der Musik. Dies deutet ja bereits der Titel an.
Das Leitmotiv
Musik ist das zentrale Leitmotiv der Geschichte: die mystische Musik der Barden von Luly, die Musik des Meeres und der übrigen Welt, die wilde Musik der Hinterland-Wildnis, die wohlgeordnete, höfische Musik der Magister von Berylon. Nur der Basilisk und seine Tochter machen keine Musik: Sie ordnen sie an.
Musik versetzt Caladrius in die Lage, seine Vergangenheit zu vergessen und weckt dann wieder seine Erinnerung. Sie ist die Form der Rache, die er wählt (die Knochenflöte). Musik ist die reinste Form des Gefühlsausdrucks: Im ganzen Buch drücken die Figuren ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre unerwiderte Liebe durch das bäuerliche Saiteninstrument des Picochets aus, das als Instrument der wilden Hinterlande mit den Kräften der Erde verbunden ist - sehr unhöfisch. Als die dämliche Damiet es spielt, erregt sie damit erheblichen Anstoß.
Caladrius\' Reise im Namen von Vergeltung und Erlösung ist - obwohl er es nicht weiß - auch eine Queste, um endlich jener Barde zu werden, zu dem er bestimmt war: Er muss lediglich die seelische Kraft freisetzen, die durch bitteren Verlust und die Furcht vor dem Basilisken weggesperrt worden war.
Der Erzählstil
Gleich auf den ersten Seiten fällt dem Leser der bemerkenswerte Erzählstil auf, den die Autorin einsetzt. Sie erzielt damit ganz bestimmte Wirkungen. Diese Prosa singt, als wäre sie Poesie - oder Musik. Die Vergleiche sind keine Vergleiche mehr, sondern Gleichsetzungen: Metaphern. Caladrius ist nicht wie ein Vogel, sondern ist dies. Sein Rachedurst ist nicht wie ein wildes Tier, es ist wahrhaftig ein Monster. Seine Erinnerungen sind in Raben verkörpert, sein Kummer in Asche. Nur in diesen Metaphern wird uns sein Innenleben enthüllt - dies gilt in gleichem Maße für viele weitere Figuren, aber für ihn am häufigsten und intensivsten.
Diese intensive Wortmusik kann mehr als einmal übertrieben wirken und lässt viel an Zwischentönen anklingen. Sie beschreibt weniger, sondern evoziert vielmehr. Da dies viel Platz für Deutung lässt, kann bzw. sollte man eine komplexe Szene durchaus mehrmals lesen, so etwa, als Caladrius schließlich auf den Spion Brio stößt. Der Dialog der beiden ist auf den ersten Blick mehr als seltsam, denn Logik spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Lücken und Sprünge zeigen sich, die der Leser auszufüllen hat.
Anders als im realistischen psychologischen Roman werden die Ereignisse außerhalb der Figuren erzählt, doch besonders Naturmotive machen deren Innenleben deutlich. (Und natürlich Musik.) Dieser etwas distanziert erscheinende Stil fiel mir immer wieder auf. Manche Szenen mit den Rebellen lassen sich wie Filmszenen betrachten (z.B. wie \"Wem die Stunde schlägt\"). Andere Szenen wiederum eröffnen einen kurzen Blick auf das Gefühlsleben, dass es einem das Herz umdreht. Andere wiederum veranlassen einen zum Loslachen, besonders Szenen mit der gräßlichen Damiet, die ihre Lehrerin Giulia zur Verzweiflung treibt.
Zwei Bedeutungsschichten
Der Eindruck könnte entstehen, als sei \"Lied für den Basilisken\" anstrengende Lektüre. Das Gegenteil ist der Fall. Die lebhafte Schönheit der Beschreibungen, die ungewöhnliche Poesie in den Handlungen der detailliert charakterisierten Figuren und ihren Szenen, die Spannung, die im Anschlag auf das Leben des Fürsten liegt - all dies verleitet zu einer geradezu gierigen, angespannten Leseweise, als könnte man sich an dieser Geschichte betrinken: die Freude am Märchen.
Ich nenne dies die obere Schicht des Buches, die leicht zugängliche Schicht. Darunter liegt, wie bereits angedeutet, eine weitere Schicht: ein dichtes Geflecht von Symbolen, Leitmotiven und Querverweisen. Ein einfaches Beispiel ist die Szene, in der der Spion Brio den Magister Caladrius verfolgt, dann aber plötzlich von Raben angegriffen wird und verschwinden muss. Beide Figuren zeigen sich nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Auch die Raben sind, wie wir nun wissen, nicht einfach nur Raben - sie sind Caladrius\' Symbole für die Erinnerung an das gestürzte Haus Tourmalyne und Vorboten seiner Rache. Wie mag er sie wohl herbeigerufen haben? Natürlich mit einer magischen Flöte.
Die Fantasy von McKillip hat also durchaus literarische Qualitäten. Es würde sich lohnen, sie näher unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt vieles darin zu entdecken, das den Entdecker bereichert.
Unterm Strich
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Eine Fantasy abseits der Trampelpfade von Tolkien- und Pratchett-Epigonen, weit weg von Serienkost. Man muss sich dafür ein wenig Zeit nehmen, aber die Mühe lohnt sich. Am ehesten ist McKillip mit dem (hierzulande völlig unbekannten) Kanadier Charles de Lint (\"Grünmantel\") zu vergleichen.
Die Autorin
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Die am 29.2.1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie ist noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Schatten über Ombria\" (Klett-Cotta) als neuestes Buch auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Song for the basilisk, 1998; Klett-Cotta 2001, Stuttgart; 318 Seiten, 20,00 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93221-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-12 10:19:42 mit dem Titel Henry Miller: *Stille Tage in Clichy*: Schräge Abenteuer
Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. \"Clichy\" entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet.
Doch die erotischen Abenteuer, die Millers \'alter ego\' Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre. Ein Abstecher in das deutschsprachige und –gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.
Handlung
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Ein durchgehender Handlungsfaden ist in diesem nur 130 Seiten langen Text nicht zu finden, vielmehr wird die Form durch Episoden bestimmt. Derer gibt es etliche, und praktisch drehen sich um Frauen beziehungsweise Mädchen.
Der Schriftsteller Joey lebt schon etwa ein halbes Dutzend Jahre in der Seine-Metropole. Mit seinem Freund Carl, der ebenfalls schreibt, aber angestellt ist, teilt er sich eine bescheidene Wohnung außerhalb der Stadtmauern von Paris, hinter dem Montmartre, sowie eine stets leere Speisekammer (Kühlschränke waren noch nicht erfunden). Die Ebbe im Portemonnaie ist ein Dauerzustand bei Joey, aber das hindert ihn nicht daran, einer der hübschen Huren am Montmarte sein letztes Geld zu schenken – er hat eben ein goldenes Herz, der Gute!
Das zeigt sich besonderes, als er Mara kennenlernt. Sie ist \"sein Typ\", wie Carl sagt, und erinnert ihn an eine verflossene Geliebte, Christine. Mara ist keineswegs aufdringlich, obwohl sie eine Professionelle ist, vielmehr scheint sie eher viel zu ehrlich und bescheiden für ihren Beruf zu sein, erkennt Joey. Miller porträtiert die Figur der Mara auf eindringliche Weise, was schließlich in der schmerzlichen Trennung Joeys von ihr deutlich wird.
Wesentlich lustiger und verrückter geht es im ersten Teil des Kurzromans zu. Da ist etwa die somnambule Tagträumerin, die sich für die Indianerprinzessin Pocahontas hält. Oder die zwei Mädchen, die zu Joey in die Badewanne steigen, um dort Rot- und Weißwein zu trinken. Leider kann es sich der besoffene Joey nicht verkneifen, seine Blase zu entleeren. Das hingegen finden die beiden Mädchen \"unethisch\" und verabschieden sich unter wütendem Protest – vor allem aber wohl wegen der leeren Taschen von Joey und Carl.
Natürlich hat die freie Liebe in Paris auch ihre Risiken. So fängt sich Carl mehrmals den Tripper ein, liefert sich einmal sogar mit Verdacht auf Syphilis ins Krankenhaus ein. Noch gefährlicher als Infektionen sind jedoch die Tücken des Gesetzes, das es Männern verbietet, sich mit Minderjährigen einzulassen. Der leichtsinnige Carl kommt deshalb beinahe ins Gefängnis. Und nur der respekt der Franzosen vor Dichtern und Philosophen rettet ihn. Dies ist eine der komischsten Szenen des Buches.
Auch Luxemburg hat seine Reize. Das findet das dynamische Duo heraus, als es das Land der Grande Nation erkundet und für einen Tag verlässt. Allerdings stoßen die beiden neben bildhübschen Café-Sängerinnen auch auf antisemitische Restaurantbesitzer: \"Dieses Haus ist judenfrei\" heißt es da stolz auf einer Visitenkarte. Joey, der sehr gut Deutsch spricht,weil es von dem Ungarn Carl gelernt hat, bekommt schier einen Tobsuchtsanfall und muss hinausgezerrt werden. Ansonsten hat er aber nichts gegen die deutsche Kultur. Im Gegenteil: Er singt offenbar gerne deutsche Lieder. Das war natürlich vor dem Kriegsausbruch. 1940 schrieb Miller diesen Roman in New York City.
Mein Eindruck
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Mit \"Stille Tage in Clichy\" ist hervorragend bedient, wer sich noch nicht auf die längeren Romane Millers wie etwa \"Wendekreis des Steinbocks\" einlassen will oder wer mit reiner Brotarbeit wie dem posthum veröffentlichten \"Opus Pistorum\" nichts anfangen kann. \"Clichy\" verströmt den Duft von Unschuld, Geilheit und Frühling. Die erotischen Szenen gehören zu den komischsten im ganzen Genre. Doch auch die ernsten Seiten fehlen nicht, wie die Episode mit Mara zeigt.
Hervorragend wiedergegeben hat dieses Flair die unkonventionelle dänische Verfilmung aus den siebziger Jahren. Der in schwarz-weiß gedrehte Film wartet mit Sprechblasen über den Köpfen der Darsteller auf. Natürlich stehen in diesen Blasen sehr eindeutige Wörter und Begriffe. Die Musik von Woodstock-Barde Country Joe Mcdonald (\"Fish Cheer\") passt hervorragend zu dem Bohemien-Ambiente in Clichy. Die spätere Farbverfilmung verblasst paradoxerweise demgegenüber. Der Regisseur hat sich dabei offensichtlich Scheuklappen angelegt.
Wir können froh sein, dass dieses wunderbare Buch Mitte der sechziger Jahre von der Zensur freigegeben wurde, nachdem es bereits 1956 in Paris erstveröffentlicht worden war – wo sonst?
Michael Matzer © 2002ff
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-06 16:37:31 mit dem Titel Vonda McIntyre: *Die Traumschlange*: Spannende SF-Fantasy für Frauen
In ferner Zukunft, einige Jahre nach einem atomaren Holocaust, leben die Menschen in Stämmen in der Wüste oder zusammengedrängt in den Ruinen der Städte. Ärzte wandern von ihrem Zentrum aus, um zu helfen.
Die junge Heilpraktikantin Schlange kuriert mit Hilfe von manipuliertem Schlangengift Verletzte und Todkranke, oft erfolgreich, machmal kommt sie auch zu spät. Sie kämpft gegen Fremdenangst und Ignoranz, dabei wird ihre Traumschlange getötet, mit der sie die Patienten beruhigt.
Doch die Heiler können die Traumschlangen, die von frmden Welten stammen, nicht selnst züchten, sondern müssen sie in der alten Stadt kaufen. Dort jedoch wird Schlange abgewiesen.
Auf ihrer Reise adoptiert sie ein junges Mädchen, Melissa, das sehr unter erlittenen Verbrennungen leidet. Sie will Melissa zur Heilerin ausbilden und nimmt sie auf ihre Suche mit. Ein junger Mann verliebt sich in sie und folgt ihrer Spur.
In den Ruinen einer Bunkerfestung findet sie schließlich Traumschlangen in rauhen Mengen, doch deren Besitzer, ein gigantischer Albino, haßt alle Heiler und hält sich Leute als Sklaven, die vom Gift der Traumschlangen abhängig geworden sind.
Er wirft Schlange und ihre Adoptivtochter in eine Grube voller Traumschlangen. Hier entdeckt sie das geheimnis der Fremdwesen. Beide geraten in Lebensgefahr, doch Schlange gelingt es zu entkommen und Melissa mit knapper Not zu retten.
Zu guter Letzt taucht auch ihr junger Freund auf und gibt den beiden Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu dritt. Drei ist die magische Zahl in diesem Buch - auch Traumschlangen vermehren sich nur zu dritt.
Mein Eindruck
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Das Buch ist nicht nur eine gelungene Synthese aus Science Fiction- und Fantasy-Elementen, sondern zugleich eine einfühlsame Studie einer jungen Frau, die im wesentlichen auf sich allein gestellt das Leben in einer lebensfeindlich gewordenen Welt meistert. Die Autorin macht weder den Fehler, eine problemlose Idylle zu schildern, noch zeigt sie die Heilerin als besser funktionerenden Mann. Vielmehr wird hier eine im Grunde realistische Geschichte im Fantasy-Gewand erzählt, und die Heldin bewältigt ihre Schweirigkeiten aus sich selbst heraus, durch Einsatz ihrer besonderen Fähigkeiten als Frau, als Mensch.
