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Erfahrungsbericht von maertens

Marko Martin: Der Prinz von Berlin

Pro:

unterhaltsam, lehrreich, tiefgründig

Kontra:

leichte Verzerrungen in der Ost/West-Sicht

Empfehlung:

Nein

Sehr viel zum Lesen komme ich ja zugegebenermaßen nicht, deshalb war es schon etwas besonderes, mir aus dem Bücherregal des kleinen Buchladens in der Gleimstraße in meinem Kietz in Berlin ein 560 Seiten starken Schmöker zu ziehen, ein Umfang, der mich gewöhnlicherweise abschreckt und als U-Bahn-Lektüre nicht sonderlich geeignet scheint. Der Titel steht übrigens im Titel *g*...

Der Blick auf den Klappentext verführte mich jedoch dann doch zum Kauf: Junger Libanese (Jamal) wird von seiner Familie nach Berlin zum Studium geschickt, entdeckt in Großstadtdschungel seine Homosexualität, wird exotisches Fabelwesen in der Szene und hat Angst vor seiner Heimreise: Ergo: nur wenn er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommt, kann er so weiter leben, wie es seine Bestimmung ist. Sonst muss er zurück in den ?Schoß der Familie? nach Beirut. Aber die kriegt er nur durch Heirat, und das kostet ca. 10.000 DM auf den Scheinheiratsmarkt. Er schuftet wie besessen, lernt die Abgründe der Großstadt kennen und landet irgendwann ganz unten. Aber schlussendlich kann er seinen Traum von Berlin weiterleben.

Das Buch hat mich gefesselt wie lange keines mehr. Die Sprache ist teilweise sehr drastisch, was mich anfangs störte, aber bei näherer Betrachtung doch als Sprache der Stadt akzeptierte. Für mich als quasi Neuberliner, der vor ca. dreieinhalb Jahren in die Stadt kam, konnte ich viele Situationen nachvollziehen.

1. Den Weg vom Hass auf die Großstadt, der sich allmählich und sehr zäh in eine Beziehung wandelt, die Nichtberliner schwer nachvollziehen können. Jamal ist zunächst fasziniert und angewidert von der Stadt zugleich. Treffend beschreibt er die Szenerie einzelner Stadtteile, wie die seltsame Kälte und latente Ausländerfeindlichkeit in den Vororten im Osten, andererseits wieder den Kreuzberger Kietz mit den Möchtegern-Gangs türkischer Jungendlicher, die den breitbeinigen Gang üben und es ihren Macho-Vätern gleichzumachen versuchen. Oder er zieht über alternde Schwuchteln in Schöneberg her, macht sich über Yuppies in Mitte lustig oder über anatolische Kopftuchmatronen im Wedding. Der Rassismus seitens der Deutschen als auch der in der Stadt lebenden Türken und anderen Volksgruppen wird treffend thematisiert. Allmählich überwieg aber die Faszination, und das Gefühl, mitten drin zu sein, in dieser pulsierenden Metropole an der Spree. Mitten in den faszinierenden Widersprüchen, der Buntheit des Lebens und der Freiheit. Und im Wachsen und dem Umbruch der Stadt.

2. Die Sprache: Hier ist einiges für mich widersprüchlich. Jamal als Ausländer jongliert so geschickt mit der deutschen Sprache, erkennt den Witz in Dialekten, die für mich sehr unwahrscheinlich ist. Beispiel: In seinen ersten Wochen will es Jamal seinem in Berlin schon seit einiger Zeit lebenden Onkel nachmachen, und die Freiheit ausnutzen, die deutschen Frauen zu beglücken. Das weniger aus einem Trieb heraus, sondern eher um sich selber zu beweisen, dass er ein ?Mann? ist. Jamal gerät an Kerstin aus Hellersdorf, welche ihn mit ihren Dialekt mitten im Geschlechtsakt an Regine Hildebrandt erinnert. Sehr gewagt, wie ich finde.

