Mehr zum Thema Fachbücher Testbericht
ab 11,86 €
Billiger bei eBay?
Bei Amazon bestellen
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
Erfahrungsbericht von enno59
Das Runde muß ins Eckige - aber wie?
Pro:
Man sieht Fußballberichte ganz anders.
Kontra:
Man kann \"ran\" eigentlich nicht mehr ernst nehmen.
Empfehlung:
Nein
Die Absicht der Kirch-Gruppe, mit Hilfe von Fußball- und Formel1-Übertragungen den Verkauf ihres Premiere - Paketes und des dazugehörigen Decoders zu pushen, hat in jüngerer Zeit ziemliche Kapriolen geschlagen. Die (letztlich gescheiterte) Verlegung der Sendezeit von \"ran\" auf 20:15 Uhr vor über einem Jahr war da nur ein weiterer Schritt einer profitgierigen Strategie, die Sportfans ausschließlich als Melkkühe betrachtete. Aber dieser letzte Schritt brachte das Faß zum Überlaufen, die Volksseele kocht. Ein wenig überraschend diese starke Reaktion dann aber doch, war \"ran\" doch nie ein wirkliches Juwel sportjournalistischer Tätigkeit.
Die menschelnde Strategie einer Fußball-Berichterstattung führte eher zu kauzigen denn zu echten Berichten: gezeigt wurden (in dieser Reihenfolge): 1 mal ein erfolgversprechender Spielzug, 2x die Torvorlage, 3x (oder öfter) der Torerfolg, 4x der jubelnde Torschütze (mit oder ohne unfertige Striptease-Einlage) und 5x (oder öfter) der aufspringende Trainer. Na hoi, das bringts, sage ich da in der Sprache unseres heranwachsenden Familienmitgliedes. Hinter diesem ganzen \"Menscheln\" – dem Emotionenhinterhecheln – wurde eins schlicht vergessen: das Wichtigste. \"Maßgebend is auffen Platz\" heißt einer der Sinnsprüche, die diese Sportart hervorgebracht hat, und meint damit nicht das drumherum, sondern das Spiel selbst. Der Wortschatz der heutigen Journalisten des Fußball-TV umfaßt doch eigentlich nur noch wenige Worte: Quote, Interview, Trainerfrage, Zuschauer, Quote, Interview, Trainerentlassung, Bayern, Quote, Interview ... Und ein paar volkstümliche Floskeln natürlich: \"auf Schalke\", \"der Betze\", \"Ruhrpottderby\", \"Lichtgestalt\" (hä?) – na und so weiter.
Was aber auf dem Spielfeld eigentlich wirklich passiert war, das bleibt bei dieser Art Journalismus weitgehend im Dunkeln, das läßt sich mit den genannten Vokabeln wohl kaum darstellen. Dabei passiert auf immer mehr deutschen Fußballplätzen Unglaubliches, insbesondere seit dem schlechten Abschneiden des deutschen Nationalheiligtums bei der letzten Fußball-WM (1998). Eine Erneuerung, ja eine Revolution – das zumindest behaupten Christoph Biermann und Ulrich Fuchs, beide ihres Zeichen Sportjournalisten – allerdings aus der schreibenden Zunft – in ihrem Buch: \"Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Wie moderner Fußball funktioniert\". Die Parallele des Buchtitels zu dem Spruch des französischen Malers Frances Picabia \"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann\" ist nicht nur zufällig, sondern gewollt, wie in der Einleitung zu lesen. Das Buch ist zwar bereits 1999 erschienen, aber unvermindert aktuell, wie die aktuelle Verkaufsrangliste von amazon ausweist (4.017). Nun muß niemand befürchten, daß ausgerechnet die deutschen Fußballspieler eine Revolution angezettelt haben, etwa gar noch erfolgreich (darin waren die Deutschen ja eh nie so gut), vielmehr wird nachvollzogen, was auf den Fußballplätzen anderer Länder längst Alltag ist. Die Rede ist von einer grundlegenden Änderung der Taktik des Spiels. Waren früher Libero und Manndecker, Spielgestalter und Wasserträger, Flanke und Kopfballtor das Mittel erster Wahl, um erfolgreich zu sein, heißt das Erfolgsrezept heute: Überzahl- und Kurzpaßspiel, was nichts anderes bedeutet als immer mehr Spiele in Ballnähe zu haben als die andere Mannschaft, sowohl bei Ballbesitz als auch nach Ballverlust. Wie das erreicht werden kann, welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind, welche Konsequenzen damit für die überkommenen Fußballsystem verbunden sind, das erörtern Biermann und Fuchs sehr anschaulich.