Zu der Zeit seiner Entstehung Anfang der siebziger Jahre dürfte die Schilderung von Ehegemeinschaften aus drei Mitglieder und von Dörfern, in der Familien aufgrund von Adoption zustandekommen, für einiges Aufsehen gesorgt haben. Auch die Themen Kindesmißbrauch und Vergewaltigung dürften hier zum ersten Mal in der SF aufgetaucht sein. Die Basis- Story dieses Romans fehlt daher in kaum einer feministischen SF-Anthologie.
Die Autorin
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Die 1948 geborene Autorin erhielt 1973 für die Novelle, die die Grundlage dieses Romans bildet, den Nebula Award, und für den 1978 erschienenen Roman die zwei wichtigsten Preise der Science Fiction. Bei uns wurde sie mit dem Starfarer-Zyklus bekannt und der historischen Fantasy \"Am Hofe des Sonnenkönigs\" (Bastei-Lübbe, 1999).
Unterm Strich
Dieser Kombination aus SF und Fantasy eignet sich für aufgeschlossene LeserInnen beider Genres. Es ist spannend und bietet dennoch genug Stoff, um zum Nachdenken anzuregen. Schade, dass es nicht mehr von solchen guten Büchern gibt.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Dreamsnake, 1978; Bastei-Lübbe 1999, Bergisch Gladbach; 446 Seiten, aus dem US-Englischen übertragen von Horst Pukallus; ISBN 3-404-24263-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-14 19:33:35 mit dem Titel P. Melo: *Ich töte, du stirbst*: Brasilianischer Psychothriller
Die vernachlässigte Ehefrau Rita verdächtigt ihren Mann, ein berüchtigter Frauenmörder zu sein. Ist sie das nächste Opfer? - Ein pedantischer Bankangestellter will seine Nachbarin killen, muss sie aber zuerst verführen: ein todbringender Don Juan. Ist er der gesuchte Frauenmörder? - Zwei Episoden um Psychosen bilden diesen kriminell guten Roman einer Brasilianerin.
\"Ich töte, du stirbst\" ist Patricia Melos erster Roman und erschien 1994. Nach \"O Matador\" und \"Wer lügt gewinnt\" ist dies der dritte von Klett-Cotta verlegte Roman Melos.
Die Autorin
Patricia Melo wurde bis in zwölf Sprachen übersetzt und 1998 für \"O matador\" mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den begehrten Premio Jabuti ihres Heimatlandes.
Die Übersetzerin
Barabara Mesquita, 1959 in Bremen geboren, ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Portugiesisch und Spanisch. Sie hat u.a. Luis Verissimo und Juan Manuel de Prada ins Deutsche übertragen. Ihre Arbeit an \"Ich töte, du stirbst\" ist einfach makellos.
2 Handlungen
Erster Teil
Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 1. Teils ist die junge Brasilianerin Rita. Sie sucht ein Polizeirevier auf, um dem Beamten zu berichten, sie vermute, ihr eigener Gatte sei der berüchtigte Frauenmörder des Stadtteils Lapa. Sie fürchte um ihr Leben. Das macht den Beamten erst einmal skeptisch.
Und uns auch, denn Rita, die vernachlässigte Gattin, die den ganzen Tag im Fernsehen amerikanische Krimiklassiker anschaut (diese Szenen verschwimmen mit der Realität), schnüffelt ihrem Männe, Rubem Marcondes, hinterher. Rubem ist Fernsehproduzent, und tatsächlich scheint ihn ein Geheimnis zu umgeben.
Auf ihren Beschattungsfahrten entdeckt Rita, wie ihr Angetrauter andere Frauen trifft, attraktive Blondinen gar, in Cafés und Bars. Ihre Paranoia wächst: landet sie demnächst bald beim alten Eisen? Doch Rubem streitet natürlich alles als Einbildung und Unsinn ab. Rita zweifelt an ihrem Verstand.
Dann findet sie, ganz die Paranoikerin, in einem geheimen Versteck im Keller mehrere mysteriöse Ampullen: Darin befindet sich Aqua Toffana (vgl. O-Titel), jenes tückisch wirkende Gift aus der Renaissance, das so langsam tötet, dass es zwei Jahre (!) dauert, bis das Opfer verendet.
Der Polizeibeamte ist weiterhin skeptisch: Ist Rita nicht doch nur eine durchgeknallte Psychopathin? Wenig später wird die Leiche einer jungen Frau in Lapa gefunden, das sechste Opfer: Rita.
Zweiter Teil
Auch am Geisteszustand der zweiten Hauptfigur und Ich-Erzählers des Romans gibt uns reichlich Anlass, ernsthaft an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln. Der unscheinbare, aber höchst penible Bankangestellte - er hat täglich nur Formulare abzustempeln, sonst nichts - und Vater zweier Kinder ist relativ besessen von Hemdkragen. Sie müssen a) von seiner Frau korrekt gebügelt sein und b) korrekt sitzen. Nur wenn sie richtig gebügelt sind, verleihen sie dem jeweiligen Träger jene lässige Eleganz (meint er).
In seine Alpträume mischen sich Bilder Stich- und Schneidewerkzeugen: Messer, Stichel, Dolche. Auch Revolver. Sein Hass richtet sich gegen seine etwas betagte Nachbarin Célia, eine gut erhaltene Vier- oder Fünfzigerin. Er schickt ihr Karten, Blumen. Irgendwie muss er ihr ja näherkommen. So nahe, dass er sie in ihrer badewanne ertränken kann. Denn das ist der trick: Den Mord so aussehen zu lassen wie einen Unfall: Das Badewasser läuft ihr in den Mund, ein Reflex hindert sie an der Gegenwehr, Affe tot.
Sein Wunschtraum geht in Erfüllung (oder ist alles nur Einbildung?): Er zerstückelt Célias Leiche und versenkt die Müllbeutel vor der Küste. Ha, wie soll man ihm nun auf die Spur kommen? Nie im Leben. Doch als ihm niemand verdächtigende Fragen stellt, wird er unruhig. Eines Morgens liest er die Zeitung: Der Frauenmörder von Lapa hat ein sechstes Opfer gefordert. Unverzüglich meldet er sich auf dem Kommissariat und gesteht: Ich bin der, den ihr sucht. Der Kommissar schaut ihn erschrocken an.
Mein Eindruck
Patricia Melos Geschichten erinnern an die Mördergeständnisse in Edgar Allan Poes Geschichten \"Die scharze Katze\" und \"Das geschwätzige Herz\": Der Mörder (?) empfindet mehr Einbildungen, leidet unter einer (imaginären?) Tat und stellt sich schließlich: entweder , wie bei Poe und Melo #2, dem Arm der Gerechtigkeit oder, wie bei Melo #1, dem unausweichlichen Schicksal.
Das Thema der beiden Novellen, die den Roman \"Ich töte, du stirbst\" ausmachen, ist in jedem Fall Gewalt: sei sie nun real oder \"nur\" eingebildet. Die Erzählweise ist brillant, vielseitig, schier atemlos dahinjagend in ihrer Paranoia. (Ich habe den Roman komplett an 1 Tag gelesen.)
\"Paranoia me destroya\"
Woher kommt er, dieser Verfolgungswahn? Er hat viele Quellen. Die vernächlässigte Rita erfindet sich einen Mörder nach dem Vorbild der amerikanischen Krimis. Sie findet ihr höhere Bedeutung als Opfer, eine Opfer von derart durchtriebener Mordlust und Tücke, das sie sozusagen die Krönung aller Opfer darstellt.
Auch der Bankangestellte stilisiert sich zu höherer Bedeutung: Direkte Einwirkung auf die Umwelt, nicht mehr nur denken, stempeln wie ein kleines Rädchen in der Maschine, nein, ein Mord muss her. Als ob eine solche Tat zum Heldentum tauge. So kommt man in die Zeitung. Berühmt oder berüchtigt - wo liegt da heutzutage der Unterschied?
In Washington, D.C., spielt heute einer Gott, indem er wahllos Menschen abknallt. Terror oder ultimativer Horror (bei Rita) als Vergegenwärtigung des verschwindenden, anonymen Individuums. \"Selbsternannte Götter\", wie Gert Heidenreich sie nennt, sind vielleicht die Agonie im Kampf des Einzelnen um Selbstbehauptung: Träume von Gift, Dolchen, Messern, Revolvern überschwemmen, freigelassen von den visuellen Medien, das Bewusstsein der Massen. Der Mörder und sein Opfer als Doppelheldenpaar. Für 15 Minuten Ruhm.
Unterm Strich
Melo ist eine Entdeckung, nicht nur in Sachen Einfallsreichtum und Aussage des Inhalts, sondern auch in literarischer Hinsicht. So rasant und dennoch unter die Haut gehend erlebt man heute selten eine Erzählung. Das Thema sorgt ebenso wie seine brillante Umsetzung für wohlige Schauder beim Leser.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Aqua Toffana, 1994; Klett-Cotta 2002, Stuttgart; 150 Seiten, aus dem Brasilianischen übertragen von Barbara Mesquita; EU 16,00; ISBN 3-608-93559-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-07 11:33:08 mit dem Titel M. Niemi: *Populärmusik aus Vittula*: Rock \'n\' Roll am Polarkreis
Die Rock \'n\' Roll Music hält in den 60er Jahren Einzug in dem verschlafenen nordschwedischen Hinterwäldlernest Vittula. Der Erzähler Matti und seine seltsamer Freund Niila sorgen dafür, dass die neuen Töne aus England auch Anklang finden. Noch viele weitere Abenteuer bilden das Panorama des Lebens, das dieser Roman vor dem Leser ausbreitet.
Der Autor
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Mikael Niemi, Jahrgang 1959, ist der Autor zweier Gedichtsammlungen und einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. \"Populärmusik\" aus Vittula ist sein lange erwarteter erster Roman für Erwachsene und wurde vielfach preisgekrönt, darunter auch mit dem Augustpreis, dem wichtigsten Literaturpreis Schwedens. Das Buch wurde über eine halbe Million Mal verkauft.
Handlung
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Das Buch beginnt auf einem 5400 Meter hoch gelegenen Bergpass in Nepal, wo unserem Helden beim Versuch, den Göttern zu danken, Lippen und Zunge an einer metallenen Gebetstafel festfrieren. Was tun, wenn Nacht und Sturm nahen? - Der Erzähler gerät ständig in solche Situationen. Und nur ungewöhnlichste Methoden können ihn retten.
Der Roman erzählt die ziemlich abgefahrene Geschichte zweier pubertierender Jungen in den sechziger Jahren. Matti und sein schweigsamer Freund Niila (er gehört zu einer Sektenfamilie) wachsen fernab der wirklichen Welt, im äußersten Norden Schwedens, an der Grenze zu Finnland auf - dort wohnen aus Stockholmer Sicht wirklich nur Hinterwäldler. Tatsächlich aber macht auch der Fortschritt vor Vittula nicht Halt: Das Dorf hat jetzt eine Asphaltstraße.
Das dynamische Duo erlebt Familientragik, Abenteuerreisen (sie kommen sogar bis Frankfurt/M.), Sex, viel Natur etc. Aber eigentlich haben sie schon früh nichts anderes im Kopf, als sich von diesem merkwürdigen Ort wegzu träumen. Eines Tages hält der Rock \'n\' Roll Einzug im kleinen Hinterwäldlertal Tornedal - und ihre Zeit ist gekommen.
Matti und Niila haben den Song \" Rock \'n\' Roll Music\" von den Beatles gehört und kennen nur eine Mission: Diese Art von Musik selbst zu machen. Unterstützt von ihrem Musiklehrer brechen sie mit ihren ersten Auftritten die herzen der Mädchen - und darauf kommt es ihrer Ansicht beim Rock \'n\' Roll vor allem an. Holgeri steuert Gitarrensoli à la Jimi Hendrix bei, und Erkki malträtiert die Trommeln und Becken.
Seine musikalische Karriere bildet aber nicht den Hauptteil des Buches. Es sind noch viele andere Aspekte des ländlichen Lebens in Nordschweden eingefangen. Immer wieder tauchen die Alten auf, die sich noch an die 20er und 30er Jahre sowie an die Kriege in Finnland erinnern. Sogar ein aus dem 2. Weltkrieg übrig gebliebener Deutscher taucht auf und schreibt ein. Matti befreit ihn von einer Rattenplage - mit höchst unkonventionellen Mitteln
Immer wieder gibt es Familienfeste, auf denen die unterschiedlichsten Ansichten aus den einzelnen Stadtvierteln und Regionen der Privinz Norrbotten aufeinandertreffen - und regelmäßig im Trinkwettstreit beigelegt werden. Das sind dann die weniger schönen Seiten des Buches, aber offenbar für Schweden die lustigsten.
