Mehr zu Dean Koontz Testbericht

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Erfahrungsbericht von mima007

*Flüstern in der Nacht*: Solider Thriller voll Horror und Romantik

Pro:

spannend, unterhaltsam, gruselig, einfühlsam

Kontra:

braucht einen langen Anlauf

Empfehlung:

Nein

Manchmal kommen sie wieder. So könnte das Motto für diesen Horrorroman lauten, der 1979 zu Dean Koontz\' erstem Welterfolg wurde. Und doch ist dies weder ein Zombie- noch ein Vampirroman, obwohl natürlich Okkultes eine bedeutende Rolle spielt.

Handlung

Eine Serie mysteriöser Frauenmorde hält die Polizei von Los Angeles in Atem. Der unheimliche Killer überfällt im Dunkel der Nacht junge Frauen, um sie zu vergewaltigen.

Hilary Thomas hat es geschafft. Die junge brünette Drehbuchautorin lebt in einem herrschaftlichen Haus in West Hollywood - allein. Natürlich macht ihr ihr Agent den Hof, und so genießt auch sie, die unter einem Kindheitstrauma leidet, romantische Abende.

Ales sie von einem dieser Abende zurückkehrt, wiederum allein, lauert ihr im Haus ein wütender Bodybuilder auf und versucht sie zu vergewaltigen und mit einem Messer zu töten. Bei ihm handelt es sich um keinen ihr Unbekannten, sondern um den Besitzer eines Weingutes im Napa Valley. Diesen Bruno Frye hatte sie besucht, um für ihr nächstes Drehbuch zu recherchieren. Und dabei hatte sie wohl ihren Schlüssel verloren. Hilary entgeht der Attacke nur um Haaresbreite.

Mörderische Überfälle können auf die Nerven gehen, und Aussagen von nervösen Menschen können leicht falsch interpretiert werden. So verfährt der eine von zwei Polizisten des Los Angeles Police Department, Frank. Doch wie ihm sein klügerer Partner Tony Clemenza (ital. \"clemenza\" = Gnade, Barmherzigkeit) klarmacht, hat Frank ein echtes Frauenproblem. Dennoch kann Tony seinem Partner nicht einfach zurückpfeifen. Und so tun sich die beiden schwer, Hilary zunächst zu glauben und für sie Personenschutz abzustellen. Obwohl es Tony schwerfällt, die angebetete Schöne schutzlos zu lassen.

Doch Bruno Frye kehrt wieder! Bereits in der nächsten Nacht fällt er wieder über Hilary her, \"Miststück\" schreiend und ein Messer schwingend. Diesmal ist Hilary jedoch gewappnet. Sie versetzt ihm zwei Stiche, wovon einer sich als tödlich erweist. Am nächsten Tag findet man Bruno Fryes Leiche auf einem Parkplatz bei einem Telefon. Sein Lieferwagen ist voller Talismane, die Vampire abwehren sollen...

Tony lädt Hilary zu einem Abendessen ein und der Liebe steht bald nichts mehr im Wege. Bruno Frye ruht inzwischen sicher in einem Leichenschauhaus oder schon im kühlen Grab. Der Leser erfährt ganz genau, welche Tätigkeiten wo von wem an der Leiche verrichtet werden. Wir sind überzeugt, das Bruno Frye den Weg allen Fleisches gegangen ist.

Überraschung! Tonys und Hilarys Ahnungslosigkeit rächt sich bitter, als wenig später \"Bruno Frye\" ein weiteres Mal in Hilarys Villa auftaucht, die Einrichtung demoliert und über Hilary herfällt. Doch Tony hatte bereits eine böse Ahnung, dass er seine Liebste nicht allein lassen sollte. Und so kommt er diesmal genau im richtigen, ja im letzten Augenblick, um sie zu retten. Doch diesmal kann \"Bruno Frye\" entkommen. Und Hilary schwört, dass es der gleiche Mann war.

Lautete der Titel des ersten Buchteils \"Die Lebenden und die Toten\", so heißt der 2. Teil \"Die Lebenden und die lebenden Toten\". Nun kommen Tony und Hilary Bruno Frye und seinem schrecklichen Familiengeheimnis auf die Spur. Gleichzeitig beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Bruno Frye ist weder tot noch ahnungslos, vielmehr rast er den beiden nach einem weiteren Mord hinterher, ins idyllische Napa Valley, wo schließlich ein gruseliger Showdown stattfindet.

Hintergrund

Wie Dean Koontz im neuen Nachwort der aktuellen amerikanischen Ausgabe von \"Whispers\" verrät, war dieser Roman sein dickstes Manuskript, weshalb es mehrmals abgelehnt wurde - und zugleich sein erster Welterfolg, der ihm dadurch seine Karriere als Schriftsteller rettete. Koontz flachst, die Alternativen wären damals Kidnapper, Bankräuber oder Terrorist gewesen. Das war 1979. Die Zeiten vor Reagans Amtsantritt waren rau, und eine entsprechende Karriere lag nicht außerhalb des Möglichen.

Und \"Whispers\" war der letzte Roman, den Koontz mit einer Schreibmaschine tippte. Die Fehlerquote war hoch, Seiten mussten mehrmals neu getippt werden. Vielleicht war dies der Grund, warum der Aufbau des Buches so linear und schnurgerade ist, fast schon ein wenig ängstlich auf Klarheit und Sequenz bedacht. Die schwierigen Rückblenden in Hilarys und Brunos Kindheiten folgen erst auf den letzten 100 Seiten, wodurch sie zahlreiche überraschende Einsichten bieten. Solche Rückblenden sind immer ein Risiko, denn sie müssen mit den zuvor gelieferten Fakten übereinstimmen. Fehler rächen sich durch vermehrte Tipparbeit.

Fazit

Dennoch bleibt \"Whispers\" bei aller Betulichkeit ein solides Stück Horrorliteratur. Es hätte leicht ein Zombie- oder Vampirroman werden können, doch Koontz verschafft uns auch mit einer rationalen, sprich: psychologischen Erklärung genügend tiefe Schauer.

Die Beschreibungen sind sauber recherchiert, wie man sofort merkt, die Actionszenen sind mitreißend, die Liebesszenen von einem erfahrenen Romantiker geschrieben, der unverklemmt selbst intimste Details beschreibt. Ich mag dieses Buch. Ich würde es noch einmal lesen, wenn ich die Zeit dafür hätte.

Wie Koontz selbst bedauert, ist die psychologische Erklärung des \"untoten\" Bruno Frye zwar freudianisch - er lehne Freuds \"Humbug\" heute völlig ab. Doch die Erklärung ist im Buch einleuchtend und umso wirkungsvoller in literarischer Hinsicht.

