Das Wunschspiel (gebundene Ausgabe) / Patrick Redmond Testbericht

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Erfahrungsbericht von catmother

Eine Hölle von Internat, ein Spiel und das Böse

Pro:

ungemein spannend, psychologisch ausgefeilt, ambivalente Figuren

Kontra:

kommt erst langsam in Fahrt

Empfehlung:

Ja

Meist suche ich mir ja die Bücher aus den prall gefüllten Regalen meiner Schwester selbst heraus und gehe dabei in der Regel nach dem verheißungsvollen oder interessanten Titel. Diesen hier hat mir meine Schwester empfohlen, gleich nachdem sie ihn selbst gelesen hatte. Er wäre mir sonst sicher nicht aufgefallen, zumal der Autor bisher unbekannt war.


** Die Geschichte **
Jonathan Palmer ist 16 und lebt in der Hölle. Diese Hölle heißt Kirkston Abbey und ist ein exklusives Knabeninternat im England der 50er Jahre. Die Zeit ist geprägt von Bigotterie, Elitedenken, gesellschaftlicher Dünkelhaftigkeit und strengen Moralvorstellungen. Kirkston Abbey ist ein genaues Abbild dieser Gesellschaft. Es herrschen Grausamkeit gegen hilflose Schülern, Gewalt und Machtstreben, aber auch geheime und geheim gehaltene Emotionen und Begierden. Schwäche wird nicht geduldet, Vergehen streng geahndet oder unter den Teppich gekehrt, je nach Einfluß der Eltern.

Jonathan ist einsam. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern stammt er aus einfacheren Verhältnissen und ist ein eher stiller, strebsamer und netter Junge. Das geeignete Opfer für gewaltbereite und stärkere Schüler wie James Wheatley, George Turner und deren Clique. Die und der Lateinlehrer Henry Ackerley machen ihm das Leben zur Hölle. Wie gern wäre er so unangreifbar, cool und willensstark wie sein Mitschüler Richard Rokeby, dem niemand etwas anhaben kann, der von allen Schülern zum Freund gewünscht und von den Lehrern gefürchtet wird, der aber völlig unnahbar seinen Weg geht.

Eines Tages hilft ihm Richard in der Lateinstunde aus einer schier ausweglosen Situation. Danach freunden sich die beiden Jungen langsam an und noch einige Zeit später gewinnt Jonathan allmählich an Selbstvertrauen.

Bei einem Besuch bei Richards Verwandten finden die Knaben auf dem Boden ein Spiel, ein Ouijo-Brett, das in der viktorianischen Zeit bei spiritistischen Sitzungen verwendet wurde. Obwohl sich Jon sagt, dass so etwas nie funktioniert, hat er ein ungutes Gefühl, als sie es ausprobieren.
Zurück im Internat erhebt Richard allmählich und schleichend ganz massive Besitzansprüche auf Jonathan, verdrängt dadurch seine bisherigen Freunde Nicholas Scott und die Perriman-Zwillinge. Aber bei ihm findet Jon auch Bestätigung, Selbstvertrauen und Kraft, sich gegen die Übergriffe der fiesen Schüler zu wehren und so läßt er es geschehen.

Dann passiert das erste Unglück: George Turner wird bei einem Sportunfall schwer verletzt. Bald danach wird James Wheatley mit psychotischen Schlafstörungen auf die Krankenstation eingeliefert. Und auch unter den Lehrern geht allmählich die Angst um. Alte Leichen, die man erfolgreich im Keller versteckt glaubte, beginnen ans Licht zu kommen - irgendjemand weiß von diesen Dingen und verwendet sie, um Furcht auszulösen.


** Buchkritik **
Ein großartiges, brillantes und beängstigendes Buch. Spannend bis zum blutigen und erschreckenden Ende. Dabei wird aber die Erwartung so langsam gesteigert, dass man es gar nicht mitbekommt, wie sich der Showdown ankündigt.
Zunächst beginnt es wie eine profane Beschreibung einer Jugend unter der Knute eines ungeliebten Schülerdaseins. Doch schon bald kommen die psychischen Verstrickungen, geschürte Furcht und Quälereien zutage, die einem vielleicht bekannt vorkommen und man beginnt sich mit der einen oder anderen Figur zu identifizieren. Doch es kommt natürlich noch schlimmer, aber so subtil und in den Nebenhandlungen, daß man es kaum wahrnimmt.

Dies ist ein beklemmender Psychothriller über Angst, Schuld und Einsamkeit, über die Bedeutung von Freundschaft, aber auch Manipulation und Besessenheit. Und das in einem Milieu, das wir uns gut vorstellen können. Wer hat noch nie so einen eiskalten und starken Menschen kennengelernt, der so autark ist, dass er förmlich durch alle Angriffe hindurchgeht und diese Stärke auch gnadenlos ausnutzt? Ich kenne mindestens eine solche Person. Allerdings natürlich nicht so kaltblütig und haßerfüllt wie jener Richard.
Und doch hat diese Figur etwas überaus faszinierendes. Man möchte schon gern ein bisschen so wie er sein, so cool und doch korrekt, eiskalt und unantastbar. Stärke durch Willen und Beherrschung ist ja vielleicht manchmal sehr wünschenswert, aber bitte nicht gepaart mit dem \"Bösen\".

Mit viel Gespür für psychologische Feinheiten und die Abgründe der menschlichen Seele spinnt Redmond ein Netz aus Beziehungen und Abhängigkeiten unter den Bewohnern von Kirkston Abbey, lässt sie mit ihren Fehlern, in ihrer Angst und Einsamkeit aber doch irgendwie noch menschlich erscheinen. Und das macht ein gutes Buch aus.

Meine Meinung: eine richtige Entdeckung, unbedingt lesen.


** Daten **
Verlag Bertelsmann
Übersetzung: Birgit Moosmüller
erschienen 2000
gebunden 448 Seiten
Preis: 39,90 DM/ 19,95 €
ISBN: 3-570-00322-1

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