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Erfahrungsbericht von LoMei
Spurensuche in Pommern (Bericht Nr. 5)
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Das Hotel Elzam war eine echte und wohltuende Überraschung.. Es ist von einem polnisch-schwedischen Konsortium gebaut worden und wird auch von dort gemanagt. Wir bezogen Zimmer 419. Das war ein Palast, ganz toll. Das Abendessen fand in gepflegter Atmosphäre statt. Einfach Klasse.
INHALT
1. Durch Pommern nach Westen
2. Spurensuche auf den Wegen der Kinderzeit
3. In Stettin
4. Erneute Spurensuche
5. Heimfahrt durch Deutschland und Fazit
1. DURCH POMMERN NACH WESTEN
Am Morgen empfing uns eine großartige Frühstückstheke. Man wusste gar nicht, wo man zuerst probieren sollte.
Auf der schon bekannten Straße durch das Weichseldelta ging es dann weiter in Richtung Danzig. Wir fuhren ganz nah an unserem vormaligen dortigen Hotel vorbei wieder aus der Stadt heraus. In Zoppot (Zopot) hielten wir und gingen kurz auf die Mole. Es hatte vorher geregnet. Nach einer Weile kam die Sonne hervor. An alten Villen vorbei ging es weiter in Richtung Gdingen (Gdynia) und weiter nach Lauenburg (Lebork).
Kurz vor Lauenburg wurde an einem Motel Halt gemacht. Auf die Frage, ob es möglich sei hier zu essen, hieß es „Ja, aber bitte etwas Geduld!“ Wir waren als etwa 50 Personen starke Gruppe nicht angemeldet. Das Essen wurde vorbereitet. Wir schlenderten so lange an einen kleine wunderschönen See. Mit dem Essen ging es schneller als gedacht, und es schmeckte gut.
Auf der gut ausgebauten Straße ging es jetzt weiter in Richtung Stettin. Ohne weiteren Zwischenstopp passierten wir Stolp (Slupsk) und Köslin (Koszalin). Ein Stück hinter Köslin zweigte die Straße ab nach Belgard (Bialogard) und führte weiter nach Süden. Dort lag 135 km entfernt das dorf, in dem ich die ersten 9 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Wir aber fuhren weiter durch Naugard (Nowogard) hindurch bis wir kurz vor Stettin ein Stück der alten Reichsautobahn erreichten.
Die Landschaft war großräumig und weit und der Himmel hoch. Die Wolken zogen wie helle Vögel dahin. Mir wurde manchmal traurig zu Mute, wenn ich daran dachte, dass das alles einmal Deutschland war.
2. SPURENSUCHE AUF DEN WEGEN DER KINDERZEIT
Während die pommersche Landschaft so friedlich an uns vorbeizog, kam mir der Besuch in meinem Heimatdorf in den Sinn, der gerade einmal zwei Jahre zurücklag. Eine alte Tante aus Berlin, meine Schwester aus dem Kreis Pinneberg, mein Bruder (Tecum) aus Ratingen und ich waren zwei Monate vor dem Fall der Mauer im PKW dorthin gefahren. Das Dorf liegt im Kreise Flatow (Zlotow) in der Nähe von Schneidemühl (Pila). In Schneidemühl hatten wir ein Hotelzimmer reserviert. Als wir das Dorf erreichten, waren wir alle neugierig und aufgeregt zugleich.
Es waren inzwischen 44 Jahre vergangen. Ich war 1945 ein Junge von neun Jahren und kannte mich erstaunlicherweise sofort aus. Vom Auto aus konnte ich den anderen erklären, welches Anwesen einst der Hof der Großeltern war, wo ich eingeschult wurde, wo der Onkel Wilhelm und die Tante Emma gewohnt hatten. Es war fast, als sei man zwar nicht gestern, aber eben vorgestern noch dort gewesen.
