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Erfahrungsbericht von egonman

Warum Hitler seinen Sohn erschießen lässt !

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

„Siegfried“ , von Harry Mulisch .


Harry Mulisch unternimmt im neuen Roman „Siegfried“ ein gewagtes Gedanken-Experiment.
Der holländische Autor erzählt glänzend die Geschichte vom Vater Hitler !



Die Fantasie als Organ der Erkenntnis? Der illustre niederländische Autor Rudolf Herter glaubt daran , und im Gespräch mit einer Rundfunk-Journalistin , die ihn während einer Lese-Reise in Wien interviewt , wird er deutlicher : Es müsse möglich sein , eine reale Person besser zu verstehen , indem man sie mit vollkommen fingierten , extremen Situationen konfrontiert und schaut , wie sie sich dann verhält . Damit exponiert Harry Mulischs neuer Roman seine eigene Poetik . Denn nicht Herter führt dieses Experiment durch , sondern der Autor als sein Alter Ego . Veranstaltet wird es mit keinem Geringeren als Adolf Hitler , Mulischs obsessivem Lebens-Thema : Er macht den Diktator zum Vater eines mit Eva Braun gezeugten Sohnes . Hintergründige Spiegelung : Im Handlungs-Raum des Romans wird die Fiktion real , während auf der Autor-Ebene die Realität fiktiv bleibt . wie also ? Nach einer Lesung lernt Herter ein in einem Altersheim dahinvegetierendes Ehe-Paar kennen , dass , wie er erfährt , zu Zeiten des 1 000-jährigen Reiches Hausmeister-Dienste im Führer-Quatier auf dem Obersalzberg versah . 1938 passierte es : Des Führers Gespielin war schwanger - unglücklicherweise , denn zum Führer-Mythos gehört ein für allemal die Ehelosigkeit . Der Skandal muss also vertuscht werden - die Falks werden gezwungen , den kleinen Siegfried als ihr eigenes Kind aufzuziehen . Auch sonst ist Hitler ein böser Daddy : Als ihm hintertragen wird , Eva habe jüdische Vorfahren und somit auch Siggi das Blut des Erzfeindes in seinen Adern , lässt er den Sechsjährigen im September 1944 erschießen - von dem dazu genötigten Ullrich Falk .


Nichts bleibt übrig von Siggi , einzig das Geständnis der Falks , die die Geschichte nicht mit ins Grab nehmen möchten , bewahrt ihn auf . Mulischs Experiment hat somit ein Ergebnis gezeigt : Hitler ist die Personifiktion des Nichts , das schwarze Loch , in dem selbst das eigene Fleisch und Blut verschwindet , der Malstrom , der alles verschlingt . Er ist Gott der Negativität , und die blasphemische Konnotation an den Christen-Gott , der seinen Sohn opfert , dadurch ernst gemeint . Nun ist - mit Verlaub - diese Hitler-Interpretation alles andere als originell : Als breiter Strom zieht sich der Nihilismus-Ansatz seit Hermann Rauschning durch die Deutungs-Geschichte . In Mulischs Roman wird diese an einer rationalen Erhellung des Phänomens wenig interessierte Interpretation noch zusätzlich magisch aufgeladen : Herter konstruiert tollkühn quasi-telepathische Verbindungen zwischen Hitler und Friedrich Nietzsche , der just im Jahr von Hitlers Geburt - 1889 - wahnsinnig wurde . Der Irre Philosoph rührt in seinen Ausscheidungen - und die sind bekanntlich braun .
Braun , braun , braun sind alle meine Farben - Hitlers Geburtsort Braunau , die Bewegung und eben auch Eva Braun .


Das einzige , was Mulisch an dieser gleichfalls leicht irrsinnigen Stelle rettet , ist , dass eben nicht er , sondern Herter spricht - begleitet von den fassungslosen Kommentaren seiner Freundin . Auch sonst trennen sich die Wege : Herter wird zum Schluss in einem sehr realen Sinne vom schwarzen Loch Hitler „vernichtet“ , während Mulisch - nun ja , einen Roman schreibt . Indes sind dem Autor die mystischen Spekulationen seiner Figur nicht fremd - auch er lässt die Historie gleichsam die Stühle rücken . So plaziert er Siegfrieds Geburtstag ausgerechnet auf den 09. November , den besonderen Tag der Deutschen , von der Revolution 1918 bis zum Mauer-Fall . Ist der gedankliche Unterbau des Romans ob solcher Anleihen beim romantischen Schicksals-Drama etwas mürbe , so bietet Mulisch Erzähl-Kunst wieder uneingeschränkt Anlass zu Bewunderung : Früh schon präludiert das Hitler-Thema mit seinen Assoziationen und Verbindungen : zu Wien , zu Wagner und seinem „Tristan“ . So ist es nur das Fällige , das Herter zufällt . Meisterhaft die Erzählung , der Bericht der Falks über die alpinen Vorgänge . Da ein Nichts kein Etwas sein kann , degradiert Mulisch Hitler zum Schemen , saugt ihm gleichsam das Blut aus den Adern . Der brutale Bormann wird kenntlich , an Hitlers Stelle gähnt auch in der narrativen Strategie ein Loch . So stürzt denn das Buch in zunehmender Intensität und Beschleunigung seinem Ende entgegen - und übt damit seinerseits auf den Leser eine Sogwirkung aus . Glücklicherweise nicht die des Gegenstandes!




„Siegfried“

von Harry Mulisch ,
aus dem niederländischen von Gregor Seferns ,
ist mit 191 Seiten , im Hanser Verlag erschienen ,
zu einem Preis von 35 DM / 17,90 Euro .

19 Bewertungen, 2 Kommentare

  • audicla

    26.06.2002, 10:10 Uhr von audicla
    Bewertung: sehr hilfreich

    Selber geschrieben? Klingt irgendwie so druckreif. audicla

  • anonym

    04.04.2002, 17:49 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter Bericht :-)