Erfahrungsbericht von Tut_Ench_Amun
Titanic - Königin der Meere / Marschall, Ken
Pro:
hervorragend recherchiert und vor allem illustriert
Kontra:
Preis, derzeit Out-Of-Print
Empfehlung:
Nein
Keine andere Katastrophe hat die Menschen so berührt, wie der Untergang der RMS Titanic am 14./15. April 1912, als sie auf ihrer Jungfernfahrt einen Eisberg streifte und sich der Atlantische Ozean nach etwas unter 3 Stunden Todeskampf schliesslich über dem geschlagenen Titanen schloss – zusammen mit der Titanic versanken die menschlichen Allmachtsphantasien, dass mit Technik allein alles zu beherrschen sei. Dieser Fortschrittsglaube des eduardinischen England (auch das „vergoldete Zeitalter“ genannt) zerbrach genauso, wie das Schiff, das diesen Way of Life so verkörperte, wie kein Anderes. Die anrührende Geschichte über die Verkettung mehrerer fataler Umstände liefert selbst heute noch genug Stoff, um Mythen zu nähren und diesen Luxusliner bestimmt noch lange im kollektiven Bewusstsein der Menschen zu halten.
Mich hat der Virus schon recht früh gepackt, nachdem ich als Kind Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ mehrfach gelesen hatte, fing ich an mich für die richtige Unterwasserwelt zu begeistern – schon damals fand ich Schiffswracks einerseits unheimlich und bedrohlich, andererseits aber unwiderstehlich faszinierend...und wer an Wracks denkt, kommt zwangsläufig zur Titanic (die zu dieser Zeit noch weit davon entfernt war entdeckt zu werden). So hat sich im Laufe der Zeit eine regelrechte Bibliothek über dieses berühmteste aller Schiffe bei mir angesammelt und sein Modell steht selbstredend an einem Ehrenplatz auf meinem Regal – direkt daneben das Buch, um das es in diesem Bericht gehen soll...nebenbei bemerkt eins der Teuersten, die ich mir je gekauft habe: 129.- DM hab ich dafür 1995 berappt, heute ist es zwar theoretisch billiger, doch leider vergriffen...
Der Steckbrief
Das Schiff und seine Geschichte
Darüber ist eine Menge geschrieben (wenn ich mir mein Regal so anschaue) und noch mehr fabuliert worden, kein anderes Schiff hat so viele Mythen und Sagen heraufbeschworen, wie die Titanic. Einiges hat sich bewahrheitet, Anderes hingegen ist hanebüchener und unhaltbarer Nonsens. Die Geschichte an sich dürfte eigentlich jedem einigermassen bekannt sein, der Vollständigkeit halber fasse ich sie mit den hartnäckigsten Gerüchten dennoch mal grob zusammen:
Gebaut wurde die Titanic als zweites einer Reihe von 3 Super-Linern für die White-Star Line auf der Werft von Harland & Wolff im irischen Belfast. Ihr Stapellauf fand bereits 1911 statt, danach wurde sie weiter ausgerüstet, sprich ihre Inneneinrichtung und Lackierung etc. komplettiert, das Ganze dauerte ein gutes weiteres Jahr. Zu dieser Zeit befand sich ihre ältere Schwester Olympic bereits grade im Dienst und ihre jüngere – Britannic – grade bei der Kiellegung. Die Titanic wurde auf Luxus ausgelegt, nicht auf Geschwindigkeit, was alle jene Gerüchte Lügen straft, dass die Titanic angeblich auf der Jagd nach dem „Blauen Band“ gewesen sein soll, dazu war sie nie in der Lage – ausgestattet mir nur 3 Schrauben und zu schwachen Niederdruck-Turbinen hätte sie es niemals mit der amtierenden Rekordhalterin Mauretania der konkurrierenden Cunard-Line aufnehmen können. Dessen waren sich auch die Erbauer und Betreiber bewusst, um optisch mehr Leistung vorzutäuschen verpassten sie ihr sogar einen vierten Schornstein, obwohl der hintere ein Fake war, erachtete man es zu dieser Zeit als ein Muss 4 Schornsteine haben zu müssen...eine Reederei, die was auf sich hielt konnte es im heissumkämpften Transatlantik-Verkehr nicht wagen ein Schiff mit nur 3 Schloten zu betreiben.