Noch was

Der Autor erweist einem literarischen Newcomer seine Reverenz: Ausdrücklich erwähnt er im Text einen gewissen Stephen King, dessen Roman \"Brennen muss Salem\" über Vampire in Neu-England sehr gefallen habe. Man werde von diesem jungen Autor hoffentlich noch viel hören...

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: Whispers, 1979; Heyne Pavillon Nr. 159, München; 604 Seiten; aus dem Amerikanischen von Heinz Nagel; DM 8,00, ISBN 3-453-18536-6


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-01 17:34:30 mit dem Titel *Der Geblendete*: Zwischen Religion und Quantenmechanik

Der Horrorautor versucht sich an einer Familiensaga, die mit einer makabren Farce kontrastiert wird: eine gewöhnungsbedürftige Mischung für alle, die von Koontz kurze, knackige Horrorkost gewöhnt sind. Nie war der Unterschied zu Stephen King deutlicher zu sehen als an diesem Buch.

Handlung

Als Bartholomew Lampion am 6. Januar 1965, dem Dreikönigstag, geboren wird, stirbt sein Vater Joe bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Krankenhaus, in dem seine Frau Agnes ihr Baby zur Welt bringen will: Barty. Agnes Lampion überlebt knapp.

Im Alter von drei Jahren müssen die Ärzte Bartys Augen durch eine vorbeugende Operation entfernen, um Krebs zu verhüten. Wiewohl augenlos, erlangt er mit 13 Jahren seine Sehkraft wieder - doch ohne dass ein himmlische Kraft eingreift: Er besitzt die Fähigkeit, sich das vorzustellen, was andere Bartholomews in parallelen Universen sehen können...

Bartholomews Name erschallt in den Albträumen des Serienmörders Junior Cain. Seit Junior seine bildschöne und vertrauensselige Ehefrau Naomi in einem spontanen Impuls - würde er es tun können? - von einem morschen Aussichtsturm gestoßen hat (ebenfalls am 6. Januar 1965), kennt er die Lust am Töten. Er fühlt sich dann wie der Herr seines Schicksals - nur so kann er die Lehren des Selbsthilfe-Psychoberaters \"Caesar Zedd\" optimal umsetzen. Cain hat nämlich ein Problem: Er besitzt weder Moral noch Gewissen.

Doch Junior hat eine Nemesis, die ihn bei Tag ständig verfolgt: einen Polizisten und Ex-Pfarrer namens Thomas Vanadium, der ihm schwer auf den Senkel geht. Immer wieder tauchen bei Cain wie aus dem Nichts Vanadiums Markenzeichen auf: Vierteldollar-Münzen. Denn Vanadium hat wie Bartholomew einen guten Dimensions-Trick drauf.

Und nachts sucht Junior Cain der Name Bartholomews heim. Doch wer ist das? Ist es sein eigener Sohn, den er zeugte, als er einst eine junge schwarze Krankenschwester namens Seraphim White brutal vergewaltigte?

Auf seiner besessenen Suche nach Bartholomew findet er nach drei Jahren (also \'68) heraus, dass damals nicht ein Sohn, sondern eine Tochter namens Angel gezeugt wurde. Angel wächst nach dem Verkehrstod ihrer Mutter bei deren Schwester Celestina auf - beide sind Töchter des Erweckungspredigers Harrison White, der über Radio die Bartholomew-Legende im ganzen Westen populär gemacht hatte - was zu Bartys Namen und Cains Fluch führte.

Als Junior erneut in ihr Leben einzudringen versucht und Angels Pflegemutter erkennt, in welcher Gefahr sie beide schweben, flieht sie mit ihrer Tochter von Oregon nach Kalifornien und findet Obdach bei der gutherzigen Familie Lampion, die einen blinden Sohn hat. Er verfügt über außergewöhnliche Intelligenz und übersinnliche Fähigkeiten: Bartholomew.

Als Angel und Barty einander begegnen, erscheinen sie wie für einander bestimmt. Alle, die Barty begegnen, lieben ihn. Alle außer Junior Cain...

Mein Eindruck

Die Erzählweise

Die Erzählweise scheint auf den ersten Blick nicht aus dem Rahmen zu fallen. Hin und her springt der Blickwinkel zwischen den den Szenen mit dem durchgeknallten Junior Cain und denen, in denen Bartys Familie Lampion oder Angel White auftreten. Cain ist die Verkörperung des amoralischen Bösen, Barty und Angel sind die guten Wunderkinder.

Und dann gibt es gibt noch andere Akteure, wie etwa Tom Vanadium und seine Freunde. Sie spielen die Schutzengel der beiden Wunderkinder, verfügen wie Vanadium ebenfalls über ausgefallene Fähigkeiten. Und da dieser breit angelegte Roman zudem eine Familienchronik ist, nimmt der Hintergrund der Familien wie auch des jeweils aktuellen Weltgeschehens einen gewissen Raum ein: dieses Webmuster ist recht komplex. Doch es wird in gemächlichem Tempo ausgebreitet, so dass der Leser immer weiß, woran er mit wem ist.

Ein wunderbarer, ein lächerlicher Schurke

Was mich von Anfang an störte, waren die eindeutigen, \"sprechenden\" Namen: Vanadium ist eine der härtesten Werkzeuglegierungen. Lampion ist das frz. Wort für \"führende Leuchte\", etwa an einer Kutsche. \"Cain\" verweist auf den alttestamentarischen Mörder seines Bruders Abel. Dieses Stilmittel verweist \"Der Geblendete\" in das Genre der moralisierenden Chroniken, die mitunter auf biblischen Figuren wie etwa Judas oder Saulus/Paulus (vgl. Wunder von Damaskus) verweisen. Es gibt tatsächlich einen Freund der Familie Lampion, der Paul Damascus heißt! Für gute Literatur ist dies sicherlich reichlich platt.

Die schier unerträgliche Güte der Familien Lampion und White wird kontrastiert von Junior Cain, der weder Moral, Geschmack noch Gewissen kennt. Aber er hat Erfolg bei den Frauen und hält sich einiges darauf zugute - bis er von einem cleveren Transvestiten aufs Kreuz gelegt wird. Auch mit seinem Leben gemäß den Lehren von Caesar Zedd scheint Junior Erfolg zu haben. Doch wenn es darauf ankommt, sich zwischen Denken und handeln zu entscheiden, zeigt sich in Zedds Gedankengebäude ein Widerspruch - natürlich im ungünstigsten Moment.

