Die Hexe und die Heilige (Taschenbuch) / Ulrike Schweikert Testbericht

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Erfahrungsbericht von hc_bor

Hexen und Heilige in Deutschen Landen

Pro:

Spannung historisch autentisch

Kontra:

nichts

Empfehlung:

Ja

Die Hexe und die Heilige
Von Ulrike Schweikert

Hexenjagd in Deutschen Landen

Die historischen Romane haben es mir nun entgültig angetan. Nach „Die Säulen der Erde“, „die zwei Königreiche“, und „Der Chronist des Papstes“ habe ich nun diese Buch, das das 16.Jh. (1588 –1611) als historischen Hintergrund betrachtet, in die Finger bekommen und in ein paar Tagen auch fertig gelesen. Es war nicht nur lesen, es war ein Erlebnis.

1. Zum Buch
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Titel: „Die Hexe und die Heilige“

Autor: Ulrike Schweikert
1966 in Schwäbisch Hall geboren gab nach sechs Jahren ihren Job als Wertpapierhändlerin auf und
studierte zunächst Geologie, später Journalismus. Nebenher begann sie über die Geschichte ihrer
Heimat zu recherchieren. Ihr erster Roman, „Die Tochter des Salzsieders“, wurde ein großer Erfolg.
(Originaltext aus dem Buch) weitere interessante Infos auf der Homepage der Autorin:
www.ulrike-schweikert.de

Die Taschenbuchausgabe ist im Knaur Verlag erschienen (8,90€) ISBN 3-426-62254-8
Das Buch ist 473 Seiten dick. Der Umschlag ist in einem dunklen Bordeauxrot gehalten und auf der Front sind die Seitenansichten zweier Frauen zu sehen, identisch, gespiegelt. Dieses Bild weist damit schon darauf hin, dass wir es in dem Roman mit Zwillingen zu tun haben werden.
Der Roman ist in 4 Bücher, die wiederum in Kapitel aufgeteilt sind, gegliedert. Darüber hinaus findet man zu Beginn des Buches zwei Stadtpläne der Hauptorte des Romans, Ellwangen und Leonberg. Im Anhang findet sich eine Personenliste mit Beschreibung, eine Liste mit Begriffserklärungen und eine Erklärung hinsichtlich Dichtung und Wahrheit mit Literaturverzeichnis.

2. Thema
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Zum Thema Hexen, Hexenverfolgung und den unmenschlichen Methoden der damaligen Zeit gibt es sicher viel zu lesen. Doch hier geht es im wesentlichen um das Schicksal zweier Zwillingsschwestern , die mit ihren nicht alltäglichen Fähigkeiten in dieser Zeit ihr Möglichstes tun, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Mitleid und Zivilcourage zu bewahren. Vor allem eine der beiden stellt das täglich unter Beweis.

3. Die Örtlichkeiten
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Der Roman spielt im wesentlichen in Ellwangen und Leonberg, zwei Orten in Deutschland und somit in einer Region, die nicht so anonym oder fremd erscheint, wie in anderen Romanen. Ein Tag bevor ich diesen Bericht schrieb, bin ich noch an Leonberg vorbei gefahren und in Ellwangen habe ich sogar schon mal 14 Tage bei Verwandten gewohnt. Die Phantasie und die eigenen Erinnerungen lassen die Geschehnisse noch wirklicher erscheinen.

4. Stil und Schreibweise
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Der Roman ist in der 3. Person in Vergangenheitsform geschrieben und beschreibt die Handlungen immer aus der Sicht der beiden Hauptpersonen des Romans, wobei die überwiegenden Geschehnisse von Sybilla, der „angeblichen Hexe“ erzählen. Helena, die Zwillingsschwester erscheint recht selten, dafür aber immer zu wichtigen Höhepunkten des Romans. Die Autorin schreib in einer leicht zu lesenden, sehr bildhaften Sprache und verwendet die in der damaligen Zeit üblichen Begriffe, die mit zur Authensität beitragen( Bsp.: Büttel, Propst, Vogt, Gevatter, Pfründner u.a.). Man kann durch die Beschreibungen meist erkennen, um was es sich handelt, oder man kann im Anhang nachlesen, was meistens jedoch nicht nötig ist.