Konstruktiv war die Titanic ihrer Zeit voraus, doppelter Schiffsboden und elektro-magnetisch verschliessbare Schotten konnten das Schiff selbst mit 3-4 gefluteten Sektionen noch an der Oberfläche halten, ein Szenario, dessen Eintreffen sich jedoch niemand wirklich vorstellen konnte, so kam die Presse (nicht die Reederei White-Star!) zu der Behauptung, sie sei unsinkbar – der Reederei gefiel eine solche Werbung natürlich und tat dementsprechend nichts diese Übertreibung zu dementieren oder zu bestätigen. Oft hat man den White-Star Offiziellen und der Werft vorgeworfen, dieses Attribut erfunden zu haben, dem kann man entgegen halten, dass der Chef-Ingenieur Thomas Andrews ein absoluter Realist gewesen ist und solche Behauptungen niemals aufgestellt hätte (er ging mit „seinem“ Schiff sogar unter). Die Kapazität der Rettungsboote entsprach buchstabengetreu dem Gesetz, niemand hat sich für ein Schiff dieser Grösse Gedanken gemacht, ob das Fassungsvermögen für alle Menschen an Bord ausreichen würde – das Gesetz sah eine Mindestanzahl an Rettungsbooten pro Bruttoregistertonne (BRT – ein Schiffraum-Maß) vor, allerdings ging man von 10.000 BRT als Maximum aus, ein Wert, den die Titanic bei weitem überschritt – mehr noch: rein rechnerisch hatte sie laut Gesetz sogar zu viele Rettungsboote (!)
Die schicksalshafte Jungfernfahrt beginnt schon nicht besonders, beim Auslaufen vom Dock ins offene Fahrwasser kommt es zu einer Beinahe-Kollision mit einem kleineren Passagierdampfer, der sich wegen des gewaltigen Sogs, den die Titanic allein schon durch ihre Masse erzeugt, losreisst und erst kurz vor dem Crash mit dem Ozeanriesen von Schleppern abgedrängt werden kann. Die Unglücksserie geht indes weiter in einem Kohlebunker bricht ein Feuer aus, dass erst beim Halt in Queenstown (heute Cobh) unter Kontrolle gebracht und gelöscht wird. Ohne weitere Zwischenfälle startet nun endlich die Passage über den Atlantik Richtung New York. Die eintreffenden Eisbergwarnungen anderer Schiffe werden zum Teil wohl ignoriert, Kapitän Smith ordnet lediglich einen Kurs an, der weiter südlich liegt, als der ursprünglich geplante, so hofft er, den Eisberg-Gürtel ohne Probleme zu passieren und der Reederei-Vorstand Bruce Ismay drängt ihn Volldampf zu fahren, auf das man schneller in New York sei, als geplant – das würde jede Menge Publicity geben. An Bord fühlen sich alle sicher und ein Besatzungsmitglied erklärt einer verängstigten Passagieren sogar noch süffisant: „selbst Gott kann dieses Schiff nicht versenken...“
Am 14. April gegen 23.40 sichtet Ausguck Frederik Fleet eine dunkle Masse in der spiegelglatten See direkt voraus – ohne Fernglas (bis heute ist nicht geklärt warum keine vorhanden waren) ein schwieriges Unterfangen, seine Warnung an die Brücke: „Eisberg direkt voraus!“ wird vom diensthabenden Offizier sofort in ein Ausweichmanöver umgesetzt, über dessen sinn man sich ebenfalls noch heute streitet: „Volle Kraft zurück – Ruder hart Backbord!“ Ein Schiff mit 269 Meter Länge stoppt man erst auf mehreren Kilometern und der Befehl die Maschinen rückwärts laufen zu lassen, ist auch erst mit einer gewissen Zeitverzögerung wirksam...Fazit: der Bug der Titanic wandert zu langsam aus, die frontale Kollision ist zwar vermieden, doch der Eisberg schrammt an der Steuerbordseite vorbei und beschädigt die Aussenhülle so unglücklich, dass 5 Sektionen Wasser fassen, zuviel für den Titanen. Der geweckte Kapitän schickt nach Schiffsbaumeister Andrews, der nach kurzer Expertise das Todesurteil spricht: „eine...maximal 2 Stunden“, dann ist das stolze Schiff verloren.