Mein Eindruck
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Die schwedischen Kritiker haben sich offenbar vor Begeisterung überschlagen, nachdem sie dieses Buch gelesen hatten. Und der deutsche Verlag zögert natürlich nicht, sämtliche Begeisterungsstürme zu kolportieren. Doch der deutsche Leser sollte selbst urteilen.
Mich selbst hat das Buch nur zum Schmunzeln und Lächeln gebracht, aber keineswegs Glücksgefühle bei mir ausgelöst. Viele der erzählten begebenheiten sind durchaus traurig oder verweisen auf bedauerliche Zustände, so etwa auf gewalttätige Zustände in Niilas Elternhaus, die damit enden, dass die Söhne ihren Vater Isak fast zu Tode prügeln und treten. Ist das vielleicht lustig? Wohl eher nicht. Ich habe bereits die grotesken Saufgelage zitiert: Dabei sterben drei alte Männer an Alkoholvergiftung. Wirklich sehr witzig.
Doch was sich für das Buch sagen lässt, sind die Begeisterung für die Ereignisse in der Natur sowie die zärtliche und genaue Menschenzeichnung. Zu den genau beobachteten Naturereignissen gehören etwa das eindrucksvolle Brechen des Eises spät im Frühling, die romantische Mitternachtssonne und die vielfältigen Blumen und Vögel. Dabei schreckt der Autor auch nicht vor dem poetischen Gebracuh der Sprache zurück.
Die zärtlich beschriebenen Menschen: Da ist natürlich zunächst Niila selbst, der ein ebenso verschlossener wie ungewöhnlicher Junge ist, und seine sektiererische Familie. Aber da ist auch Mattis eigener Vater, der seinen Sohn bei einer längeren Saunasitzung vom Jungen zum Mann befördert, indem er ihm die Geschichte der Familie und der blutigen Fehden, die sie mit anderen Clans führt, überliefert. Nun sieht Matti seinen Platz in der Welt. So schnell kann\'s gehen.
Schade eigentlich, dass das Buch nicht wieder mit der Szene auf dem nepalesischen Bergpass endet. Der Verdacht liegt nahe, dass die Fortsetzung bereits in Arbeit ist: Mattis und Niilas Lebensweg ist ja erst bis zum 15. Lebensjahr erzählt. Viel muss noch kommen.
Unterm Strich
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Ein vielfach amüsantes, aber auch groteskes Buch, das durchaus an Jugendromane wie etwa \"Die Blechtrommel\" erinnert. Dem Erzähler gelten Schreckliches und Wundervolles in seiner Unschuld gleich viel. Ob dem Leser nun zum Lachen oder zum Weinen zumute ist, ganz gleich: Es ist eine interessante Erfahrung, so viele ungewöhnliche Dinge vom Leben der Menschen am Polarkreis zu erfahren.
Die Übersetzung
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Die Übersetzerin Christel Hildebrandt mag ja im Schwedischen sehr bewandert sein, doch mit dem Deutschen scheint sie noch so ihre Probleme zu haben. Oder waren dies alles Flüchtigkeitsfehler? Statt \"Kaulquappen\" schreibt sie \"Kaulquallen\" (S. 93), statt prestigeträchtig\" bevorzugt sie \"prestigevoll\" (S. 238). Seltsamer sind da schon die falschen Bezüge vom Possessivpronomen auf sein Substantiv: \"die Gegend ... seine blutigen Familienfehden\" (207/08) und \"Die Wolkenbank ergoss seinen schaurigen Inhalt über uns\" (173). Offensichtlich war bei diesem doch nicht ganz billigen Buch kein wachsamer Lektor am Werke, wie er zumindest über Machwerke von Michael Crichton (Blessing-Verlag) wacht.
Viele direkte Zitate aus dem Schwedischen sind nicht übersetzt worden, und etliche Begriffe aus dem Fachjargon wurden für wert befunden, in einer Fußnote erklärt zu werden. Begriffe wie \"Wuhne\" (Eisloch) muss man selbst im Duden nachschlagen. Der nächste Niemi sollte sorgfältiger ediert werden.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Populärmusik från Vittula, 2000; BTB-Verlag 08/2002, München; 304 Seiten, aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, EU 19,90, ISBN 3-442-75071-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-20 22:42:29 mit dem Titel E. McGregor: *Das Eiskind*: Kombi aus *Lazaruskind* und Expeditionsbericht
Das Schicksal eines an einer Knochenmarkskrankheit leidenden Kindes ist auf vielschichtige Weise mit dem Schicksal der verhängnisvollen Expedition John Franklins verknüpft, der 1845 bis 1848 die Nordwestpassage durch die Arktis suchte. Ein spannender und sehr bewegender Roman, der Geschichtsdoku und Schicksalsdrama kombiniert.
Die Autorin
Elizabeth McGregor wurde in Warwickshire, Südwestengland, geboren und lebt heute mit ihrer Tochter in Dorchester. Für \"Das Eiskind\" recherchierte sie u.a. am \"Scott Polar Research Institute\" in Cambridge. Für ihre Kurzgeschichten und ihre psychologischen Krimis wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Website zum Roman: www.theicechild.com (ohne Gewähr).
Handlung
Der Roman besteht aus drei Erzählsträngen. In der Gegenwart stehen eine junge Journalistin, ein Archäologe und eine Eisbärin im Vordergrund. Dazwischen geschaltet sind längere Rückblenden auf die Jahre 1845 bis 1848, auf die verhängnisvolle Expedition John Franklins, die die Nordwestpassage erschließen sollte und im Eis spurlos verschwand.
Doch zunächst zur Gegenwart. Die englische Journalistin Jo Harper, 27 Jahre jung, hätte es beinahe abgelehnt, eine Reportage über einen der berühmtesten Archäologen, den Briten Douglas Marshall, zu schreiben. Er hat sich gerade in Grönland das Bein gebrochen. Auf einem Kriegsschiff, das ihn zurückbringt , begegnen sich Jo und Doug zum ersten Mal. Ihre Reportage macht ihn noch bekannter.
Er arbeitet seit Jahren an einem Forschungsprojekt über die legendäre Franklin-Expedition. In der Zeit seiner Genesung lernen sie sich näher kennen. Er steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau Alicia, von der er schon fünf Jahre getrennt lebt. Nicht alles steht zum besten in der Familie Marshall. Auch sein John, der sich ebenfalls für die Franklin-Expedition interessiert, lehnt Doug ab - er will ihn nämlich übertrumpfen und so dafür bestrafen, dass er ihn als Kind ständig vernächlässigte.
Als Jo von Doug ein Kind erwartet, wollen die beiden heiraten, doch bei dem Versuch, sich am Hochzeitstag auf Jos Bitte hin mit John zu versöhnen, geraten die beiden Männer auf die eisglatte Straße, auf der ein junger Autofahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen kann.
John überlebt, doch sein Vater nicht. Jos Kind Sam wächst als Waise auf. Er ist ihr Trost in ihrem Unglück, bis sich herausstellt, dass Sam unheilbar krank ist (es gab schon früh im Buch Verweise auf Leukämie). Und dass sein Halbbruder John seine einzige Rettung sein könnte.
Doch John weilt im ewigen Eis: auf den Spuren der Franklin-Expedition, denn er will um jeden Preis die ehrgeizige Mission seines Vaters erfüllen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem nicht nur Sam, sondern auch John sein Leben verlieren könnte.--
Kurze Einschübe erzählen vom Leben einer bemerkenswerten Eisbärin, die von den Fotografen und Biologin schlicht \"Die Schwimmerin\" genannt wird: Sie schwimmt eben gut. Aber nicht blindlings kreuz und quer durch die Arktis. Sie folgt den Spuren der Franklin-Expedition.
Und so wird die Bärin zum Bindeglied zu der dritten Erzählebene: die Schilderung des verhängnisvollen Verlaufs jener zunächst stolzen viktorianischen Expedition, die die Nordwestpassage nach Indien finden sol
Die Autorin
Julian May genießt unter den alteingesessenen Science Fiction-Autorinnen höchstes Ansehen. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die souverän ihr Handwerk versteht, sondern hat auch eine Menge Ahnung von dem, was sie an wissenschaftlichem Hintergrund in ihre Bücher hineinpackt.
Bei uns ist ihre komplette Pliozän-Saga bei Heyne erschienen, doch in den USA hat sie weitere vier Bände um die Familie Remillard veröffentlicht, die die Hauptrolle in der Pliozän-Saga spielt: mächtige Anwender von Psi-Kräften wie Telepathie, Telekinese und Zweitem Gesicht. Diese farbige Vorzeit-Opera hat mich endgültig für die Science Fiction begeistert.
Und so überrascht es nicht, dass auch der vorliegende Roman der Auftakt zu einer Familien-Saga ist. Die Fortsetzungen heißen \"Die Schulter des Orion\" und \"Der Sagittarius-Wirbel\". Sie sollen 2002/2003 erscheinen.
Handlung
Helmut Icicle (\'Eiszapfen\') lebt mehr schlecht als recht als Käptn in einem idyllischen Aussteigerparadies auf einem abgelegenen Touristenplaneten am Rande der von Menschen besiedelten Galaxis. Eines Tages wendet sich jedoch sein Schicksal. Nach einer Touristen-Fahrt mit seinem Tauchboot kehrt er nach Hause zurück, nur um mit ansehen zu müssen, wie selbiges Zuhause im Schlund eines Seeungeheuers der übelriechendsten Sorte verschwindet. Helly kommt die Sache jedoch spanisch vor und findet heraus, dass das Ungeheuer eigentlich ihn selbst hatte verschlingen sollen: ein Mordanschlag. Aber warum?
Natürlich ist Käptn Helly kein hundsgewöhnlicher Zeitgenosse, sonst würde sich ja eine Geschichte über ihn kaum lohnen. In Wahrheit heißt er Asahel Frost, ist der jüngste Spross einer Konzernfamilie und obendrein noch ein Ex-Polizist. Durch eine fiese Intrige der Konkurrenz seines Konzernhauses verlor Asahel \'Helly\' seine Bürgerrechte und wurde zum Ausgestoßenen.
Dank seiner Kombinationsgabe hat er bald herausgefunden, wer es auf ihn ab gesehen hatte: einer seiner Passagiere! Diesem Elgar Bronson jagt er in der schnittigen Raumjacht seines besten Freundes Mimo nach, nimmt auch Bronson gefangen - bis er sein blaues Wunder erlebt: Ein Raumschiff der Haluk-Alienrasse taucht aus dem Hyperraum auf und befreit Bronson. Auf einem Kometen ausgesetzt, kommt Helly dem Tode schon ziemlich nahe: Die radioaktive Strahlung des sich erwärmenden Haarsterns hat ihm beinahe den Garaus gemacht.
Nun ist Helly natürlich mächtig sauer. Und da er weiß, dass im seinem Konzernhaus, der Rampart Starcorp, etwas oberfaul ist, lässt er sich von seinem verknöcherten Vater Simon nur mit Generalvollmacht und bei höchster Geheimhaltung anheuern. Schon bald muss er zu seinem Leidwesen erfahren, dass das einzige seiner Geschwister, Schester Eve, verschwunden ist, wahrscheinlich entführt.
Nachdem er dem Verwaltungsrat von Rampart gehörig seine Bedingungen diktiert hat, eröffnet er die Untersuchung der mysteriösen Ereignisse, denen er und Eve auf die Spur gekommen sind: Offenbar haben die feindseligen Haluk mit der Konkurrenz Ramparts, Galapharma, gemeinsame Sache gemacht.
Auf dem Planeten Cravat, auf dem Eve verschwand, begibt sich Helly mit einigen Gefährten in den Dschungel, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Hier wird ein viruserzeugtes Molekül (ein \'Vektor\') erzeugt, mit dem sich das Erbgut verändern lässt - und Helly schwant Übles, was die Haluk damit vorhaben.
Mein Eindruck
Gekonnt führt die Autorin den Leser in ein neues Universum ein, das der von Menschen besiedelte Gebiet am Rande der Galaxis. Vom Touristenplanet geht es zu den Kometen hinaus, dann zu der Hauptwelt des Rampart-Konzern, schließlich weiter zum ersten ernsthaften Einsatz, auf einer Dschungelwelt namens Cravat. Die Erde, die zu dieser Zeit immer noch existiert, wird wohl für die späteren Bände aufbewahrt. Sie steht im Mittelpunkt der geschilderten Wirtschaftskriege.
Während die Handlung recht konventionell ist und die Ansprüche an einen Abenteuerroman erfüllt, ist doch die Charakterbeschreibung der meisten Hauptpersonen etwas ungewöhnlich: Sie könnte von Shakespeare stammen. Helly kann man noch gut verstehen: Er ist der Prinz in der Verbannung, sein Vater der strenge, verbitterte König Lear. Eve ist die entführte Prinzessin, und des Prinzen Liebste zunächst höchst spröde, später jedoch ihm umso mehr zugetan. Der Schurke steckt voller Überraschungen, mit Helfern in den Reihen \'König Lears\'. Er setzt dem edlen Prinzen bei seiner Befreiungsaktion gehörig zu. Doch es gibt auch verblendete Wissenschaftler, die es gut mit den Alien meinen und sich von diesen blenden und korrumpieren ließen, bis zur Selbstaufgabe.