Der Ort hatte sich nicht groß verändert. Die große Fachwerkkirche von 1773 grüßte am höchsten Punkt des Dorfes unter alten mächtigen Kastanien hervor. Einige wenige Häuser fehlten. Neubauten gab es auch nicht. Das Kopfsteinpflaster war so holperig wie damals. Es gab früher mehrere Dorfteiche, auf denen die Gänse und die Enten schwammen. Einige Teiche waren verlandet und glichen einer tiefliegenden Wiese.
Mit etwas Hemmungen hielten wir vor dem ehemaligen Haus meiner Eltern. Meine Schwester und ich öffneten das Hoftor und standen dann dort, wo wir als Kinder das Laufen gelernt hatten. Mein Vater und vor ihm mein Großvater waren Tischlermeister und die Werkstatträume waren früher ein wunderbarer Platz zum Spielen. Hinter einem der Fenster sahen wir einen älteren Herren an der Hobelbank arbeiten. Er glaubte wohl, es kämen Kunden und zeigte mit einer Handbewegung in die Richtung, in der sich der Eingang befand und bedeutete uns hereinzukommen. Wir betraten die Werkstatt. Wieder war alles vertraut. Da stand eine Bandsäge, eine Fräsmaschine, eine Hobelmaschine, ein alter Furnierofen und die alten Hobelbänke. Alles war sauber und aufgeräumt. Der Alte Herr sah uns fragend an. Ich kannte den Namen des Mannes, weil meine Großmutter von 1945 bis 1946 bis zu ihrer Ausweisung in dem Hause ein Zimmer bewohnte, nachdem er es als neuer Besitzer übernommen hatte. Er hatte sie auch immer beschützt, wenn die verbliebenen Deutschen in der ersten zeit Belästigungen ausgesetzt waren. Ich wusste auch, dass er etwas deutsch konnte. Ich nannte unsere Namen und fragte ganz langsam, ob wir uns ein wenig umsehen dürften. Er guckte überrascht und ein wenig distanziert und antwortete etwas auf polnisch. Das konnten wir nicht verstehen, aber wir spürten, dass es nichts unfreundliches war. Eine zweite Frage wurde wieder auf polnisch beantwortet. Ich sagte nun leise zu meiner Schwester: „Ich glaube, wir gehen lieber wieder.“ Das musste er verstanden haben. Jetzt sagte er sehr konzentriert in hartem Deutsch: „Habben Sie Zeit?“ Wir sagten, wir hätten uns auf einen zweitägigen Aufenthalt eingestellt. Er ging nun mit uns ins Wohnhaus und telefonierte. Seine Frau kochte Kaffee. Mein Bruder und die alte Tante wurden ebenfalls hereingebeten. Inzwischen kam eine Dame in unserem Alter mit dem Fahrrad daher. Sie sprach fließend und akzentfrei deutsch, und ab jetzt war eine richtige Unterhaltung möglich. Ich hatte zwei Flaschen Pfälzer Rotwein mitgebracht und wollte den als Gastgeschenk überreichen. Der Gastgeber befand, die Flasche müsse geöffnet und gemeinsam getrunken werden.
Wir wurden dann durch alle Räume des Hauses geführt. Als wir im Wohnzimmer vor dem großen Kachelofen standen, stieg mir in der Erinnerung der Duft von Bratäpfeln in die Nase. Der bis an die Decke reichende Ofen hatte an der einen Seite eine kleine Messingtür. Wenn man sie öffnete, guckte man in die „Röhre“. Das war ein kleines viereckiges Verlies. Da wurden im Herbst und im Winter die Äpfel hineingelegt und kamen als Bratäpfel wieder heraus. Ich fühlte mich in die Kindheit zurück versetzt. Es war ein emotionaler Augenblick.
Das galt auch als ich durch die Fensterscheiben auf den Hof hinaus blickte. Als Junge hatte ich an frostigen Wintertagen auf Knien auf einem Stuhl vor den Scheiben gehockt und sie so lange angehaucht, bis die Eisblumen weggeschmolzen waren. Dann wurde gewartet, bis sie sich in anderer Form neugebildet hatten.