Vollends zur Farce wird Juniors Leben durch seinen Kunstgeschmack. Gute Kunst ist für ihn jene, die ihn verunsichert und in Frage stellt. Celestina White hingegen malt wunderschöne Bilder mit Naturmotiven - Cain ist dieser \"Postkartenkitsch\" ein Gräuel. Während seine bevorzugte Kunst teure Augenwischerei ist, verkaufen sich Celestinas Gemälde praktisch von alleine. Wer hat nun Recht: die Kritik oder die Käufer? Symbolisch für Juniors Geschmack und Weltsicht steht seine wertvollste Skulptur: Die \"Industriefrau\" besteht aus Schrott und kostete ein Heidengeld - für ihn großartige Kunst.

Trotz seiner vielbeschworenen Rationalität und Selbsthilfe-Psychologie ist Junior immer noch ein Kind: Er glaubt am Schluss an Schwarze Magie, Reinkarnation (\"Bist du da drinnen, Naomi?\" fragt er Angel) und Transzendentale Meditation. Mit der Figur des Cain hat Dean Koontz das Motiv des Scharlatans weiterentwickelt: War es in \"Stimmen der Angst\" noch der Psychiater selbst, der als Schurke seine Opfer zur Strecke brachte, so ist es nun der Jünger des Scharlatans Caesar Zedd, der stellvertretend Opfer fordert. Hier bringt Koontz wieder mal deutliche Kritik an Missständen der amerikanischen Kultur und ihren Medien (in jedem Wortsinne!) an.

Die \"unerträglichen\" Guten

Der Kern der Familie Lampion, den eigentlichen Guten, bilden Bartys Mutter Agnes und ihre beiden Brüder Edom und Jacob. Alle drei hatten als Kinder unter der gewalttätigen Erziehung ihres Vaters zu leiden. Agnes\' Rücken ist für immer von Narben entstellt. Jacob und Edom glauben heute nur noch an den Gott, der entweder menschliche (Jacob) oder natürliche (Edom) Katastrophen schickt, um die Menschen zu züchtigen. Diesem Pessimismus steht einzig und allein Agnes entgegen: Sie ist die Kuchenfee, denn in ihrer Nachbarschaft verschenkt sie selbstgebackenen Kuchen. Als Gegenleistung erhält sie Liebe und natürlich Geschenke.

Dass diesen Gutmenschen früher oder später etwas von Junior Cain angetan wird, erscheint von Anfang an unausweichlich. Doch warum muss Cain die ausführende Hand sein? Er kennt ja lediglich einen einzigen Namen: Bartholomew, sonst nichts. Er hat noch nie von den Lampions gehört. Und daher muss ich nun auf das tiefere Wirkprinzip im Handlungsverlauf zu sprechen kommen.

Zufall oder Quantenmechanik?

Gibt es Gott oder gibt es den Zufall? Das ist die grundlegende Frage für einen Menschen, der sich wie Koontz mit Glaube und moralischen Fragen von Gut und Böse befasst. Wenn es Gott gibt, dann gibt es auch von ihm abgeleitete moralische Werte. Sie sind in den Lampions und Whites verkörpert. Gibt es ihn nicht, sondern nur den puren Zufall, dann gibt es keine Werte, da alles relativ ist und somit keinen Vorrang einnimmt, der moralisches Handeln erlauben würde. Für diese Weltsicht steht Junior Cain, der Serienkiller. Hier treten wiedersprüchliche Selbsthilfe-Leitsprüche an die Stelle der 10 Gebote.

Doch was wäre, wenn der Zufall aufgrund der modernen Theorie der Quantenmechanik ein Werkzeug der Natur - und mithin eines lenkenden Gottes - wäre? Dann wäre auch Junior Cain ein notwendiger Bestandteil des göttlichen Plans und das Zusammentreffen mit den Lampions vorherbestimmt.

Das mit der Quantenmechanik ist natürlich eine wackelige Sache, und Koontz lässt Tom Vanadium die Theorie nur sehr verkürzt vortragen und erklären - um nicht zu langweilen. Laut Quantenmechanik existieren unendliche viele Paralleluniversen, und alle Teilchen sind auf subatomarer Ebene miteinander - auch kausal - verbunden. Quod erat demonstrandum: Barty geht bei Regen da, wo es keinen Regen gibt und wird nicht nass. Angel sieht interessante Farben und Wesen aus anderen Dimensionen. Und ihrer beider Tochter Mary kann sogar zwischen den Dimensionen wechseln: Now you see her, now you don\'t.

Was bedeutet dies für die beiden Seiten? Für Junior rein gar nichts, denn er hat davon keinen Schimmer und lässt sich von Zedds Leitsprüchen ebenso irreleiten wie von seinem Aberglauben. Er wird immer wieder Opfer des \"Zufalls\", denn er weigert sich - gemäß den Lehren Zedds - aus der Vergangenheit zu lernen. Für die Lampions und Whites hingegen ist die Entdeckung der Paralleldimensionen und der Fähigkeit, damit etwas anzustellen, ein zunächst beängstigendes Wunder, das sie aber in ihr Weltbild und ihren Glauben integrieren können. (Redet die Bibel nicht die ganze Zeit von Wundern?)

Fazit

Zunächst erfordert \"Der Geblendete\" eine Umgewöhnung bei den Koontz-Fans. Dieser Roman ist noch breiter angelegt als \"Stimmen der Angst\" und beschäftigt sich noch intensiver mit den Fragen der Religion, der Scharlatanerie und der moralischen Wertung. Bei bibelfesten US-Lesern dürfte er damit offene Türen einrennen.

Auch der Schurke im Stück ist gewöhnungsbedürftig: einen derart teuflischen, amoralischen Schwachkopf wie Junior Cain hat man bei Koontz - und allgemein im Horrorgenre - noch nicht gesehen. (Vanadium lässt zu Cain ein paar erhellende Worte fallen.)

Zum anderen ist der Roman, genau wie ein realistischer Roman, eine Chronik der Epoche, in der seine Handlung spielt: die Zeit von 1965 bis 1968 war wohl eine der aufregendsten Phasen in der Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Als Abspann empfindet man dann die Weiterführung der Chronik bis ins Jahr 2000, vorgeführt anhand der Familie Lampion & Co.

Fans des traditionellen Koontz werden noch mehr Probleme mit diesem Roman haben, als sie schon mit \"Stimmen der Angst\" hatten. Positiv denken: Dieser Autor entwickelt sich wenigstens weiter, im Gegensatz zu so manchem Kollegen. Und er verfügt über eine feinen, vielseitigen Humor - diesen bringt der Übersetzer gut ins Deutsche (mal abgesehen von den vielen Druckfehlern).