3. Die Szene: Es bleibt nicht aus, dass Jamal in Berlin erste Berührungen mit Schwulen und der schwulen Szene hat. Er ist hin und hergerissen. Seine Erziehung ist weit strenger als die mitteleuropäische darauf fixiert, dass Schwule unnormal, pervers und weibisch sind. Alternde lüsterne Perverse in Frauenkleidern. So in etwa wie ein Herr Norbert Geiß in Bayern die Schwulen sieht. Irgendwann nach dem Desaster mit Kerstin verliebt sich Jamal- in einen Mann aus seinem Studienkurs- unglücklich, denn der ist Hetero. Er entdeckt dann aber, wie bunt das schwule Leben in Berlin ist, lernt schnell die Regeln, erlebt Pleiten und kurze Glücksgefühle und macht sich als exotischer Vogel, der arabische Märchenprinz, begehrt und spröde, in der Szene schnell einen Namen. Als Leser entdeckte ich eine Reihe mir vertrauter Lokalitäten und konnte viel von den von Jamal gemachten Entdeckungen nachvollziehen. Die Szene der Schwulen ist in der Tat bunt, jede Disko, jeder Darkroom, jeder Club und jedes Cruising-Gebiet hat seine eigene Geschichte, Menschen und Eigenheiten. Der Autor geht schonungslos mit dem Schönheits- und Jugendwahn der Schwulen um, ein guter Einblick für all diejenigen, die sonst keine Berührung mit solchen Themen haben. Und er schärft auch den Blick auf die doch ach so verständnisvollen Mitmenschen, die sich alle gern einen Schwulen und den auch noch als Ausländer (ich war letztens in Ägypten, bei den Pyramiden?) als Partyhighlight halten wollen und eigentlich doch nur oberflächlich und peinlich bleiben. Aber auch auf Mitmenschen, die uneigennützig helfen und zuhören.

4. Ost-West: Hier habe ich am meisten Probleme mit dem Autor. Offensichtlich rechnet hier Marko Martin, selbst 1989 kurz vor der Wende vom Osten in den Westen übergesiedelt, mit seiner eigenen Geschichte ab und pauschalisiert sehr stark. Der Unterschied zwischen Ost und West, der hier konstruiert wird, existiert zumindest in Berlin schon lange nicht mehr so krass wie dargestellt. Nun ja, nachdenkenswert allemal.

5. der Abgrund: Den kennt man als Normalberliner ja nicht sehr. Bis auf den ?gewöhnlichen Bettler? oder Junky in der U-Bahn hat man keinen Kontakt zum Abgrund. Der Autor Marko Martin skizziert hier äußerst spannend u.a. wie Schwarzarbeit auf dem Bau an der Potse (Potsdamer Platz) funktioniert, oder die entwürdigenden Demut Ausländerbeamten gegenüber. Grade diese Einblicke machen den Roman in meinen Augen sehr wertvoll.

6: Liebe: Dass schwul sein nicht nur heißt, hedonistisch alles auszuleben, was sich bietet, merkt Jamal sehr bald. Und nach allen Irrungen und Wirrungen kommt es wie es kommen muss, er verliebt sich, und zwar richtig. Auf dem CSD lernt er einen Landsmann kennen, der bald, wenn auch mit Höhen und Tiefen, sein Leben bestimmen und ändern wird: Avif. Fortan versucht Jamal, auf ein Leben mit Avif in Berlin hinzuarbeiten. Ob das gelingt, wird an dieser Stelle nicht verraten.

7. Humor: Wenn man sich wiederentdeckt und schmunzeln muss, über Situationen lacht, die man fast ähnlich selber erlebt hat, dann hat das schon etwas. Der respektlose Blick auf verschiedenste Bevölkerungsgruppen, politische Entwicklungen und die Schwächen unserer Mitmenschen hat mich bei der Lektüre oft zum Lachen gebracht.

Preis: Als Paperback bei List 9,95; 560 Seiten.

Fazit: Absolut lesenswerter und fesselnder Roman über die \"eine und andere\" Seite Berlins. Mit scharfem Blick wird hier eine Geschichte erzählt, schonungslos offen und fesselnd. Von mir 5 Sterne.

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