In den folgenden zweieinhalb Stunden spielen sich die dramatischen Szenen ab, die wir aus vielen Filmen kennen, als man merkt, dass die Rettungsboote nicht ausreichen, um alle Passagiere auf dem nächtlichen Atlantik auszusetzen. Zuerst wird wegen der Furcht der Überladung sogar dazu übergegangen die Boote nur halbvoll zu besetzen und abzufieren (herunterzulassen) – als sich das Schiff um 02.20 am 15. April endgültig in die Tiefe Richtung Meeresgrund rauscht, haben lediglich 705 Passagiere überlebt, mehr als die doppelte Anzahl (1517) Menschen finden den Tod entweder auf dem Schiff selbst oder im eiskalten Wasser, das zu dieser Jahreszeit 0 bis –2° C kalt ist. Das Klassendenken dieser Zeit hat dafür gesorgt, dass die Passagiere der dritten Klasse das Nachsehen hatten, die Reichen und Mächtigen der Epoche kamen zum Teil mit heiler Haut davon, während unter den 2. und 3. Klässlern ganze Familien ausgelöscht wurden, da man sie erst zu spät an Deck hat kommen lassen, das der 1. Klasse vorbehalten war.
Die Macher
Ken Marschall ist vollkommen zurecht seit dem Titanic-Band Robert D. Ballards von 1985 DER Illustrator für dieses Schiff, das wird seiner Tätig- und Fähigkeit allerdings nicht ganz gerecht, Marschall hat zwar ein verstärktes Faible für die RMS Titanic macht aber auch ansonsten ganz hervorragende Illustrationen von Schiffen und deren Wracks. Hauptsächlich wird er dabei für den Meeresgeologen und Titanic-Endecker Ballard tätig, der ihn bisher für alle seine Bücher engagiert hat. In diesem Band darf sich Marschall an seinem Lieblingsschiff austoben und Bilder zum Besten geben, die so bisher noch kaum publiziert worden sind – eine Augenweide, wie immer: das Titelbild, es zeigt die Titanic in voller Fahrt und stolz von Steuerbord.
Donald Lynch ist Mitglied der „Titanic Historical Society“, eine Gruppierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat das Andenken an den Luxusliner und seine Opfer zu bewahren. Viele Überlebende kannte Lynch noch persönlich aus diversen Interviews, auch wenn freilich heute kaum noch jemand übrig ist, der die Katastrophe miterlebte. Lynch schreibt immer noch gelegentlich für die Kolumne des „Titanic Communtator“, dem offiziellen Magazin der Society. Er sorgt dafür, dass in diesem Buch mit hartnäckigen Mythen aufgeräumt wird, die sich immer noch um das Schiff ranken. Auch er ist mit Robert D. Ballard bekannt, der im Übrigen die Einleitung zu diesem Band verfasst hat.
Das Buch
Auf 232 Seiten schwerem Hochglanzpapier kümmern sich die Autoren um die Entstehungsgeschichte des Schiffes angefangen bei der Planung 1907 bis hin zu den tragischen Verkettungen von Umständen, die 1912 zu ihrem Untergang führten, dabei stützen sie sich auf die Fakten, die im Erscheinungsjahr 1991/92 zugänglich und beweisbar waren. Mittlerweile haben sich mehrere andere Expeditionen ebenfalls zum Wrack begeben und ihre ganz eigenen Theorien überprüft – so konnte die nur kurz in diesem Band an Rande erwähnte russisch/kanadische Expedition sogar schlüssig nachweisen, dass die verwendete Stahllegierung des Rumpfes nicht unerheblich zum Auftreten der Lecks in der Beplankung beitrug (sogenannte „Kältesprödigkeit“). Davon konnten die Autoren jedoch zum Drucktermin des vorliegenden Bandes nichts wissen, es waren zu diesem Zeitpunkt eher Vermutungen, denn gesicherte Erkenntnisse. Trotzdem bereiten Marschall und Lynch die Thematik ohne Pathos auf und versuchen minutiös zu rekonstruieren, was am Titanic-Mythos nun Wahr ist und was Legende darstellt.