Neben der Tür stand damals ein besonderer Schreibtisch. Er war das Meiserstück meines Vaters. Ich erfuhr, dass er noch existiere, aber einen anderen Besitzer habe. Als meine Mutter mit uns drei Kindern wir am frühen Morgen des 26. Januar 1945 das Haus verließ, legte sie ihren Kopf auf die Schreibtischplatte und weinte. Später sagte sie einmal. In diesem Augenblick habe sie gewusst, dass sie nie wieder hierher zurückkommen werde.
Wir verbrachten den ganzen Nachmittag zusammen. Als wir fortgingen, gab uns die Frau einen Sack voller Äpfel mit, die von einem Baum geerntet worden waren, den mein Großvater einst gepflanzt hatte.
Am nächsten Tag streiften wir zu Fuß durch das Dorf und durch Wiesen und Felder. Ich stand an dem Hang an dem ich meine ersten Walderdbeeren gegessen habe. Wenn ich heute welche bei uns im Garten pflücke und in den Mund stecke, sehe ich immer diesen Hang vor mir.
Wir blieben an einer dorfnahen Grasfläche stehen, wo ich als kleiner Kerl Gänse gehütet hatte und an einer weiter entfernt liegenden Wiese, wo ich einige Jahre später Großvaters Kühe hütete, die auch schon mal ohne meine „Erlaubnis“ und ohne mich nach Hause trotteten.
Einmal hatten wir Kinder auf den Wiesen einen toten Jungstorch gefunden und am Rande eines Feldweges begraben. Die größeren Jungen bastelten aus kleine Stöckchen ein Kreuz, und die Mädchen banden aus Gänseblümchen einen Kranz, der dann um das Kreuz gehängt worden war. Es kamen noch viele andere Erinnerungen hoch, aber dies ist wohl nicht der Ort, sie weiter zu vertiefen.
3. IN STETTIN
Auf einem Teilstück der alten Reichsautobahn kamen wir in die Stadt hinein. Unser Hotel lag unterhalb des Stettiner Schlosses unweit der Hackenterasse (benannt nach einem Bürgermeister) an der Oder. Am Hotel erwartete uns ein Stadtführer. Wir gingen zu den Hacketerrassen am Oderufer, in die altkatholische Peter-und-Paul-Kirche, einem spätgotischen Backsteinbau mit schöner Giebelfassade und bemalter Holzdecke und dann zu Schloss der pommerschen Herzöge. Hier war durch englische Bombenangriffe im April 1944 fast alles in Schutt und Asche gelegt worden. Das Schloss und vieles andere wurde nach alten Plänen wieder aufgebaut. Wir konnten leider nicht in das Schloss hinein und hielten uns nur in den beiden Schlosshöfen auf. Es ist wie auch in Danzig wirklich beachtenswert, welche Wiederaufbauleistung hier vollbracht wurde. Heute dient der Schlosskomplex kulturellen Zwecken. Es finden Ausstellungen und Konzerte statt.
Auf diesem Rundgang folgte in unserem Bus eine Stadtrundfahrt besonders auch durch die Außenbezirke mit ihren alten Villen und Parkanlagen. Stettin war immer schon eine Stadt im Grünen.
Die offizielle Lesart der pommerschen Geschichte wurde durch die besondere Heraushebung mancher Aspekte und Weglassung bestimmter anderer Aspekte nicht falsch aber etwas missverständlich dargestellt. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurde anders als in Königsberg mit keinem Wort erwähnt. Das machte mir etwas zu schaffen. Aber vielleicht bin ich da übersensibilisiert.
Stettin war einst die Residenz der pommerschen Herzöge. Das Land wurde nach dem westfälischen Frieden 1648 schwedisch und kam nach den Nordischen Kriegen an Preußen.
