Erfahrungsbericht von campino
Mit Freundlichkeit ins dunkle Auge schauen
Pro:
Ein Dichter der Romantik dessen Werke auch heute nichts von ihrer Wortgewalt verloren haben.
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Am 8. September 1804 wurde Eduard Mörike als siebentes von dreizehn Kindern in Ludwigsburg geboren.
Als 13jähriger musste Eduard im Jahr 1817 den frühen Tod seines damals 52jährigen Vaters verkraften, der an den Folgen eines Schlaganfalles, den er drei Jahre zuvor erlitten hatte, starb.
Damit war die sorglose Kindheit des Jungen beendet. Ein Onkel aus Stuttgart nimmt den Jungen bei sich auf. Er beendet in Stuttgart das Gymnasium und beginnt ein Studium der Theologie. Ein weiterführendes Seminar besucht er in Urach, auf einer Klosterschule mit Internat, das sehr streng und autoritär geführt wird. Mörike schreibt 1827 über seine Zeit in Urach ein Gedicht:
Besuch in Urach
Nur fast so wie im Traum ist mir’s geschehen,
Dass ich in dies geliebte Tal verirrt.
Kein Wunder ist, was meine Augen sehen,
Doch schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt,
Aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen
Vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt;
Die Wahrheit selber wird hier zum Gedichte,
Mein eigen Bild ein fremd und hold Gesichte!
Da seid ihr alle wieder aufgerichtet,
Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle!
Auf Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten mischt mit balsamreicher Schwüle.
Kennt ihr mich noch, der sonst hieher geflüchtet,
Im Moose, bei süss-schläferndem Gefühle,
Der Mücke Sumsen hier ein Ohr geliehen,
Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?
Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge,
Die mich in liebliche Betrachtung fäng,
Kein Mäuerchen, kein Holz ist so geringe,
Dass nicht mein Blick voll Wehmut an ihm hängt:
Ein jedes spricht mir halbvergessne Dinge;
Ich fühle, wie von Schmerz und Lust gedrängt
Die Träne stockt, indes ich ohne Weile,
Unschlüssig, satt und durstig, weiter eile.
Hinweg! und leite mich, du Schar von Quellen,
Die ihr durchspielt der Matten grünes Gold!
Zeigt mir die urbemoosten Wasserzellen,
Aus denen euer ewig’s Leben rollt,
Im kühnsten Walde die verwachsnen Schwellen,
Wo eurer Mutter Kraft im Berge grollt,
Bis sie im breiten Schwung an Felsenwänden
Herabstürzt, euch im Tale zu versenden.
O hier ist’s, wo Natur den Schleier reißt!
Sie bricht einmal ihr übermenschlich Schweigen;
Laut mit sich selber redend will ihr Geist,
Sich selbst vernehmend, sich ihm selber zeigen.
- Doch ach, sie bleibt, mehr als der Mensch, verwaist,
Darf nicht aus ihrem eignen Rätsel steigen!
Dir biet ich denn, begier’ge Wassersäule,
Die nackte Brust, ach, ob sie dir sich teile!
Vergebens! und dein kühles Element
Tropft an mir ab, im Grase zu versinken.
Was ist’s, das deine Seele von mir trennt?
Sie flieht, und möcht ich auch in dir ertrinken!
Dich kränkt’s nicht, wie mein Herz um dich entbrannt,
Küssest im Sturz nur diese schroffen Zinken;
Du bleibest, was du warst seit Tag und Jahren,
Ohn’ ein'gen Schmerz der Zeiten zu erfahren.
Hinweg aus diesem üppgen Schattengrund
Voll großer Pracht, die drückend mich erschüttert!
Bald grüsst beruhigt mein verstummter Mund
Den schlichten Winkel, wo sonst halb verwittert
Die kleine Bank und wo das Hüttchen stund;
Erinn’rung reicht mit Lächeln die verbittert
Bis zur Betäubung süßen Zauberschalen;
So trink ich gierig die entzückten Qualen.
Hier schlang sich tausendmal ein junger Arm
Um meinen Hals mit inn’gem Wohlgefallen.
O säh ich mich, als Knaben sonder Harm,
Wie einst, mit Necken durch die Haine wallen!
Ihr Hügel, von der alten Sonne warm,
Erscheint mir denn auf keinem von euch allen
Mein Ebenbild, in jugendlicher Frische
Hervorgesprungen aus dem Waldgebüsche?
O komm, enthülle dich! dann sollst du mir
Mit Freundlichkeit ins dunkle Auge schauen!
Noch immer, guter Knabe, gleich ich dir,
Uns beiden wird nicht voreinander grauen!
So komm und lass mich unaufhaltsam hier
Mich deinem reinen Busen anvertrauen! -
Umsonst, dass ich die Arme nach dir strecke,
Den Boden, wo du gingst, mit Küssen decke!
Hier will ich denn laut schluchzend liegen bleiben,
Fühllos, und alles habe seinen Lauf! -
Mein Finger, matt, ins Gras beginnt zu schreiben:
Hin ist die Lust! hab alles seinen Lauf!
Da, plötzlich, hör ich’s durch die Lüfte treiben,
Und ein entfernter Donner schreckt mich auf;
Elastisch angespannt mein ganzes Wesen
Ist von Gewitterluft wie neu genesen.
Sieh! wie die Wolken finstre Ballen schließen
Um den ehrwürdgen Trotz der Burgruine!