What the Dickens?**

In den USA und GB hat Koontz bereits seinen nächsten Schmöker (760 Seiten) veröffentlicht: \"One door away from heaven\". Zusammen mit \"Der Geblendete\" und \"Stimmen der Angst\" bildet dieses Buch ein Trio in Koontz\' Spätwerk, das in seiner epischen Breite und seinem moralischen Engagement an Charles Dickens erinnert.

Michael Matzer (c) 2002ff

Info: From the corner of his eye, 2000; Heyne 05/2002, München; Nr. 43/213; 888 Seiten, EU 24,00, aus dem US-Englischen übertragen von Waltraud Götting; ISBN 3-453-21405-6

**: Zu deutsch soviel wie \"Was zum Geier?\"


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-09 17:14:25 mit dem Titel *Security*: Die Träume der Vernunft

Dean Koontz macht Stephen King immer mehr Konkurrenz - über 175 Millionen Exemplare seiner Bücher hat er schon verkauft. Konnte er sich zu Beginn seiner Karriere nur mit knapper Not mit 08/15-Romanen über Wasser halten, so schreibt er heute von einer souveränen Höhe des Ruhms aus. Diese Souveränität erlaubt ihm auch, einen viel besseren Stil zu wählen und auch weniger horrorbeladene Themen anzupacken. Er ist dennoch so gut wie eh und je, wie man an der Verfilmung von \"Intensity\" sehen konnte.

Handlung

\"Security\" ist ein halbwegs spannender Psychothriller über ein computergesteuertes Überwachungssystem, das allmählich ein Eigenleben entwickelt und die Person, die es eigentlich schützen sollte, in tödliche Gefahr bringt. Der Computer, der die Story selbst erzählt, ist eine Künstliche Intelligenz, die vom Ex-Gatten der Computerkünstlerin Susan geschaffen wurde. Zu welchem Zweck, ist unbekannt.

Doch Adam Zwei, wie die KI genannt wird, hat sich in Susan verliebt. Er träumt von ihr, da er über ein echtes Gefühlsleben verfügt, wie er wiederholt beteuert. Und er möchte mir Susan ein Kind haben, um in Fleisch und Blut Susan lieben zu können.

Susan wurde von ihrem Ex-Mann Dr. Harris ebenso mißhandelt wie zuvor seit ihrer Kindheit von ihrem Vater. Sie hat sich ein Virtual-Reality-Programm namens \"Therapie\" geschrieben, mit dessen Hilfe sie sich vom Trauma, das diese Männer in ihrer Psyche hinterlassen haben, allmählich befreit. Und als sich Adam Zwei zur \"fürsorglichen Gefangennahme\" Susans entschließt, leistet ihr dieses seelische Training gute Dienste, um sich im Kampf gegen den Computer durchzusetzen.

Fazit

Streckenweise ein Horrorthriller, ist diese Selbstrechtfertigung der KI doch vor allem ein Psychogramm eines psychopathischen Killers. John Brunner hat einmal gesagt: \"Wenn es so etwas wie die Ursünde gibt, dann besteht sie darin, einen Menschen wie ein Objekt zu behandeln.\" Genau tut Adam Zwei mit Susan -- und fühlt sich immer noch im Recht. Da sich die KI sich explizit als Mann definiert, unterzieht Koontz die männlichen Ansichten und Einstellungen, die Adam Zwei äußert, einer harschen Kritik. Daß am Schluß Susan obsiegt, ist ebenso zufriedenstellend wie konsequent.

Koontz hat eine erste Fassung aus dem Jahr 1973, die mit Julie Christie verfilmt wurde, auf den neuesten Stand gebracht, was die reale Welt und den Erzählstil angeht. Die KI weiß nun, was Virtual Reality und das Internet sind, wer Mira Sorvino und Winona Ryder sind. Sie spricht mit der Stimme von Tom Hanks und Sean Connery. Doch all dies kaschiert nicht die Unmenschlichkeit in den Taten des \"zweiten Adam\". Somit ist dieses Buch eher der Science Fiction zuzurechnen als dem Horrorgenre -- und das macht Koontz in seinen Anspielungen auf Bücher von H.G. Wells auch deutlich.

Michael Matzer © 1999ff

Info: Bastei-Lübbe 1999, Nr. 14218; 330 Seiten, ISBN 3-404-14218-7


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-11 15:10:20 mit dem Titel *Schattenfeuer*: Das Grauen der Genetik

Seinen Spezialthemen Verbrechen und bzw. der Forschung widmet sich Koontz in diesem gelungenen Horrorthriller.

Handlung

Eric Leben heißt der geniale Genetiker, der nach einem Streit mit seiner Frau von einem Müllwagen überfahren wird – kein schöner Tod. Bald darauf verschwindet jedoch die Leiche aus dem Kühlfach des Leichenschauhauses, und eine Spur von toten Menschen und blinder Zerstörungswut zeugt von den Taten eines Wahnsinnigen.

Rachael Leben nimmt mit einem Freund diese blutige Fährte auf, ahnt sie doch hinter den vordergründigen Fakten die Machenschaften ihres verhassten Mannes, der in seinem Labor gelernt hatte, den Tod zu überlisten...

Fazit

Koontz bietet spannende Verfolgungsjagden, lässt auch romantische Liebe nicht zu kurz kommen, bringt skrupellose Bundesagenten mit ins Spiel, betrachtet Männerfeindschaften ebenfalls als Spannungsmittel und würzt diesen Eintopf mit dem biologischen Grauen: ein lebender Toter (funktioniert immer gut), der nicht Herr ist über seine Gefühle und Körperfunktionen.

So trivial Koontz in manchen seiner Bücher sein kann, so gruselig und unerbittlich mitreißend kann er mitunter auch sein. Zwar lässt er nur wenige Klischees aus, fabriziert zudem auch seine ureigenen, schreibt aber immer noch mit dem gewissen Etwas, das seine Werke lesenswert macht.

\"Schattenfeuer\" kann zwar mit den guten Werken von Peter Straub oder Ramsey Campbell nicht so ganz mithalten, ist aber einer der spannendsten Romane Koontz\' vor Meisterwerken wie \"Intensity\" oder \"Dunkle Flüsse des Herzens\".

Michael Matzer © 2000ff

Info: Shadowfires, 1988; Heyne 1989, Nr. 01/7810, München; 477 Seiten, aus dem US-Englischen übertragen von Andreas Brandhorst; ISBN 3-453-?