Stettin war in Deutschland vor 1945 die zweitgrößte Großstadt und hatte nach Hamburg und Bremen den drittgrößten Hafen des Reiches.
4. ERNEUTE SPURENSUCHE
Nach dem Essen liefen wir zu mehreren zum Stettiner Bahnhof. Ich wollte gerne die Bahnhofshalle sehen.
Hier waren wir am 26. Januar 1945 nach der Flucht aus unserem Heimatdorf angekommen und hatten in der großen Bahnhofshalle auf dem Fußboden geschlafen. Am nächsten Tag ging es damals weiter über Anklam (Vorpommern), Swinemünde (Swinoujscie), Wollin (Wolin) nach Hermannstal (?) am 0stufer des Oderhaffs. Dort war ein Bruder meines Vaters bis zu seiner Einberufung zum Volkssturm Lehrer. Wir wähnten uns in Sicherheit. Aber drei Wochen später kam die Front, und wir gingen wieder auf die Flucht. Von Hermannstal liefen wir zwischen den Fronten zu Fuß nach Bad Stepenitz (Stepnica) und fuhren dann mit einem Schiff über das Stettiner Haff nach Ückermünde (Vorpommern). Manches kam wieder hoch, wenn man in der Bahnhofshalle stand.
Unsere kleine Gruppe lief wieder an der Oder entlang zurück zur Hackenterasse. Hier war ein open air rock concert. Die Jugend wiegte sich in den Rhythmen. Manche waren blau.. Wir wanderten zum Hotel zurück und verschwanden in unseren Zimmern. Unten im Hotel war high life. Die Tanzmusik dröhnte. Autos fuhren an und wieder ab. In der Ferne einmal um die Ecke hörte man das Rock-Konzert.
Am nächsten Morgens schien die Sonne. Das ganz in der Nähe liegende alte Rathaus ist ein architektonisches Kleinod, das wie so vieles nach zweiten Weltkrieg neu aus den Trümmern erstand. Es wurde ursprünglich 1250 gebaut. Die Fassaden des rostroten Backsteinbaus sind mit Ornamenten aus grünlasierten Ziegeln geschmückt. Das Gebäude beherbergt heute das Stadtmuseum. Im Licht der Morgensonne konnte es den Betrachter verzaubern.
Am frühen Vormittag traten wir die Heimreise an. Der Bus fuhr ein Stück durch Stettin, und dann waren wir an der deutschen Grenze.
5. HEIMFAHRT DURCH DEUTSCHLAND UND FAZIT
Der Rest ist schnell erzählt. Auf der Autobahn ging es mit Südwest-Kurs durch Deutschland. Am Abend waren wir wieder in Landau.
Das war eine denkwürdige Reise über ungefähr 4000 Kilometer vom Südwesten bis in den äußersten Nordosten des ehemaligen Deutschen Reiches, der heute aus einem polnischen, litauischen und russischen Teil besteht.
Die Reise hat sich gelohnt.
Die Reise war etwas sehr zusammenhängendes. Wer die ganze Strecke mitfahren möchte, kann es tun, wenn er sich die folgenden Berichte ansieht:
1. Durch Pommern nach Danzig
2. Durch das südliche Ostpreußen
3. Von Königsberg zur Kurischen Nehrung
4. Von Litauen durch das nördliche Ostpreußen
5. Spurensuche in Pommern
Wir wurden nach unserer Rückkehr öfter gefragt, welche Empfindungen haben euch begleitet? Dazu kann ich nur sagen, es war bei den älteren immer ein Stückchen Wehmut da. Aber wir haben gesehen, dass dort heute andere Menschen leben, die uns ihre Gastfreundschaft bewiesen; und es ist dort eine Jugend herangewachsen, für die dieses Land genau so Heimat ist, wie für uns vor einem halben Jahrhundert.
Dabei soll es bleiben!
Ich kann diese Reise wirklich jedem sehr empfehlen. Man sollte sich aber gut darauf vorbereiten.