Man merkt schon nach wenigen Seiten, dass in diesem Roman eine Menge Ironie steckt. Allein schon die Idee, Hellys Haus auffressen zu lassen, ist köstlich. \"My home is my castle\" heißt es nicht umsonst in angelsächsischen Landen, und dieses Verbrechen muss gesühnt werden. Dass Helly dabei vom Regen in die Traufe kommt, ist nicht weiter überraschend: Er ist zu unerfahren und draufgängerisch, daher braucht er die richtigen Freunde. Käptn Mimo ist der beste Freund, doch leider agiert er nicht ganz auf der legalen Seite des Gesetzes. Er ist Schmuggler und erinnert so an Humphrey Bogarts schöne Florida-Ballade \"Key West\". Die Ortsnamen erinnern an Lewis Carrols Nonsens-Dichtung \"Jabberwocky\".
Dass romantische Liebe & Sex in diesem Cocktail aus ironisch verwendeten Themen und Motiven nicht fehlen dürfen, freut sicher so manchen jugendlichen Leser. Etwas ungewöhnlich ist hingegen der Umstand, dass Helly hin und wieder einen Blackout hat und sich in seine Kindheit und Jugend zurückversetzt fühlt. Diese Rückblende kommen recht unvermittelt - so etwas habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen. (Ein weiteres Indiz dafür, wie gewöhnlich und normgerecht amerikanische Science Fiction inzwischen geworden ist.)
Die Übersetzung
Die deutsche Übersetzung ist erstaunlich ansprechend. Sie schwankt zwischen literarischer Sprache und normaler deutscher Umgangssprache, so dass ie ohne weiteres verständlich ist und sich leicht lesen lässt. Das große, für Omas geeignete Schriftbild tut ein Übriges.
Unterm Strich
Ein flott und manchmal sogar amüsant zu lesendes Abenteuer für junge und jung gebliebene Science Fiction-Leser, das aber keine höheren Ansprüche stellt, es sei denn an die Kombinationsgabe angehender Detektive und Gentechniker.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Perseus Spur, 1998; Bastei-Lübbe 2001, Nr. 24294, Bergisch Gladbach; 540 Seiten, DM 16,90/8,45 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Ulf Ritgen; ISBN 3-404-24294-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-20 11:44:34 mit dem Titel Patricia McKillip: *Das Lied des Basilisken*: Poetische Fantasy
Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte eines Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.
Dieses Buch sowie \"Schatten über Ombria\" wird der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.
Handlung
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Der Roman beginnt mit einem echten Schocker. Ich zitiere den Verlag: \"Schwarzer Rauch steht über dem zerstörten Schloß des Hauses Tourmalyne. Die Leibgarde liegt hingemetzelt vor der Tür zum Großen Saal. Ein Anblick der Verwüstung. Da regt sich etwas in der Asche des geborstenen Kamins - ein Kind. Die Männer, die es finden, nehmen es in ihre Obhut. Sie nennen es Rook, den Raben, wegen seiner ungewöhnlichen schwarzen Augen.\" Rook hat alle Erinnerung an den Überfall verloren, bei dem seine Familie ausgelöscht und sein Besitz zerstört wurden. Erst als er ein bestimmtes Musikinstrument spielt, kommt die Erinnerung wieder, daran und an den feurigen, starren Blick des Basilisken.
Vier Jahrhunderte lang herrschte das Haus Tournalyne über die mauernumringte Stadt Berylon, bis das rivalisierende Haus Pellior, das von einem Fürsten, den man nach seinem Wappentier den \"Basilisken\" nannte, sich erhob und die drei anderen Häuser angriff, um die Stadt zu übernehmen. Als einziger Nachkomme der Tourmalynes überlebt Rook das Massaker an seiner Familie. Damit der Angreifer mit den magischen Kräften ihn nicht findet, verwandelt er alle seine Gedanken zu Asche, denn in Asche hat er sich versteckt.
Nach seiner Rettung nennt er sich Caladrius, nach jenem Vogel, der am Sterbebett eines Königs singt. Er wird zur Insel Luly gebracht, einer entfernten Bardenschule in den Ländern des Nordens, am Rand der Welt. Dort verbringt er 37 Jahre, und mit der schönen Sirina hat er einen Sohn, Hollis.
Rook lernt auf der Bardeninsel die Magie der Musik: Eine bestimmte Tonfolge gespielt auf einer bestimmten Flöte läßt das Getreide wachsen, eine andere vermag Wunden zu heilen. Und eine unscheinbare Knochenflöte bringt, wenn sie gespielt wird, den Tod. Die Harfe meidet er, denn sie bringt Erinnerungen zurück. Doch ohne Harfe kann er kein Barde werden, nur Lehrer.
Doch als ein Abkömmling der Tourmalyne nach Luly kommt, um die unterstellte Mgie eines Barden zu erlangen, wird in Caladrius\' Mauer des Vergessens eine Bresche geschlagen. Als er in die Wildnis reist, träumt er von Feuer, erinnert sich an seine geheime Identität: Er sieht wieder, wie die Schlächter des Basilisken den Palast seines Vaters überfallen, wie sie Feuer legen und die Schätze plündern. Sein Entschluß steht fest: Er wird den machtgeilen Fürsten mit dem Basilisken im Wappen töten, er wird seine Eltern rächen, er wird die stumme Flöte ihr Todeslied singen lassen.
(Die Darstellung dieses Entschlusses erfolgt sehr poetisch: die Vision eines mythischen Untiers, das wie ein Drache aussieht und zu Caldrius sagt, es werde stets bei ihm sein, besonders dann, wenn er die Feuerbeinflöte spielt.)
Seine Geschichte wird abwechselnd mit der Giulias und ihres Freundes Justin erzählt. Die beiden leben in Berylon, gehören aber der Seite der im Grunde arbeitenden Rebellen an. Giulia unterrichtet an der übrig gebliebenen Musikschule der Tourmalyne und bereitet bei Hofe die Geburtagsoper des Fürsten vor.
Bei Hofe geht es zu wie während der italienischen Renaissance, mit allen Gefahren, die dort für Ruf, Leib und Leben besteht. Der Basilisk ist kein gnädiger Tyrann, und seine Tochter Luna beherrscht die Schliche von Magie und Gift ebenso gut wie er. Ihr Spion Brio kommt Caladrius schließlich auf die Schliche.
Als Caladrius in Berylon eintrifft, folgt ihm Hollis, der sich dem Untergrund anschließt. Caladrius wird Bibliothekar bei Hofe. Doch verliebt sich die egozentrische Tochter des Fürsten in ihn: Nur für ihn will sie in der Oper singen. Diese Szenen sind die komischsten des ganzen Buches. Denn natürlich kann Damiet und wählt Musik nach der Farbe ihrer Kleider aus (\"das malvenfarbene Lied\").
Als er von einer befreundeten Adligen einer Feuerbeinflöte erhält, hat Caladrius alles, um bei der Aufführung der ebenso lächerlichen wie verhängnisvollen Oper seinen Anschlag auszuführen. Doch er hat weder mit den Rebellen, noch mit Brio und seinem Sohn gerechnet. Es kommt alles ganz anders als geplant.
Mein Eindruck
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Obwohl diese Geschichte wie so oft bei McKillip eine Geschichte von Vergeltung ist, geht es doch im wesentlichen nicht darum, sondern um Liebe, Verwandlung und Macht. Diese Macht ist die Kraft von Erinnerung, Hass, Vergebung, der Familie, der eigenen Identität und immer wieder die Kraft der Musik. Dies deutet ja bereits der Titel an.
Das Leitmotiv
Musik ist das zentrale Leitmotiv der Geschichte: die mystische Musik der Barden von Luly, die Musik des Meeres und der übrigen Welt, die wilde Musik der Hinterland-Wildnis, die wohlgeordnete, höfische Musik der Magister von Berylon. Nur der Basilisk und seine Tochter machen keine Musik: Sie ordnen sie an.
Musik versetzt Caladrius in die Lage, seine Vergangenheit zu vergessen und weckt dann wieder seine Erinnerung. Sie ist die Form der Rache, die er wählt (die Knochenflöte). Musik ist die reinste Form des Gefühlsausdrucks: Im ganzen Buch drücken die Figuren ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre unerwiderte Liebe durch das bäuerliche Saiteninstrument des Picochets aus, das als Instrument der wilden Hinterlande mit den Kräften der Erde verbunden ist - sehr unhöfisch. Als die dämliche Damiet es spielt, erregt sie damit erheblichen Anstoß.
Caladrius\' Reise im Namen von Vergeltung und Erlösung ist - obwohl er es nicht weiß - auch eine Queste, um endlich jener Barde zu werden, zu dem er bestimmt war: Er muss lediglich die seelische Kraft freisetzen, die durch bitteren Verlust und die Furcht vor dem Basilisken weggesperrt worden war.
Der Erzählstil
Gleich auf den ersten Seiten fällt dem Leser der bemerkenswerte Erzählstil auf, den die Autorin einsetzt. Sie erzielt damit ganz bestimmte Wirkungen. Diese Prosa singt, als wäre sie Poesie - oder Musik. Die Vergleiche sind keine Vergleiche mehr, sondern Gleichsetzungen: Metaphern. Caladrius ist nicht wie ein Vogel, sondern ist dies. Sein Rachedurst ist nicht wie ein wildes Tier, es ist wahrhaftig ein Monster. Seine Erinnerungen sind in Raben verkörpert, sein Kummer in Asche. Nur in diesen Metaphern wird uns sein Innenleben enthüllt - dies gilt in gleichem Maße für viele weitere Figuren, aber für ihn am häufigsten und intensivsten.
Diese intensive Wortmusik kann mehr als einmal übertrieben wirken und lässt viel an Zwischentönen anklingen. Sie beschreibt weniger, sondern evoziert mehr. Da dies viel Platz für Deutung lässt, kann bzw. sollte man eine komplexe Szene durchaus mehrmals lesen, so etwa, als Caladrius schließlich auf den Spion Brio stößt. Der Dialog der beiden ist auf den ersten Blick mehr als seltsam, denn Logik spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Lücken und Sprünge zeigen sich, die der Leser auszufüllen hat.
Anders als im realistischen psychologischen Roman werden die Ereignisse außerhalb der Figuren erzählt, doch besonders Naturmotive machen deren Innenleben deutlich. (Und natürlich Musik.) Dieser etwas distanziert erscheindende Stil fiel mir immer wieder auf. Manche Szenen mit den Rebellen lassen sich wie Filmszenen betrachten. Andere Szenen wiederum eröffnen einen kurzen Blick auf das Gefühlsleben, dass es einem das Herz umdreht. Andere wiederum veranlassen einen zum Loslachen, besonders Szenen mit der gräßlichen Damiet, die ihre Lehrerin Giulia zur Verzweiflung treibt.
Zwei Bedeutungsschichten
Der Eindruck könnte entstehen, als sei \"Lied für den Basilisken\" anstrengende Lektüre. Das Gegenteil ist der Fall. Die lebhafte Schönheit der Beschreibungen, die ungewöhnliche Poesie in den Handlungen der detailliert charakterisierten Figuren und ihren Szenen, die Spannung, die im Anschlag auf das Leben des Fürsten liegt - all dies verleitet zu einer geradezu gierigen, angespannten Leseweise, als könnte man sich an dieser Geschichte betrinken: die Freude am Märchen.
Ich nenne dies die obere Schicht des Buches, die leicht zugängliche Schicht. Darunter liegt, wie bereits angedeutet, eine weitere Schicht: ein dichtes Geflecht von Symbolen, Leitmotiven und Querverweisen. Ein einfaches Beispiel ist die Szene, in der der Spion Brio den Magister Caladrius verfolgt, dann aber plötzlich von Raben angegriffen wird und verschwinden muss. Beide Figuren zeigen sich nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Auch die Raben sind, wie wir nun wissen, nicht einfach nur Raben - sie sind Caladrius\' Symbole für die Erinnerung an das gestürzte Haus Tourmalyne und Vorboten seiner Rache. Wie mag er sie wohl herbeigerufen haben? Natürlich mit einer magischen Flöte.
Die Fantasy von McKillip hat also durchaus literarische Qualitäten. Es würde sich lohnen, sie näher unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt vieles darin zu entdecken, das den Entdecker bereichert.
Die Autorin
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Die 1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie ist noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Schatten über Ombria\" (Klett-Cotta) als neuestes Buch auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Song for the basilisk, 1998; Klett-Cotta 2001, Stuttgart; 318 Seiten, 20,00 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93221-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-29 13:02:49 mit dem Titel Patricia McKillip: *Schatten über Ombria*: Sprachgewaltiger Fantasyroman
Der König ist tot, lang lebe der König - doch wie lange noch? Unter dem wachsenden Schatten der zaubermächtigen Regentin muss der junge Thronerbe überleben, oder die Stadt wird untergehen. Die Freunde, die Kyel lieben, beschließen ihn unter Lebensgefahr zu retten, doch sie haben nicht mit der Macht der Regentin gerechnet.