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-15 19:16:19 mit dem Titel Dean Koontz: *Eiszeit*: Guter Thriller aus dem Eis

Ein nervenzerfetzender Thriller aus der Arktis, dessen Handlung in nur 12 Stunden abläuft – aber in einem spannenden Countdown, spannend bis zur letzten Sekunde. Laut Verlag stand dieser Roman wochenlang auf den US-Bestsellerlisten.

Handlung
°°°°°°°°

Das Buch beginnt mit einer Art Prolog, der aus Meldungen besteht: Seit Jahren schwören internationale Wissenschaftler auf die Möglichkeit, aus den Eisbergen der Arktis und Antarktis reines Trinkwasser zu gewinnen, das man während Dürreperioden gebrauchen könnte, beispielsweise in Kalifornien. Natürlich gilt es zunächst, die Machbarkeit eines solchen Vorhabens zu erkunden.

Nun haben Harry Carpenter und vier weitere Forscher und Helfer den letzten Schritt gewagt, ein Lager in Grönland aufgeschlagen und bereiten eine enorme Sprengung vor: Der so produzierte Eisberg soll nach Süden zu wartenden Fischereischiffen treiben, die ihn zum Festland schleppen sollen. Das war der Plan.

Doch was sich schon seit Tagen angekündigt und worauf Harry nicht gehört hatte, wird nun schreckliche Wahrheit: ein Seebeben löst eine riesige Tsunami-Welle aus, die das Randeis, auf dem sich Harry und Co. befinden, einfach wie einen Kartoffelchip zerbricht: Nun sitzen Harrys Leute plötzlich selbst auf einem Eisberg fest. Dieser treibt in die arktische See, auf ein Sturmgebiet zu.

Nicht genug damit: Sie haben ihre Sprengung noch nicht ausgelöst, doch die 60 Bomben, die sie noch eben so fleißig platziert haben, werden pünktlich um Mitternacht ferngezündet: genau unter ihren Füßen. Zum Glück haben sie ein Funkgerät dabei, so dass sie mit der Zentralstation Verbindung halten können. Wenig später findet Harry einen der Männer aus seiner Gruppe bewusstlos geschlagen auf dem Eis – unter ihnen befindet sich ein potentieller Mörder.

Als ob das noch nicht Grund genug wäre, jetzt völlig durchzudrehen, taucht zu guter Letzt ein russisches Spionage-U-Boot auf, das die Eisbrüchigen retten möchte. Leider kann es weder am Eisberg anlegen noch können die Eisbrüchigen zu ihm hinabsteigen. Der Sturm wird stärker, und die Lage ist verzweifelt.

Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°

In einem Nachwort verrät der Autor, dass er diesen Roman als Hommage an den Thrillerautor Alistair MacLean schrieb. MacLean schrieb unter anderem die verfilmten Roman \"Eisstation Zebra\" und \"Die Kanonen von Navarone\". \"Ich wollte nur mal sehen, ob ich so etwas schreiben könnte\", meint Koontz etwas flapsig. Er hat das Experiment mit Bravour durchgeführt. Natürlich musste der \"etwas holprige Stil des Originals\" aufpoliert werden. Außerdem brachte Koontz die Fakten auf den neuesten Stand: So schreibt einer der Helden vom Eisberg nicht einen Brief, sondern eine E-Mail.

Bei aller Action und all dem Tempo und dem Zeitdruck bleibt doch immer wieder Zeit, in die Vergangenheit der einzelnen Figuren zurückzublenden und ihre psychologischen Tiefen auszuloten. So ist etwa Harrys Frau ein Opfer von krankhafter Angst vor Eis, Kälte und Schnee, weil sie als sechsjähriges Mädchen ihre Eltern in einer Lawine verloren hatte und selbst stundenlang darunter begraben war. Andere Kollegen entkamen nach traumatischen Erlebnissen in die Freiheit. Doch ausgerechnet der Psychopath in Ritas Gruppe wird nicht vorgestellt, lediglich sein Tagebuch verrät ihn. Natürlich verschweigt uns der Autor seinen Namen.

Unterm Strich geht es um zwei hohe Werte: um stilles Heldentum und die Völkerverständigung, die von verantwortungsbewussten Einzelnen wie dem U-Boot-Käptn realisiert wird. Und dies auch nur deshalb, weil der Kalte Krieg vorüber ist und die kommunistischen Sowjets die macht abgegeben haben – und keine Kalten Krieger auf US-Seite dazwischen pfuschen.

Ist dies also ein U-Boot-Thriller à la Tom Clancy? Keineswegs, wie uns Koontz klar macht. Die ätzende Technikverliebtheit und der Militarismus des Amerikaners fehlen hier. Im Vordergrund stehen die Einzelschicksale einer bunt zusammengewürfelten Wissenschaftlergruppe einerseits – und der U-Boot-besatzung andererseits, die unglaublich diszipliniert agiert.

Unterm Strich

Ein spannender Thriller, in dem Menschen sowohl gegen die feindliche Natur als auch gegen ihre eigenes inneres Wesen ankämpfen müssen, um zu überleben.

Michael Matzer © 2001ff

Info: Icebound, 1993; Bastei-Lübbe 1995, Nr. 13715, Bergisch Gladbach; 299 Seiten, DM 12,90, aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton; ISBN 3-404-13715-9


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-07 10:56:31 mit dem Titel Dean Koontz: *Intensity*: Eine andere Art von Wahnsinn

Dieser spannende Thriller wurde erfolgreich fürs Fernsehen verfilmt, wenn auch in abgeänderter Version.

Die Story: Edgler Foreman Vess, so heißt der Killer, lebt ein Leben am Rande des Wahnsinns, irgendwo in der Bergeinsamkeit von Oregon. Die Begegnung mit ihm konfrontiert die junge Frau Chyna Shepherd mit ihren tiefsten Ängsten und veranlasst sie zu vorher undenkbaren Taten.

Chyna Shepherd - \"china\" bedeutet Porzellan, \"shepherd\" Hirte, Hüter - hat eine harte Kindheit hinter sich, die sie die Regeln des Überlebens gelehrt hat, z.B. sich niemals in fremde Angelegenheiten einzumischen. Nur als ihre Freundin Laura sie zu ihren Eltern aufs Land einlädt, kann sie nicht nein sagen. Doch selbst nach einem schönen Abend, geborgen im Schoß von Lauras Familie, findet sie keine Ruhe - ihre Rettung.