INHALT
1. Durch Pommern nach Westen
2. Spurensuche auf den Wegen der Kinderzeit
3. In Stettin
4. Erneute Spurensuche
5. Heimfahrt durch Deutschland und Fazit
1. DURCH POMMERN NACH WESTEN
Am Morgen empfing uns eine großartige Frühstückstheke. Man wusste gar nicht, wo man zuerst probieren sollte.
Auf der schon bekannten Straße durch das Weichseldelta ging es dann weiter in Richtung Danzig. Wir fuhren ganz nah an unserem vormaligen dortigen Hotel vorbei wieder aus der Stadt heraus. In Zoppot (Zopot) hielten wir und gingen kurz auf die Mole. Es hatte vorher geregnet. Nach einer Weile kam die Sonne hervor. An alten Villen vorbei ging es weiter in Richtung Gdingen (Gdynia) und weiter nach Lauenburg (Lebork).
Kurz vor Lauenburg wurde an einem Motel Halt gemacht. Auf die Frage, ob es möglich sei hier zu essen, hieß es „Ja, aber bitte etwas Geduld!“ Wir waren als etwa 50 Personen starke Gruppe nicht angemeldet. Das Essen wurde vorbereitet. Wir schlenderten so lange an einen kleine wunderschönen See. Mit dem Essen ging es schneller als gedacht, und es schmeckte gut.
Auf der gut ausgebauten Straße ging es jetzt weiter in Richtung Stettin. Ohne weiteren Zwischenstopp passierten wir Stolp (Slupsk) und Köslin (Koszalin). Ein Stück hinter Köslin zweigte die Straße ab nach Belgard (Bialogard) und führte weiter nach Süden. Dort lag 135 km entfernt das dorf, in dem ich die ersten 9 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Wir aber fuhren weiter durch Naugard (Nowogard) hindurch bis wir kurz vor Stettin ein Stück der alten Reichsautobahn erreichten.
Die Landschaft war großräumig und weit und der Himmel hoch. Die Wolken zogen wie helle Vögel dahin. Mir wurde manchmal traurig zu Mute, wenn ich daran dachte, dass das alles einmal Deutschland war.
2. SPURENSUCHE AUF DEN WEGEN DER KINDERZEIT
Während die pommersche Landschaft so friedlich an uns vorbeizog, kam mir der Besuch in meinem Heimatdorf in den Sinn, der gerade einmal zwei Jahre zurücklag. Eine alte Tante aus Berlin, meine Schwester aus dem Kreis Pinneberg, mein Bruder (Tecum) aus Ratingen und ich waren zwei Monate vor dem Fall der Mauer im PKW dorthin gefahren. Das Dorf liegt im Kreise Flatow (Zlotow) in der Nähe von Schneidemühl (Pila). In Schneidemühl hatten wir ein Hotelzimmer reserviert. Als wir das Dorf erreichten, waren wir alle neugierig und aufgeregt zugleich.
Es waren inzwischen 44 Jahre vergangen. Ich war 1945 ein Junge von neun Jahren und kannte mich erstaunlicherweise sofort aus. Vom Auto aus konnte ich den anderen erklären, welches Anwesen einst der Hof der Großeltern war, wo ich eingeschult wurde, wo der Onkel Wilhelm und die Tante Emma gewohnt hatten. Es war fast, als sei man zwar nicht gestern, aber eben vorgestern noch dort gewesen.
Der Ort hatte sich nicht groß verändert. Die große Fachwerkkirche von 1773 grüßte am höchsten Punkt des Dorfes unter alten mächtigen Kastanien hervor. Einige wenige Häuser fehlten. Neubauten gab es auch nicht. Das Kopfsteinpflaster war so holperig wie damals. Es gab früher mehrere Dorfteiche, auf denen die Gänse und die Enten schwammen. Einige Teiche waren verlandet und glichen einer tiefliegenden Wiese.