Die Autorin Patricia McKillip zählt mittlerweile zu den wichtigsten Fantasyautorinnen der Gegenwart, sie wird bereits auf eine Stufe mit Ursula K. Le Guin (Erdsee-Zyklus) gestellt.
Handlung
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Die Handlung hat keine Hauptfigur, mit der sich der Leser identifizieren könnte - das ist eines der Mankos dieses Buches. In \"Das Lied des Basilisken\" gab es einen Musiker, dessen Kunst zugleich Magie war, und wir folgten seinem Werdegang und schlussendlichen Erfolg. In \"Schatten über Ombria\" entwickeln sich mehrere Figuren, und wir sind gezwungen, uns ihre Erlebnisse und ihr Zusammenspiel einzuprägen. Aber auch die Stadt Ombria selbst spielt eine eminent wichtige Rolle. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Monate.
Da alle positiven wie negativen Wechselwirkungen in diesem Buch auf gegensätzlichen Paaren aufgebaut sind, versuche ich die Figuren in zwei Lager einzuordnen.
Die Geschichte beginnt zünftig mit einer Verstoßung aus dem Stand der Unschuld und des Wohlbefindens: Lydea, die Tochter eines Schankwirts, war jahrelang die geliebte Konkubine des nun sterbenden Fürsten von Ombria, Royce. Noch während während Royce Greve auf dem Sterbelager liegt, verstößt die boshafte neue Regentin Domina Perle, genannt die Schwarze Perle, Lydea aus dem Palast. Man sagt, die Regentin wisse mit Gift und schwarzer Magie umzugehen...
Lydea muss in ihrer schönen Kleidung, in ihren teuren Schuhen durch die verkommenen Gassen des düsteren Hafenviertels außerhalb des Palastes fliehen. Nur weil ihr jemand hilft, sich zu verstecken, entkommt sie Banditen und Dieben, um sich schließlich bei ihrem Vater als Scheuermagd und Schankmädchen zu verdingen. So schnell kann\'s gehen.
Doch geholfen wurde ihr von einem ganz besonderen Mädchen: Mag ist der \"Wachsling\", das möglicherweise aus Wachs geformte Dienstmädchen, einer weiteren mächtigen Zauberin, Faey. Doch Faey ist wie Domina Perle keineswegs menschlich. Die heilkundige Hexe scheint in einer anderen Dimension Ombrias zu leben, zumindest in der Unterstadt. Hier gibt es Geister, viele Schatten und nutzbare Magie. Faey lässt sich die Nutzung ihrer Magie gut bezahlen. Und so kommt es, dass sie eines Tages einen Auftrag Domina Perles annimmt: Sie soll den unerwünschten Neffen des mittlerweile verstorbenen Fürsten vergiften. Sie muss sich also in die Staatsangelegenheiten einmischen.
Dieser Neffe, Ducon, ist ein Bastard, der wie ein Albino aussieht und offenbar, wie Mag, die Fähigkeit besitzt, beide Seiten Ombrias zu sehen: die des Lichts und die der Schatten, die des Palasts und die der Unterstadt, wo die Geister leben (darunter auch sein verstorbener Vater). Ursprünglich als Erzieher des Nachfolgers des Fürsten, des neunjährigen Kyel Greve angestellt, streunt Ducon Greve zunehmend durch die Gassen und Schänken des düsteren Hafenviertels, um den Zugang zu Unterstadt zu finden. Dabei zeichnet er unablässig, was er sieht. Diese Zeichenkohle ist es, die Faey vergiftet. Ducon gerät ins Delirium, bis er schließlich zusammenbricht und in die Unterstadt stürzt.
Es ist nur Mag zu verdanken, dass Ducon nicht getötet wird. Denn sie hat inzwischen von ihrer Freundin Lydea erfahren, dass Ducon die letzte Hoffnung Ombrias auf Rettung ist, denn die Hexe im Palast will Kyel Greve ebenso töten wie Ducon, um danach Alleinherrscherin (und Piratin) zu sein.
Nun kann Mag, die an Tochterstelle adoptierte Dienstmagd, Faey (die eigentlich unparteiisch bleiben will) davon abhalten, Ducon zu töten. Vielmehr beschließen Mag, Lydea und Ducon, unter Lebensgefahr in den Palast zurückzukehren, um den kleinen Kyel Greve zu retten und die Regentin zu stürzen. (Man sieht, sie alle haben sich mittlerweile gewaltig verändert.) Von der mächtigen Zauberin maskiert, wagen sie es, direkt unter der Nase der Schwarzen Perle gegen sie zu intrigieren und Kyel Mut zu machen.
Das kann natürlich nicht lange gutgehen. Als Mag der Regentin in die Hände fällt, muss Faey reagieren. Ihr Gegenangriff erschüttert die Grundmauern des Palastes und verändert die gespaltene Stadt für immer. Was mit einer Verstoßung begann, endet mit einer Wiedergeburt.
Mein Eindruck
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Drei Symbole
McKillip ist viel zu sehr Künstlerin, um es für nötig zu halten, irgendetwas davon lgisch zu erklären. Stattdessen beobachtet sie lediglich, dringt dabei aber in eine Tiefe vor, die anderen AutorInnen des Fantasy-Genres verwehrt zu sein scheint (eine Ausnahme gibt: Ursula K. Le Guin). Das bedeutet, dass sich der junge oder erwachsene Leser seinen eigenen Reim auf die Gründe des Geschehens machen muss. Hier spielt Logik des Verstandes keine Rolle, sondern vielmehr ein Ursache-Wirkung-Prinzip, das auf der Wechselwirkung von Emotionen beruht.
Wie schon angedeutet, spielen Dualismen eine große Rolle. Die zentralen Metaphern dafür sind der Spiegel, das Zeichnen und Passagen.
A) Spiegel
Wie mit Monitoren überwacht Domina (\"die Herrin\") Perle mit Hilfe zahlreicher Zauberspiegel ihr Herrschaftsgebiet. Statt Schönheit zu reflektieren, dienen ihre Spiegel nur ihrer Machtausübung. Domina und die Spiegel sind Teil des Schattens, der über Ombria liegt. Doch ihr Blick reicht nicht bis in die Unterstadt der Geister, wo die Zauberin Faey herrscht und Mag sich versteckt. Hier, im Zwielicht der Geister und der Magie, erwächst eine Gegenkraft zu Dominas Herrschaft. (McKillip beschreibt Ombria, als handelte es sich um eine menschliche Figur, mit allen Schichten und Aspekten.)
B) Zeichnungen
Ducons Zeichnungen sind eine weitere wichtige Metapher. Wie der Fotograf in Antonionis \"Blow-up\" ist er besessen vom Gesehenen, denn sein Blick dringt tiefer als das Auge gewöhnlicher Menschen. Ducon gelingt der Durchbruch zur Geisterdimension. Schließlich sind seine Zeichnungen nicht mehr tot, sondern können auf magische Weise - im Zwischenreich des Möglichen - das Gezeichnete zum Leben erwecken, so etwa seinen Vater. Dieser ist eine Verbindung mit der Vergangenheit, die Ombria einen weiteren Aspekt hinzufügt: Die Stadt entwickelt sich in wiederkehrenden Zyklen, die Untergang und Wiedergeburt durchlaufen. Das Herrschergeschlecht Greve pflanzt sich daher nicht linear und ungebrochen fort, sondern weitverzweigt in obskuren Verästelungen: Ducon ist eine davon, doch die vielversprechendste.
C) Passagen
Durchgänge sind das dritte zentrale Symbol. Neben dem Durchbruch zur Unterstadt sind hier vor allem Lydeas Verstoßung aus der Palasttür aufzuführen und die unzähligen Geheimtüren im ausgedehnten Palast. Wie in einem italienischen Renaissancepalast gehen Diener und Intriganten durch unsichtbare Tapetentüren ein und aus, um ihre Herrschaft oder ihre Mitverschwörer zu treffen. Es handelt sich um einen Palast im Palast, eine Schachtel in einer größeren Schachtel und so weiter. Das erinnerte mich an Mervyn Peakes Schloss Gormenghast.
Nach Royces Tod machen sich auch die Ex-Minister und Ducons Vettern Hoffnungen auf den Thron, doch zuvor muss der junge Erbe sterben. Daher spielt Ducon (und später Lydea und Mag) ein riskantes Doppelspiel mit Kyles Gegnern: Prompt werden Attentate auf ihn verübt.
Kurz vor Schluss führt eine Tür in das verhängnisvolle Schlafzimmer der Schwarzen Perle. In diesem Zentrum der Schwarzen Magie erwartet die angekettete Mag und und Ducon Greve ihr Schicksal.
Dieser Raum hat sein Gegenstück in Faeys Haus. Hier wird betäubender Tee serviert und Gift gebraut, Geister sprechen, und magische Amulette finden sich in seinen Winkeln. Es es wichtig, daran zu denken, dass die Bewohnerin dieses Hauses kein Mensch ist, sondern ein Wesen, das älter ist als Ombria selbst. Wir erfahren nicht, was Faey ist, genau wie so vieles andere der Erforschung durch die Vorstellungskraft überlassen bleibt.
Dass diese dualen Konflikte sich am Schluss nicht alle in Wohlgefallen auflösen, dürfte einleuchten. Der Sieg des Guten ist wieder einmal bittersüß und überschattet von Opfern.
Die Sprache
Der Ton dieser Handlung und für diese Art von zwielichtiger Welt ist nicht der von Allerwelts-Fantasy à la Raymond Feist oder Robert Jordan (obwohl die auch ihre Qualitäten haben). Die Sprache nähert sich vielmehr dem Gothic Horror eines Edgar Allan Poe an, nur dass dessen Melodramatik fehlt. Wer \"The Cask of Amontillado\" oder \"Morella\" und \"Ligeia\" gelesen hat, weiß, wovon ich rede.
McKillips Prosa ist an Poesie geschult und führt so zuweilen zu ungewöhnlichen Fügungen, um eine Empfindung oder eine Figur zu beschreiben. Sie ermöglicht sogar leise Ironie. Dies ist keine anspruchslose Sprache, wie man sich denken kann. Tatsächlich konnte ich daher immer nur wenige Kapitel (alle sind zwischen 9 und 12 Seiten lang) auf einmal lesen. Ich brauchte zwei Monate für das 300-Seiten-Buch.
Die Sprache lebt in der deutschen Fassung natürlich von den Qualitäten des Übersetzers. Hans J. Schütz hat Tad Williams, H.P. Lovecraft und Peter S. Beagle übersetzt (neben vielen anderen). Er macht seine Sache sehr gut. Nur an manchen Stellen erschienen mir seine Fügungen und Wortwahl als zu gestelzt, zu geschraubt und mitunter antiquiert, aber das trifft wohl auch auf McKillips Sprache zu. Genervt haben mich lediglich seine vielen Tippfehler. Offenbar spart Klett-Cotta nun auch am Korrektor, um den Preis niedrig halten zu können: Dieses Buch kostet 2 Euro weniger als das bessere \"Lied des Basilisken\".
Die Autorin
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Die am 29.2.1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie sind noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Das Lied des Basilisken\" (Klett-Cotta) auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Unterm Strich
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Für diesen Fantasyroman mit Gothic-Horror-Elementen sollte man sich Zeit nehmen und ihn notfalls zweimal lesen. McKillip gelingt es, aus einer bedrückenden Atmosphäre heraus Gefühle der Hoffnung entstehen zu lassen, die zu Aktionen werden. Die Geschichte Ombrias ist eine zyklische Geschichte von Verstoßung, ständiger Bedrohung und Wiedergeburt. Die (anspruchsvolle) Sprache ist der Magie der Handlung ebenbürtig, ermöglicht sie im Grunde erst. Doch dass der Handlung eine Hauptfigur fehlt und sie auf drei bis fünf Figuren verteilt ist, macht es nicht einfach, ihr zu folgen. Auch auf die Druckfehler hätte ich verzichten können.
Das Buch eignet sich für Freunde guter phantasievoller Geschichten ab etwa 14 Jahren, die durchaus mal auf Action verzichten können.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Ombria in shadow, 2002; Klett-Cotta 3/2002, Stuttgart; 298 Seiten, EU 18,00, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93201-1
Mehr Info: www.klett-cotta.de/hobbitpresse (ohne Gewähr)
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-04 12:00:57 mit dem Titel Patricia McKillip: *Das Lied des Basilisken*: Ein Lied von Rache und Erlösung
Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte eines Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.
Dieses Buch sowie \"Schatten über Ombria\" wird der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.
Handlung
Der Roman beginnt mit einem echten Schocker. Ich zitiere den Verlag: \"Schwarzer Rauch steht über dem zerstörten Schloß des Hauses Tourmalyne. Die Leibgarde liegt hingemetzelt vor der Tür zum Großen Saal. Ein Anblick der Verwüstung. Da regt sich etwas in der Asche des geborstenen Kamins - ein Kind. Die Männer, die es finden, nehmen es in ihre Obhut. Sie nennen es Rook, den Raben, wegen seiner ungewöhnlichen schwarzen Augen.\" Rook hat alle Erinnerung an den Überfall verloren, bei dem seine Familie ausgelöscht und sein Besitz zerstört wurden. Erst als er ein bestimmtes Musikinstrument spielt, kommt die Erinnerung wieder, daran und an den feurigen, starren Blick des Basilisken.