Dabei unternehmen sie kurzweilige Ausflüge in die Geschichte des Fußballs, vor allem natürlich der Taktik. So lernt der Leser die Konsequenzen kennen, die die Einführung der neuen Abseitsregel 1925 auf die bis dahin praktizierten System hatte, er kann die Ursachen für den sensationellen Erfolg der ungarischen Nationalmannschaft in den 50er Jahren begreifen und die Tragik, daß diese Mannschaft das WM-Finale 1954 ausgerechnet gegen Deutschland verlor.
Die Autoren zeigen, auch anhand einiger Abbildungen, die Veränderungen der Fußballsysteme auf: vom WM-System über das 2-3-5, den Catenaccio, das brasilianische 4-2-4 hin zum modernen Kurzpaß, Pressing und Verschieben. Dabei bleiben sie nicht nur theoretisch, sondern benennen Mannschaften, Trainer und auch Spieler, die die einzelnen Systeme kreiert haben und damit erfolgreich geworden sind.
Nachhaltig deutlich wird auch, daß allein die Athletik kaum noch ausreicht, vielmehr ist Athletik entscheidende Voraussetzung. Und da Deutschland lange Jahre vorrangig von der hervorragenden Athletik vieler Spieler gelebt hat, wurden die Erfolge in jüngerer Vergangenheit, vor allem am Ende der 90er Jahre, spärlicher. Spieler, die nur noch die Seitenlinie rauf- und runterrennen oder ihrem Gegenspieler bis unter die Dusche folgen, haben heute keine Chance mehr, jedenfalls in der Weltspitze. Das Herstellen einer Überzahlsituation erfordert neben einer ausgezeichneten Physis auch eine entsprechende geistige Flexibilität, ein permanentes Reagieren auf sich ändernde Spielsituationen. Oder, wie Jens Jeremies bemerkte: \"Eine Minute nach Spielende habe ich noch nicht die Intelligenz, um das Spiel zu beurteilen.\"
Alles in allem ist dieses Buch sehr instruktiv für Fußballbegeisterte, die nicht nur die 735ste Faustballung eines Trainers an der Seitenlinie aus der 3. Kameraperspektive sehen wollen. Wer dieses Buch gelesen hat, sieht Fußball danach anders.
Hier noch die bibliographischen Angaben
Christoph Biermann, Ulrich Fuchs:
Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann
Wie moderner Fußball funktioniert
Preis: 8,90 DM
Erscheinungsjahr: 1999
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 3-462-02857-x
Die menschelnde Strategie einer Fußball-Berichterstattung führte eher zu kauzigen denn zu echten Berichten: gezeigt wurden (in dieser Reihenfolge): 1 mal ein erfolgversprechender Spielzug, 2x die Torvorlage, 3x (oder öfter) der Torerfolg, 4x der jubelnde Torschütze (mit oder ohne unfertige Striptease-Einlage) und 5x (oder öfter) der aufspringende Trainer. Na hoi, das bringts, sage ich da in der Sprache unseres heranwachsenden Familienmitgliedes. Hinter diesem ganzen \"Menscheln\" – dem Emotionenhinterhecheln – wurde eins schlicht vergessen: das Wichtigste. \"Maßgebend is auffen Platz\" heißt einer der Sinnsprüche, die diese Sportart hervorgebracht hat, und meint damit nicht das drumherum, sondern das Spiel selbst. Der Wortschatz der heutigen Journalisten des Fußball-TV umfaßt doch eigentlich nur noch wenige Worte: Quote, Interview, Trainerfrage, Zuschauer, Quote, Interview, Trainerentlassung, Bayern, Quote, Interview ... Und ein paar volkstümliche Floskeln natürlich: \"auf Schalke\", \"der Betze\", \"Ruhrpottderby\", \"Lichtgestalt\" (hä?) – na und so weiter.