Mit etwas Hemmungen hielten wir vor dem ehemaligen Haus meiner Eltern. Meine Schwester und ich öffneten das Hoftor und standen dann dort, wo wir als Kinder das Laufen gelernt hatten. Mein Vater und vor ihm mein Großvater waren Tischlermeister und die Werkstatträume waren früher ein wunderbarer Platz zum Spielen. Hinter einem der Fenster sahen wir einen älteren Herren an der Hobelbank arbeiten. Er glaubte wohl, es kämen Kunden und zeigte mit einer Handbewegung in die Richtung, in der sich der Eingang befand und bedeutete uns hereinzukommen. Wir betraten die Werkstatt. Wieder war alles vertraut. Da stand eine Bandsäge, eine Fräsmaschine, eine Hobelmaschine, ein alter Furnierofen und die alten Hobelbänke. Alles war sauber und aufgeräumt. Der Alte Herr sah uns fragend an. Ich kannte den Namen des Mannes, weil meine Großmutter von 1945 bis 1946 bis zu ihrer Ausweisung in dem Hause ein Zimmer bewohnte, nachdem er es als neuer Besitzer übernommen hatte. Er hatte sie auch immer beschützt, wenn die verbliebenen Deutschen in der ersten zeit Belästigungen ausgesetzt waren. Ich wusste auch, dass er etwas deutsch konnte. Ich nannte unsere Namen und fragte ganz langsam, ob wir uns ein wenig umsehen dürften. Er guckte überrascht und ein wenig distanziert und antwortete etwas auf polnisch. Das konnten wir nicht verstehen, aber wir spürten, dass es nichts unfreundliches war. Eine zweite Frage wurde wieder auf polnisch beantwortet. Ich sagte nun leise zu meiner Schwester: „Ich glaube, wir gehen lieber wieder.“ Das musste er verstanden haben. Jetzt sagte er sehr konzentriert in hartem Deutsch: „Habben Sie Zeit?“ Wir sagten, wir hätten uns auf einen zweitägigen Aufenthalt eingestellt. Er ging nun mit uns ins Wohnhaus und telefonierte. Seine Frau kochte Kaffee. Mein Bruder und die alte Tante wurden ebenfalls hereingebeten. Inzwischen kam eine Dame in unserem Alter mit dem Fahrrad daher. Sie sprach fließend und akzentfrei deutsch, und ab jetzt war eine richtige Unterhaltung möglich. Ich hatte zwei Flaschen Pfälzer Rotwein mitgebracht und wollte den als Gastgeschenk überreichen. Der Gastgeber befand, die Flasche müsse geöffnet und gemeinsam getrunken werden.
Wir wurden dann durch alle Räume des Hauses geführt. Als wir im Wohnzimmer vor dem großen Kachelofen standen, stieg mir in der Erinnerung der Duft von Bratäpfeln in die Nase. Der bis an die Decke reichende Ofen hatte an der einen Seite eine kleine Messingtür. Wenn man sie öffnete, guckte man in die „Röhre“. Das war ein kleines viereckiges Verlies. Da wurden im Herbst und im Winter die Äpfel hineingelegt und kamen als Bratäpfel wieder heraus. Ich fühlte mich in die Kindheit zurück versetzt. Es war ein emotionaler Augenblick.
Das galt auch als ich durch die Fensterscheiben auf den Hof hinaus blickte. Als Junge hatte ich an frostigen Wintertagen auf Knien auf einem Stuhl vor den Scheiben gehockt und sie so lange angehaucht, bis die Eisblumen weggeschmolzen waren. Dann wurde gewartet, bis sie sich in anderer Form neugebildet hatten.
Neben der Tür stand damals ein besonderer Schreibtisch. Er war das Meiserstück meines Vaters. Ich erfuhr, dass er noch existiere, aber einen anderen Besitzer habe. Als meine Mutter mit uns drei Kindern wir am frühen Morgen des 26. Januar 1945 das Haus verließ, legte sie ihren Kopf auf die Schreibtischplatte und weinte. Später sagte sie einmal. In diesem Augenblick habe sie gewusst, dass sie nie wieder hierher zurückkommen werde.