Dabei stützen sie sich beim Hergang des Untergangs vornehmlich auf die ermittelten Daten und Schlussfolgerungen ihres „Ziehvaters“ Robert D. Ballard – Die geschichtliche Aufbereitung sammeln sie aus Zeitzeugenberichten und Publikationen zusammen, die zu diesem Thema mannigfaltig vorhanden sind. Kaum ein anderer Unglücksfall (sieht man von der Andrea Doria mal ab) ist besser dokumentiert als dieser. Die Autoren geben sich Mühe auch die Aussagen im Kontext zueinander zu sehen, das heisst sie überlegen mit detektivischem Spürsinn, welche Geschichte nun plausibler ist und aus welchen Grund manche sicher geglaubte Tatsache sich später als falsch erweist. Als Beispiel sei genannt, dass nur 6 Überlebende berichtet haben, dass das Schiff noch an der Oberfläche auseinanderbrach – die restlichen knapp 700 Personen waren sich zu 100 % sicher, dass sie in einem Stück unterging. Mittlerweile weiss man, dass diese 6 Leutchen recht hatten, warum der Rest (die überwältigende Mehrheit) offensichtlich einer Massen-Halluzination erlegen sein muss, kann wohl nur psychologisch erklärt werden...und macht deutlich WIE Legenden entstehen.
Fazit
Ken Marschalls superben Illustrationen sind nicht alles, was das Buch zu bieten hat, auch der sachliche Stil Donald Lynchs weiss zu gefallen – ganz ohne Übertreibung lässt er das kurze Leben des berühmtesten Schiffes der Neuzeit bis hin zu ihrer Entdeckung 1985/86 Revue passieren, wobei er sich sogar die Mühe macht die fehlerhaften Aussagen der Zeugen zu erklären. Manche Mysterien werden uns vielleicht auf ewig verschlossen bleiben, doch dank dieses Werkes (und einiger anderer Bücher) wird der Nebel um die sagenumwobene Titanic immer mehr gelüftet und durch Tatsachen ersetzt. Das heisst nicht, dass die Geschichte damit um einen Deut weniger dramatisch wird – im Gegenteil – seit sie wiederentdeckt wurde erfreut sich der Luxusliner gehobenen Interesses, welches durch den Spielfilm Camerons in den letzten Jahren noch weiter angeheizt wurde. Mein Urteil über diese sehr wertig gemachte Zusammenfassung kann daher nur lauten: „sehr gut“, ich hoffe dass dieses Buch noch einmal aufgelegt wird (und sei es als Paperback/Taschenbuch).
„SOS SOS CQD CQD – MGY
We are sinking fast. passengers are being put into boats
MGY”
(Funker Harold Brides zweiter Notruf, der zum ersten Mal in der Seefahrt das neue Notrufsignal SOS (Save Our Souls) zusätzlich zum alten CQD (Come Quick Danger) enthielt. MGY ist die offizielle Funk-Kennung der Titanic)
Jürgen
Mich hat der Virus schon recht früh gepackt, nachdem ich als Kind Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ mehrfach gelesen hatte, fing ich an mich für die richtige Unterwasserwelt zu begeistern – schon damals fand ich Schiffswracks einerseits unheimlich und bedrohlich, andererseits aber unwiderstehlich faszinierend...und wer an Wracks denkt, kommt zwangsläufig zur Titanic (die zu dieser Zeit noch weit davon entfernt war entdeckt zu werden). So hat sich im Laufe der Zeit eine regelrechte Bibliothek über dieses berühmteste aller Schiffe bei mir angesammelt und sein Modell steht selbstredend an einem Ehrenplatz auf meinem Regal – direkt daneben das Buch, um das es in diesem Bericht gehen soll...nebenbei bemerkt eins der Teuersten, die ich mir je gekauft habe: 129.- DM hab ich dafür 1995 berappt, heute ist es zwar theoretisch billiger, doch leider vergriffen...