5. Die Personen
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Es geht hier um die Schicksale ganzer Familien. In Ellwangen ist es vor allem das der Familie Schenckh, deren Töchter Sybilla und Helena, die Hauptpersonen, sind. Auch die Familie Schober, die Paten Sybillas, spielen am Ende eine tragende Rolle, sowie in Leonberg die Familie Benzlin. Die Obrigkeit und somit die Widersacher unserer Helden, sind durch den Fürstpropst Johann Christoph und vor allem den Vorsitzenden des Hexenrates, Doktor beider Rechte und Kanzler Carl Kibler vertreten. SO manch einer wird ungeahnt zum Helfer oder ungewollt zum Denunzianten. Interessante und sehr gut beschriebene Charaktere, sie sich vor allem in ihrem Handeln offenbaren.

6. Inhalt /Story
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BUCH 1 ( 6 Kapitel )
Die Familie Schenckh, Inhaber des Gasthofes „Zum Goldenen Stern“ trägt zum Anstieg der Einwohnerzahl Ellwangens bei. Helena Schenckh bringt Zwillinge zur Welt, Helena und Sybilla. Da Zwillinge schon etwas unnormales und somit unheilvolles waren, wird auch jedes Geschehen ab diesem Zeitpunkt auf die Zwillingsgeburt abgeleitet. Der Vater, Hans Schenckh, Ratsmitglied in Ellwangen wird von zwielischitgen Gestalten unter Druck gesetzt, sein jüngster Sohn Caspar wird ermordet. Die Zwillinge haben rotes Haar und graue Augen und können auch noch in die Zukunft sehen. Als dann Hans Schenckh tödlich verunglückt, wird das Gerede immer Schlimmer und Mutter Schenckh gibt dem Drängen ihres Umfeldes und ihrer anderen Kinder, Regina und Thomas nach und schickt eines der beiden Kinder trotz grosser finanzieller Belastung ins Kloster.
Eigentlich sollte das Sybilla sein. Da sie sich aber erfolgreich versteckte, kommt Helena ins Kloster. Sybilla soll zur Tante nach Lorch. Eine Krämerin, Catharina Müller, erklärt sich bereit Sybilla auf ihrem Weg nach Leonberg in Lorch abzuliefern. Es ist eine mehrtägige Reise, die am Ende aber für beide in Leonberg bei den Verwandten der Krämerin, den Benzlins endet. Die Lebensumstände der Verwandten in Lorch waren so miserabel, dass Catharina die kleine Sybilla nicht dort zurück lassen konnte. Sybilla zeigt hier schon ihr mitfühlendes Herz und hinterlässt ihrer armen und kranken Tante ihre ganzes Bargeld, ohne das die Krämerin davon weiß. In Leonberg hilft Sybilla zunächst der Krämerin, die als Witwe in äußerst ärmlichen Verhältnissen leben muss, da ihr Mann ihr nichts hinterließ und sie durch ihr fortgeschrittenes Alter auch nicht mehr so viele Kräuter und Medizin verkaufen kann, wie es nötig wäre. Hilfe finden sie durch die Schwester, Ursula Benzlin, die sich Sybillas annimmt. So kommt Sybilla zur Schule in Leonberg , lernt wie Protestanten beten und lernt auch viel über die Tätigkeiten einer Wehmutter, denn Ursula ist Hebamme in Leonberg. Aber auch hier in Leonberg bleibt Sybilla nicht von ihren Visionen verschont, in denen sie immer wieder sich selbst sieht, gefoltert und verbrannt.
Helena hat im Kloster auch ihre Visionen und wird dort nach eingehender Prüfung als Heilige angesehen, die das Wort Gottes verkündet. Damit endet das 1. Buch.