Wir verbrachten den ganzen Nachmittag zusammen. Als wir fortgingen, gab uns die Frau einen Sack voller Äpfel mit, die von einem Baum geerntet worden waren, den mein Großvater einst gepflanzt hatte.
Am nächsten Tag streiften wir zu Fuß durch das Dorf und durch Wiesen und Felder. Ich stand an dem Hang an dem ich meine ersten Walderdbeeren gegessen habe. Wenn ich heute welche bei uns im Garten pflücke und in den Mund stecke, sehe ich immer diesen Hang vor mir.
Wir blieben an einer dorfnahen Grasfläche stehen, wo ich als kleiner Kerl Gänse gehütet hatte und an einer weiter entfernt liegenden Wiese, wo ich einige Jahre später Großvaters Kühe hütete, die auch schon mal ohne meine „Erlaubnis“ und ohne mich nach Hause trotteten.
Einmal hatten wir Kinder auf den Wiesen einen toten Jungstorch gefunden und am Rande eines Feldweges begraben. Die größeren Jungen bastelten aus kleine Stöckchen ein Kreuz, und die Mädchen banden aus Gänseblümchen einen Kranz, der dann um das Kreuz gehängt worden war. Es kamen noch viele andere Erinnerungen hoch, aber dies ist wohl nicht der Ort, sie weiter zu vertiefen.
3. IN STETTIN
Auf einem Teilstück der alten Reichsautobahn kamen wir in die Stadt hinein. Unser Hotel lag unterhalb des Stettiner Schlosses unweit der Hackenterasse (benannt nach einem Bürgermeister) an der Oder. Am Hotel erwartete uns ein Stadtführer. Wir gingen zu den Hacketerrassen am Oderufer, in die altkatholische Peter-und-Paul-Kirche, einem spätgotischen Backsteinbau mit schöner Giebelfassade und bemalter Holzdecke und dann zu Schloss der pommerschen Herzöge. Hier war durch englische Bombenangriffe im April 1944 fast alles in Schutt und Asche gelegt worden. Das Schloss und vieles andere wurde nach alten Plänen wieder aufgebaut. Wir konnten leider nicht in das Schloss hinein und hielten uns nur in den beiden Schlosshöfen auf. Es ist wie auch in Danzig wirklich beachtenswert, welche Wiederaufbauleistung hier vollbracht wurde. Heute dient der Schlosskomplex kulturellen Zwecken. Es finden Ausstellungen und Konzerte statt.
Auf diesem Rundgang folgte in unserem Bus eine Stadtrundfahrt besonders auch durch die Außenbezirke mit ihren alten Villen und Parkanlagen. Stettin war immer schon eine Stadt im Grünen.
Die offizielle Lesart der pommerschen Geschichte wurde durch die besondere Heraushebung mancher Aspekte und Weglassung bestimmter anderer Aspekte nicht falsch aber etwas missverständlich dargestellt. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurde anders als in Königsberg mit keinem Wort erwähnt. Das machte mir etwas zu schaffen. Aber vielleicht bin ich da übersensibilisiert.
Stettin war einst die Residenz der pommerschen Herzöge. Das Land wurde nach dem westfälischen Frieden 1648 schwedisch und kam nach den Nordischen Kriegen an Preußen.
Stettin war in Deutschland vor 1945 die zweitgrößte Großstadt und hatte nach Hamburg und Bremen den drittgrößten Hafen des Reiches.
4. ERNEUTE SPURENSUCHE
Nach dem Essen liefen wir zu mehreren zum Stettiner Bahnhof. Ich wollte gerne die Bahnhofshalle sehen.
