Psychosomatische Krankheiten Testbericht

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Erfahrungsbericht von BelgiumKing

DEPRESSIONEN - BITTE NICHT WARTEN, SONDERN SOFORT HILFE SUCHEN !!!!!!!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Ein Thema, das Menschen oft nicht greifen können, wenn sie denn nicht selbst betroffen sind, sind Angstzustände und Depression. Leider litt ich seit über einem Jahr mehr als akut unter Angstzuständen und Depressionen. Ersteres ist intensiver, kippt Depressionen aber Benzin ins Feuer. Vorboten aber gab es auch die Jahre vorher immer wieder.

Grob unterscheidet man unter manischen und endogenen Depressionen. Zweiteres ist bei mir der Fall, doch mögen die Begriffe recht kurz erläutert werden. Manische Depressionen wenden sich sehr auf die Außenwelt, sind teils mit Agressionen verbunden und können in einem gefährlichen Stadium sogar dazu führen, ein manisch Depressiver sich für einen Suizid entscheidet und sogar meint, er müsse andere (z.B. seine Kinder, Partner) von Leid erlösen. Eine manische Depression kann ein Ausmaß haben, dass die Psychiatrie der einzige geeignete Ort ist, einem Menschen zu helfen.

Bei endogenen Depressionen ist der Zustand oft diffus, d.h. teils sind die Verstimmungen nicht erklärbar und werden vom Betroffenen heimlich, still und leise ertragen, bis es irgendwann nicht mehr geht. Dies offenbart sich z.B. durch Abnahme des Leistungsvermögen im Beruf, Schlaflosigkeit, Weinen, innere Unruhe oder Angstzustände.


Meine endogene Depression begann eigentlich bereits Ende 2003. Immer häufiger litt ich unter Schlafstörungen, war dünnhäutig und teils wie gelähmt. Ein Gefühl von Kummer und Trauer, diffus und nicht greifbar, war mein Wegbegleiter, bis es ca. September 2004 in einem Nervenzusammenbruch endete. Paradoxerweise nach 3 Wochen Urlaub, wo man erholt sein sollte. Weit gefehlt.

Die Angstzustände indes entwickelten sich beim Fahren in Bussen und Bahnen, ebenso unter vielen Menschen.


In meinem Fall...

...sind unter anderem Kindheitserinnerungen hochgekommen, die mit einer Traumatisierung gleichzusetzen sind. Das können ganz allgemein Liebesentzug, Gewalt gegen Kinder, Einsperren in dunkle Keller oder natürlich auch Missbrauch sein, um einige Beispiele zu nennen.

Sicher bin ich durch die schlechte Ehe meiner Eltern, teilweiser Überforderung bei der Erziehung und falschen Bestrafungen geprägt. Dies kann ein Mensch unterschwellig Jahrzehnte mit sich schleppen, bis eine Depression darüber ausbricht.

Ein Beispiel einer Freundin, die durch Erlebnisse bis zurück in die tiefste Kindheit therapiert wird: ihr Vater riss ihrem Teddybär grob einen Arm in einem Wutanfall aus, als sie vier Jahre alt war. Das ist - sicher gefolgt von weiteren Verfehlungen - ein traumatisierendes und brutales Erlebnis. Leider wird so etwas oft unterschätzt.

Mich indes holten im Laufe des Jahres 2004 zunehmend Kindheitserlebnisse ein, die ich nicht im Detail schildern möchte, die aber als traumatisierend definiert sind. Ganz besonders ist da Liebesentzug als Strafe aber hervorzuheben, oder das Buhlen von Eltern um ihr Kind, Aufhetzen eines Elternteils gegen den anderen. Die Phase, wo ein Kind mit sehr wacher Erinnerung auch für die Zukunft geprägt wird, beginnt bereits mit 4 bis 5 Jahren. Die Fähigkeit indes, eine Schuld und eine Bestrafung als korrekt einzuschätzen, beginnt etwas ab dem 10. Lebensjahr. Das kann aber - eine Prägung betreffend - schon vieles zerstört sein.