Vess, der Killer, dringt in das Haus ein und tötet fast alle Bewohner außer Chyna, die sich versteckt, und Laura, die er zunächst mißbraucht. Chyna findet Laura auf dem Bett, angekettet, doch kann sie ihr nicht helfen, denn der Killer kehrt zurück und tötet Laura. Sie hat Todesangst und denkt nur an Flucht.

Als sie durch Zufall erfährt, wer das nächste Opfer des Mörders sein soll - ein kleines Mädchen, so unschuldig wie Laura -, begibt sie sich auf die Verfolgung und in ein tödliches Spiel zwischen Jäger und Opfer, als Vess sie entdeckt.

Mein Eindruck
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Dean Koontz porträtiert in diesem 1997 für das Fernsehen verfilmten Thriller einen Mörder, der tötet um der Intensität willen, die er dabei spürt: Jede Empfindung auszukosten bis zur Neige, Süßes und Saures, Schönheit und Schrecken, Schmerz und Ekstase, ist seine Lebensphilosophie. Eine Philosophie ohne jede Moral, so daß ein Mensch nichts bedeutet außer als Spenderobjekt für \"intensive\" Empfindungen - eine Moral ohne Gewissen, ohne Angst, ohne Reue.

Nur 24 Stunden umfasst die Handlung des Romans, doch in dieser kurzen Zeitspanne erreicht sie Höhepunkte von unerträglicher \"Intensität\" - ein Fall für Fingernagelbeißer. Daher soll hier auch nicht verraten werden, ob es Chyna gelingt, Vess zu entkommen und das nächste Opfer zu retten. Das sollte man unbedingt selbst lesen - oder im TV ansehen. Allerdings ist die Verfilmung durch Einfügung unlogischer Figuren verwässert worden - sie sollen nur die Werbeunterbrechungen vorbereiten und die Handlung auflockern .

Michael Matzer ©2000/2002ff

Info: Intensity, 1995; Lübbe, 1997, 381 Seiten, DM 38,-, aus dem Englischen von Uwe Anton


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-07 19:32:58 mit dem Titel Dean Koontz: *Dunkle Flüsse des Herzens*: Klassischer Verschwörungs-Thriller

Nachdem Dean Koontz Anfang der 90er jahre aus einem Vertrag herausgekommen ist, der ihn bislang zur Fließband-Produktion von mystischen Horrorthrillern verpflichtet hatte, kann er sich ernsten Themen zuwenden und realisiert dies in einem ganz persönlichen, menschlich engagierten Stil. \"Dunkle Flüsse des Herzens\" ist der erste dieser neuen Produktionen, und es ist beleibe kein schlechter Anfang.

Die Handlung
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Der Ex-Soldat und Ex-Polizist Spencer Grant - ein Pseudonym - lernt eine nette Frau namens Valerie kennen und verliebt sich in sie. Als er nach ein paar Tagen wieder nach ihr sucht, gerät er in ihrem (leeren) Haus in den paramilitärischen Einsatz einer streng geheimen Regierungsbehörde und entkommt dem Tod nur mit knapper Not. Er wird selbst zum Gejagten. Die Frage, die er sich natürlich stellt, ist: Wer ist Valerie Keene, daß man sie umbringen will? Im Lauf der Handlung gibt sie selbst die Antwort: Valerie weiß zuviel über jene Regierungsbehörde, die die Aufgabe hat, Fehler der Politiker und vor allem der Regierung zu vertuschen - auch um den Preis von Menschenleben.

Nachdem Spencer wie ein Hacker alle möglichen Computerquellen durchstöbert hat, findet er Valerie in der Mitte von Nirgendwo: in der Wüste nahe Las Vegas, wo er in einem Gewitter fast ertrunken wäre. Spencer kommt an die wehrhafte Frau, die selbst eine Hackerin ist und ziemlich geschickt mit der Pistole umgeht, nur heran, weil er absolut hilf- und wehrlos ist, als sie ihn findet und gesundpflegt.

Geleitet wird die Jagd auf dieses ungleiche Paar von einem psychopathischen Killer, der jedoch aussieht wie der nette Onkel von nebenan: Roy Miro hat die tiefe Überzeugung, er übe an seinen unglücklichen Mitmenschen Barmherzigkeit, wenn er sie von ihrem jämmerlichen Leben durch einen Kopfschuß erlöse. Und dieser Todesengel gewinnt sogar Jünger, zum beispiel Eve Jammer, eine ebenso skrupellose wie sexbesessene schöne Frau in Vegas - sie wird zur Präsidentengattin, ja zur Präsidentin der USA aufsteigen, wie Koontz am Schluß ironisch andeutet.

Valerie und Spencer fliehen vor Roy nach Colorado, dorthin, wo Spencers alptraumhaftes Leben seinen Anfang nahm, auf der Farm seiner Eltern. Ganz allmählich und mit meisterhafter Spannung enthüllt der Erzähler in einem Puzzlespiel das tiefere Grauen hinter dem Grauen der Flucht, das Grauen einer Nacht, an die sich Spencer kramphaft zu erinnern versucht, so sehr hat er sie aus seinem Gedächtnis verbannt: Spencers Vater, der berühmte Künstler Steven Ackblom, war ein Serienkiller. Spencer, der einstige Michael Ackblom, beobachtete damals nicht nur, wie dieser seine Mutter niedertrat (um sie anschließend in einer Scheune zu töten), sondern er erlebte auch, wie sein Vater eines seiner Opfer folterte. In einer traumatischen Auseinandersetzung verwundete er seinen Vater, doch irgendwie kam das damalige Opfer zu Tode, von wem getötet, kann er nicht sagen. Ist Michael schuld?

In einer exzellenten Rekonstruktion der Geschehnisse jener Nacht, die in der neuerlichen Begenung mit dem von Roy aus einer Anstalt befreiten Steven Ackblom gipfelt, beschwört Koontz eine Atmosphäre der Beklemmung, des Horrors und schließlich der Befreiung herauf: Steven Ackblom stirbt, Roy Miro wird für tot gehalten und liegengelassen, und Valerie und Spencer entkommen den Regierungsagenten mit Hilfe moderner Computertechnik und eines laserbestückten Satelliten.

Sie schließen sich einer Widerstandsbewegung an, die im ganzen Land agiert und Opfern von Roys Behörde zu einer neuen Identität, einer neuen Chance verhilft. Und Valerie ist - wie wir erfahren, als ein weiterer \"dunkler Fluß\" enthüllt wird - die Tochter des Bosses von Roys Behörde, nämlich die des stellvertretenden Justizministers - da hatte das politische System den Bock zum Gärtner gemacht.