Vier Jahrhunderte lang herrschte das Haus Tournalyne über die mauernumringte Stadt Berylon, bis das rivalisierende Haus Pellior, das von einem Fürsten, den man nach seinem Wappentier den \"Basilisken\" nannte, sich erhob und die drei anderen Häuser angriff, um die Stadt zu übernehmen. Als einziger Nachkomme der Tourmalynes überlebt Rook das Massaker an seiner Familie. Damit der Angreifer mit den magischen Kräften ihn nicht findet, verwandelt er alle seine Gedanken zu Asche, denn in Asche hat er sich versteckt.
Nach seiner Rettung nennt er sich Caladrius, nach jenem Vogel, der am Sterbebett eines Königs singt. Er wird zur Insel Luly gebracht, einer entfernten Bardenschule in den Ländern des Nordens, am Rand der Welt. Dort verbringt er 37 Jahre, und mit der schönen Sirina hat er einen Sohn, Hollis.
Rook lernt auf der Bardeninsel die Magie der Musik: Eine bestimmte Tonfolge, gespielt auf einer bestimmten Flöte, läßt das Getreide wachsen, eine andere vermag Wunden zu heilen. Und eine unscheinbare Knochenflöte bringt, wenn sie gespielt wird, den Tod. Die Harfe meidet er, denn sie bringt Erinnerungen zurück. Doch ohne Harfe kann er kein Barde werden, nur Lehrer.
Als ein Abkömmling der Tourmalyne nach Luly kommt, um die unterstellte Mgie eines Barden zu erlangen, wird in Caladrius\' Mauer des Vergessens eine Bresche geschlagen. Als er in die Wildnis reist, träumt er von Feuer, erinnert sich an seine geheime Identität: Er sieht wieder, wie die Schlächter des Basilisken den Palast seines Vaters überfallen, wie sie Feuer legen und die Schätze plündern. Sein Entschluß steht fest: Er wird den machtgeilen Fürsten mit dem Basilisken im Wappen töten, er wird seine Eltern rächen, er wird die stumme Flöte ihr Todeslied singen lassen.
(Die Darstellung dieses Entschlusses erfolgt sehr poetisch: die Vision eines mythischen Untiers, das wie ein Drache aussieht und zu Caldrius sagt, es werde stets bei ihm sein, besonders dann, wenn er die Feuerbeinflöte spielt.)
Seine Geschichte wird abwechselnd mit der Giulias und ihres Freundes Justin erzählt. Die beiden leben in Berylon, gehören aber der Seite der im Untergrund wirkenden Rebellen an. Giulia unterrichtet an der übrig gebliebenen Musikschule der Tourmalyne und bereitet bei Hofe die Geburtagsoper des Fürsten vor.
Bei Hofe geht es zu wie während der italienischen Renaissance, mit allen Gefahren, die dort für Ruf, Leib und Leben besteht. Der \"Basilisk\" ist kein gnädiger Tyrann, und seine Tochter Luna beherrscht die Schliche von Magie und Gift ebenso gut wie er. Ihr Spion Brio kommt Caladrius schließlich auf die Schliche.
Als Caladrius in Berylon eintrifft, folgt ihm Hollis, der sich den Rebellen anschließt. Caladrius wird Bibliothekar bei Hofe. Dort verliebt sich die egozentrische Tochter des Fürsten in ihn: Nur für ihn will sie in der Oper singen. Diese Szenen sind die komischsten des ganzen Buches. Denn natürlich kann Damiet nicht singen und wählt Musik vielmehr nach der Farbe ihrer Kleider aus (\"das malvenfarbene Lied\").
Als er von einer befreundeten Adligen eine Feuerbeinflöte erhält, hat Caladrius alles, um bei der Aufführung der ebenso lächerlichen wie verhängnisvollen Oper seinen Anschlag auszuführen. Doch er hat weder mit den Rebellen, noch mit Brio und seinem Sohn gerechnet. Es kommt alles ganz anders als geplant.
Mein Eindruck
Obwohl diese Geschichte wie so oft bei McKillip eine Geschichte von Vergeltung ist, geht es doch im wesentlichen nicht darum, sondern um Liebe, Verwandlung und Macht. Diese Macht ist die Kraft von Erinnerung, Hass, Vergebung, der Familie, der eigenen Identität und immer wieder die Kraft der Musik. Dies deutet ja bereits der Titel an.
Das Leitmotiv
Musik ist das zentrale Leitmotiv der Geschichte: die mystische Musik der Barden von Luly, die Musik des Meeres und der übrigen Welt, die wilde Musik der Hinterland-Wildnis, die wohlgeordnete, höfische Musik der Magister von Berylon. Nur der Basilisk und seine Tochter machen keine Musik: Sie ordnen sie an.
Musik versetzt Caladrius in die Lage, seine Vergangenheit zu vergessen und weckt dann wieder seine Erinnerung. Sie ist die Form der Rache, die er wählt (die Knochenflöte). Musik ist die reinste Form des Gefühlsausdrucks: Im ganzen Buch drücken die Figuren ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre unerwiderte Liebe durch das bäuerliche Saiteninstrument des Picochets aus, das als Instrument der wilden Hinterlande mit den Kräften der Erde verbunden ist - sehr unhöfisch. Als die dämliche Damiet es spielt, erregt sie damit erheblichen Anstoß.
Caladrius\' Reise im Namen von Vergeltung und Erlösung ist - obwohl er es nicht weiß - auch eine Queste, um endlich jener Barde zu werden, zu dem er bestimmt war: Er muss lediglich die seelische Kraft freisetzen, die durch bitteren Verlust und die Furcht vor dem Basilisken weggesperrt worden war.
Der Erzählstil
Gleich auf den ersten Seiten fällt dem Leser der bemerkenswerte Erzählstil auf, den die Autorin einsetzt. Sie erzielt damit ganz bestimmte Wirkungen. Diese Prosa singt, als wäre sie Poesie - oder Musik. Die Vergleiche sind keine Vergleiche mehr, sondern Gleichsetzungen: Metaphern. Caladrius ist nicht wie ein Vogel, sondern ist dies. Sein Rachedurst ist nicht wie ein wildes Tier, es ist wahrhaftig ein Monster. Seine Erinnerungen sind in Raben verkörpert, sein Kummer in Asche. Nur in diesen Metaphern wird uns sein Innenleben enthüllt - dies gilt in gleichem Maße für viele weitere Figuren, aber für ihn am häufigsten und intensivsten.
Diese intensive Wortmusik kann mehr als einmal übertrieben wirken und lässt viel an Zwischentönen anklingen. Sie beschreibt weniger, sondern evoziert vielmehr. Da dies viel Platz für Deutung lässt, kann bzw. sollte man eine komplexe Szene durchaus mehrmals lesen, so etwa, als Caladrius schließlich auf den Spion Brio stößt. Der Dialog der beiden ist auf den ersten Blick mehr als seltsam, denn Logik spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Lücken und Sprünge zeigen sich, die der Leser auszufüllen hat.
Anders als im realistischen psychologischen Roman werden die Ereignisse außerhalb der Figuren erzählt, doch besonders Naturmotive machen deren Innenleben deutlich. (Und natürlich Musik.) Dieser etwas distanziert erscheinende Stil fiel mir immer wieder auf. Manche Szenen mit den Rebellen lassen sich wie Filmszenen betrachten (z.B. wie \"Wem die Stunde schlägt\"). Andere Szenen wiederum eröffnen einen kurzen Blick auf das Gefühlsleben, dass es einem das Herz umdreht. Andere wiederum veranlassen einen zum Loslachen, besonders Szenen mit der gräßlichen Damiet, die ihre Lehrerin Giulia zur Verzweiflung treibt.
Zwei Bedeutungsschichten
Der Eindruck könnte entstehen, als sei \"Lied für den Basilisken\" anstrengende Lektüre. Das Gegenteil ist der Fall. Die lebhafte Schönheit der Beschreibungen, die ungewöhnliche Poesie in den Handlungen der detailliert charakterisierten Figuren und ihren Szenen, die Spannung, die im Anschlag auf das Leben des Fürsten liegt - all dies verleitet zu einer geradezu gierigen, angespannten Leseweise, als könnte man sich an dieser Geschichte betrinken: die Freude am Märchen.
Ich nenne dies die obere Schicht des Buches, die leicht zugängliche Schicht. Darunter liegt, wie bereits angedeutet, eine weitere Schicht: ein dichtes Geflecht von Symbolen, Leitmotiven und Querverweisen. Ein einfaches Beispiel ist die Szene, in der der Spion Brio den Magister Caladrius verfolgt, dann aber plötzlich von Raben angegriffen wird und verschwinden muss. Beide Figuren zeigen sich nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Auch die Raben sind, wie wir nun wissen, nicht einfach nur Raben - sie sind Caladrius\' Symbole für die Erinnerung an das gestürzte Haus Tourmalyne und Vorboten seiner Rache. Wie mag er sie wohl herbeigerufen haben? Natürlich mit einer magischen Flöte.
Die Fantasy von McKillip hat also durchaus literarische Qualitäten. Es würde sich lohnen, sie näher unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt vieles darin zu entdecken, das den Entdecker bereichert.
Unterm Strich
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Eine Fantasy abseits der Trampelpfade von Tolkien- und Pratchett-Epigonen, weit weg von Serienkost. Man muss sich dafür ein wenig Zeit nehmen, aber die Mühe lohnt sich. Am ehesten ist McKillip mit dem (hierzulande völlig unbekannten) Kanadier Charles de Lint (\"Grünmantel\") zu vergleichen.
Die Autorin
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Die am 29.2.1948, einem Schaltjahr, geborene Patricia McKillip hat 1975 den World Fantasy Award für ihren wundervollen Roman \"Die vergessenen Tiere von Eld\" (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den Locus Award für \"Der Harfner im Wind\" (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).
Neben der Erdzauber-Trilogie ist noch \"Die Königin der Träume\" (Heyne), \"Winterrose\" und \"Schatten über Ombria\" (Klett-Cotta) als neuestes Buch auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie \"Das Herz des Schwans\": \"Die Zauberin und der Schwan\" (1991; Nr. 20282) sowie \"Der Prinz und der Feuervogel\" (1993; Nr. 20294).
McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Song for the basilisk, 1998; Klett-Cotta 2001, Stuttgart; 318 Seiten, 20,00 EU, aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz; ISBN 3-608-93221-6
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-12 10:19:42 mit dem Titel Henry Miller: *Stille Tage in Clichy*: Schräge Abenteuer
Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. \"Clichy\" entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet.
Doch die erotischen Abenteuer, die Millers \'alter ego\' Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre. Ein Abstecher in das deutschsprachige und –gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.
Handlung
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Ein durchgehender Handlungsfaden ist in diesem nur 130 Seiten langen Text nicht zu finden, vielmehr wird die Form durch Episoden bestimmt. Derer gibt es etliche, und praktisch drehen sich um Frauen beziehungsweise Mädchen.
Der Schriftsteller Joey lebt schon etwa ein halbes Dutzend Jahre in der Seine-Metropole. Mit seinem Freund Carl, der ebenfalls schreibt, aber angestellt ist, teilt er sich eine bescheidene Wohnung außerhalb der Stadtmauern von Paris, hinter dem Montmartre, sowie eine stets leere Speisekammer (Kühlschränke waren noch nicht erfunden). Die Ebbe im Portemonnaie ist ein Dauerzustand bei Joey, aber das hindert ihn nicht daran, einer der hübschen Huren am Montmarte sein letztes Geld zu schenken – er hat eben ein goldenes Herz, der Gute!
Das zeigt sich besonderes, als er Mara kennenlernt. Sie ist \"sein Typ\", wie Carl sagt, und erinnert ihn an eine verflossene Geliebte, Christine. Mara ist keineswegs aufdringlich, obwohl sie eine Professionelle ist, vielmehr scheint sie eher viel zu ehrlich und bescheiden für ihren Beruf zu sein, erkennt Joey. Miller porträtiert die Figur der Mara auf eindringliche Weise, was schließlich in der schmerzlichen Trennung Joeys von ihr deutlich wird.
Wesentlich lustiger und verrückter geht es im ersten Teil des Kurzromans zu. Da ist etwa die somnambule Tagträumerin, die sich für die Indianerprinzessin Pocahontas hält. Oder die zwei Mädchen, die zu Joey in die Badewanne steigen, um dort Rot- und Weißwein zu trinken. Leider kann es sich der besoffene Joey nicht verkneifen, seine Blase zu entleeren. Das hingegen finden die beiden Mädchen \"unethisch\" und verabschieden sich unter wütendem Protest – vor allem aber wohl wegen der leeren Taschen von Joey und Carl.