BUCH 2 ( 8 Kapitel )
Diesen Teil könnte man kurz mit „Azubi in der Hebammenausbildung in Leonberg“ beschreiben. Sybilla lernt Ort und Leute kennen und durch ihre Hilfe bei Geburtsproblemen und Entbindungen lernt sie nicht nur, was eine Hebamme so alles tut, sondern auch die Schicksale und Probleme der Menschen kennen. Sie hört von Freud und Leid, von Missgunst und Hass und gerät auch immer wieder selbst in diese Situationen. Aberglauben, alte Überlieferungen, Angst und ein reizbares Umfeld sind die Ausgangssituation, die später dann auch zu den Prozessen führen, die den vermeintlichen Hexen gemacht werden. In Leonberg aber wurde die „Carolina“ angewandt, eine Gerichtsordnung von Kaiser Karl V aus dem Jahr 1532, die bestimmte Methoden vorschrieb und auch Zeugen und einen Verteidiger(Advocat) zuließ. Erst wenn die Carolina außer Kraft gesetzt wurde, wie später in Ellwangen, kam es zu den schlimmen Massenprozessen, wo unter Folter jeder fast jeden anklagte, den der Ankläger wollte.
Sybilla bringt schließlich selbst Kinder zur Welt und hilft einer geschlagenen und gepeinigten Frau sich von ihrem alkoholabhängigen Mann zu trenne, was nicht gerade einfach war und von der Kirche keine Unterstützung erhielt. Sie macht in Leonberg auch ihre ersten romantischen Liebeserfahrungen und wird von Ursula stets an die guten Sitten erinnert. Trotz alledem wird sie immer wieder von ihren Visionen geplagt, in denen sie gefoltert und verbrannt wird. Sie geht sogar so weit und lässt sich heimlich die Folterkammer zeigen, um zu wissen, ob ihr dies hier in Leonberg wiederfährt. Sie merkt bald, dass ihre Visionen nicht sie selbst sondern ihre Mutter betreffen und fasst dann gegen den Wunsch von Ursula Benzlin den Entschluß nach Ellwangen zurückzukehren, um ihrer Mutter vielleicht helfen zu können. Als sie endlich eine Mitreisegelegenheit gefunden hat, ist ihre Mutter schon verhaftet worden. Mit fünf Tagen Verspätung tritt sie die 4 tägige Reise an.
Helena, auch von Visionen geplagt, erhält nicht die Erlaubnis das Kloster zu verlassen, um ihrer Mutter zu helfen. So endet das 2. Buch.