Die Entwicklung depressiver Gefühle und Angstzustände

In den Jahren 2003 und 2004 entwickelten sich bei mir immer stärkere Erinnerung in die Kindheit, entsprechende Erlebnisse, die teils so präsent waren, als seien sie gestern geschehen. Teils schnappte das auch in Träume über, teils war es schlichte Erinnerung, die aber wirklich sehr bildlich war.

Der Zustand war belastend, bedrückend. Aktueller Stress kam hinzu, insbesondere durch tägliche Abwesenheit von rund 14 Stunden aus beruflichen Gründen. Vorher machte mir so etwas nicht aus. Dann eine verschmähte Liebe, die immer wieder mal geschieht, aber in diesem Stadium von Dünnhäutigkeit sich wie ein Weltuntergang anfühlte.

Die ersten Anzeichen von innerer Unruhe wollte ich mit Baldrian, vor allem um Einschlafen zu können, bekämpfen. Als dann permanent ein trauriges Gefühl da war, folgte Johanniskraut, um depressive Stimmungen zu dämpfen.

Sitzt der Stachel jedoch zu tief, hilft beides bereits nicht mehr.

Mit Müh und Not habe ich meine Arbeit bewältigt, merkte meine abnehmende Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Die Fehlerquote wurde größer.

Und irgendwann, bereits im Stadium bei minimalem Stress begann ich sofort zu zittern oder hatte extreme Schweißausbrüche. Und ich bin zusammengeklappt, seelisch und körperlich. Ein Nervenzusammenbruch, wie man es im Volksmund nennt. Körperliche Überlastung gepaart mit Depressionen.

Die Ansammlung von Erinnerungen, die Depressionen auslösen, akute Schlaflosigkeit und ein Tinnitus (typischer Auslöser seelischer und beruflicher Stress) führten dazu, dass mich mein Arzt sofort aus dem Verkehr zog. Bei mir war auch eine existenzielle Angst mitprägend, denn ich hatte einen Zeitvertrag mit der Perspektive einer Daueranstellung. Umso mehr habe ich mich also in die Arbeit reingestürzt, um das gute Bild von mir zu erhalten, denn ich wollte ja diese Festanstellung (auch wenn der Job langweilig war, aber ich erst mal auf der sicheren Seite sein wollte). Krankwerden war für mich daher ausgeschlossen, bis ich einfach zusammenklappte.

Dann, in dem akuten Zustand, kam ich nicht umhin, durch Psychopharmaka zur Ruhe zu kommen, aber die lösen die Probleme natürlich nicht. Der Tinnitus dabei wurde ebenfalls medikamentös, aber nur mit geringem Erfolg bekämpft. Und ohne Schlafmittel, einerseits wegen dem Tinnitus und anderseits wegen der nervösen Unruhe, ging nichts mehr.

Ich entschloss mich auch Rat eines Psychologen zu einem Aufenthalt in einer psycho-somatischen Klinik in Bad Honnef. Viele Patienten haben ähnliche Krankheitsbilder, u.a. BurnOut-Syndrom, Traumatisierungen, Panikattacken oder Angstzustände nach schweren Unfällen etc.

Neben einer medikamentösen Behandlung waren in 10 Wochen Aufenthalt die Psychotherapien als auch Gruppentherapien das Tagesgeschäft. Intensivst wurde von sehr guten Therapeuten auf die einzelnen Probleme, insbesondere jene, die bis in die Kindheit zurückgehen, eingegangen.

Auch die Patienten unter sich gaben sich Halt, gingen an freien Vor- oder Nachmittagen gemeinsam aus, oder man ging abends einen trinken (in Maßen natürlich).

Höhen und Tiefen ließen sich nicht vermeiden. Teils wurde natürlich durch die Medikamentendosierung versucht, den Patienten in eine stabile Verfassung zu bringen, teils durch die offene Tür des Personal selbst in schlaflosen Nächten und schließlich durch diverse Therapieformen.