Der Steckbrief
- Titel: „Titanic –Königin der Meere / Das Schiff und seine Geschichte“
- Original-Titel: „Titanic – An Illustrated History“
- ISBN: 3 453 05930 1 (HC)
- Art: Bildband / Sachbuch Geschichte
- Autoren: Ken Marschall und Donald Lynch
- Schiffs-Illustrationen: Ken Marschall
- Text: Donald Lynch
- Verlag: Wilhelm Heyne Verlag (Original: Madison Press)
- Erscheinungsjahr: 1992
- Übersetzung: Christian Quatmann
- Ausführung: gebundenes Hardcover mit farbigem Schutzumschlag
- Format: 30,5 x 28,5 cm (Bildband-Format)
- Seiten: 232, zahlreiche S/W und teils grossformatige Farbbilder
- Preis: 39,88 Euro (Out-Of-Print)
Das Schiff und seine Geschichte
Darüber ist eine Menge geschrieben (wenn ich mir mein Regal so anschaue) und noch mehr fabuliert worden, kein anderes Schiff hat so viele Mythen und Sagen heraufbeschworen, wie die Titanic. Einiges hat sich bewahrheitet, Anderes hingegen ist hanebüchener und unhaltbarer Nonsens. Die Geschichte an sich dürfte eigentlich jedem einigermassen bekannt sein, der Vollständigkeit halber fasse ich sie mit den hartnäckigsten Gerüchten dennoch mal grob zusammen:
Gebaut wurde die Titanic als zweites einer Reihe von 3 Super-Linern für die White-Star Line auf der Werft von Harland & Wolff im irischen Belfast. Ihr Stapellauf fand bereits 1911 statt, danach wurde sie weiter ausgerüstet, sprich ihre Inneneinrichtung und Lackierung etc. komplettiert, das Ganze dauerte ein gutes weiteres Jahr. Zu dieser Zeit befand sich ihre ältere Schwester Olympic bereits grade im Dienst und ihre jüngere – Britannic – grade bei der Kiellegung. Die Titanic wurde auf Luxus ausgelegt, nicht auf Geschwindigkeit, was alle jene Gerüchte Lügen straft, dass die Titanic angeblich auf der Jagd nach dem „Blauen Band“ gewesen sein soll, dazu war sie nie in der Lage – ausgestattet mir nur 3 Schrauben und zu schwachen Niederdruck-Turbinen hätte sie es niemals mit der amtierenden Rekordhalterin Mauretania der konkurrierenden Cunard-Line aufnehmen können. Dessen waren sich auch die Erbauer und Betreiber bewusst, um optisch mehr Leistung vorzutäuschen verpassten sie ihr sogar einen vierten Schornstein, obwohl der hintere ein Fake war, erachtete man es zu dieser Zeit als ein Muss 4 Schornsteine haben zu müssen...eine Reederei, die was auf sich hielt konnte es im heissumkämpften Transatlantik-Verkehr nicht wagen ein Schiff mit nur 3 Schloten zu betreiben.
Konstruktiv war die Titanic ihrer Zeit voraus, doppelter Schiffsboden und elektro-magnetisch verschliessbare Schotten konnten das Schiff selbst mit 3-4 gefluteten Sektionen noch an der Oberfläche halten, ein Szenario, dessen Eintreffen sich jedoch niemand wirklich vorstellen konnte, so kam die Presse (nicht die Reederei White-Star!) zu der Behauptung, sie sei unsinkbar – der Reederei gefiel eine solche Werbung natürlich und tat dementsprechend nichts diese Übertreibung zu dementieren oder zu bestätigen. Oft hat man den White-Star Offiziellen und der Werft vorgeworfen, dieses Attribut erfunden zu haben, dem kann man entgegen halten, dass der Chef-Ingenieur Thomas Andrews ein absoluter Realist gewesen ist und solche Behauptungen niemals aufgestellt hätte (er ging mit „seinem“ Schiff sogar unter). Die Kapazität der Rettungsboote entsprach buchstabengetreu dem Gesetz, niemand hat sich für ein Schiff dieser Grösse Gedanken gemacht, ob das Fassungsvermögen für alle Menschen an Bord ausreichen würde – das Gesetz sah eine Mindestanzahl an Rettungsbooten pro Bruttoregistertonne (BRT – ein Schiffraum-Maß) vor, allerdings ging man von 10.000 BRT als Maximum aus, ein Wert, den die Titanic bei weitem überschritt – mehr noch: rein rechnerisch hatte sie laut Gesetz sogar zu viele Rettungsboote (!)