BUCH 3 ( 13 Kapitel )
Sybilla trifft zu dem Zeitpunkt in Ellwangen ein, als alle auf dem Weg zum Hexenwasen sind, wo ihre Mutter bereits auf dem Scheiterhaufen brennt. Außer sich und völlig am Ende steht sie so nah vor der brennenden Leiche, dass sie sich selbst verbrennt. Sie wird in ihrem Geburtshaus von Bruder und Schwester, die immer noch unverheiratet als Krankenpflegerin im Spital arbeitet gepflegt. Sie wird nicht gerade freundlich empfangen, da ihr Bruder Thomas nun mit allen Problemen alleine da steht. Zudem verlangen die neuen Herren für die Hinrichtungen der Hexen auch noch Geld. Abkommgeld. Man hat ja schließlich dafür gesorgt, das zumindest die Seele noch die Möglichkeit hatte zu Gott zu kommen. Trauer und Ärger ließen Sybilla aufbrechen, um Ellwangen wieder zu verlassen. Mit Ihrer Hebammentasche unter dem Arm trifft sie an der Stadtmauer auf eine arme, schwanger Frau und hilft ihr bei der Geburt des Kindes. Aus Angst vor Aussatz ist niemand zur Hilfe bereit, bis ein junger Mann zur Hilfe schreitet. Es handelt sich um den Dorfpfarrer, den Sybilla kennen lernt, und der sie überredet zu bleiben, da seit die Hebamme Ellwangens als Hexe verbrannt wurde, keine Wehmutter mehr im Dorf ist. Nicht nur Geburten, sondern auch ungewollte Schwangerschaften bereiteten den Menschen Probleme. So lernt Sybilla auch den Vogt Ellwangens kennen, dessen Tochter sie bei einer Abtreibung betreut. Da ihr Bruder den Gasthof verkaufen musste, kommt Sybilla bei der Patin ihrer Schwester Regina Schober unter und hat dort in der ganzen Familie Unterstützung. Jacob Schober ist Wirt des Goldenen Lamms und wird für sie wie ein Vater , Philipp und Maria Schober wie Bruder und Schwester. Philipp Schober ist Metsieder und hat in seinem eigenen Haus eine Kammer frei, sodaß Sybilla unabhängig zu Werke gehen kann. Der Vogt findet Gefallen an ihr, bedrängt sie aber nicht, sodass ihr hier eine später noch wichtige Freundschaft entsteht. Der Kanzler und oberste Hexenrichter lässt immer mehr Leute verhaften. Der Fürstprobst will sich durch eine beispiellose Säuberungsaktion so profilieren, dass er zum Bischof ernannt wird und zugleich kann man die Leute beseitigen, die der Mehrung des eigenen Vermögens hinderlich sind. Die Leidenden können sich nicht wehren, das die Carolina außer Kraft gesetzt wird. So kommen immer mehr Menschen ins Gefängnis und werden gefoltert. Sybilla lernt den Pfarrer Peter Berchtold näher kennen. Sie begleitet ihn zu den Besuchen zu den Gefangenen. Er bringt ihnen Hilfe für die Seele und Sybilla Hilfe für den geschundenen Körper. Sie verliebt sich in Peter Berchtold und er in sie. Peters Schwester Dorothea Berchtold sieht das natürlich nicht gerne. Sybilla wird schwanger und treibt ab, wobei sie fasst mit dem Leben dafür bezahlt. Als Peter dann, nach vielen Gesprächen mit Sybilla, Zweifeln an sich selbst und ihrer Liebe und den Beichten der Gefangenen beladen den Kanzler aufsucht, um für die Gefangenen zu sprechen, wird dieser dadurch aufgebracht und lässt seine Schwester Dorothea wegen Hexerei verhaften. Da diese nicht gerade gut auf Sybilla zu sprechen war, lag es Nahe, dass auch Sybilla in die Fänge der Hexenrichter gelangt. Besondere Umstände und ein guter Freund verhinderten, dass Dorothea aussagen konnte und Sybilla blieb noch verschont. Sie wurde nun auch von mehreren Menschen aufgefordert Ellwangen doch zu verlassen. Ihr Pflichtbewusstsein, ihre Liebe und ihr Mitgefühl lassen sie die Abreise immer wieder hinauszögern. Am Ende dieses Teils hat Helena wieder eine ihrer Visionen, in denen sie Gott fragt, wieso Sybilla die Abtreibung überstanden hat, um dann dies Schicksal zu erleiden.

BUCH 4 ( 11 Kapitel)
Die Inquisition macht auch vor den Schobers nicht halt und Maria Schober wird verhaftet. Wie es nicht anders sein kann wird schließlich auch Sybilla verhaftet und Jacob Schober, der als liebender Vater für seine Töchter fürsprechen möchte wird auch als Drahtzieher der Hexenverschwörung verhaftet und hingerichtet. Sybilla gelingt es ihrer Cousine Maria beizustehen und durch eingeschmuggelte Kräuter ihr Leiden und ihr Sterben zu lindern. Wie Sybilla verhaftet wird und wie sie dem ganzen entgeht und welche Rolle Helena, der Vogt und der Pfarrer dabei spielen möchte ich hier nun doch nicht verraten. Spannung muss sein. Am Ende wird es gut aber doch nicht alles wird gut, wie im richtigen Leben.


7. Fazit
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Diese Buch hat mich ergriffen. Nicht wegen der Hexenverfolgung und dem ganzen Inquisitionskram. Es hat mich ergriffen, weil hier ein junger Mensch den Mut hatte für Andere und für seine eigenen Überzeugungen einzustehen. Die Willkür mit der die Obrigkeit mit den Menschen umgegangen ist, nur aus Profit- und Machtgier ist erschütternd und soll uns ein Zeichen sein, dass das später in der Geschichte und in anderer Form auch noch heute zu finden ist. Ich wünsche mir und den Menschen von heute die Entschlossenheit und die Zivilcourage der Sybilla Schenckh.
Sie sollten es lesen.

11 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Baby1

    15.01.2006, 15:56 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr ausführlich und gut LG Anita

  • anonym

    01.08.2005, 23:32 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    und so ausführlich... du hast mich neugierig auf das buch gemacht