Neben der Einzeltherapie war mein Schwerpunkt die tägliche 100-minütige Musiktherapie mit fünf weiteren Patienten. Man darf sich nicht vorstellen, da würde 100 Minuten musiziert!
Zu Beginn schnappt sich jeder Patient ein Instrument, und alle spielen querbeet und durcheinander - laut, leise, aggressiv oder wie auch immer. Ein Spiegelbild der Seele, dass dem Therapeuten bei jedem Patienten trotz des Chaos auffiel. Selbst gab er Impulse, indem er auf einem Klavie teils mitspielte.

So ernst das Thema auch ist, fällt mir da eine Anekdote ein: einmal brach er durch Musikspiel ab, denn ich hatte mir Drums zusammengestellt und hatte eine recht aggressive Stimmung und ließ einen Trommelwirbel a la AC/DC ab. Der Therapeut meinte grinsend, das sei das erste Mal seit 20 Jahren, das er mal abbrechen musste ;-)

Die Entwicklung innerhalb von 10 Wochen mit verschiedensten Therapieformen führte zu einer Stabilisierung, auch wenn ich als Patient daheim erstmals wieder zusammenbrach, weil mir die geschützte Zone Klinik plötzlich fehlte. Zwar fuhr man, wenn man wollte, an den Wochenenden eh heim, aber plötzlich zu Hause und ohne Halt zu sein, war gefährlich, dass die Depressionen wieder akut auftauchen.

Das taten sie auch, zumal man nicht als geheilt entlassen wird. Auch diverse Psychopharmaka spielen weiter eine Rolle, um die Stabilität nicht zu verlieren und man wird in die Hände eines ambulanten Therapeuten entlassen. In vielen Fällen bleibt man auch weiterhin leider zunächst arbeitsunfähig. Sehr typisch ist, z.B. seinen Haushalt überhaupt zu bewältigen. Dann ist es natürlich noch weniger möglich, 8 Stunden einen Job zu bewältigen.

Somit, nach wie vor mit diffusen Depressionen behaftet, mache ich weiter eine ambulante Therapie. Auch wenn es in Deutschland schwer ist, ohne Wartezeiten von bis zu 6 Monaten einen ambulanten Therapeuten zu finden.

Immerhin hat die Leistungsfähigkeit ein wenig zugenommen...


Alkohol und Depressionen

Ich erinnere mich, wie verzweifelt ich Ende letzten Jahres war, weil auch Psychopharmaka oft nicht sofort 100 Prozent wirken. Oft stellt sich eine Besserung des Gemütszustandes nach 8-10 Tagen erst ein. Ein vermeintlich langer Leidensweg. In solchen Momenten ist die Versuchung groß, Alkohol in größeren Mengen zu trinken, um einfach matt in der Birne zu sein. Dazu kann ich nur sagen: Finger weg in so einer Situation!!!

Dennoch bin ich auch in die Versuchung gekommen, aber vor allem wegen dem Tinnitus. Der Leser möge sich vorstellen, dass man 24 Stunden am Tag auf beiden Ohren 70 bis 80 Dezibel hat. Das macht wahnsinnig und hilflos. Es entnervt so sehr, dass man sich am liebsten ins Delirium ertränken möchte, um irgendwie ENDLICH mal wieder zu schlafen. Es ist natürlich unrealistisch. Man fällt vielleicht halbtot ins Bett, aber 2 Stunden später ist das üble Pfeifgeräusch wieder da. Hinzu kommend dann aber ein sich vor Übelkeit drehendes Bett. Aber nie zuvor habe ich eine so große Versuchung kennen gelernt, eine Qual wie den Tinnitus durch Alkohol dämmen zu wollen. Finger weg !!!


In der Gesamtbetrachtung, und darum schreibe ich hier, gehen Menschen mit dem Beginn von Depressionen viel zu achtlos um. Die gehen schon wieder weg, ist oft der Gedanke. Und häufig ist es nicht der Fall. Oder, obwohl Depressionen zu den mittlerweile häufigsten Erkrankungen gehören, schämen sich Menschen. Viele haben Angst, ihnen würde hinter der Hand unterstellt, sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und eine Menge Menschen unterschätzen Überarbeitung oder die seelische Weiterbelastung z.B. nach einer Herzoperation.

