Rolling Stones Testbericht

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Erfahrungsbericht von Fhrink

Die einst härteste Band der Welt wird weich

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Nach einem ärgerlichen Jubiläum, nämlich 50 Jahre \"BILD\"-
Zeitung, steht nun ein traunrig/faszinierendes an.

Heute vor 40 Jahren, in Worten vierzig, gaben die Rolling
Stones ihr 1. Konzert und stehen seit dem auf den Musikbüh-
nen dieser Welt. Eine der 5 bewegendsten, mitreißendsten,
wichtigsten Bands der Welt aller Zeiten existiert immer
noch.
Das ist einerseits erfreulich, denn als entscheidende Mitge-
stalter der spektakulären Aera der \"Roaring Sixties\" sind
sie lebende Denkmäler, vor denen man ehrfurchtsvoll verharrt
und bei denen so manche Erinnerung aus dem eigenen Dasein
wieder lebendig wird.

Unzählige Menschen fühlten sich nach dem Hören einer Stones-
Platte, oder dem Besuch eines Konzertes selbst dazu berufen,
in die Saiten zu greifen. Auch heute in einer Zeit, in der
HipHop-Interpreten längst eigene, oft grandiose Sounds und
Songs produzieren, in der Techno-Jünger Musik ohne echte
Instrumente machen, in der Boybands zu oft Singsang und seichtes Gesäusel von sich geben, gibt es immer noch Musi-
ker, die sich in der Tradition der Rolling Stones wieder finden und diese fortsetzen. Jüngstes Beispiel sind \"The
Strokes\".

Viele fantastische Alben haben Mick Jagger, Keith Richards&
Co. produziert. Zu Beginn ihrer Karriere spielten sie eine
raue Version des Chuck Berry-Rock\'n\'Rolls, ehe sie 1965 mit
3 grandiosen Singles (The last time, Satisfaction, Get off
of my cloud) in direkte Konkurrenz zu den Beatles traten.
Zu diesen boten sie von nun an einen wunderbaren Gegenpart,
ohne dass die Band sich etwas neideten, oder sogar verfein-
det gewesen wären.
Während die Beatles Pop/Rock zu einer Kunstform erheben soll-
ten (und trotzdem in dieser Zeit in konservativen Kreisen
verhasst waren), wurden die Stones zu echten Bürgerschrecken,
zumindest im Maßstab der 60er Jahre (heute könnte das Pinkeln
an einer Tankstelle kaum noch jemanden ernsthaft tangieren).
Zudem war ihr Begehren eideutig: Die Rolling Stones wollten
Sex. Und dieses Begehren wurde VOR ihnen noch nie so unver-
blümt, so eindeutig, so unverhohlen - also ehrlich - von
einer in der Öffentlichkeit stehenden Person oder Grup-
pierung publiziert (von Elvis Presley abgesehen, der es
allerdings nicht aussprach, sondern in Gestik und Tanz
formulierte).
Höhepunkt dieser Phase war die LP \"Aftermath\" (1966), ein
Meilenstein der Musik-Historie.

Als der Einfluß der Musikszene Mitte/Ende der 60er auf die
Jugendlichen zu groß wurde, versuchte \"das Gesetz\" dieser
neuen Kultur den Wind ein wenig aus den Segeln zu nehmen,
in dem man anfing den Drogenkonsum zu ahnden. So mußten
auch die Rolling Stones 1967 einige Prozesse über sich er-
gehen lassen.
Natürlich hatten die bewußtseinsbeeinflussenden Mittelchen
ihre Wirkung. Musikalisch erstellten sie reine recht fla-
che psychedelische Kopie des \"Sgt. Pepper\"-Albums der
Beatles, 1969 ersoff der ebenso geniale wie exzessive
Brian Jones im Swimming Pool. Zwar sind die Umstände seines
Todes bis heute nicht ganz geklärt, aber sicher haben
Drogen direkt oder indirekt eine Rolle gespielt.