Hier waren wir am 26. Januar 1945 nach der Flucht aus unserem Heimatdorf angekommen und hatten in der großen Bahnhofshalle auf dem Fußboden geschlafen. Am nächsten Tag ging es damals weiter über Anklam (Vorpommern), Swinemünde (Swinoujscie), Wollin (Wolin) nach Hermannstal (?) am 0stufer des Oderhaffs. Dort war ein Bruder meines Vaters bis zu seiner Einberufung zum Volkssturm Lehrer. Wir wähnten uns in Sicherheit. Aber drei Wochen später kam die Front, und wir gingen wieder auf die Flucht. Von Hermannstal liefen wir zwischen den Fronten zu Fuß nach Bad Stepenitz (Stepnica) und fuhren dann mit einem Schiff über das Stettiner Haff nach Ückermünde (Vorpommern). Manches kam wieder hoch, wenn man in der Bahnhofshalle stand.
Unsere kleine Gruppe lief wieder an der Oder entlang zurück zur Hackenterasse. Hier war ein open air rock concert. Die Jugend wiegte sich in den Rhythmen. Manche waren blau.. Wir wanderten zum Hotel zurück und verschwanden in unseren Zimmern. Unten im Hotel war high life. Die Tanzmusik dröhnte. Autos fuhren an und wieder ab. In der Ferne einmal um die Ecke hörte man das Rock-Konzert.
Am nächsten Morgens schien die Sonne. Das ganz in der Nähe liegende alte Rathaus ist ein architektonisches Kleinod, das wie so vieles nach zweiten Weltkrieg neu aus den Trümmern erstand. Es wurde ursprünglich 1250 gebaut. Die Fassaden des rostroten Backsteinbaus sind mit Ornamenten aus grünlasierten Ziegeln geschmückt. Das Gebäude beherbergt heute das Stadtmuseum. Im Licht der Morgensonne konnte es den Betrachter verzaubern.
Am frühen Vormittag traten wir die Heimreise an. Der Bus fuhr ein Stück durch Stettin, und dann waren wir an der deutschen Grenze.
5. HEIMFAHRT DURCH DEUTSCHLAND UND FAZIT
Der Rest ist schnell erzählt. Auf der Autobahn ging es mit Südwest-Kurs durch Deutschland. Am Abend waren wir wieder in Landau.
Das war eine denkwürdige Reise über ungefähr 4000 Kilometer vom Südwesten bis in den äußersten Nordosten des ehemaligen Deutschen Reiches, der heute aus einem polnischen, litauischen und russischen Teil besteht.
Die Reise hat sich gelohnt.
Die Reise war etwas sehr zusammenhängendes. Wer die ganze Strecke mitfahren möchte, kann es tun, wenn er sich die folgenden Berichte ansieht:
1. Durch Pommern nach Danzig
2. Durch das südliche Ostpreußen
3. Von Königsberg zur Kurischen Nehrung
4. Von Litauen durch das nördliche Ostpreußen
5. Spurensuche in Pommern
Wir wurden nach unserer Rückkehr öfter gefragt, welche Empfindungen haben euch begleitet? Dazu kann ich nur sagen, es war bei den älteren immer ein Stückchen Wehmut da. Aber wir haben gesehen, dass dort heute andere Menschen leben, die uns ihre Gastfreundschaft bewiesen; und es ist dort eine Jugend herangewachsen, für die dieses Land genau so Heimat ist, wie für uns vor einem halben Jahrhundert.
Dabei soll es bleiben!
Ich kann diese Reise wirklich jedem sehr empfehlen. Man sollte sich aber gut darauf vorbereiten.
15 Bewertungen, 3 Kommentare
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11.03.2002, 20:49 Uhr von direx
Bewertung: sehr hilfreichSelten habe ich so spannende Berichte gelesen!
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28.02.2002, 22:45 Uhr von Sturmflut
Bewertung: sehr hilfreichWirklich sehr guter Einblick in unsere ostdeutsche Heimat
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19.02.2002, 19:26 Uhr von roma1
Bewertung: sehr hilfreichEin toller Bericht. Ich komme aus Polen. Joanna
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