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Erfahrungsbericht von Kunigunde

Massaquoi, Hans J. - Neger, Neger, Schornsteinfeger

Pro:

flüssige Schreibweise, interessante Aspekte, eine ganz neue Sichtweise zum Thema Nazideutschland

Kontra:

keins

Empfehlung:

Nein

Bei einem meiner Streifzüge durch die Buchläden der Stadt, ist mir dieses Buch in die Hände gefallen. Da ich im Normalfall oft und gerne Krimis lese, habe ich mal nach etwas anderem gesucht und auch gefunden. Da das Thema Drittes Reich wird wahrscheinlich nie an Aktualität verlieren, aber man meist nur Berichte über oder von Juden findet, hat mich der Titel gleich interessiert. Gelesen hab ich es dann innerhalb der nächsten 3 Tage. Doch worum geht es nun eigentlich...

Erzählt wird das Leben von Hans Jürgen aus Hamburg, was an sich ja nichts Außergewöhnliches wäre, allerdings ist sein Nachname Massaquoi und er ist schwarz. Geboren wurde er 1926, also kurz bevor Hitler an die Macht kam. Vorher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob das überhaupt möglich war, weil man so selten davon berichtet – doch nun weiß ich, dass nicht besonders viele Schwarze zu der Zeit in Deutschland zu finden waren. Für Hans Jürgen bedeutete das jedoch Glück im Unglück.

Als Kind lebt er in der Villa seines Großvaters in einem der besseren Bezirke von Hamburg. Der Großvater – einmal König der Vai (ein Stamm in Liberia) selbst ist Generalkonsul des Staates Liberia und von seinem Land ins ferne Deutschland gesandt worden, um die Beziehungen beider Staaten zu verbessern. Dort ist der kleine Junge umgeben von Schwarzen und Weiße sind eher Bedienstete (außer natürlich seiner Mutter). Er gilt überall wo er mit seiner Familie hinkommt als was Besonderes – denn kaum jemand hat zu dieser Zeit einen schwarzen Jungen im Matrosenlook gekannt. Doch schon sehr bald hat dieses Leben ein Ende.
1929 geht der Großvater samt seiner Familie zurück nach Liberia, auch sein Vater, der noch Student war, verlässt Deutschland. Zurück bleiben Hans Jürgen und seine weiße Mutter.

Nach dem Umzug in das Arbeiterviertel Barmbek beginnt ein neues Leben, denn dort gibt es noch nicht einmal elektrisches Licht. Allerdings ist er immer noch etwas Besonderes, wenn auch die Leute mit mehr Abstand auf sein Äußeres reagieren. Er ist noch zu klein, um sich darüber Gedanken zu machen, warum man ihm „Neger, Neger, Schornsteinfeger hinterher ruft...
Er hat eine nette Kinderfrau und seine Mutter geht im städtischen Krankenhaus ihrem Beruf nach. Es ist zwar nicht die einfachste Zeit, aber auch nicht die schlimmste. Er integriert sich schnell und kann sich auch in der Schule gut behaupten.

Mit der Machtübernahme der Nazis weht ein anderer Wind, doch ist Hans Jürgen vorerst begeistert und unterliegt der Propaganda wie so viele Kinder, für die es das Größte überhaupt war, den Führer in seinem Auto vorbeifahren zu sehen. "Mit meinen knapp sieben Jahren wurde ausgerechnet ich zum eifrigen Anhänger der Nazis, und das nur, weil sie ungeheuer was hermachten, wenn sie mit ihren tollen Uniformen und Marschkapellen zackig im Gleichschritt aufmarschierten." Erst als seine Lehrer so nach und nach ausgetauscht werden, seine Mutter wegen ihm ihren Arbeitsplatz verliert und er Spielplätze nicht mehr betreten darf, beginnt die Zeit der Erkenntnis. Sätze wie: "Wenn wir mit den Juden fertig sind, kommst du auch noch dran." Zeigen ihm, dass es gefährlich ist, anders zu sein. Er beschreibt die Demütigungen, die er von Lehrern, Meistern und anderen Vorgesetzten erdulden muss und wie er lernt, damit umzugehen und sich selbst zu schützen. Es gab aber auch immer wieder couragierte Menschen, die ihn beschützten wie seine Lehrerin Fräulein Beyle, die laut und entschlossen verkündete: "Wer noch einmal über Hans Jürgen lacht, verlässt den Klassenraum ..." .

Er wäre so gern auf die Oberschule gegangen und in die Hitlerjugend wollte er auch eintreten, aber überall werden nur Arier aufgenommen. Als aus ihm ein Boxtalent wird, hätte er auch gern an den Meisterschaften teilgenommen, doch auch hier muss er einem arischen Jungen den Vortritt lassen, auch wenn er ihm haushoch überlegen war. Aus lauter Verzweiflung wäre er sogar freiwillig Soldat geworden zu einer Zeit in der Deutschland alles mobilisierte, was noch aufrecht gehen konnte, aber selbst da hat man für ihn keine Verwendung. Dass es aber auch ein Segen war, nicht in den Krieg ziehen zu müssen, wie fast alle seiner Mitschüler, erkennt er erst viel später. Auch dass er überlebt hat, hat er teilweise der Tatsache zu verdanken, dass die Nazis zu sehr mit der Judenvernichtung beschäftigt waren.

Hans Jürgen durchläuft alle Stationen Schule, Ausbildung, das Erlebnis des Feuersturms in Hamburg 1943 sowie die Nachkriegszeit mit Hunger und Schwarzmarkt. Danach, als Massaquoi als junger Mann zunächst nach Liberia und dann in die USA kommt, begegnet ihm der Rassismus in neuer Form immer wieder. Auch in den USA, die ihm als Inbegriff von Freiheit erschienen waren und deren Staatsbürgerschaft ein besseres Leben versprach.

Allerdings schafft er es auch in Amerika und ist heute ein angesehener Bürgerrechtler und Chefredakteur der Zeitschrift „Ebony“.
Das Buch ist nicht mit Hass gegen sein Geburtsland und dessen Volk, das ihn verfolgte und demütigte geschrieben. Vielmehr zeigt Massaquoi uns, wie ein Volk manipuliert wurde und wie leicht dies immer wieder passieren kann. Er berichtet, wie er selbst an die Propaganda glaubte. Ein Negerjunge stolz mit Hakenkreuz auf dem Pullover. Diese Passagen haben mich übrigens sehr erstaunt und stark beeindruckt hat. Ich konnte es kaum glauben, dass er (aber nicht nur er) so ‚naiv’ waren. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die lockere Schreibweise, die einem das Gefühl gegeben hat, sich in diesen kleinen Jungen hineinversetzen zu können. Hans Jürgen Massaquoi versucht allen Lesern nahezubringen, wie er gedacht und gefühlt hat und auch warum er dieses oder jenes getan hat und das ohne je zu verurteilen oder zu richten.

Alles in allem ein unbedingt lesenswertes Buch, welches einem eine ganz neue Sicht auf die Zeit des Dritten Reichs gibt.

8 Bewertungen, 1 Kommentar

  • eponnin

    27.05.2002, 19:44 Uhr von eponnin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich überlege schon die ganze Zeit ob ich mir das Buch holen soll, aber nach deiner Beschreibung lohnt es sich wirklich.