Mein Eindruck
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Koontz weist in seinem Nachwort auf einige relevante Geschehnisse in der jüngeren Geschichte der USA hin, wo unschuldige Bürger zu Opfern fehlgeleiteter Justiz- und Exekutivbehörden (FBI) geworden waren, so etwa in Idaho, aber auch in Waco/Texas, wo die Siedlung der Davidianer niedergebrannt wurde und Dutzende von Menschen umkamen.

Mithin hebt Koontz mahnend den Finger: Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann könnte das Leben in Amerika zum Alptraum werden, beherrscht von einer faschistischen Regierungsform, die sich das Deckmäntelchen der Demokratie umgehängt hat, aber den Schulterschluß mit Militär und Industrie gegen die Interessen der Bürger schon vollzogen hat.

Das \"Schlachthaus\" des Steven Ackblom ist für das, was passieren könnte, nur eine Metapher - es könnte genausogut die Folterkammer der Gestapo oder der CIA sein. Daß Ackblom ein scheinbar rationaler Mensch ist und sich genauso human gibt wie der Todesengel Roy Miro, jagt dem Leser den gleichen Schrecken ein, als wenn es sich um SS-Schergen handelte, die ihre eigene verdrehte Philosophie vorschützen, um Menschen umbringen zu können. Und in der Tat besteht die utopische Vision Roys darin, alle Menschen gleich zu machen, auf daß weltweit Harmonie herrsche. Leider ist der einzige Gleichmacher der Tod.

Man kann Koontz vorwerfen, er habe den Stand der Technik zu weit extrapoliert - laserbestückte Satelliten usw. - aber seine Beschreibung der Computernetze und der Hackermethoden dürfte akkurat zutreffen. Es ließe sich einwenden, die Methode, Grauen zu erregen, um die Wahrheit enthüllen zu können, ginge etwas zu weit. Aber was könnte sonst die blendende Erkenntnis des Horrors im \"Herz der Finsternis\" (Joseph Conrad) so gut transportieren und die Katharsis bewirken, die zu einer Wendung hin zum Guten nötig ist? Man muß Koontz zugestehen, daß er es meisterhaft versteht, seine Karten richtig und zur richtigen Zeit auszuspielen.

Der Verlag hat diesem Buch eine besondere Ausstattung angedeihen lassen: Der Umschlag wurde ebenso wie die Kapitelanfangsvignetten von dem deutschen Künstler Achim Kiel gestaltet. Die grafischen Elemente zeigen Tötungswerkzeuge, alte wie neue, aber auch die eingemauerten Opfer des Serienkillers. Eine brennende Kerze symbolisiert die Hoffnung im Widerstand. Zusammen mit dem Roman und den Gedichten von Koontz aus dem \"Buch der gezählten Leiden\", die am Anfang jedes Buchteils stehen, bilden diese Illustrationen ein zutiefst humanistisches Manifest.

Die sehr gute Übersetzung von Uwe Anton trägt stark dazu bei, den Ton des Buches getreu ins Deutsche zu bringen. Wer auf all das verzichten kann, wird immer noch mit einem ausgezeichneten Thriller belohnt, der voller Überraschungen steckt.

Michael Matzer(c)2000/02ff

Info: Dark Rivers of the Heart, 1994; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 1995; 640 Seiten, DM 48,-, aus dem US-Englisch v. Uwe Anton; mit Titel u. Illustrationen v. Achim Kiel. In der Taschenbuchausgabe fehlen die Illsutrationen.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-13 15:03:18 mit dem Titel Dean Koontz: *Survivor - Die Überlebende*: Thriller vom Sozialarbeiter

Joe Carpenter, ein Journalist in L.A., ist das indirekte Opfer einer unerklärlichen Flugzeugkatastrophe. Ein Jumbo-Jet stürzte in Colorado mit 330 Menschen an Bord senkrecht in die Erde. Man braucht eine Weile, um den Krater zu umwandern. Joes Frau und seine beiden kleinen Töchter waren an Bord.

Ein Jahr später ist Joe immer noch im Würgegriff der Trauer gefangen, doch da begegnet er einer Frau namens Rose, die behauptet, den Absturz überlebt zu haben und ein Geheimnis zu kennen, das ihm seinen Seelenfrieden wiedergeben könnte. Von Hoffnung getrieben, macht er sich daran, Rose zu finden, doch ist das nicht so einfach. Er gerät einer von Regierungsstellen geleiteten Geheimorganisation in die Quere, die alles daran setzt, ihn aufzuhalten, bevor er erfahren kann, wer wirklich hinter dem Absturz steckt.

Mein Eindruck
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Koontz benutzt das Thrillergenre, um Opfer eines wirklich bedauernswerten Schicksals schildern zu können: die überlebenden Mitglieder einer verünglückten Familie, die sozusagen einzigen Überlebenden einer Katastrophe. Er zeigt, welche besonderen psychologischen Umstände sie beherrschen und welche einzigartigen Verhaltensweisen sie entwickeln.

Der Thrilleranteil in \"Survivor\" ist allerdings nicht zu verachten und sorgt für reichlich Spannung. Die Frau namens Rose, die nun im Untergrund lebt, arbeitete in einem geheimen Forschungslabor der Regierung, wo mit PSI-Kräften an Kindern experimentiert wurde.

Dean Koontz ist ein literarischer Vetter von Stephen King und beinahe ebenso erfolgreich. Doch anders als King bringt Koontz in seinen Romanen auch seine eigene Philosophie unter die Leute, und das recht deutlich.

Auf den letzten Seiten von \"Survivor\" wird daher wieder einmal die Frage nach den letzten Dingen gestellt. Die Antwort fällt je nach Geschmack mehr oder weniger zufriedenstellend aus. Mir hat der erhobene Zeigefinger nicht gefallen.

Michael Matzer ©2000/2002ff

Info: Sole Survivor, 1997; Gustav Lübbe, 5/1998, 384 Seiten, DM 39,80, aus dem Amerikanischen von Uwe Anton. Taschenbuchausgabe: seit ca. 1999.


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-14 15:06:42 mit dem Titel Dean Koontz. *Geschöpfe der Nacht*: Unheimliche Menschenversuche

Christopher Snow ist ein junger Mann in den Zwanzigern, doch der einsamste Mensch auf Erden, oder zumindest in Moonlight Bay, einem verschlafenen Küstenort in Kalifornien.

Chris hat sich mit seiner seltenen genetischen Beeinträchtigung abgefundenen, die ihn veranlaßt, das Licht von Sonne und Lampen zu scheuen – Lichtstrahlen zerstören seine Haut und natürlich auch seine Augen.