Was aber auf dem Spielfeld eigentlich wirklich passiert war, das bleibt bei dieser Art Journalismus weitgehend im Dunkeln, das läßt sich mit den genannten Vokabeln wohl kaum darstellen. Dabei passiert auf immer mehr deutschen Fußballplätzen Unglaubliches, insbesondere seit dem schlechten Abschneiden des deutschen Nationalheiligtums bei der letzten Fußball-WM (1998). Eine Erneuerung, ja eine Revolution – das zumindest behaupten Christoph Biermann und Ulrich Fuchs, beide ihres Zeichen Sportjournalisten – allerdings aus der schreibenden Zunft – in ihrem Buch: \"Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Wie moderner Fußball funktioniert\". Die Parallele des Buchtitels zu dem Spruch des französischen Malers Frances Picabia \"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann\" ist nicht nur zufällig, sondern gewollt, wie in der Einleitung zu lesen. Das Buch ist zwar bereits 1999 erschienen, aber unvermindert aktuell, wie die aktuelle Verkaufsrangliste von amazon ausweist (4.017). Nun muß niemand befürchten, daß ausgerechnet die deutschen Fußballspieler eine Revolution angezettelt haben, etwa gar noch erfolgreich (darin waren die Deutschen ja eh nie so gut), vielmehr wird nachvollzogen, was auf den Fußballplätzen anderer Länder längst Alltag ist. Die Rede ist von einer grundlegenden Änderung der Taktik des Spiels. Waren früher Libero und Manndecker, Spielgestalter und Wasserträger, Flanke und Kopfballtor das Mittel erster Wahl, um erfolgreich zu sein, heißt das Erfolgsrezept heute: Überzahl- und Kurzpaßspiel, was nichts anderes bedeutet als immer mehr Spiele in Ballnähe zu haben als die andere Mannschaft, sowohl bei Ballbesitz als auch nach Ballverlust. Wie das erreicht werden kann, welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind, welche Konsequenzen damit für die überkommenen Fußballsystem verbunden sind, das erörtern Biermann und Fuchs sehr anschaulich.
Dabei unternehmen sie kurzweilige Ausflüge in die Geschichte des Fußballs, vor allem natürlich der Taktik. So lernt der Leser die Konsequenzen kennen, die die Einführung der neuen Abseitsregel 1925 auf die bis dahin praktizierten System hatte, er kann die Ursachen für den sensationellen Erfolg der ungarischen Nationalmannschaft in den 50er Jahren begreifen und die Tragik, daß diese Mannschaft das WM-Finale 1954 ausgerechnet gegen Deutschland verlor.
Die Autoren zeigen, auch anhand einiger Abbildungen, die Veränderungen der Fußballsysteme auf: vom WM-System über das 2-3-5, den Catenaccio, das brasilianische 4-2-4 hin zum modernen Kurzpaß, Pressing und Verschieben. Dabei bleiben sie nicht nur theoretisch, sondern benennen Mannschaften, Trainer und auch Spieler, die die einzelnen Systeme kreiert haben und damit erfolgreich geworden sind.
Nachhaltig deutlich wird auch, daß allein die Athletik kaum noch ausreicht, vielmehr ist Athletik entscheidende Voraussetzung. Und da Deutschland lange Jahre vorrangig von der hervorragenden Athletik vieler Spieler gelebt hat, wurden die Erfolge in jüngerer Vergangenheit, vor allem am Ende der 90er Jahre, spärlicher. Spieler, die nur noch die Seitenlinie rauf- und runterrennen oder ihrem Gegenspieler bis unter die Dusche folgen, haben heute keine Chance mehr, jedenfalls in der Weltspitze. Das Herstellen einer Überzahlsituation erfordert neben einer ausgezeichneten Physis auch eine entsprechende geistige Flexibilität, ein permanentes Reagieren auf sich ändernde Spielsituationen. Oder, wie Jens Jeremies bemerkte: \"Eine Minute nach Spielende habe ich noch nicht die Intelligenz, um das Spiel zu beurteilen.\"
Alles in allem ist dieses Buch sehr instruktiv für Fußballbegeisterte, die nicht nur die 735ste Faustballung eines Trainers an der Seitenlinie aus der 3. Kameraperspektive sehen wollen. Wer dieses Buch gelesen hat, sieht Fußball danach anders.
Hier noch die bibliographischen Angaben
Christoph Biermann, Ulrich Fuchs:
Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann
Wie moderner Fußball funktioniert
Preis: 8,90 DM
Erscheinungsjahr: 1999
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
ISBN 3-462-02857-x
Bewerten / Kommentar schreiben