Natürlich hat die freie Liebe in Paris auch ihre Risiken. So fängt sich Carl mehrmals den Tripper ein, liefert sich einmal sogar mit Verdacht auf Syphilis ins Krankenhaus ein. Noch gefährlicher als Infektionen sind jedoch die Tücken des Gesetzes, das es Männern verbietet, sich mit Minderjährigen einzulassen. Der leichtsinnige Carl kommt deshalb beinahe ins Gefängnis. Und nur der respekt der Franzosen vor Dichtern und Philosophen rettet ihn. Dies ist eine der komischsten Szenen des Buches.
Auch Luxemburg hat seine Reize. Das findet das dynamische Duo heraus, als es das Land der Grande Nation erkundet und für einen Tag verlässt. Allerdings stoßen die beiden neben bildhübschen Café-Sängerinnen auch auf antisemitische Restaurantbesitzer: \"Dieses Haus ist judenfrei\" heißt es da stolz auf einer Visitenkarte. Joey, der sehr gut Deutsch spricht,weil es von dem Ungarn Carl gelernt hat, bekommt schier einen Tobsuchtsanfall und muss hinausgezerrt werden. Ansonsten hat er aber nichts gegen die deutsche Kultur. Im Gegenteil: Er singt offenbar gerne deutsche Lieder. Das war natürlich vor dem Kriegsausbruch. 1940 schrieb Miller diesen Roman in New York City.
Mein Eindruck
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Mit \"Stille Tage in Clichy\" ist hervorragend bedient, wer sich noch nicht auf die längeren Romane Millers wie etwa \"Wendekreis des Steinbocks\" einlassen will oder wer mit reiner Brotarbeit wie dem posthum veröffentlichten \"Opus Pistorum\" nichts anfangen kann. \"Clichy\" verströmt den Duft von Unschuld, Geilheit und Frühling. Die erotischen Szenen gehören zu den komischsten im ganzen Genre. Doch auch die ernsten Seiten fehlen nicht, wie die Episode mit Mara zeigt.
Hervorragend wiedergegeben hat dieses Flair die unkonventionelle dänische Verfilmung aus den siebziger Jahren. Der in schwarz-weiß gedrehte Film wartet mit Sprechblasen über den Köpfen der Darsteller auf. Natürlich stehen in diesen Blasen sehr eindeutige Wörter und Begriffe. Die Musik von Woodstock-Barde Country Joe Mcdonald (\"Fish Cheer\") passt hervorragend zu dem Bohemien-Ambiente in Clichy. Die spätere Farbverfilmung verblasst paradoxerweise demgegenüber. Der Regisseur hat sich dabei offensichtlich Scheuklappen angelegt.
Wir können froh sein, dass dieses wunderbare Buch Mitte der sechziger Jahre von der Zensur freigegeben wurde, nachdem es bereits 1956 in Paris erstveröffentlicht worden war – wo sonst?
Michael Matzer © 2002ff
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-06 16:37:31 mit dem Titel Vonda McIntyre: *Die Traumschlange*: Spannende SF-Fantasy für Frauen
In ferner Zukunft, einige Jahre nach einem atomaren Holocaust, leben die Menschen in Stämmen in der Wüste oder zusammengedrängt in den Ruinen der Städte. Ärzte wandern von ihrem Zentrum aus, um zu helfen.
Die junge Heilpraktikantin Schlange kuriert mit Hilfe von manipuliertem Schlangengift Verletzte und Todkranke, oft erfolgreich, machmal kommt sie auch zu spät. Sie kämpft gegen Fremdenangst und Ignoranz, dabei wird ihre Traumschlange getötet, mit der sie die Patienten beruhigt.
Doch die Heiler können die Traumschlangen, die von frmden Welten stammen, nicht selnst züchten, sondern müssen sie in der alten Stadt kaufen. Dort jedoch wird Schlange abgewiesen.
Auf ihrer Reise adoptiert sie ein junges Mädchen, Melissa, das sehr unter erlittenen Verbrennungen leidet. Sie will Melissa zur Heilerin ausbilden und nimmt sie auf ihre Suche mit. Ein junger Mann verliebt sich in sie und folgt ihrer Spur.
In den Ruinen einer Bunkerfestung findet sie schließlich Traumschlangen in rauhen Mengen, doch deren Besitzer, ein gigantischer Albino, haßt alle Heiler und hält sich Leute als Sklaven, die vom Gift der Traumschlangen abhängig geworden sind.
Er wirft Schlange und ihre Adoptivtochter in eine Grube voller Traumschlangen. Hier entdeckt sie das geheimnis der Fremdwesen. Beide geraten in Lebensgefahr, doch Schlange gelingt es zu entkommen und Melissa mit knapper Not zu retten.
Zu guter Letzt taucht auch ihr junger Freund auf und gibt den beiden Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu dritt. Drei ist die magische Zahl in diesem Buch - auch Traumschlangen vermehren sich nur zu dritt.
Mein Eindruck
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Das Buch ist nicht nur eine gelungene Synthese aus Science Fiction- und Fantasy-Elementen, sondern zugleich eine einfühlsame Studie einer jungen Frau, die im wesentlichen auf sich allein gestellt das Leben in einer lebensfeindlich gewordenen Welt meistert. Die Autorin macht weder den Fehler, eine problemlose Idylle zu schildern, noch zeigt sie die Heilerin als besser funktionerenden Mann. Vielmehr wird hier eine im Grunde realistische Geschichte im Fantasy-Gewand erzählt, und die Heldin bewältigt ihre Schweirigkeiten aus sich selbst heraus, durch Einsatz ihrer besonderen Fähigkeiten als Frau, als Mensch.
Zu der Zeit seiner Entstehung Anfang der siebziger Jahre dürfte die Schilderung von Ehegemeinschaften aus drei Mitglieder und von Dörfern, in der Familien aufgrund von Adoption zustandekommen, für einiges Aufsehen gesorgt haben. Auch die Themen Kindesmißbrauch und Vergewaltigung dürften hier zum ersten Mal in der SF aufgetaucht sein. Die Basis- Story dieses Romans fehlt daher in kaum einer feministischen SF-Anthologie.
Die Autorin
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Die 1948 geborene Autorin erhielt 1973 für die Novelle, die die Grundlage dieses Romans bildet, den Nebula Award, und für den 1978 erschienenen Roman die zwei wichtigsten Preise der Science Fiction. Bei uns wurde sie mit dem Starfarer-Zyklus bekannt und der historischen Fantasy \"Am Hofe des Sonnenkönigs\" (Bastei-Lübbe, 1999).
Unterm Strich
Dieser Kombination aus SF und Fantasy eignet sich für aufgeschlossene LeserInnen beider Genres. Es ist spannend und bietet dennoch genug Stoff, um zum Nachdenken anzuregen. Schade, dass es nicht mehr von solchen guten Büchern gibt.
Michael Matzer © 1999/2002ff
Info: Dreamsnake, 1978; Bastei-Lübbe 1999, Bergisch Gladbach; 446 Seiten, aus dem US-Englischen übertragen von Horst Pukallus; ISBN 3-404-24263-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-14 19:33:35 mit dem Titel P. Melo: *Ich töte, du stirbst*: Brasilianischer Psychothriller
Die vernachlässigte Ehefrau Rita verdächtigt ihren Mann, ein berüchtigter Frauenmörder zu sein. Ist sie das nächste Opfer? - Ein pedantischer Bankangestellter will seine Nachbarin killen, muss sie aber zuerst verführen: ein todbringender Don Juan. Ist er der gesuchte Frauenmörder? - Zwei Episoden um Psychosen bilden diesen kriminell guten Roman einer Brasilianerin.
\"Ich töte, du stirbst\" ist Patricia Melos erster Roman und erschien 1994. Nach \"O Matador\" und \"Wer lügt gewinnt\" ist dies der dritte von Klett-Cotta verlegte Roman Melos.
Die Autorin
Patricia Melo wurde bis in zwölf Sprachen übersetzt und 1998 für \"O matador\" mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den begehrten Premio Jabuti ihres Heimatlandes.
Die Übersetzerin
Barabara Mesquita, 1959 in Bremen geboren, ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Portugiesisch und Spanisch. Sie hat u.a. Luis Verissimo und Juan Manuel de Prada ins Deutsche übertragen. Ihre Arbeit an \"Ich töte, du stirbst\" ist einfach makellos.
2 Handlungen
Erster Teil
Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 1. Teils ist die junge Brasilianerin Rita. Sie sucht ein Polizeirevier auf, um dem Beamten zu berichten, sie vermute, ihr eigener Gatte sei der berüchtigte Frauenmörder des Stadtteils Lapa. Sie fürchte um ihr Leben. Das macht den Beamten erst einmal skeptisch.
Und uns auch, denn Rita, die vernachlässigte Gattin, die den ganzen Tag im Fernsehen amerikanische Krimiklassiker anschaut (diese Szenen verschwimmen mit der Realität), schnüffelt ihrem Männe, Rubem Marcondes, hinterher. Rubem ist Fernsehproduzent, und tatsächlich scheint ihn ein Geheimnis zu umgeben.
Auf ihren Beschattungsfahrten entdeckt Rita, wie ihr Angetrauter andere Frauen trifft, attraktive Blondinen gar, in Cafés und Bars. Ihre Paranoia wächst: landet sie demnächst bald beim alten Eisen? Doch Rubem streitet natürlich alles als Einbildung und Unsinn ab. Rita zweifelt an ihrem Verstand.
Dann findet sie, ganz die Paranoikerin, in einem geheimen Versteck im Keller mehrere mysteriöse Ampullen: Darin befindet sich Aqua Toffana (vgl. O-Titel), jenes tückisch wirkende Gift aus der Renaissance, das so langsam tötet, dass es zwei Jahre (!) dauert, bis das Opfer verendet.
Der Polizeibeamte ist weiterhin skeptisch: Ist Rita nicht doch nur eine durchgeknallte Psychopathin? Wenig später wird die Leiche einer jungen Frau in Lapa gefunden, das sechste Opfer: Rita.
Zweiter Teil
Auch am Geisteszustand der zweiten Hauptfigur und Ich-Erzählers des Romans gibt uns reichlich Anlass, ernsthaft an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln. Der unscheinbare, aber höchst penible Bankangestellte - er hat täglich nur Formulare abzustempeln, sonst nichts - und Vater zweier Kinder ist relativ besessen von Hemdkragen. Sie müssen a) von seiner Frau korrekt gebügelt sein und b) korrekt sitzen. Nur wenn sie richtig gebügelt sind, verleihen sie dem jeweiligen Träger jene lässige Eleganz (meint er).
In seine Alpträume mischen sich Bilder Stich- und Schneidewerkzeugen: Messer, Stichel, Dolche. Auch Revolver. Sein Hass richtet sich gegen seine etwas betagte Nachbarin Célia, eine gut erhaltene Vier- oder Fünfzigerin. Er schickt ihr Karten, Blumen. Irgendwie muss er ihr ja näherkommen. So nahe, dass er sie in ihrer badewanne ertränken kann. Denn das ist der trick: Den Mord so aussehen zu lassen wie einen Unfall: Das Badewasser läuft ihr in den Mund, ein Reflex hindert sie an der Gegenwehr, Affe tot.
Sein Wunschtraum geht in Erfüllung (oder ist alles nur Einbildung?): Er zerstückelt Célias Leiche und versenkt die Müllbeutel vor der Küste. Ha, wie soll man ihm nun auf die Spur kommen? Nie im Leben. Doch als ihm niemand verdächtigende Fragen stellt, wird er unruhig. Eines Morgens liest er die Zeitung: Der Frauenmörder von Lapa hat ein sechstes Opfer gefordert. Unverzüglich meldet er sich auf dem Kommissariat und gesteht: Ich bin der, den ihr sucht. Der Kommissar schaut ihn erschrocken an.
Mein Eindruck
Patricia Melos Geschichten erinnern an die Mördergeständnisse in Edgar Allan Poes Geschichten \"Die scharze Katze\" und \"Das geschwätzige Herz\": Der Mörder (?) empfindet mehr Einbildungen, leidet unter einer (imaginären?) Tat und stellt sich schließlich: entweder , wie bei Poe und Melo #2, dem Arm der Gerechtigkeit oder, wie bei Melo #1, dem unausweichlichen Schicksal.
Das Thema der beiden Novellen, die den Roman \"Ich töte, du stirbst\" ausmachen, ist in jedem Fall Gewalt: sei sie nun real oder \"nur\" eingebildet. Die Erzählweise ist brillant, vielseitig, schier atemlos dahinjagend in ihrer Paranoia. (Ich habe den Roman komplett an 1 Tag gelesen.)
\"Paranoia me destroya\"
Woher kommt er, dieser Verfolgungswahn? Er hat viele Quellen. Die vernächlässigte Rita erfindet sich einen Mörder nach dem Vorbild der amerikanischen Krimis. Sie findet ihr höhere Bedeutung als Opfer, eine Opfer von derart durchtriebener Mordlust und Tücke, das sie sozusagen die Krönung aller Opfer darstellt.