Die schicksalshafte Jungfernfahrt beginnt schon nicht besonders, beim Auslaufen vom Dock ins offene Fahrwasser kommt es zu einer Beinahe-Kollision mit einem kleineren Passagierdampfer, der sich wegen des gewaltigen Sogs, den die Titanic allein schon durch ihre Masse erzeugt, losreisst und erst kurz vor dem Crash mit dem Ozeanriesen von Schleppern abgedrängt werden kann. Die Unglücksserie geht indes weiter in einem Kohlebunker bricht ein Feuer aus, dass erst beim Halt in Queenstown (heute Cobh) unter Kontrolle gebracht und gelöscht wird. Ohne weitere Zwischenfälle startet nun endlich die Passage über den Atlantik Richtung New York. Die eintreffenden Eisbergwarnungen anderer Schiffe werden zum Teil wohl ignoriert, Kapitän Smith ordnet lediglich einen Kurs an, der weiter südlich liegt, als der ursprünglich geplante, so hofft er, den Eisberg-Gürtel ohne Probleme zu passieren und der Reederei-Vorstand Bruce Ismay drängt ihn Volldampf zu fahren, auf das man schneller in New York sei, als geplant – das würde jede Menge Publicity geben. An Bord fühlen sich alle sicher und ein Besatzungsmitglied erklärt einer verängstigten Passagieren sogar noch süffisant: „selbst Gott kann dieses Schiff nicht versenken...“
Am 14. April gegen 23.40 sichtet Ausguck Frederik Fleet eine dunkle Masse in der spiegelglatten See direkt voraus – ohne Fernglas (bis heute ist nicht geklärt warum keine vorhanden waren) ein schwieriges Unterfangen, seine Warnung an die Brücke: „Eisberg direkt voraus!“ wird vom diensthabenden Offizier sofort in ein Ausweichmanöver umgesetzt, über dessen sinn man sich ebenfalls noch heute streitet: „Volle Kraft zurück – Ruder hart Backbord!“ Ein Schiff mit 269 Meter Länge stoppt man erst auf mehreren Kilometern und der Befehl die Maschinen rückwärts laufen zu lassen, ist auch erst mit einer gewissen Zeitverzögerung wirksam...Fazit: der Bug der Titanic wandert zu langsam aus, die frontale Kollision ist zwar vermieden, doch der Eisberg schrammt an der Steuerbordseite vorbei und beschädigt die Aussenhülle so unglücklich, dass 5 Sektionen Wasser fassen, zuviel für den Titanen. Der geweckte Kapitän schickt nach Schiffsbaumeister Andrews, der nach kurzer Expertise das Todesurteil spricht: „eine...maximal 2 Stunden“, dann ist das stolze Schiff verloren.
In den folgenden zweieinhalb Stunden spielen sich die dramatischen Szenen ab, die wir aus vielen Filmen kennen, als man merkt, dass die Rettungsboote nicht ausreichen, um alle Passagiere auf dem nächtlichen Atlantik auszusetzen. Zuerst wird wegen der Furcht der Überladung sogar dazu übergegangen die Boote nur halbvoll zu besetzen und abzufieren (herunterzulassen) – als sich das Schiff um 02.20 am 15. April endgültig in die Tiefe Richtung Meeresgrund rauscht, haben lediglich 705 Passagiere überlebt, mehr als die doppelte Anzahl (1517) Menschen finden den Tod entweder auf dem Schiff selbst oder im eiskalten Wasser, das zu dieser Jahreszeit 0 bis –2° C kalt ist. Das Klassendenken dieser Zeit hat dafür gesorgt, dass die Passagiere der dritten Klasse das Nachsehen hatten, die Reichen und Mächtigen der Epoche kamen zum Teil mit heiler Haut davon, während unter den 2. und 3. Klässlern ganze Familien ausgelöscht wurden, da man sie erst zu spät an Deck hat kommen lassen, das der 1. Klasse vorbehalten war.
Die Macher
Ken Marschall ist vollkommen zurecht seit dem Titanic-Band Robert D. Ballards von 1985 DER Illustrator für dieses Schiff, das wird seiner Tätig- und Fähigkeit allerdings nicht ganz gerecht, Marschall hat zwar ein verstärktes Faible für die RMS Titanic macht aber auch ansonsten ganz hervorragende Illustrationen von Schiffen und deren Wracks. Hauptsächlich wird er dabei für den Meeresgeologen und Titanic-Endecker Ballard tätig, der ihn bisher für alle seine Bücher engagiert hat. In diesem Band darf sich Marschall an seinem Lieblingsschiff austoben und Bilder zum Besten geben, die so bisher noch kaum publiziert worden sind – eine Augenweide, wie immer: das Titelbild, es zeigt die Titanic in voller Fahrt und stolz von Steuerbord.
Donald Lynch ist Mitglied der „Titanic Historical Society“, eine Gruppierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat das Andenken an den Luxusliner und seine Opfer zu bewahren. Viele Überlebende kannte Lynch noch persönlich aus diversen Interviews, auch wenn freilich heute kaum noch jemand übrig ist, der die Katastrophe miterlebte. Lynch schreibt immer noch gelegentlich für die Kolumne des „Titanic Communtator“, dem offiziellen Magazin der Society. Er sorgt dafür, dass in diesem Buch mit hartnäckigen Mythen aufgeräumt wird, die sich immer noch um das Schiff ranken. Auch er ist mit Robert D. Ballard bekannt, der im Übrigen die Einleitung zu diesem Band verfasst hat.