Zuvor hatten sie die Stones nach ihrem \"Their Satanic...\"-
Desaster wieder zusammen gerauft und eine Platte erstellt,
die zumindest nach meiner Ansicht ihre beste überhaupt
geworden ist: \"Beggars Banquet\" vom Dezember 1968. Sie be-
inhaltet Songs wie \"Sympathy for the devil\", den \"Stray Cat
Blues\", \"Salt of the earth\" und nicht zuletzt den \"Street
fighting man\".
Diese musikalische Meisterschaft sollten sie bis ca. Mitte
der 70er Jahre bewahren, trotz diverser Katastrophen, wie
z. B. dem Altomont-Festival am 6.12.1969 (Gewalttätigkei-
ten vor den Augen der Musiker mit dem Höhepunkt der Ermor-
dung eines bewaffneten Zuschauers), dem Ausstieg des Brian
Jones-Nachfolgers Mick Taylor 1974, privaten Umtrieben,
bis dann ein künstlerischer Bruch einsetzt.

Nach dem die Beatles 1965 im Zuge ihrer unvergleichlichen
Popularität es sich als erste leisten konnten in ausver-
kauften Sportarenen aufzutreten, wird diese Möglichkeit der
Präsentation von Musik auch von vielen anderen Interpreten
wahr genommen. Allen voran die Rolling Stones (die zwar
auch weiterhin gerne vor kleinem Publikum auftraten und
die das nach der Legende auch heute noch tun), die nicht
selten Gladiatoren-Auftritte absolvierten.
In dieser Phase wurde (nicht nur bei den Stones) die Dar-
stellung wichtiger als die Musik selbst.
Die nachfolgenden Platten von 1983 bis heute bestätigen
das. Nach dem sie mit \"Some girls\" (1978) und \"Tattoo you\"
(1981) nochmal passables Material abgeliefert hatten,
wurden Platten wie \"Undercover\" (1983), \"Steel wheels\"
(1989), oder die letzte Studio-LP \"Brigdes to Babylon\"
(1997) zu einer Rolling Stones-Karrikatur.
Musik, die nur noch den Zweck hat, neues Material zu lie-
fern, das sie ihren Mammutkonzerten als Pausenfüller zwi-
schen ihren Klassikern spielen können.
Sicher ist die Klasse der Rolling Stones groß genug,
dass ihre Musik ab 1983 immer noch gewisse Qualitätsmaß-
stäbe erreicht, aber sie ist schlicht und einfach über-
flüssig.

Musik soll bewegen, erregen, aufregen, neue Horizonte er-
schließen, bei den Rolling Stones ist sie zu einer Art
Berieselung bei einem gewaltigen Familientreffen dege-
neriert. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber es ist
langweilig ohne Ende.
Ein Rolling Stones-Konzert besitzt ungefähr den Effekt,
wie der, den eigenen Eltern beim Sex zuzuschauen.

Dennoch, der Durchhaltewillen, der immer noch \"rollenden
Steine\" ist enorm. Sie überstanden eine Haftstrafe von
Keith Richards, einen heftigen Krach der \"Glimmer Twins\"
in den 80ern. Sie kompensierten den Ausstieg von Bassist
Bill Wyman, sie überstanden, zumindest im Falle Mick Jag-
gers eine sicher vierstellige Zahl von Gespielinnen.
Wahrscheinlich wird im Laufe der Zeit eine nicht unbeacht-
lich Zahl von \"rollenden Steinchen\" entstanden sein.

Während ein Kurt Cobain Mitte 20 schlapp machte, sind die
Rolling Stones, nun fast im Rentenalter, körperlich und
mental immer noch fit genug, sich die Gitarren umzuhängen,
auch wenn der echte Saft längst raus ist.
Insofern ist es bewundernswert, dass diese Musiker immer
noch Spaß finden zu spielen, doch es wäre meiner Ansicht
nach angemessener, geschähe es nicht mehr öffentlich.
Sie tragen ihre \"Greatest Hits\" vor sich her, wie einer
dieser übergewichtigen Männer seinen angefressenen und
voll gesoffenen Bierbauch.

Und trotzdem - an diesem Wochenende werde ich die Rolling
Stones-Alben sicher rauf und runter hören...

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