Auch der Bankangestellte stilisiert sich zu höherer Bedeutung: Direkte Einwirkung auf die Umwelt, nicht mehr nur denken, stempeln wie ein kleines Rädchen in der Maschine, nein, ein Mord muss her. Als ob eine solche Tat zum Heldentum tauge. So kommt man in die Zeitung. Berühmt oder berüchtigt - wo liegt da heutzutage der Unterschied?
In Washington, D.C., spielt heute einer Gott, indem er wahllos Menschen abknallt. Terror oder ultimativer Horror (bei Rita) als Vergegenwärtigung des verschwindenden, anonymen Individuums. \"Selbsternannte Götter\", wie Gert Heidenreich sie nennt, sind vielleicht die Agonie im Kampf des Einzelnen um Selbstbehauptung: Träume von Gift, Dolchen, Messern, Revolvern überschwemmen, freigelassen von den visuellen Medien, das Bewusstsein der Massen. Der Mörder und sein Opfer als Doppelheldenpaar. Für 15 Minuten Ruhm.
Unterm Strich
Melo ist eine Entdeckung, nicht nur in Sachen Einfallsreichtum und Aussage des Inhalts, sondern auch in literarischer Hinsicht. So rasant und dennoch unter die Haut gehend erlebt man heute selten eine Erzählung. Das Thema sorgt ebenso wie seine brillante Umsetzung für wohlige Schauder beim Leser.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Aqua Toffana, 1994; Klett-Cotta 2002, Stuttgart; 150 Seiten, aus dem Brasilianischen übertragen von Barbara Mesquita; EU 16,00; ISBN 3-608-93559-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-07 11:33:08 mit dem Titel M. Niemi: *Populärmusik aus Vittula*: Rock \'n\' Roll am Polarkreis
Die Rock \'n\' Roll Music hält in den 60er Jahren Einzug in dem verschlafenen nordschwedischen Hinterwäldlernest Vittula. Der Erzähler Matti und seine seltsamer Freund Niila sorgen dafür, dass die neuen Töne aus England auch Anklang finden. Noch viele weitere Abenteuer bilden das Panorama des Lebens, das dieser Roman vor dem Leser ausbreitet.
Der Autor
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Mikael Niemi, Jahrgang 1959, ist der Autor zweier Gedichtsammlungen und einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. \"Populärmusik\" aus Vittula ist sein lange erwarteter erster Roman für Erwachsene und wurde vielfach preisgekrönt, darunter auch mit dem Augustpreis, dem wichtigsten Literaturpreis Schwedens. Das Buch wurde über eine halbe Million Mal verkauft.
Handlung
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Das Buch beginnt auf einem 5400 Meter hoch gelegenen Bergpass in Nepal, wo unserem Helden beim Versuch, den Göttern zu danken, Lippen und Zunge an einer metallenen Gebetstafel festfrieren. Was tun, wenn Nacht und Sturm nahen? - Der Erzähler gerät ständig in solche Situationen. Und nur ungewöhnlichste Methoden können ihn retten.
Der Roman erzählt die ziemlich abgefahrene Geschichte zweier pubertierender Jungen in den sechziger Jahren. Matti und sein schweigsamer Freund Niila (er gehört zu einer Sektenfamilie) wachsen fernab der wirklichen Welt, im äußersten Norden Schwedens, an der Grenze zu Finnland auf - dort wohnen aus Stockholmer Sicht wirklich nur Hinterwäldler. Tatsächlich aber macht auch der Fortschritt vor Vittula nicht Halt: Das Dorf hat jetzt eine Asphaltstraße.
Das dynamische Duo erlebt Familientragik, Abenteuerreisen (sie kommen sogar bis Frankfurt/M.), Sex, viel Natur etc. Aber eigentlich haben sie schon früh nichts anderes im Kopf, als sich von diesem merkwürdigen Ort wegzu träumen. Eines Tages hält der Rock \'n\' Roll Einzug im kleinen Hinterwäldlertal Tornedal - und ihre Zeit ist gekommen.
Matti und Niila haben den Song \" Rock \'n\' Roll Music\" von den Beatles gehört und kennen nur eine Mission: Diese Art von Musik selbst zu machen. Unterstützt von ihrem Musiklehrer brechen sie mit ihren ersten Auftritten die herzen der Mädchen - und darauf kommt es ihrer Ansicht beim Rock \'n\' Roll vor allem an. Holgeri steuert Gitarrensoli à la Jimi Hendrix bei, und Erkki malträtiert die Trommeln und Becken.
Seine musikalische Karriere bildet aber nicht den Hauptteil des Buches. Es sind noch viele andere Aspekte des ländlichen Lebens in Nordschweden eingefangen. Immer wieder tauchen die Alten auf, die sich noch an die 20er und 30er Jahre sowie an die Kriege in Finnland erinnern. Sogar ein aus dem 2. Weltkrieg übrig gebliebener Deutscher taucht auf und schreibt ein. Matti befreit ihn von einer Rattenplage - mit höchst unkonventionellen Mitteln
Immer wieder gibt es Familienfeste, auf denen die unterschiedlichsten Ansichten aus den einzelnen Stadtvierteln und Regionen der Privinz Norrbotten aufeinandertreffen - und regelmäßig im Trinkwettstreit beigelegt werden. Das sind dann die weniger schönen Seiten des Buches, aber offenbar für Schweden die lustigsten.
Mein Eindruck
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Die schwedischen Kritiker haben sich offenbar vor Begeisterung überschlagen, nachdem sie dieses Buch gelesen hatten. Und der deutsche Verlag zögert natürlich nicht, sämtliche Begeisterungsstürme zu kolportieren. Doch der deutsche Leser sollte selbst urteilen.
Mich selbst hat das Buch nur zum Schmunzeln und Lächeln gebracht, aber keineswegs Glücksgefühle bei mir ausgelöst. Viele der erzählten begebenheiten sind durchaus traurig oder verweisen auf bedauerliche Zustände, so etwa auf gewalttätige Zustände in Niilas Elternhaus, die damit enden, dass die Söhne ihren Vater Isak fast zu Tode prügeln und treten. Ist das vielleicht lustig? Wohl eher nicht. Ich habe bereits die grotesken Saufgelage zitiert: Dabei sterben drei alte Männer an Alkoholvergiftung. Wirklich sehr witzig.
Doch was sich für das Buch sagen lässt, sind die Begeisterung für die Ereignisse in der Natur sowie die zärtliche und genaue Menschenzeichnung. Zu den genau beobachteten Naturereignissen gehören etwa das eindrucksvolle Brechen des Eises spät im Frühling, die romantische Mitternachtssonne und die vielfältigen Blumen und Vögel. Dabei schreckt der Autor auch nicht vor dem poetischen Gebracuh der Sprache zurück.
Die zärtlich beschriebenen Menschen: Da ist natürlich zunächst Niila selbst, der ein ebenso verschlossener wie ungewöhnlicher Junge ist, und seine sektiererische Familie. Aber da ist auch Mattis eigener Vater, der seinen Sohn bei einer längeren Saunasitzung vom Jungen zum Mann befördert, indem er ihm die Geschichte der Familie und der blutigen Fehden, die sie mit anderen Clans führt, überliefert. Nun sieht Matti seinen Platz in der Welt. So schnell kann\'s gehen.
Schade eigentlich, dass das Buch nicht wieder mit der Szene auf dem nepalesischen Bergpass endet. Der Verdacht liegt nahe, dass die Fortsetzung bereits in Arbeit ist: Mattis und Niilas Lebensweg ist ja erst bis zum 15. Lebensjahr erzählt. Viel muss noch kommen.
Unterm Strich
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Ein vielfach amüsantes, aber auch groteskes Buch, das durchaus an Jugendromane wie etwa \"Die Blechtrommel\" erinnert. Dem Erzähler gelten Schreckliches und Wundervolles in seiner Unschuld gleich viel. Ob dem Leser nun zum Lachen oder zum Weinen zumute ist, ganz gleich: Es ist eine interessante Erfahrung, so viele ungewöhnliche Dinge vom Leben der Menschen am Polarkreis zu erfahren.
Die Übersetzung
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Die Übersetzerin Christel Hildebrandt mag ja im Schwedischen sehr bewandert sein, doch mit dem Deutschen scheint sie noch so ihre Probleme zu haben. Oder waren dies alles Flüchtigkeitsfehler? Statt \"Kaulquappen\" schreibt sie \"Kaulquallen\" (S. 93), statt prestigeträchtig\" bevorzugt sie \"prestigevoll\" (S. 238). Seltsamer sind da schon die falschen Bezüge vom Possessivpronomen auf sein Substantiv: \"die Gegend ... seine blutigen Familienfehden\" (207/08) und \"Die Wolkenbank ergoss seinen schaurigen Inhalt über uns\" (173). Offensichtlich war bei diesem doch nicht ganz billigen Buch kein wachsamer Lektor am Werke, wie er zumindest über Machwerke von Michael Crichton (Blessing-Verlag) wacht.
Viele direkte Zitate aus dem Schwedischen sind nicht übersetzt worden, und etliche Begriffe aus dem Fachjargon wurden für wert befunden, in einer Fußnote erklärt zu werden. Begriffe wie \"Wuhne\" (Eisloch) muss man selbst im Duden nachschlagen. Der nächste Niemi sollte sorgfältiger ediert werden.
Michael Matzer (c) 2003ff
Info: Populärmusik från Vittula, 2000; BTB-Verlag 08/2002, München; 304 Seiten, aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, EU 19,90, ISBN 3-442-75071-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-20 22:42:29 mit dem Titel E. McGregor: *Das Eiskind*: Kombi aus *Lazaruskind* und Expeditionsbericht
Das Schicksal eines an einer Knochenmarkskrankheit leidenden Kindes ist auf vielschichtige Weise mit dem Schicksal der verhängnisvollen Expedition John Franklins verknüpft, der 1845 bis 1848 die Nordwestpassage durch die Arktis suchte. Ein spannender und sehr bewegender Roman, der Geschichtsdoku und Schicksalsdrama kombiniert.
Die Autorin
Elizabeth McGregor wurde in Warwickshire, Südwestengland, geboren und lebt heute mit ihrer Tochter in Dorchester. Für \"Das Eiskind\" recherchierte sie u.a. am \"Scott Polar Research Institute\" in Cambridge. Für ihre Kurzgeschichten und ihre psychologischen Krimis wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Website zum Roman: www.theicechild.com (ohne Gewähr).
Handlung
Der Roman besteht aus drei Erzählsträngen. In der Gegenwart stehen eine junge Journalistin, ein Archäologe und eine Eisbärin im Vordergrund. Dazwischen geschaltet sind längere Rückblenden auf die Jahre 1845 bis 1848, auf die verhängnisvolle Expedition John Franklins, die die Nordwestpassage erschließen sollte und im Eis spurlos verschwand.
Doch zunächst zur Gegenwart. Die englische Journalistin Jo Harper, 27 Jahre jung, hätte es beinahe abgelehnt, eine Reportage über einen der berühmtesten Archäologen, den Briten Douglas Marshall, zu schreiben. Er hat sich gerade in Grönland das Bein gebrochen. Auf einem Kriegsschiff, das ihn zurückbringt , begegnen sich Jo und Doug zum ersten Mal. Ihre Reportage macht ihn noch bekannter.
Er arbeitet seit Jahren an einem Forschungsprojekt über die legendäre Franklin-Expedition. In der Zeit seiner Genesung lernen sie sich näher kennen. Er steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau Alicia, von der er schon fünf Jahre getrennt lebt. Nicht alles steht zum besten in der Familie Marshall. Auch sein John, der sich ebenfalls für die Franklin-Expedition interessiert, lehnt Doug ab - er will ihn nämlich übertrumpfen und so dafür bestrafen, dass er ihn als Kind ständig vernächlässigte.
Als Jo von Doug ein Kind erwartet, wollen die beiden heiraten, doch bei dem Versuch, sich am Hochzeitstag auf Jos Bitte hin mit John zu versöhnen, geraten die beiden Männer auf die eisglatte Straße, auf der ein junger Autofahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen kann.
John überlebt, doch sein Vater nicht. Jos Kind Sam wächst als Waise auf. Er ist ihr Trost in ihrem Unglück, bis sich herausstellt, dass Sam unheilbar krank ist (es gab schon früh im Buch Verweise auf Leukämie). Und dass sein Halbbruder John seine einzige Rettung sein könnte.
Doch John weilt im ewigen Eis: auf den Spuren der Franklin-Expedition, denn er will um jeden Preis die ehrgeizige Mission seines Vaters erfüllen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem nicht nur Sam, sondern auch John sein Leben verlieren könnte.--
Kurze Einschübe erzählen vom Leben einer bemerkenswerten Eisbärin, die von den Fotografen und Biologin schlicht \"Die Schwimmerin\" genannt wird: Sie schwimmt eben gut. Aber nicht blindlings kreuz und quer durch die Arktis. Sie folgt den Spuren der Franklin-Expedition.
Und so wird die Bärin zum Bindeglied zu der dritten Erzählebene: die Schilderung des verhängnisvollen Verlaufs jener zunächst stolzen viktorianischen Expedition, die die Nordwestpassage nach Indien finden sol
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