Ich selbst muss, auch wenn ich hoffentlich bald wieder im Job stehe, mit einer 3-4 jährigen ambulanten Therapie rechnen. Das es eine Chance (!!!) für eine neue Lebensqualität ist, habe ich erkannt. Wer sich selbst helfen will, weiht vor allem auch sein persönliches Umfeld ein.

Auch Selbsthilfegruppen können sinnvoll sein, insbesondere um Kontakte zu halten und Erfahrungen auszutauschen.


Zum Glück hat sich das Denken doch sehr geändert. Ein prominenter Fußballer wird bekannter weise gegen Depressionen behandelt, oder auch der Skispringer Hannawald, der seinerzeit körperlich und seelisch, also psycho-somatisch, ging durch die Presse. Im Grunde Menschen wie Du und ich.

Ich wünsche jedem, dass er bei Symptomen wie Angst, Panikattacken, u.U. Selbstmordgedanken, permanenter Trauer und vielen anderen Symptomen nicht zu lange wartet, sich helfen zu lassen. Auch die Medikation sollte niemanden beängstigen, denn in der Regel macht es nicht abhängig. Dosierungen werden bei Verbesserungen langsam heruntergefahren.

Die Angstzustände haben sich bei mir durch 10 Wochen Therapie minimiert, auch wenn ich es immer noch nicht schaffe, in einen Zug zu steigen. Ich konfrontiere mich immer wieder mit einem Versuch, wie es auch ärztlicherseits empfohlen wurde.

Eine berufliche Reha nach psychosomatischer Erkrankung und ein Nebenjob als freier Mitarbeiter für eine Zeitung - beides hilft mir enorm weiter. Alle Krankenkassen beraten - ersteres betreffend - entsprechend.

So hoffe ich, dass mein Beitrag manch einem hilft.

JL ***für yopi und ciao***

19 Bewertungen, 9 Kommentare

  • claudimaus

    29.04.2006, 13:12 Uhr von claudimaus
    Bewertung: sehr hilfreich

    Finde ich ja auch mutig über eine Erkrankung zu schreiben, die Du durchgemacht hast. Diese Offenheit habe ich erstaunlicherweise bei einigen Menschen kennenlernen dürfen. Aber es gibt sicher auch einige Menschen, die vorgeben alles sei bei ihnen in Ordnung

  • Mogry1987

    29.04.2006, 01:47 Uhr von Mogry1987
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH ;) LG Stefanie :)

  • BrauniBiker

    29.04.2006, 01:40 Uhr von BrauniBiker
    Bewertung: sehr hilfreich

    Da ich selbst in dem Gebiet als Arzthelferin in dem Fachgebiet Neurologie/ Psychiatrie tätig war, kann ich sehr gut das AUF und AB der Depression des Pat. im tgl. Leben verstehen. Sehr gut geschildert. LG Tanja

  • Baby1

    28.04.2006, 21:55 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    Deinen Bericht habe ich mit grossem Intresse gelesen, ich selbst habe im Rahmen einer Ausbildung in einer Psychiatrie gearbeitet, was mir persönlich sehr viel gebracht hat. Schön, das es Menschen gibt, die so sehr zu sich selbst stehen können LG Anita

  • topware2002

    28.04.2006, 20:23 Uhr von topware2002
    Bewertung: sehr hilfreich

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  • nici17

    28.04.2006, 19:19 Uhr von nici17
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr gut beschrieben,man kann richtig mitfühlen!Lg,Nici

  • anonym

    28.04.2006, 19:13 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    super Bericht! Gruß Steffi

  • himmelsstuermerin

    28.04.2006, 18:30 Uhr von himmelsstuermerin
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schöner Bericht und ich kann das gut nachempfinden. Finde es sehr mutig von Dir, das so offen zu schreiben...Zwar wird die Akzeptanz jetzt langsam etwas größer, aber ich finde, Depressionen und Angstzustände sind heutzutage - vielleicht auch durch den

  • money_leon

    28.04.2006, 18:20 Uhr von money_leon
    Bewertung: sehr hilfreich

    klasse bericht!