Von weitem schon hört man den alten Riesen,
Stumm harrt das Tal mit ungewisser Miene,
Der Kuckuck nur ruft sein einförmig Grüssen
Versteckt aus unerforschter Wildnis Grüne,
Jetzt kracht die Wölbung, und verhallet lange,
Das wundervolle Schauspiel ist im Gange!
Ja nun, indes mit hoher Feuerhelle
Der Blitz die Stirn und Wange mir verklärt,
Ruf ich den lauten Segen in die grelle
Musik des Donners, die mein Wort bewährt:
O Tal! du meines Lebens andre Schwelle!
Du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd!
Du meiner Liebe Wundernest! ich scheide,
Leb wohl! - und sei dein Engel mein Geleite!
Nichts in diesem Werk deutet auf die strenge Zeit hin, die er in dem kleinen Städtchen verbracht hat. Er bezieht sich in der Hauptsache auf die Natur, die er sehr liebte und die in ihrer Ursprünglichkeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Das zeigt auch ein Gedicht über den Uracher Wasserfall:
Ein Wasserfall, mein Freund
uns beiden wohlbekannt.
Wie manchmal standen wir davor,
An ihm berauschend Aug und Ohr
Da wir noch andre Bursche waren...
Als der 18jährige nach der Reifeprüfung im November 1822 in das Tübinger Stift eintritt, findet er hier fast dieselbe Situation wie in Urach vor: Alles ist bis in kleinste Kleinigkeiten hinein pedantisch geregelt. Die Kleidung: Eine schwarze Uniform. Eine nahezu lückenlose Kontrolle, die kaum Raum zu persönlicher Entfaltung lässt. Aber auch diese 4 Jahre gehen vorbei und ab 1826 beginnt er ein Vikariat und ist auch kurze Zeit Redakteur der „Stuttgarter Damenzeitung“. Als Vikar wanderte er von Dorf zu Dorf, von Köngen und Pflummern nach Plattenhardt und Eltingen. Und verliebte sich immer wieder unglücklich.
Zitat: Zum Beispiel in die schöne, hoch gebildete Abenteurerin Maria Meyer, die man 1823 in Ludwigsburg ohnmächtig auf der Straße liegend fand; es konnte nie geklärt werden, wo sie herkam. Mörike hing an der ungezähmten Exotin in einer Mischung aus Anbetung und scheuer Furcht; er war außer sich, als sie ein Jahr später spurlos verschwand, riss vor ihr aus, als sie irgendwann wieder auftauchte, und verewigte sie als Peregrina in seinen Gedichten sowie als geheimnisvolle Zigeunerin im Roman Maler Nolten. Zitat Ende.
1829 verlobt sich Mörike mit Luise Rau, von der er sich 1833 wieder entlobt. Ab 1834 hat er eine Pfarrstelle in Cleversulzbach. Hier führt er nun auch zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester Clara einen Haushalt.
1841 stirbt seine Mutter und 2 Jahre später wird Eduard Mörike wegen Krankheit in den Ruhestand versetzt.
Er heiratet 1851 Margarete Speeth und zieht nach Stuttgart. Hier lebt er mit Frau und Schwester. Margarete kommt jedoch mit ihrer Schwägerin Clara überhaupt nicht aus. 1873 trennten sich die Eheleute. Sie versöhnen sich erst wieder, als Eduard Mörike schon im Sterben liegt.
Eduard Mörike stirbt am 4. Juni 1875 in Stuttgart.
Zu den bekanntesten Werken Eduard Mörikes zählen:
- Maler Nolten
Schicksalsroman über einen Künstler
- Das Stuttgarter Hutzelmännlein (Märchen)
mit der Legende von „der schönen Lau“.
- Der oben schön erwähnte „Besuch in Urach“
Hermann Hesse schrieb über Mörike: „Der behagliche Dorfpfarrer und liebenswürdig spielerische Idylliker......“, „...ist eine hübsche, gründlich erlogene Fabel. Mörike ist dem banalen Wohlsein eines glücklichen Lebens....so fern gestanden wie nur möglich“.
Seine Werke zeigen einen ganz anderen Eduard. Voll Romantik und Zärtlichkeit. Und das bekannteste seiner Gedichte kennt Ihr wohl alle:
„Frühling lässt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja Du bist ’s!
Dich hab’ ich vernommen!
*Die Überschrift ist dem Gedicht "Besuch in Urach" entnommen.
129 Bewertungen, 7 Kommentare
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10.04.2009, 00:10 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichWar für mich sehr interessant zu lesen, da ich eine Vorliebe für Gedichte habe. LG
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17.02.2007, 17:55 Uhr von hjid55
Bewertung: sehr hilfreichsh & lg Sarah
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23.07.2006, 19:40 Uhr von Zuckermaus29
Bewertung: sehr hilfreichsh von mir für Dich :o) Viele Grüße Jeanny
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25.06.2006, 14:49 Uhr von anonym
Bewertung: sehr hilfreichsh :o)
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28.03.2006, 20:55 Uhr von Django006
Bewertung: sehr hilfreichsh & *lg* Alan :o))))
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19.03.2006, 14:30 Uhr von Nathalie
Bewertung: sehr hilfreichsh von mir
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18.03.2006, 19:17 Uhr von swissflyer
Bewertung: sehr hilfreich==------== <br/>--=S H=-- <br/>==------== <br/>Liebe Grüsse, Patrik
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