Das Buch
Auf 232 Seiten schwerem Hochglanzpapier kümmern sich die Autoren um die Entstehungsgeschichte des Schiffes angefangen bei der Planung 1907 bis hin zu den tragischen Verkettungen von Umständen, die 1912 zu ihrem Untergang führten, dabei stützen sie sich auf die Fakten, die im Erscheinungsjahr 1991/92 zugänglich und beweisbar waren. Mittlerweile haben sich mehrere andere Expeditionen ebenfalls zum Wrack begeben und ihre ganz eigenen Theorien überprüft – so konnte die nur kurz in diesem Band an Rande erwähnte russisch/kanadische Expedition sogar schlüssig nachweisen, dass die verwendete Stahllegierung des Rumpfes nicht unerheblich zum Auftreten der Lecks in der Beplankung beitrug (sogenannte „Kältesprödigkeit“). Davon konnten die Autoren jedoch zum Drucktermin des vorliegenden Bandes nichts wissen, es waren zu diesem Zeitpunkt eher Vermutungen, denn gesicherte Erkenntnisse. Trotzdem bereiten Marschall und Lynch die Thematik ohne Pathos auf und versuchen minutiös zu rekonstruieren, was am Titanic-Mythos nun Wahr ist und was Legende darstellt.
Dabei stützen sie sich beim Hergang des Untergangs vornehmlich auf die ermittelten Daten und Schlussfolgerungen ihres „Ziehvaters“ Robert D. Ballard – Die geschichtliche Aufbereitung sammeln sie aus Zeitzeugenberichten und Publikationen zusammen, die zu diesem Thema mannigfaltig vorhanden sind. Kaum ein anderer Unglücksfall (sieht man von der Andrea Doria mal ab) ist besser dokumentiert als dieser. Die Autoren geben sich Mühe auch die Aussagen im Kontext zueinander zu sehen, das heisst sie überlegen mit detektivischem Spürsinn, welche Geschichte nun plausibler ist und aus welchen Grund manche sicher geglaubte Tatsache sich später als falsch erweist. Als Beispiel sei genannt, dass nur 6 Überlebende berichtet haben, dass das Schiff noch an der Oberfläche auseinanderbrach – die restlichen knapp 700 Personen waren sich zu 100 % sicher, dass sie in einem Stück unterging. Mittlerweile weiss man, dass diese 6 Leutchen recht hatten, warum der Rest (die überwältigende Mehrheit) offensichtlich einer Massen-Halluzination erlegen sein muss, kann wohl nur psychologisch erklärt werden...und macht deutlich WIE Legenden entstehen.
Fazit
Ken Marschalls superben Illustrationen sind nicht alles, was das Buch zu bieten hat, auch der sachliche Stil Donald Lynchs weiss zu gefallen – ganz ohne Übertreibung lässt er das kurze Leben des berühmtesten Schiffes der Neuzeit bis hin zu ihrer Entdeckung 1985/86 Revue passieren, wobei er sich sogar die Mühe macht die fehlerhaften Aussagen der Zeugen zu erklären. Manche Mysterien werden uns vielleicht auf ewig verschlossen bleiben, doch dank dieses Werkes (und einiger anderer Bücher) wird der Nebel um die sagenumwobene Titanic immer mehr gelüftet und durch Tatsachen ersetzt. Das heisst nicht, dass die Geschichte damit um einen Deut weniger dramatisch wird – im Gegenteil – seit sie wiederentdeckt wurde erfreut sich der Luxusliner gehobenen Interesses, welches durch den Spielfilm Camerons in den letzten Jahren noch weiter angeheizt wurde. Mein Urteil über diese sehr wertig gemachte Zusammenfassung kann daher nur lauten: „sehr gut“, ich hoffe dass dieses Buch noch einmal aufgelegt wird (und sei es als Paperback/Taschenbuch).
„SOS SOS CQD CQD – MGY
We are sinking fast. passengers are being put into boats
MGY”
(Funker Harold Brides zweiter Notruf, der zum ersten Mal in der Seefahrt das neue Notrufsignal SOS (Save Our Souls) zusätzlich zum alten CQD (Come Quick Danger) enthielt. MGY ist die offizielle Funk-Kennung der Titanic)
Jürgen
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