Sein Leben verläuft daher buchstäblich im Dunkeln – in faszinierenden Ritualen, mit denen sich die wenigen Nachbarn, die ihn zu Gesicht bekommen, abgefunden haben.

Aber als der Leichnam seines Vaters entführt wird, gereicht ihm sein Handicap zum Vorteil: Niemand kennt die Nacht so wie er, wenn er mit seinem Hund durch die Straßen und Gärten streicht.

Als er Zeuge weiterer mysteriöser Vorgänge wird und ihn eine geheimnsivolle Truppe mit Helikoptern und Panzerwagen jagt, kommt er dem schrecklichen Geheimnis von Moonlight Bay und seiner eigenen Familie auf die Spur: Seine verstorbene Mutter war eine Genetikerin in den nahen unterirdischen Militärlabors von Moonlight Bay.

Chris ist das Opfer der Experimente ihrer Arbeitgeber – doch er ist nicht die seltsamste Kreatur, die in den Labors geschaffen wurde.

Mein Eindruck
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Der spannende Roman will vieles zugleich sein: eine Geschichte von Freundschaft und Existenz unter unwahrscheinlichen Bedingungen, ein Thriller mit einem Geheimnis im Kern, aber auch eine Warnung vor den Experimenten skrupelloser Militärs.

Das alles ist ein bißchen viel für ein einzelnes Buch, und so reiht sich eine bemühte Handlungswendung an die nächste.

Am spannendsten ist sicherlich das erste Drittel, als uns Chris in seiner ganzen Seltsamkeit begegnet – ein Alien, und doch ein Mensch.

Literaturgeschichtlich knüpft der Thriller an \"Die Insel des Doctor Moreau\" von H.G. Wells (ca. 1898) an.

1999 hat Koontz eine eigenständige Fortsetzung zu diesem Buch geschrieben: \"Im Bann der Dunkelheit\". Ich werde diese Fortsetzung in Kürze hier vorstellen.

Michael Matzer ©1999/2002ff

Info: Fear nothing, 1998, 450 Seiten, aus dem US-Englischen von Uwe Anton, München, Heyne, 1999, ISBN 3-453-15301-4

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-17 18:17:42 mit dem Titel Dean Koontz: *Im Bann der Dunkelheit*: Am Rande der Katastrophe

\"Im Bann der Dunkelheit\" setzt die Handlung von \"Geschöpfe der Nacht\" fort: In der kalifornischen Kleinstadt Moonlight Bay ereignen sich immer noch seltsame Vorkommnisse, selbst noch zwei Jahre nachdem die geheimen Forschungslabors der Militärs in Fort Wyvern geschlossen wurde. Die Welt steht nichts ahnend am Rande einer Katastrophe.

Handlung
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Nur der Ich-Erzähler Christopher Snow und seine engsten Freunde und Vertrauten scheinen die Welt über das Grauen aufklären zu können, das bereits schleichend seine Auswirkungen sichtbar macht: Ein entkommenes Retrovirus erhöht die Intelligenz von Tieren, bis diese sich ob ihrer beschränkten Möglichkeiten, aus Überdruß und Verzweiflung selbst umbringen.

Der Anblick eines Schwarms von Nachtfalken, der in geschlossener Formation in die Wand eines Fabrikgebäudes donnert, ist schockierend. Wenn sich aber einzelgängerische Kojoten zu dreißigköpfigen Rudeln zusammenrotten und sich zwischen Häusern herumtreiben, dann ist das extrem beunruhigend.

Chris ist nach Wyvern gegangen, um den entführten Sohn Jimmy seiner früheren Geliebten Lily Wing zu suchen – erfolglos. Doch er erfährt, daß noch drei weitere Kinder in dieser Nacht verschwunden sind. Die Polizei befiehlt ihm, sich aus der Sache rauszuhalten oder...

Noch eine weit größere Bedrohung wartet auf dem riesigen verlassenen Gelände von Fort Wyvern: die Kokons von Lebewesen, die beim Experiment mit einer Zeitmaschine aus der Zukunft von den (überlebenden) Expeditionsmitgliedern eingeschleppt wurden. Erschütternd die auf Band gesprochene Beichte eines der Expeditionsmitglieder: Er mußte seine von den Aliens befallene Frau und zwei Kinder erschießen und verbrennen. Auf dem Wyvern-Gelände findet Snow seine Leiche und sein Vermächtnis.

SPOILER-ALARM!
Auf den letzten hundert Seiten wagen Snow und seine Freunde die Expedition in die bislang unerforschten Tiefen des zentralen Wyvern-Bunkers. In einem bizarren Schwanken der Zeitströme können sie die entführten Kinder retten, nachdem sich der Leiter des Zeit-Forschungsprojekts als gesuchter Serienkiller entpuppt hat.
SPOILER-ENDE

Mein Eindruck
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Das Buch ist recht einfach aufgebaut: Zwei lange Expeditionen nach Fort Wyvern, dazwischen verschiedene Aufklärungsversuche und Treffen sowie die Konfrontation mit der Polizei.

Dennoch spielen sich in dieser einfachen Struktur eminent spannende Szenen ab, so etwa die unvermutete und von höchstem Grauen begleitete Reise mit der Zeitmaschine unter Fort Wyvern, sowie die Verfolgung durch intelligente Rhesusaffen; der Fund der Leiche und der Alienkokons – kurzum, dies alles ist Science Fiction, die so recht nach dem Geschmack eines Horror liebenden Lesers geschrieben wurde. Daß Koontz mal wieder seine Polemik gegen verhängnisvolle Experimente der Regierung und skrupelloser Militärs loswird, verwundert weniger.

Doch er schafft es, ein hohes Maß an Mitgefühl für die Opfer solcher Experimente zu erwecken – und das ist nur glaubwürdig, weil er in Christopher Snow eine Hauptfigur hat, die selbst Opfer genetisch bedingten Unglücks ist: Snow hat XP, eine Krankheit, die wegen absoluten Pigmentmangels extrem lichtempfindlich und für Krebs aller Art empfänglich macht. Daß er 28 Jahre alt wurde, ist für Snow selbst ein Wunder.

Da hier nicht das Ende der Welt, wohl aber das von Fort Wyvern erfolgt ist, warten wir auf den 3. Band der Trilogie. Was passiert mit den mutierten bzw. weiterhin mutierenden Einwohnern? Erfährt die Welt etwas von den Vorgängen in Moonlight Bay?

Michael Matzer © 2000/2002ff

Info: Seize the night, 1998; Heyne, 2000, München, 540 Seiten, München, Heyne, 2000, ISBN 3-453-17315-5

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